Vom einst europaweit größten Fleischwarenfabrikanten hin zum Ökopionier
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Vom einst europaweit größten Fleischwarenfabrikanten hin zum Ökopionier

Karl Ludwig Schweisfurth verkaufte im Jahr 1985 sein Unternehmen HERTA, die damals europaweit größte Fleischwarenfabrik, vollständig und unwiderruflich an den NestléKonzern, um noch einmal ganz neu anzufangen.

Karl Ludwig Schweisfurth verkaufte im Jahr 1985 sein Unternehmen HERTA, die damals europaweit größte Fleischwarenfabrik, vollständig und unwiderruflich an den NestléKonzern, um noch einmal ganz neu anzufangen.

28.06.2016

UMWELTHAUPTSTADT.de: Herr Schweisfurth, Ihre Familie blickt auf eine lange Unternehmensgeschichte zurück. Die Wurzeln für Ihr heutiges Unternehmen, die Hermannsdorfer Landwerkstätten, wurden bereits 1897 mit der Eröffnung einer Metzgerei in Westfalen gelegt. Wie würden Sie Ihr heutiges Unternehmen und Ihre Aufgabe beschreiben?

KARL SCHWEISFURTH: Die 1897 von meinen Urgroßeltern in Herten/Westfalen gegründete Metzgerei sollte der Versorgung der dort arbeitenden Kumpel – in der Region, dem heutigen Ruhrgebiet, florierte der Untertage-Bergbau – mit frischem Fleisch und Wurstwaren dienen. Und natürlich den Lebensunterhalt der Familie von Ludwig und Wilhelmine Schweisfurth sichern. Dieses Ansinnen unterschied sich nicht von dem anderer Fleischermeister (wie es in Westfalen heißt), die dort ebenfalls von ihrem Handwerk lebten. Meine heutige Aufgabe sehe ich sehr ähnlich. Es liegen zwar mehr als 100 Jahre zwischen den Anfängen der Fleischerei der Vorfahren und rund 700 km räumliche Distanz – aber das Kernanliegen ist geblieben: Menschen mit Lebens-Mitteln (die diesen Namen im wortwörtlichen Sinne auch verdienen) zu versorgen, die nach guter ehrlicher Handwerkstradition sorgfältig hergestellt werden. Nur war eben damals noch ganz selbstverständlich, was wir heute bewusst pflegen müssen: Eine handwerkliche Lebens-Mittel-Herstellung, regionale Kreisläufe, die ökologische bzw. möglichst tiergerechte Haltung von Nutztieren, Achtung vor Mensch,Tier, Grund und Boden. Dazu gehört natürlich die Unterstützung der bäuerlichen (Bio)Landwirtschaft, und damit der Tiere, der Böden und der Kultur.

Ihr Vater, Karl Ludwig Schweisfurth, entwickelte einst das elterliche Unternehmen zu einer riesigen Fleischwarenfabrik. Der Name der Fabrik war „Herta“. Den meisten von uns ist Ihr damaliges Unternehmen sicherlich noch immer ein Begriff durch die „Herta-Wurst“. Wie hat sich Ihr Unternehmen seither weiter entwickelt und was ist geblieben?

Mein Vater verkaufte im Jahr 1985 sein Unternehmen HERTA, die damals europaweit größte Fleischwarenfabrik, vollständig und unwiderruflich an den NestléKonzern, um noch einmal ganz neu anzufangen. Damit endete die Ära HERTA für die Familie Schweisfurth unumkehrbar und endgültig. Der Neubeginn fand im Jahr 1986 in Oberbayern, in Herrmannsdorf bei Glonn im Landkreis Ebersberg (ca. 30 km östlich München) statt, und das neu entstandene Unternehmen feiert in diesem Jahr sein 30jähriges Jubilläum: die Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Professor Frederic Vester, Vordenker der 1980er Jahre, entwickelte dafür das Konzept und daraufhin entstanden an diesem Platz eine ökologische Landwirtschaft (wo vorher eine konventionelle war) und ganz neu die „LebensmittelWerkstätten“ mit Metzgerei, Bäckerei, Käserei, Brauerei und einem Wirtshaus – allesamt nach den Grundsätzen des deutschen Bioverbandes „BIOKREIS“ arbeitend. Die ersten 5 Jahre der Werkstätten waren vom Aufbau –  der Gebäude und Räumlichkeiten - im ursprünglichen Sinne des Wortes geprägt. 1991 folgte die erste eigene Verkaufsstelle in Form des „Hofmarktes“ direkt in Herrmannsdorf, 1995 der erste Pilotladen im Zentrum Münchens. Inzwischen sind es 11 eigene Verkaufsstellen in und um München. Im Gegensatz zu meinen Vorfahren sorgen inzwischen die Herrmannsdorfer nicht nur als Metzger sondern auch als Landwirte, Bäcker und Bioladenbetreiber für das leibliche Wohl ihrer Kunden. In Herrmannsdorf wurde vom Acker bis zum Teller alles wieder zusammengeführt, was die Nahrungsmittelindustrie geteilt hat: Ackerbau – Zucht und Mast der Tiere – handwerkliche Verarbeitung in den Werkstätten – Verkauf in den eigenen Geschäften = alles gehört zusammen.

