Das BioHotel Helvetia, heimgesucht vom JuniHochwasser
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Das Bio-Hotel Helvetia, heimgesucht vom Juni-Hochwasser

Die Schäden, die das Elbe-Hochwasser hinterlassen hat sind enorm. Der Pegel erreichte am Hotel elbeweit den Höchststand.

Die Schäden, die das Elbe-Hochwasser hinterlassen hat sind enorm. Der Pegel erreichte am Hotel elbeweit den Höchststand.

Das Interview führte Annkathrin Meenken

UMWELTHAUPTSTADT.de: Seit 2008/ 2009 haben Sie das Hotel Helvetia zu einem Biohotel umgestaltet. Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Schritt zu gehen?

SVEN-ERIK JITZER: Meine Frau Annett und ich sind selbst überzeugte Biokonsumenten und wollten gern unsere Lebensweise im Hotel umsetzen. Wir möchten unseren Gästen einen sicheren Genuss bieten. Als Vorreiter in Sachsen und mit der Lage unseres Hauses im Nationalpark haben wir zudem das Ziel, das Thema "Bio" voranzutreiben. Wir wollen damit die einheimische Biolandwirtschaft inspirieren und stärken. Auch andere sollen verstehen, wie wichtig es heute ist, nachhaltig und ökologisch zu arbeiten. Unser Hotel sieht "Bio" nicht nur als Trend, sondern als Voraussetzung für eine gesunde Lebensweise und das Bewahren natürlicher Ressourcen.

Bio umfasst in diesem Kontext nicht nur den Essensbereich, sondern bedeutet auch, alle Lebensbereiche umzustellen. Wie sieht dieses ganzheitliche Konzept aus? Wodurch wird das Wohlgefühl des Gastes gegenüber herkömmlichen Hotels verbessert?

Unsere Philosophie: ökologisch und nachhaltig agieren. Unsere Zimmer sind daher auf ein gesundes Wohnen ausgerichtet. Das Highlight sind dabei unsere Öko-Komfortzimmer - diese sind baubiologisch komplett saniert, sogar elektrosmogfrei. Die Einrichtung besteht aus Materialien, die für die Gesundheit unserer Gäste unbedenklich sind: Eichenholzdielen, Lehmputz an den Wänden, geseifte Naturhölzer, metallfreie Betten, 100 % Naturlatex-Schlafsysteme mit kbA-Baumwolle, Gänsedaunen und Hirsekopfkissen. Alles harmoniert miteinander und sorgt für ein gesundes Raumklima.

Durch die Leitungen unseres Hotels fließt außerdem belebtes Granderwasser und im gesamten Haus wird zertifizierter Ökostrom genutzt, der zu 100 Prozent aus regenerativen Energien gewonnen und rational eingesetzt wird. Dadurch vermeiden wir jährlich 31,2 Tonnen zurechenbare CO2-Emissionen. Ein Großteil der regenerativen Energie stammt dabei sogar aus unserer eigenen Solaranlage. Diese haben wir im Jahr 2012 auf zwei Dächern in Schmilka installiert. Darüber hinaus verfügt unser neuer Tagungs- und Veranstaltungsraum über einen Kamin, welcher 90 % der erzeugten Energie in das Heizungs- und Warmwassersystem des Hauses leitet.

Gesunde Anwendungen finden unsere Gäste in der Naturheilpraxis mit Massagen und Therapien vom Heilpraktiker und Ernährungsberater. Den Respekt gegenüber der Natur zeigen wir im Übrigen als Nationalparkpartner in unseren Angeboten.
Ein weiteres Puzzleteil, das unsere Philosophie trägt: Die Historische Mühle und Bäckerei im romantischen Ortskern von Schmilka. Hier entstehen täglich frische und gesunde Vollwert-Backwaren –so wird unseren Gästen ein gesunder Start in den Tag garantiert. Vieles haben wir damit schon erreicht, weiteres wird noch folgen.

Das Helvetia Hotel ist mit dem ehc-Zertifikat ausgezeichnet, welches die Qualität für Gäste sichtbar macht. Was genau beinhaltet das Zertifikat?

Wir möchten einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Das EHC-Siegel legt den Fokus auf den Verbrauch von Energie und Wasser, das Müllaufkommen, sowie regionale Strukturen. Dazu geben wir unsere Verbrauchsdaten in eine Datenbank ein. Dabei werden aber nicht nur der Strom- und Wasserverbrauch, sondern beispielsweise auch die Anreiseart der Gäste oder die Berücksichtigung von baubiologischen Kriterien bei der Renovierung erfasst. Die Richtigkeit dieser Daten wird dann von der Biokontrollstelle ABCERT mindestens einmal pro Jahr überprüft. Die Benchmark orientiert sich dabei immer an den Besten der Hotelbranche. Dieses Modell verspricht somit Dynamik. Haben wir unsere Werte optimiert, steigen wir im Ranking nach oben und erhöhen somit den Anspruch in anderen Häusern. Verpflichtend zum Erreichen der Benchmark sind der Bezug von Ökostrom, die Verwendung von Recyclingpapier oder Papieren aus nachhaltiger Forstwirtschaft sowie die bevorzugte Verwendung von regionalen Produkten. Sichtbar wird dies für unsere Gäste dadurch, dass wir z. B. die Energie, die der Kamin in unserem Tagungs- und Veranstaltungsraum erzeugt, zu über 90 % in das Heizungs- und Warmwassersystem des Hauses leitet. Ebenso haben wir uns Elektroautos angeschafft, diese sind geräuscharm und absolut umweltgerecht. Die Autos fahren Lasten durch Schmilka und helfen unseren Mitarbeitern, umweltfreundlich und schnell zum Beispiel zur Historischen Mühle & Bäckerei zu fahren, um frische Brötchen für den Frühstückstisch abzuholen.

