Grüne Wirtschaft

Im Interview: Hagen Neulen, IBM Business Solution Manager und Experte für Smarter Buildings

Eine IBM-Umfrage hat ergeben, dass gerade einmal 1/3 der Mitarbeiter verschiedener Unternehmen in den USA ihren Arbeitsplatz als umweltfreundlich bezeichnen würden.

Eine IBM-Umfrage hat ergeben, dass gerade einmal 1/3 der Mitarbeiter verschiedener Unternehmen in den USA ihren Arbeitsplatz als umweltfreundlich bezeichnen würden.

Das Interview führte Rebecca Sallan, freie Redakteurin

UMWELTHAUPTSTADT.de: Eine IBM-Umfrage hat ergeben, dass gerade einmal 1/3 der Mitarbeiter verschiedener Unternehmen in den USA ihren Arbeitsplatz als umweltfreundlich bezeichnen würden. Wirkt sich diese negative Einschätzung auf die Produktivität und Zufriedenheit der Mitarbeiter aus?

HAGEN NEULEN: Wahrscheinlich ja, denn eine gesunde und motivierende Umgebung hat natürlich positive Auswirkungen auf Motivation und Leistungskraft von Mitarbeitern und trägt auch zur Erhaltung der Bindung zum Unternehmen bei. Eine der wesentlichen Voraussetzungen ist jedoch auch in der Unternehmenskommunikation zu finden - 'tue Gutes und rede darüber' ist wichtig, um die Bemühungen um Nachhaltigkeit im Gebäudebetrieb auch wirklich allen Mitarbeitern transparent zu machen. Zudem hängen die Erfolge im Energie- und Nachhaltigkeits Management von der Mitarbeit jedes einzelnen Mitarbeiters ab. Leider findet dieser Aspekt noch zu wenig Berücksichtigung weil die hierfür benötigten durchgängigen Kommunikationsstrategien und -werkzeuge noch nicht existieren. Ein neuer Ansatz, der sich momentan bei IBM in der Entwicklung bzw. Evaluierung befindet, ist hierbei die Integration von Energie Management Informationen zur eigenen Liegenschaft (aktueller Verbrauch, aktuelle Tarife und Kosten etc.) sowie der Link in unternehmensinterne Wikis und Blogs zum Thema Energie Management und Nachhaltigkeit in das konzern- und weltweite Messenger-System Lotus Sametime. Da dieses Tool von allen IBM Mitarbeitern täglich genutzt wird, können solche Energie-Management-Informationen jederzeit aktuell präsentiert werden, was erfahrungsgemäß zu einer Steigerung der 'Mitarbeiter Awarenes' führt.

Gerade die klassische Büroarbeit an einem monotonen Arbeitsplatz wird es in der heutigen Arbeitswelt immer weniger geben. In den Vordergrund drängt sich ein anderes Work-Life-Management, das auch immer mehr nach Mitbestimmung fragt. Welche Rolle spielt dabei ein „grünes“ Bürogebäude und zu welchen Veränderungen sind die Mitarbeiter selbst bereit?

HAGEN NEULEN: Smarter Buildings stellen sich auf mobile Nutzungskonzepte, flexible Bürobelegungen mit vielen Parametern ein, wie Beleuchtung, Heizung, Klimatisierung, aber auch Parkraummanagement bis hin zu Catering.

