Die Erneuerbaren kommen schneller, als erwartet
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Die Erneuerbaren kommen schneller, als erwartet

Ein Auszug aus dem neuen Buch von Dr. Franz Alt "Auf der Sonnenseite - Warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht"

Ein Auszug aus dem neuen Buch von Dr. Franz Alt "Auf der Sonnenseite - Warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht"

Bildquelle: © Bigi Alt

Die nach der Fukushima-Katastrophe in Deutschland propagierte Energiewende beginnt nicht bei null. In der Woche, in der ich dieses Buch zu schreiben beginne (Ende Juli 2012), gibt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bekannt: „2012 war bisher ein Rekordjahr für die erneuerbaren Energien in Deutschland. Sie haben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres erstmals die 25-Prozent-Marke überschritten.“ Zum Vergleich: 2011 waren es noch rund 20 Prozent.

Für 2013 gibt es eine erste Prognose des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR): Erneuerbare Energien sind 2013 auf dem Weg zur Stromquelle Nummer 1. IWR-Chef Norbert Allnoch: „Schon im nächsten Jahr können Sonne, Wind und Co. die Braunkohle von Platz 1 verdrängen.“

Im Jahr 2000, als mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die Ökostrom-Produktion angeschoben werden konnte, weil sie nun für Investoren auch ökonomisch attraktiv war, propagierte die damalige rot-grüne Bundesregierung das Ziel: 12 Prozent Ökostrom bis zum Jahr 2012. Diese erste Zielvorgabe wurde also weit übertroffen. Aus den angestrebten 12 wurden tatsächlich 25 Prozent, mehr als doppelt so viel. Beachtlich ist, dass dieses Etappenziel gegen den politischen, publizistischen und wirtschaftlichen Mainstream erreicht wurde. Noch vor wenigen Jahren galt eine Energieversorgung ohne atomare und fossile Brennstoffe als undenkbar und absurd. Als ich im Januar 1993 in der ARD die erste Sendung über die 100-prozentige Energiewende bis 2030 ausstrahlte, schien das damals noch vielen als reines Hirngespinst – unter den „Energiefachleuten“, nicht unter den Zuschauern!

Im selben Jahr, 1993, hatte die alte Energiewirtschaft in ganzseitigen Zeitungsanzeigen behauptet: „Regenerative Energien wie Sonne, Wasser und Wind können auch langfristig nicht mehr als vier Prozent unseres Strombedarfs decken. Können wir ein solches Vorgehen verantworten? Nein.“ Noch 2006 sagte mir ein Vorstandsmitglied des baden-württembergischen Energieversorgers EnBW vor 1500 Bürgermeistern und Kommunalpolitikern in einem Streitgespräch: „Herr Alt, Ihr Buchtitel Die Sonne schickt uns keine Rechnung ist einfach lächerlich. In Deutschland haben wir für Sonnenenergie viel zu wenig Einstrahlung.“ Weit über eine Million Deutsche haben mit Solaranlagen auf ihren Dächern die exakt gegenteilige Erfahrung gemacht. Inzwischen baut auch die EnBW Solaranlagen. Mit einem neuen Vorstand und unter einer neuen grün-roten Landesregierung.

Zu den Energieexperten: Sich von Expertenautorität nicht blenden zu lassen ist noch schwieriger, als ein esoterisches Heilsversprechen zu durchschauen. Wirklich große Meister wie Jesus, Buddha oder Laotse raten hingegen zur eigenen Vernunft: Mache dir nur Erkenntnisse zu eigen, die du selbst geprüft hast. Denn nur so kann Wissen von Ideologie getrennt werden.

Auch die Vorhersagen der Experten der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris hingen und hängen weit hinter der tatsächlichen Entwicklung zurück. 2002 hatte die IEA prognostiziert, dass die Europäische Union bis 2030 71.000 Megawatt Windstrom produzieren werde. Tatsächlich war dieses Ziel im Jahr 2009 erreicht! Viermal so schnell wie von den „Energiefachleuten“ angenommen! Die starke Differenz zwischen Prognose und tatsächlicher Entwicklung nährt den Verdacht, dass Ökoenergien systematisch kleingerechnet und kleingeredet werden. So wie die IEA die Erneuerbaren unterschätzt, so sehr überschätzt diese offizielle Energieagentur der Industriestaaten die Reichweite und die Chancen der fossil-atomaren Energieträger permanent. Vor allem ihre Einschätzungen der Ölpreisentwicklung sind völlig daneben: Die IEA ging im Jahr 2001 in ihrem Weißbuch für erneuerbare Energieträger noch davon aus, dass das Barrel Öl im Jahr 2030 circa 30 Dollar kosten würde. Die reale Entwicklung ist bekannt: 2008 kletterte der Ölpreis auf 147 Dollar pro Barrel, sank in der Wirtschaftskrise 2009 auf 40 Dollar und überstieg 2012 wieder die 110-Dollar-Schranke. In der Zwischenzeit musste die IEA ihre alten Schätzungen stark nach oben korrigieren: Der Ölpreis könne, sagte sie 2011, im Jahr 2020 bei über 200 Dollar liegen.

