Grüne Wirtschaft

Im Experten-Interview: Annika Poloczek, Gründerin & Geschäftsführerin von „Green Cup Coffee“

Annika Poloczek verrät uns, weshalb nachhaltiger Kaffeekonsum noch weitgehend ein Nischenthema ist und wie Kaffee nachhaltig konsumiert werden kann.

Annika Poloczek verrät uns, weshalb nachhaltiger Kaffeekonsum noch weitgehend ein Nischenthema ist und wie Kaffee nachhaltig konsumiert werden kann.

Das Interview führte Marcus Noack

UMWELTHAUPTSTADT.de: Frau Poloczek, Kaffee hat in Deutschland selbst Bier den Rang abgelaufen und über 90% der Weltbevölkerung konsumieren das „schwarze Gold“ täglich. Warum ist nachhaltiger Kaffeekonsum trotzdem weitgehend noch ein Nischenthema?

ANNIKA POLOCZEK: Weil der Kaffeemarkt weitestgehend von einigen wenigen großen Firmen beherrscht wird und der deutsche Kaffeetrinker noch so gut wie keine Ahnung hat von Kaffee als Natur- und Gourmetprodukt. Kaffee wird viel getrunken, also soll er billig sein, so die gängige Meinung – wo er angebaut wird und unter welchen Bedingungen, das ist den meisten Leuten ziemlich egal. Auch geschmacklich ist der Deutsche in Sachen Kaffee bislang wenig anspruchsvoll: Dass er es mit einem Gourmetprodukt, das vielfältig ist wie Wein zu tun hat, ist ihm nicht bewusst. Darum versuchen wir die Kaffeetrinker auch über diesen Weg zu überzeugen. Wer Kaffee genießt und wertschätzt, interessiert sich auch eher für seine Herkunft.

Eine Studie des WWF besagt, dass zur Herstellung eines einzigen Becher Kaffees mit Milch und Zucker 200 Liter Wasser, also eine ganze Badewanne voll verbraucht werden. Ist nachhaltiger Kaffeekonsum denn überhaupt möglich?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man darauf achtet, woher der Kaffee kommt den man kauft. Kaffee wächst ja nördlich und südlich des Äquators meist in Ländern mit hohem Niederschlagsraten. Die Finca Karoma Estate in der Dominikanischen Republik zum Beispiel, von der wir einen Kaffee beziehen, fängt das Regenwasser in einem großen Tank auf und nutzt dieses zur Bewässerung der Plantage und zum verarbeiten der Kaffeekirschen. So gehen übrigens viele Kaffee-Fincas vor – aber natürlich läuft es hier anders ab als auf den gigantischen Monokultur-Plantagen der Industrieröster, wo der Wasserbedarf höher ist, da die Pflanzen von der Sonne ungeschützt heranwachsen.

Der Wasserverbrauch ist übrigens in Sachen Nachhaltigkeit bei Kaffee nur ein verhältnismäßig kleines Übel. Am umwelt-unfreundlichsten sind tatsächlich Kaffeemaschinen. Sie bringen die Ökobilanz von Kaffee ins Wanken. Darum sind wir auch große Freunde manueller Aufbrühmethoden wie dem guten alten Handfilter :)

Zu jeder Tages- und Nachtzeit begegnet man Menschen mit „Coffee to go-Bechern“. Dazu kommen noch einzeln verpackte Milch- und Zuckertütchen, bei deren Herstellung und Transport Müllberge und Emissionen entstehen. Wie wichtig ist Ihrer Einschätzung nach den Konsumenten nachhaltiger Kaffeekonsum und eine transparente Wertschöpfungskette?

Sehr wichtig! Darum predigen wir auch immer wieder, sich Zeit für Kaffee zu nehmen und ihn nicht zwischen U-Bahn und Arbeit im Pappbecher zu trinken. Das ist kein Genuss und im Zweifelsfall wenig umweltfreundlich. Aber natürlich spielt der Zeitaspekt heute eine große Rolle, es muss fast immer alles schnell gehen: In unserem Coffeeshop in München zum Beispiel gibt es
darum nur recycelbare Pappbecher und biologisch abbaubare Verpackungen.