Grüne Bürogebäude können dabei enorme Energiemengen einsparen, indem sie diese flexiblen Lastprofile nachvollziehen, künftig ggf. sogar antizipieren und sich auf solche Auslastungsprofile und unterschiedliche Nutzungen einstellen. Zu den modernen Arbeitszeitkonzepten gehört auch die Berücksichtigung von individueller Arbeitszeiten bzw. Präferenzen bei der Umsetzung von intelligenteren Arbeits- und Arbeitsplatzkonzepten. IBM verfolgt seit 10 Jahren mit dem ePlace-Konzept eine Abkehr von traditionellen Einzelbüros hin zu 'Shared Desk' Umgebungen. Zielsetzungen ist hierbei natürlich die effizientere Nutzung teurer Büroflächen, weil dadurch unterperformante Gebäude abgestossen bzw. fremdvermietet werden können, auf der anderen Seite damit aber auch ein erheblicher Teil der Betriebskosten (Mietkosten, Energiekosten, Wartungs- und Reinigungskosten) eingespart werden konnte. Abhängig von der individuellen Funktion bzw. Rolle in den einzelnen Standorten haben wir jetzt ein Verhältnis von einem Mitarbeiter je Arbeitsplatz bis 12 oder teilweise auch 16 Mitarbeiter je Arbeitsplatz, was für eine eher vertriebs- und servicelastige Organisation wie IBM nicht ungewöhnlich ist. Mit dem Wiedereinzug der jetzt flexiblen Großraumbüros ging einher, eine Reihe von kleineren attraktiven Rückzugszonen bzw. -räumen zu schaffen und ein Reservierungssystem für solche Lokalitäten zu implementieren, das über die internen Kommunikationsmittel (Lotus Notes) über alle Standorte in Deutschland weg Reservierung von Räumen, Präsentations- und Kommunikationsequipment sowie Catering möglich macht. Vielen Mitarbeitern wird zudem die Möglichkeit eingeräumt, ein häusliches Home Office zu verwenden, wobei es in der Verantwortung  jedes Einzelnen (ggf. auch seines Managers) liegt, die bei IBM großgeschriebene Work-Life Balance einzuhalten! Die Herausforderung in der Umsetzung des ePlace Konzeptes lag eher bei der 'Überzeugung' des mittleren Managements als in der Überredung der Mitarbeiter. Dies ist jedoch durch das persönliche Beispiel der Geschäftsführung dann sehr schnell erreicht worden. Der zweite Aspekt war die Überzeugung der Betriebsräte zu den neuen Arbeitsplatzkonzepten. Dies konnte erreicht werden durch die akademische Begleitung und Förderung des Prozesses durch das Fraunhofer Institut.


70 % des Stromverbrauchs in den USA fallen auf Bürogebäude. Wo genau liegen die Schwachstellen großer Bürokomplexe?

HAGEN NEULEN: Bei traditionellen Flächen sind insbesondere Heizung, Kühlung bzw. Klimatisierung/Lüftung hohe Kostenfaktoren, die sehr oft unabhängig von der Flächenauslastung anfallen können bzw. nur wenig reguliert werden können.  In einer internen Untersuchung der Energieverbraucher im eigenen Facility Management hat sich herausgestellt, dass Heizung und Klimatisierung in Verwaltungsgebäuden für ca. 50 % des Energieverbrauchs verantwortlich sind, Beleuchtung schlägt mit 25% zu Buche. Schwachstellen sind traditionell schlecht eingerichtete bzw. abgestimmte Gebäudeautomatisierungs-Systeme, veraltete Beleuchtung sowie eine unzureichende energetische Gebäudeausstattung (Baukörper, Fenster/Türen, Bedachung...). Optimierung setzt traditionell an der Bausubstanz bzw. an der Modernisierung der Heizungs-/Lüftungsanlagen bzw. an der Beleuchtung an. Die Effekte sind hier eher langfristig zu sehen, der ROI-Zeitraum ist häufig prohibitiv hoch.

Welche Lösungen bietet IBM an, um den Ressourcenverbrauch effizienter zu gestalten? Müssen im Grunde nur gewisse Informationen über den Energieverbrauch und -bedarf intelligent zusammengeführt werden? Welche Rolle spielt dabei die Architektur?