Ihre Firmengeschichte machte bedingt durch die Kritik von Ihnen und Ihren Geschwistern einen erneuten starken Wandel durch, nämlich weg von industrieller Produktion hin zu ökologischer Landwirtschaft mit nachhaltigem Gedankengut. Wie würden Sie Ihre Unternehmensphilosophie beschreiben und was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie ganz konkret?

Unsere Firmenphilosophie wird an den folgenden Schwerpunkten deutlich:


Die Tierhaltung – wir bieten unseren Tieren ein möglichst artgerechtes Leben und wirtschaften ausschließlich nach den Richtlinien des biologischen Landbaus.


Das gute alte Metzgerhandwerk – der Mensch (der Handwerksmeister), und nicht die Maschine, bestimmt die Herstellungsprozesse. In unseren Werkstätten (Metzgerei, Bäckerei, Spezialitätenküche) produzieren wir so natürlich und schonend wie möglich, um das „Leben“ in den Lebens-Mitteln zu bewahren.


Unsere Unabhängigkeit von Lebensmittelkonzernen und dem Großhandel, die die Preise diktieren und damit auch die Qualität bestimmen. Darum haben wir eigene Geschäfte und nur direkte Handelsbeziehungen zu guten Biofachgeschäften.


Nachhaltigkeit bedeutet für mich ganz konkret: Wir produzieren in der Region für die Region. Wir wirtschaften in geschlossenen Stoffkreisläufen und können als Betrieb Ressourcen effizient nutzen. Zum Beispiel wird der Mist unserer Schweine nach seiner Veredelung in der hofeigenen Biogasanlage als sehr hochwertiger Dünger für unsere Getreidefelder genutzt – andersherum fressen unsere Schweine voller Begeisterung u.a. nicht verkauftes Altbrot. Wir unterstützen mit teilweise schon jahrzehntelang bestehenden Abnahmeverrträgen die kleinbäuerliche Biolandwirtschaft der Region. Wir leben Nachhaltigkeit auch im ganz ursprünglichen Wortsinne: Unsere Landwirtschaft sorgt mit ihrer 7gliedrigen Fruchtfolge für den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit (und des Bodenlebens) und damit langfristig für einen Aufbau der für unsere Nahrungspflanzen so wichtigen Humusschicht.

Sie selbst haben an der Universität in St. Gallen ein Management-Studium absolviert. Was denken Sie, wie stark wird nachhaltiges Wirtschaften von top Universitäten wie St. Gallen aktuell gelebt und welche Rolle spielt es in den Chef-Etagen deutscher Unternehmen?

Wie stark nachhaltiges Wirtschaften aktuell an bekannten Universitäten gelebt und auch gelehrt wird, kann ich leider nicht beurteilen. Ich bin als Praktiker und real wirtschaftender Unternehmer mit den momentan propagierten theoretischen Modellen nicht befasst. Aber wer die Praxis kennenlernen will, ist hier bei uns am richtigen Platz. Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten erfreuen sich eines regen Interesses von Fachleuten, Lehrern, Verbandsvorsitzenden, Nachhaltigkeitsbeauftragten von Firmen (auch Großkonzernen) und vielen Kommunikatoren der verschiedensten Branchen. Wir können zeigen, dass man zum Wohle der Menschen und im Einklang mit natürlichen Kreisläufen erfolgreich wirtschaften kann. Und das langfristig. Nachhaltigkeitsgedanken in den Chefetagen? Wenn die Entscheider tatsächlich zu uns auf den Hof kommen, dann ist der größte Schritt in Richtung der Umsetzung neuer umweltverträglicherer Abläufe im jeweiligen Unternehmen schon halb getan. Die Veränderung beginnt in den Köpfen der verantwortlichen Firmenlenker und die ganz persönliche Motivation wird genährt von Bildern guter Beispiele.

Besteht Ihr persönliches Netzwerk größtenteils aus Menschen, die ähnlich verantwortungsbewusst denken und agieren wie Sie oder sind Sie oft auch noch als Botschafter in Sachen Nachhaltigkeit unterwegs?

Natürlich bin ich eng vernetzt mit Menschen, die selbst in ökologischen Projekten tätig sind oder nachhaltig wirtschaftende Bio-Unternehmen leiten. Wenn es darum geht,seine eigenen Ideen um Erfahrungen und Vorstellungen anderer Ökopioniere zu ergänzen, ist ein gut funktionierender Austausch unerlässlich. Teilweise geschieht  das auch über die  Arbeit der Schweisfurth-Stiftung, zu deren Zweck u.a. die Förderung des Austausches und der Vernetzung ökologisch arbeitender Akteure gehört. Es kommt natürlich immer wieder vor, dass mich Vortragsanfragen branchenfremder Firmen oder auch Institutionen erreichen. Meine vielfältigen Aufgaben in unseren Landwerkstätten lassen wir mir leider im Moment noch nicht viel Zeit als Botschafter unterwegs zu sein. Vielleicht werde ich mich dieser Aufgabe ja verstärkt in meinen späteren Jahren widmen können.