Was die Co2-Emissionen betrifft, habe ich ja schon erwähnt, dass weniger der Transport von Kaffee aus dem Anbauland nach Deutschland das Problem ist, sondern vielmehr die Kaffeemaschinen bei uns Zuhause. Das Öko-Institut und Tchibo sind in einer gemeinsamen Studie zu diesem Ergebnis gekommen. Es macht darum Sinn beim Kauf einer Maschine auf den Energieverbrauch zu achten, genau wie das zum Beispiel beim Kauf von Kühlschränken schon lange getan wird.

Eine zentrale Frage in Bezug auf fairen Kaffee-Handel ist die Zusammensetzung des Preises. Wie viel Geld erhalten die Bauern und wie viel die Zwischenhändler?

Konkrete Zahlen kann ich im Bezug auf Preise leider nicht geben, vor allem was die großen Kaffeefirmen betrifft. Bei uns kleineren Kaffeemarken (Kaffeeverarbeitern) hängt der Preis stark davon ab woher die Bohnen kommen, wie hochwertig sie sind und wie groß und bekannt die Plantage oder Finca ist. Wir beziehen unsere Bohnen ja zum einen direkt von den Fincas. Diese sind ausnahmslos kleine Betriebe, die sich auf den Anbau von Gourmetkaffee spezialisiert haben und ihre Bohnen nicht über die Börse, sondern direkt oder über kleine Zwischenhändler handeln. Das ist wie bei einem Weingut: Je besser es sich vermarktet und je besser die Qualität ihrer Weine, desto höher ist die Nachfrage und entsprechend sind es auch die Preise. Das hat mit dem aktuell geltenden Fairtrade Preis von nur um 1.60 USD pro Pfund nicht mehr viel zu tun. Handeln wir unsere Preise über Zwischenhändler, lassen wir uns von ihnen garantieren, dass sie ebenfalls zu fairen Preisen einkaufen und soziale Mindeststandards einhalten.

Wir besetzen aber mit Green Cup Coffee eine Nische und der Unterschied zu den gängigen Supermarktkaffees könnte größer nicht sein. Sie sind es ja, die den Bärenanteil der Rohkaffees weltweit einkaufen und für sie werden Siegel wie Fairtrade oder UTZ ins Leben gerufen, was ich auch sinnvoll finde.

Was verstehen Organisationen überhaupt unter „fairen Preisen“? Und kann ein „fairer Preis“ überhaupt objektiv ermittelt werden?

Faire Preise decken die Produktionskosten, orientieren sich an den Lebenshaltungskosten und geben außerdem Spielraum für Entwicklungsaufgaben. Auch wenn die Zahlung eines fairen Preises oftmals als Kernelement des fairen Handels betrachtet wird, ist es schwierig festzulegen, was genau ein fairer Preis ist. Denn was für einen Produzenten ein fairer Preis sein kann, ist nicht
gezwungenermaßen fair für einen Produzenten in einem anderen Land. Diese Unterschiede zwischen Produzenten, nicht nur aus unterschiedlichen Ländern, sondern teilweise auch schon aus unterschiedlichen Regionen, machen es so schwierig einen objektiven fairen Preis festzulegen und zu bezahlen. Grundsätzlich befassen sich die Organisationen mit Fragen wie: Was brauchen die
Produzenten? Wie hoch sind ihre tatsächlichen Produktionskosten? Entscheidend ist, dass die Partner ermutigt und befähigt werden, eine realistische Kostenkalkulation vorzulegen.

Gibt es bewährte Siegel, die wenigstens Mindest-Preise garantieren oder muss der Kunde auf das Verantwortungsbewusstsein der Importeure und Händler vertrauen? Welche Kontrollund Überwachungsinstanzen gibt es sonst noch?

Das besagte Fairtrade Siegel schreibt einen festgelegten Mindestpreis vor, ja. Rainforest Alliance, das ja auch ein sehr bekanntes Siegel ist, macht das zum Beispiel nicht und UTZ auch nicht. Die wiederum setzen sich aber dafür ein, dass die Kaffeebauern wirtschaftlich und nachhaltig arbeiten.

