Die Widerspruchsmanager
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Die Widerspruchsmanager

Wenn es nach Saskia Juretzek von der Universität Leuphana geht, müssen Manager in der Lage sein, Widersprüche bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien zu managen.

Wenn es nach Saskia Juretzek von der Universität Leuphana geht, müssen Manager in der Lage sein, Widersprüche bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien zu managen.

05.06.2015

UMWELTHAUPTSTADT.de: Frau Juretzek, Sie forschen an der Leuphana Universität im Bereich Nachhaltigkeit. Zu welchen Themen genau?

SASKIA JURETZEK: In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien im Unternehmen, im Speziellen mit den Kompetenzen die Manager benötigen, um dilemmatische Nachhaltigkeitsentscheidungen erfolgreich bewältigen zu können. Ziel meiner Dissertation war es, die wichtigsten Kompetenzen für den erfolgreichen Umgang mit dilemmatischen Entscheidungssituationen zu identifizieren. Dies habe ich in einer empirischen Studie (mehrstufige Delphi-Befragung) mit Experten aus der unternehmerischen Praxis untersucht. Befragt wurden Geschäftsführer und CR-Verantwortliche im Unternehmen mit Entscheidungsverantwortung u.a. in den Branchen Textil/Bekleidung, Konsumgüter, Handel sowie CR-BeraterInnen mit unterschiedlichen fachlichen CR-Schwerpunkten.

Eine Ihrer Publikationen heißt "Die Widerspruchsmanager". Was verstehen Sie darunter?

Unternehmerische Nachhaltigkeit ist heutzutage ein nicht mehr wegzudenkendes Thema auf der Agenda fortschrittlicher Unternehmen. Unternehmen, die Nachhaltigkeitsstrategien erfolgreich umgesetzt haben sind jedoch noch rar, da sich die Umsetzung in der unternehmerischen Praxis schwierig gestaltet: Entgegen der weit verbreiteten Meinung treten bei der Integration ökologischer und sozialer Ziele in das unternehmerische Zielsystem und in die Wertschöpfung nicht nur Win-win Situationen auf. Vielfach stehen sich soziale, ökologische und (langfristige) ökonomische Nachhaltigkeit (kurzfristigen) Effizienzanforderungen (Budget/Zeit/Mitarbeiter) gegenüber. Im Bereich des Einkaufs etwa stehen der Erhalt langfristiger Lieferantenbeziehungen zur Sicherung der Ressourcenbasis und zur langfristigen Gewinnerzielung  dem kurzfristig effizienteren Wechsel zum günstigsten Lieferanten gegenüber. Zum anderen können Konflikte zwischen den Dimensionen nachhaltiger Entwicklung selbst auftreten, wenn bspw. für den Bau des betriebseigenen Kindergartens wertvolle freie Grünflächen benötigt werden. In diesen sogenannten dilemmatischen Entscheidungssituationen stehen die zu erreichenden Ziele im Widerspruch zueinander. Sie lassen sich nicht gleichzeitig realisieren, es muss ein Verlust in mindestens einer Dimension hingenommen werden - ein sogenannter "Trade-off" entsteht. Langfristig müssen diese widersprüchlichen Handlungen, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen, jedoch durchgeführt werden. Der Manager muss also in der Lage sein, die Widersprüche zu managen und agiert als Widerspruchsmanager.

Was sind typische Managerkompetenzen die hilfreich sind, um dilemmatische Entscheidungssituationen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien im Unternehmen zu bewältigen?

Auf den ersten Plätzen stehen in den Studienergebnissen vor allem personale und sozial-kommunikative Kompetenzen, also weniger die reinen Fach- und Methodenkompetenzen. Die laut Managern und Beratern wichtigsten Kompetenzen sind Beharrlichkeit und Geduld, Glaubwürdigkeit, Kommunikationsfähigkeit sowie systemisches, ganzheitliches Denken. Natürlich werden diese Kompetenzen von vielen Managern benötigt – in diesen speziellen Nachhaltigkeitsdilemmata sind sie aber besonders relevant.

Welche weiteren Faktoren sind für die erfolgreiche Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien wesentlich?

Neben den Kompetenzen der Manager sind die Rahmenbedingungen im Unternehmen von hoher Relevanz. Eine langfristigere Ausrichtung der Unternehmen würde schon viele Dilemmata eliminieren. Die Gewinnziele sind meist jedoch kurzfristig ausgerichtet wie auch die Ziele der Manager. Durch die richtigen Rahmenbedingungen - wie einem glaubwürdigen Support der Geschäftsführung, einer klar definierten CS-Strategie, Zielen und Prioritäten, einer integrierte CS-Strategie, sowie ausreichend Budget und Ressourcen – kann die Umsetzung von Nachhaltigkeit gefördert werden. Wesentlich aus meiner Sicht ist - wie bei jedem anderen Projekt - die Ernsthaftigkeit des Engagements.

Was ist ihr Fazit aus der Studie?

Die Ergebnisse der Studie belegen die Relevanz von Dilemmata als Umsetzungshemmnisse von Nachhaltigkeitsstrategien in Unternehmen und zeigen, wie wichtig soziale-kommunikative und personale Fähigkeiten zum Management von Nachhaltigkeit sind. Entscheidend ist nun, dass sich Unternehmen und Entscheider bewusst mit den auftretenden Dilemmata auseinandersetzen. Im Idealfall werden Dilemmata bereits im Zielsetzungsprozess auf strategischer Ebene vermieden und Synergien aktiv herausgearbeitet. Auf Basis der Ergebnisse können auch Ausbildungsmodule für Nachhaltigkeitsmanager gezielter aufgelegt werden.

Stichwort Unternehmensstandort Deutschland: An welchen Stellschrauben würden Sie gerne drehen, um die Rahmenbedingungen für Absolventen zu verbessern?

Ich glaube die Absolventen an sich sind mittlerweile gut aufgestellt. Die Herausforderungen im Arbeitsmarkt liegen meiner Ansicht nach eher in den Einstellungskriterien der Unternehmen. Häufig werden in Unternehmen die Stellen im Nachhaltigkeitsbereich noch mit Quereinsteigern aus den eigenen Reihen besetzt und nicht mit den gut ausgebildeten Nachhaltigkeitsexperten. Hier muss das Bewusstsein dafür noch wachsen, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges und eben auch komplexes Thema ist das mit Experten besetzt werden muss, die einen fachlichen und methodischen Überblick über alle Themen haben. Hierfür reicht es nicht aus Mitarbeiter aus anderen Abteilungen zu beschäftigen, die zwar ein Unternehmens- und Branchen-Know-how, aber keine Nachhaltigkeitskompetenzen haben.

Ich wünschen den Absolventen den Mut, den es braucht, für sich den richtigen Job zu finden und zu Ihren Überzeugungen zu stehen. Nachhaltigkeit ist zwar schon lange in aller Munde, in der Praxis ist allerdings noch sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Ihr Nachhaltigkeitsleitspruch lautet?

„Die Probleme, die es in der Welt gibt, sind nicht mit der gleichen Denkweise zu lösen, die sie erzeugt hat.“ (Albert Einstein)Wir müssen also weg von einer rein kapitalistischen Denkweise und brauchen die Politik, um zu korrigieren, was der Markt nicht regeln kann.

Weitere Informationen und Ergebnisse der Untersuchung erhalten Sie unter www.saskiajuretzek.com.



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