Der wirtschaftliche Erfolg von Discounter-Riesen wie ALDI und Lidl muss Ihnen doch eigentlich Kopfschmerzen bereiten, oder nicht? Immerhin widerlegt er Ihre These, dass die Qualität des Essens der Gradmesser für die Wertschätzung, die der Mensch sich selber schenkt, ist. Der Umkehrschluss würde ja bedeuten, dass Millionen Deutsche sich selbst nichts Wert sind. Ist dem so?

Ich denke, die Menschen gewichten ihre Prioritäten bei den Haushaltsausgaben ganz individuell. Dabei spielt sicher eine Rolle, wie viel Wert bzw. Wissen schon im elterlichen Haushalt beim Thema gutes und gesundes Essen vorhanden ist/war. Das wird später ganz häufig einfach so übernommen – auf die eine oder andere Weise. Leider vermittelt eine auf weiten Strecken sehr aggressive und vorwiegend preisorientierte Lebensmittelwerbung häufig den Eindruck, dass der Preis beim Essenseinkauf der wichtigste und alles entscheidende Faktor ist. Welchen realen Preis – rechnet man alle durch den Intensivanbau möglichst billiger Nutzpflanzen und die massenhafte Tierhaltung entstandenen Sekundärkosten ein, die unsere Volkswirtschaft insgesamt tragen muss – diese Nahrungsmittel kosten, sehen nur die Interessierten. So gesehen lassen wir Deutsche uns billige Nahrungsmittel richtig viel kosten. Und das zu Lasten unserer Lebensgrundlagen – der Böden, dem Wasser, der Tier- und Pflanzenmitwelt sowie der gesamten Biodiversität.

Wie können insbesondere Städter sich heutzutage nachhaltig ernähren? Worauf sollte man beim Einkaufen von Lebensmitteln achten?

Seit vielen Jahren können sich die Städter häufig leichter nachhaltig und bewusst ernähren als Menschen, die in ländlichen Regionen leben und nicht so vielfältige Einkaufsmöglichkeiten haben. Der Initiative vieler engagierter und motivierter Bioladenpioniere sei Dank. Die Botschaft meines Rates ist nicht neu: Aus der Region, nach der Saison (keine Himbeeren im Januar), möglichst in ökologischer Qualität, verpackungsarm. Und selbst gekocht. Nachweislich verschlingen Fertiggerichte wie z.B. TK-Lasagne, die heißgeliebte Pizza, das pfannenfertige fix und fertig gewürzte Gemüsegericht u.ä. große Teile des Essensbudgets. Mit dem Geld, das diese hochpreisigen Nahrungsmittel kosten, kann man sehr viel frisches Obst, leckeres Gemüse + Kartoffeln, Getreide (natürlich alles in bester Bioqualität) und auch Biofleisch erwerben. Und selber frisch und lecker zubereiten. „Weil ich es mir wert bin...“ - um einen bekannten Werbeslogan zu zitieren.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften. Welchen Zustand in der europäischen Landwirtschaft würden Sie per sofort ändern und wie?

Welchen Zustand in der europäischen Landwirtschaft würden Sie sofort ändern? Die Subventionspolitik, die rein flächenorientiert ist, würde ich ändern. Förderung der nachhaltigen, ressourcenschonenden Landwirtschaft. Die externen Kosten, die durch die heutige intensive Landwirtschaft entstehen wie Verschmutzung des Grundwassers, Klimawandel etc. würden durch diese Art der Förderung reduziert. Leider brauchen die Landwirte – ob Bio oder nicht – die Subventionen, da der Preis den sie für Ihre Produkte bekommen leider nicht ausreicht. Viel schöner wäre es, wenn die Bauern von dem Erlös aus dem Verkauf Ihrer Waren leben könnten. Ich würde auch bestimmte Extreme, die nachgewiesenerweise schädlich sind für Mensch und Umwelt verbieten. So z.B. Glyphosat, oder die intensive Tierhaltung mit hohem Antibiotikaeinsatz.

Wie geht es mit den Hermannsdorfer Landwerkstätten zukünftig weiter?

Wir wollen weiter moderat, qualitätsorientiert wachsen. Es gibt noch viele Bereiche, in denen wir und die Ökologische Lebensmittelwirtschaft noch besser werden können, z.B. Neue Wege zur weiteren Verbesserung der Tiergesundheit und des Tierwohls, Förderung der Zweinutzung bei allen Tierarten, Verbesserung der regionalen Vernetzung, Ausschluss von industriellen Hilfsmitteln für die Lebensmittelherstellung usw. Daran wollen wir weiter arbeiten und ständiger Pionier bleiben.

 


KONTAKT ZUM UNTERNEHMEN:

Herrmannsdorfer Landwerkstätten
Glonn GmbH & Co. KG
Herrmannsdorf 7
85625 Glonn
Deutschland

Tel.: 0049 (0)8093/90 94 – 0
Fax.: 0049 (0)8093/90 94 – 10
glonn@herrmannsdorfer.de



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