Jedes Siegel hat da seine Vor- und Nachteile und wenn man sich länger mit ihnen auseinandersetzt, hat jedes Schwachstellen. Ich finde sie dennoch für den herkömmlichen Kaffeetrinker wichtig und sinnvoll, denn immerhin wird er dafür sensibilisiert, dass Fairer Handel ein Thema ist.

Wo liegen weitere Schwachpunkte in Bezug auf eine transparente und nachhaltige Wertschöpfungskette beim Produkt Kaffee?

In Sachen Transparenz steht der deutsche Kaffeemarkt ganz schlecht da. Denn der herkömmliche Kaffeetrinker erwartet, dass „sein“ Kaffee immer gleich schmeckt, was bei einem Naturprodukt gleicher Herkunft je nach Ernte schwierig zu garantieren ist. Darum wird der optimale Geschmack aus verschiedenen Bohnen herbeigemischt. Wenn man einen Blick ins Supermarktregal wirft und
einen Kaffee in die Hand nimmt, steht auf der Packung bestenfalls noch „Arabica Hochlandkaffee“. Und wenn das Herkunftsland darauf steht, hat man schon einen großen Fang gemacht. Aber dass Kaffees sortenrein sind, also nur von einer Plantage oder Finca kommen, wie bei Green Cup Coffee und dass diese Plantage auch noch benannt ist, diese Transparenz findet man selten und
ansonsten meist nur bei kleinen lokalen Röstereien.#

Für wie leicht oder wie schwer halten Sie es, einen wirklich fairen Handel zu realisieren, unter der Annahme, dass insbesondere die großen Konzerne vom boomen Fairtrade-Markt profitieren möchten?

Meinen Sie einen fairen Handel weltweit für das Produkt Kaffee? Das halte ich für sehr schwierig: Da müsste es ja eine internationale Dachorganisation geben, die von allen kaffeeanbauenden Ländern, bzw. deren Regierungen bestätigt wird. Das ist unmöglich, denke ich, denn das wäre ja ein Eingriff in die Marktwirtschaft der Länder.

Die großen Konzerne wollen profitieren, das ist klar: Darum gibt es ja diverse Siegel wie UTZ und Co, genau für diese Giganten – die Umsetzung bzw. Idee hinter den Siegeln ist auf jeden Fall ein Anfang und trägt zur Sensibilisierung des Konsumenten wesentlich mit bei, denke ich – auch wenn die Siegel nicht 100% transparent sind. Ich denke, am Ende muss der Konsument immer an sich
selbst appellieren.

Welche Bedeutung hat Ihrer Einschätzung nach das Internet als Vertriebskanal für Kaffee?

Bislang sicherlich noch eine verhältnismäßig Kleine. Aber natürlich wächst E-Commerce stark an und auch das Bestellen von Nahrungsmitteln im Internet. Für uns ist das Internet eine tolle Chance, schnell eine große Reichweite zu erzielen. Wir versuchen in unserem Onlineshop so ausführlich wie möglich zu beschreiben, wie unsere Kaffees schmecken und wie man sie am besten zubereitet. Aber natürlich ist gerade bei Kaffee die Kommunikation mit dem Kunden von Angesicht zu Angesicht
wichtig – darum haben wir im Dezember in München in der Schellingstraße auch unseren ersten Coffeeshop eröffnet.


Über Green Cup Coffee
Green Cup Coffee ist die erste Marke für fair gehandelte Single Finca Kaffees. Das sind Kaffees, die Du von der Tasse bis zur Plantage (oder eben Finca) transparent zurückverfolgen kannst. Dabei bezahlen wir für unsere Rohkaffees Preise, die über dem Weltmarktpreis und sogar über dem Fairtrade Preis. Wir legen Wert auf nachhaltige Partnerschaften und auch nachhaltiges Handeln.
Und natürlich auf höchsten Kaffeegenuss!



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