Mittlerweile rät auch der Chefökonom der IEA, Fatih Birol: „Wir sollten das Öl verlassen, bevor es uns verlässt.“ Das ist vernünftig. Die Steinzeit ging auch nicht deshalb zu Ende, weil es keine Steine mehr gab, sondern weil unsere Vorfahren neue Technologien erfanden, weil es Neues gab und Besseres. Mit dieser schlichten Erkenntnis tun sich jedoch viele heutige Steinzeitmenschen noch recht schwer. Sie verschlafen den Platz auf der Sonnenseite.

Klar ist: Je rascher die Preise für die atomar-fossilen Brennstoffe steigen, desto schneller werden die erneuerbaren Energien finanziell konkurrenzfähig. Höherwertig sind sie ökonomisch, ökologisch und gesellschaftspolitisch sowieso.

Selbst die bisherigen Prognosen der Verbände der erneuerbaren Energien und von Greenpeace wurden regelmäßig übertroffen. Die Erneuerbaren entwickelten sich dank engagierter Bürgerinnen und Bürger weit schneller, als von fast allen Experten vorhergesagt. Das erste 100-Prozent-Szenario hatte „Solar Sweden“ 1975 erstellt. Darin wurde die Möglichkeit aufgezeigt, das skandinavische Land komplett erneuerbar zu versorgen. Die Regierung Jimmy Carter hatte 1980 ein Energieszenario in Auftrag gegeben, das ergab, dass die USA bis 2030 zu 100 Prozent erneuerbar sein könnten. Nachfolger Ronald Reagan hat dann allerdings im Sinne der US-Öl-Lobby alles getan, damit dieses Ziel bald wieder vergessen war. Die Solaranlage, die Jimmy Carter symbolisch auf dem Dach des Weißen Hauses anbringen ließ, wurde auf Anweisung von Ronald Reagan gleich an seinem ersten Amtstag wieder abmontiert. Der Fingerzeig für die amerikanische Öl-, Kohle- und Atomlobby war deutlich genug.

Österreich könnte – neben Dänemark – innerhalb der EU das erste Land mit einer 100-prozentigen erneuerbaren Stromversorgung sein. Schon heute werden 74 Prozent des Stroms erneuerbar erzeugt – hauptsächlich mit Wasserkraft. Im Jahr 1999 legten die österreichischen Interessenvertretungen der erneuerbaren Energieverbände einen Plan vor, der aufzeigt, dass das Alpenland bis 2030 seinen Strom komplett sauber organisieren kann. Im Bereich solare Wärme haben die Österreicher bereits über fünf Millionen Quadratmeter Sonnenkollektoren installiert.

Ende August 2012 publizierte Greenpeace Schweiz eine neue Studie, in der es heißt: „Die Stromversorgung der Schweiz ist bis zum Jahre 2025 vollständig auf erneuerbare Energien umstellbar – und der Solarenergie kommt dabei eine zentrale Rolle zu.“

Im Jahr 2013 kann in Deutschland Solarstrom für 10 bis 15 Cent je Kilowattstunde produziert werden. Strom aus der Steckdose kostet zurzeit um die 25 Cent. Aber das ist erst der Anfang für den unschlagbaren Erfolg der Erneuerbaren. Bis zum Jahr 2025 wird die Kilowattstunde Solarstrom in Mitteleuropa noch etwa fünf Cent kosten, während wir bis dahin für den Strom aus der Steckdose etwa 35 bis 38 Cent bezahlen werden, prognostizieren die Ökonomen. Entscheidend ist diese Erkennnis: Die Energiewende kostet, aber keine Energiewende kostet noch viel mehr.

Das Buch "Auf der Sonnenseite - Warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht" können Sie HIER bestellen.



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