HAGEN NEULEN: IBM bietet ganzheitliche Beratungskonzepte an, die eine Vielzahl von Faktoren im Betrieb von Gebäuden erfassen, um Gebäude in Smarter Buildings zu verwandeln. Dabei spielt die Erfassung von Betriebswerten, deren Auswertung und anschließende Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen eine wichtige Rolle. Oftmals können geänderte Betriebskonzepte und teilweise auch Modernisierungsmaßnahmen zusätzliche Einsparpotentiale freisetzen. Die Architektur kann dabei eine erhebliche Rolle spielen, um Gebäude energieeffizient, ökologisch und mitarbeiterfreundlicher zu machen. IBM verfolgt eine mehrgleisige, aufeinander aufbauende Lösungs-Strategie zur Umsetzung des Konzeptes von Smarter Buildings: Operatives Facility Management (Betrieb einer Liegenschaft) bzw. die Ausweitung der klassischen CAFM-Lösungen zu einem Gebäude Lebenszyklus Management (Integrated Workplace Management, erweitert um Energie- und Nachhaltigkeits-Management und Projekt Management). Parallel dazu steht die Echtzeit-Anbindung der vorhandenen Gebäudeautomatisierung an ein integriertes Energie- und Asset Performance Management System. Durch Nutzung von Rohdaten von definierten (für das operative FM interessanten) Datenpunkten können über Monitoring und Advanced Analytics Werkzeuge sowie integrierte Prozesswerkzeuge (Instandhaltungs-Management, Ticket Management...) und Dashboard Funktionalitäten der operative Betrieb der Anlagentechnik über das gesamte Gebäudeportfolio hinweg transparent gemacht werden. Inplausibilitäten im Betrieb können über integrierte Regelwerke identifiziert werden und Folgeprozesse zur Behebung erkannter technischer Schwachstellen bereits proaktiv (also noch vor Ausfall der Anlagen) angestossen werden.

Mit diesem Lösungsportfolio werden die Defizite klassischer CAFM-Systeme ausgeglichen, die (wenn überhaupt integriert) lediglich vorgefilterte Informationen aus der Gebäudeautomatisierung bekommen. Zudem geben die GLT-Systeme der unterschiedlichen Hersteller nicht immer konsistente Daten - diese Datensammlung und Harmonisierung über unterschiedliche Leitsystemhersteller hinweg ist eine Stärke der IBM Lösungen.

Wie sieht die Situation in den Bürogebäuden von IBM aus? Welche Veränderungen hat es bei IBM selbst gegeben?

HAGEN NEULEN: IBM hat bei einer Vielzahl eigener Gebäude Maßnahmen zur Überführung in Smarter Building-Konzepte durchgeführt. Ein gutes Beispiel ist der Campus Ehningen, der auf unterschiedliche Nutzungskonzepte und Auslastungsgrade ausgelegt ist und einer mobilen Arbeitnehmergeneration und flexiblen Arbeitsplätzen Rechnung trägt. In Summe: Bei IBM wird seit einigen Jahren erfolgreich eine ePlace genannte Flächennutzungsstrategie verfolgt (Siehe oben!)


Ist die Verbesserung der Energieeffizienz von Bürogebäude nur der Anfang einer Veränderung? Dient dieses Konzept nicht auch dazu, ganze Städte in ihrem Energiemanagement zu verändern?

HAGEN NEULEN: Es ist richtig, den Gedanken des Smarter Buildings auch auf größere Einheiten, wie Städte zu übertragen, da grundsätzlich Städte in größerem Zusammenhang die gleichen Herausforderungen (und noch einige zusätzliche) haben. Energie ist dabei nur ein Aspekt; Verkehr, öffentliche Sicherheit, Umweltschutz, Ressourcenschonung und Lebensqualität sind weitere. IBM sieht ein Smartes Gebäude als Start bzw. Endpunkt einer übergreifenden Smarter-Cities- bzw. Smart-Grid-Strategie. Letztendlich geht es hier um den umfassenden intelligenten und ressourcenschonenden Betrieb bzw. Gebrauch von Infrastrukturen aller Art sowie um den Einsatz von fortschrittlichen Analyse- und Optimierungswerkzeuge zur Verbesserung der Betriebsprozesse. Energie ist eine wesentliche Komponente in dem Konzept, aber auch andere Ressourcen (Geld, Umwelt, Wasser, Arbeit) spielen eine immer wichtigere Rolle. Die Rolle von IBM liegt in der Integration von Systemen aller Art sowie der smarten Aufbereitung der Daten, die in großen Mengen überall erzeugt werden, heute aber immer noch zu wenig genutzt werden (Thema Big Data und Advanced Analytics und Optimization).



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