Wie hat sich der Hotelbetrieb seit der Umstellung entwickelt? Welche neuen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Der Hotelbetrieb hat sich nach der Umstellung sehr positiv entwickelt. Die Auslastung liegt höher als im Durchschnitt in der Sächsischen Schweiz. Besonders toll für uns: das unsere Gäste nicht nur auf 100% Bio achten, sondern außerordentlich viele zu treuen Stammgästen geworden sind, die sich eine Auszeit von Ihrem Alltag in einem gesunden Wohnumfeld gönnen wollen.

Mit welchen Schwierigkeiten wurden Sie während der Umstellungsphase konfrontiert?

Der Biomarkt in Sachsen und der Sächsischen Schweiz ist immer noch in der Entwicklung. Zwar haben schon viele Produzenten erkannt, wie wichtig die ökologische Landwirtschaft ist, den Sprung zu 100 Prozent Bio wagt jedoch bisher kaum jemand. Mit der Umstellung unseres Hotels möchten wir als Vorreiter im Tourismus für andere ein Vorbild sein. Vor der Umstellung war das Hotel Helvetia bereits ein gut gebuchtes Haus. Die Umstellung brachte zunächst einen herben Verlust. Dennoch ist es uns bereits nach sehr kurzer Zeit gelungen sehr treue bio-affine Stammgäste zu gewinnen. Auch konnten wir den Anteil an regionalen Bio-Lebensmitteln seit der Umstellung um 40 % steigern und sind jetzt bei fast 80 % Regionalität in unserer Speisekarte.

Wir denken, dass in Zukunft noch mehr Anbieter aus Hotellerie und Gastronomie auf Bioprodukte umsteigen werden, woraus sich auch die steigende Anzahl der Biolieferanten und -Produzenten ergeben wird.

In diesem Jahr hat das Hochwasser in weiten Teilen Deutschlands große Schäden angerichtet. Auch Ihr Hotel war davon betroffen, sodass es sogar geschlossen werden musste. Wie stark waren die Schäden für Sie?

Die Schäden, die das Elbe-Hochwasser hinterlassen hat sind leider enorm. Der Pegel erreichte bei uns elbeweit den Höchststand. Schulterhoch standen in Restaurant, Küche und Büro- und Lagerräumen die Fluten - und das tagelang. Das Hochwasser kam just zu einem Zeitpunkt an dem die Saison gerade erst richtig startete. Das Personal war eingespielt und der zähe Winter gerade überstanden. Besonders bitter: Der Verlust des Bio-Kräuter- und Gemüsegartens – das Herzstück der vollwertigen Speisen in unserem Bio-Restaurant StrandGut. Auch der erst vor einem Jahr eröffnete Saunabereich im Nachbargebäude hat die Fluten nicht überlebt.

Nachdem das Wasser langsam gesunken war wurden die Ausmaße erst so richtig sichtbar. Das symbolhafte Wiedereröffnungsdatum zum 1. Juli schien „patriotisch an die Wand genagelt“. Und trotzdem haben wir es mit vereinten Kräften geschafft den Hotelbetrieb, zumindest provisorisch, bis Ende Oktober wieder zu eröffnen.

Wie haben Sie die Unterstützung Ihrer Umgebung erlebt?

Die Unterstützung war atemberaubend und kam von allen Seiten. Jeder hat einen Anteil dazu geleistet, damit nicht nur unser Biohotel, sondern auch alle Einrichtungen, sowie der Elberadweg rund um die betroffenen Gebiete so schnell wie möglich wieder Gäste empfangen konnten. An dieser Stelle möchte ich dafür meinen Dank aussprechen für die riesige Unterstützung, auch von Seiten des Bio-Hotels Verein, ohne die eine Wiedereröffnung zu einem so frühen Zeitpunkt nicht möglich gewesen wäre und auch ohne die sich der Tourismus in der Sächsischen Schweiz nicht so schnell wieder erholt hätte.

Am 1. Juli konnte das Hotel wieder eröffnet werden. Wie wird die Zukunft für das Hotel Helvetia aussehen? Welche weiteren Veränderungen stehen bevor?

Wie schon erwähnt, haben wir das Hotel nur provisorisch eröffnet. Unter dem Fußboden wartet der Dämmstoff darauf ausgetauscht zu werden. Die Wände im Keller sind noch sehr feucht. Trotz der hochmodernen Infrarot-Trocknungsgeräte, die uns die die Firma InfraBioTech GmbH aus Freiberg/Sa. zur Verfügung gestellt hat, können wir nicht an allen betroffenen Stellen gleichzeitig die Wände trocknen und die Schäden beheben.

In Zukunft werden wir natürlich versuchen, so hochwassergerecht wie möglich zu bauen. Ein erster Schritt dafür ist bereits getan. Der vor drei Jahren fertig gestellte Anbau an das Biohotel, um zusätzlich Platz für Lager und Büro zu haben, steht auf Stelzen und ist drei Meter tief in der Erde verankert. Ich plane zudem eine Art Hochwasser-Fond. Es ist leider abzusehen, dass es in Zukunft öfter zu solchen Extremereignissen kommen wird. So wäre es sinnvoll, das in Zeiten, in denen unsere Gäste die einzigartige Felsenlandschaft genießen können, sie dafür einen Obolus entrichten, um damit einerseits Schäden, die weitere Extrem-Hochwasser hinterlassen sollten, beheben zu können, aber auch andererseits hochwassersicher bauen können.



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