Gemeinsam Entscheidungen treffen
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Gemeinsam Entscheidungen treffen

Vor über 15 Jahren beschloss ein Getränkehersteller das Rezept seiner Cola zu ändern, ohne den Konsumenten einzubeziehen oder darüber zu informieren. Für Uwe Lübbermann Anlass ein eigenes Unternehmen, premium-cola, zu gründen in dem Lieferanten, Dienstleister, Konsumenten und Mitarbeiter mitentscheiden.

Vor über 15 Jahren beschloss ein Getränkehersteller das Rezept seiner Cola zu ändern, ohne den Konsumenten einzubeziehen oder darüber zu informieren. Für Uwe Lübbermann Anlass ein eigenes Unternehmen, premium-cola, zu gründen in dem Lieferanten, Dienstleister, Konsumenten und Mitarbeiter mitentscheiden.

08.08.2017

Herr Lübbermann, seit über 15 Jahren gibt es nun Premium. Aus welcher Motivation heraus wurde das Unternehmen gegründet und welche Firmenphilosophie verfolgen Sie?

Uwe Lübbermann, premium-cola: Die Gründung im Sinne von "erste Abfüllung" war am 23.11.2001, es sind also schon über 15 Jahre. Damals war mein Anlass, dass der Hersteller einer anderen Cola uns als Konsumenten überhaupt nicht einbezogen, ja nicht einmal informiert hatte, als er das Rezept geändert hat. Der Grund war also eine fundamentale Unzufriedenheit damit, wie Wirtschaft generell gemacht wird: mit ungleichen Rechten für die Betroffenen. Die Macht hat ja typischerweise der, dem etwas gehört. Menschen sollten aber ganz grundsätzlich gleichwürdig behandelt werden. Also wollte ich ein Unternehmen gründen, das das umsetzt - und das tun wir bis heute in dem Sinne, dass alle Entscheidungen gemeinsam mit allen Menschen getroffen werden, die von dem Unternehmen betroffen sind.

Sie vernetzen mit einem innovativen Betriebssystem Produktion, Logistik und Handel. Wie funktioniert das konkret?

Lieferant_innen, Dienstleiter_innen, Konsumenten_innen und natürlich die Mitarbeiter_innen, alle können im Konsens über alle Fragen entscheiden, die zu entscheiden sind. Dadurch ändert sich so ein Unternehmen natürlich sehr; Gewinne sind unerwünscht, Werbung ebenso, Mengenrabatte gibt es nicht (sondern Anti-Mengenrabatte für kleine Händler), es gibt bei uns Einheitslöhne nur mit Bedarfszuschlägen für Eltern oder Menschen mit Behinderung; lauter Sachen, die laut BWL-Lehrbuch völlig falsch sind. Wir sind aber immer noch da, und der Betrieb läuft sehr stabil. Das ist das eigentliche Problem, bzw. der Spaß daran :-)

Welche Vorteile bringt Ihr Betriebssystem den Unternehmen?

Wir sehen mittlerweile sechs-sieben sogenannte Löhne.

1. Ausreichend Geld durch gemeinsam beschlossene Anteile und Löhne

2. Sicherheit des Einkommens durch viele Partner, die alle freiwillig dabei sind (Verträge gibt es nicht, und es gab auch bisher keinen einzigen Rechtsstreit)

3. Sinn der Tätigkeit (wir glauben, es ist "kümmern um Menschen", und wenn das gut gelingt, kommen dabei Getränke heraus)

4. Freiheit zu arbeiten wann jemand mag, was jemand mag, wo jemand mag usw.

5. Reichweite für die eigenen Ideen und Gedanken (wir haben über 600 Veranstaltungen an Hochschulen und auf Kongressen hinter uns)

6. Weiterentwicklung oder Bildung, weil jeden Tag etwas Neues da ist (für die, die das wollen)

7. Dafür weiß ich noch kein gutes Wort. Es ist sowas wie „wholeness“, in sich selbst klar sein, nur eine Person sein zu können, die sich bei der Arbeit nicht verstellen muss, sondern als ganzer Mensch gesehen, respektiert und angenommen wird. In der Summe ist das ziemlich cool, finde ich, und zeigt auch, dass mehr Geld nicht die Lösung ist um glücklicher zu werden. Geld ist wichtig, wenn zu wenig davon da ist, aber wenn die beteiligten ausreichend verdienen, werden andere Faktoren wichtiger.

Sie bieten außerdem Produkte wie Cola, Bier, Holunder etc. an. An wen richtet sich dieses Angebot und wie kommt es an?

Unser eigentliches Produkt ist das kümmern um die Beteiligten, und dann kommen dabei Getränke heraus. Die werden von ganz unterschiedlichen Kunden nachgefragt; die einen mögen sie vielleicht, die anderen wollen eine Wirkung haben (durch Koffein, Zucker oder gar Alkohol). Wir investieren übrigens 10 % unserer Umsätze von Bier in die Alkoholismusvorsorge :-). Andere mögen vielleicht das Design oder trinken unsere Sachen nur, weil sie halt da sind, in einem Café z.B.: Das ist ganz unterschiedlich, und das finde ich auch super so. Nur Kunden, die unseren Grundwert nicht unterstützen (die Gleichwertigkeit aller Menschen), die möchte ich bitte nicht haben.

Wo entstehen Ihre Produkte und ist der Produktions- und Lieferprozess transparent?

Zeigt mir den Produktions- und Lieferprozess, der gesamt-transparent sein kann; wir sehen mittlerweile vier Einschränkungen.

1. Persönlicher Datenschutz. Wenn Bernd ein Drogenproblem hat und deshalb die Produktion stockt, kann man das nicht allen Beteiligten so sagen (Bernd ist frei erfunden, aber ihr ahnt was ich meine)

2. Rechtliche Graubereiche wie z.B nach einer Fehlproduktion mit dem doppelten Koffein, die aber einige Händler für den Eigengebrauch behalten wollten.

3. Zeit, die nötig ist um Informationen aufzubereiten, darzustellen und zu erläutern. Ihr könnt in die Buchhaltung gucken und sehen, dass wir im Dezember 40 Tsd. Euro für Leergut ausgegeben haben, aber war das auch sinnvoll so, oder zu wenig oder zu viel?  

4. Schutz vor (zum Glück seltenen) ultra-aggressiven Wettbewerbern, die jede Information (z.B. in welchen Regionen wir nicht so stabil dastehen) sofort ausnutzen würden.

Also: Gesamt-transparent geht so gar nicht aus unserer Sicht, sondern nur 96 Prozent. Die wollen wir aber schon haben. Das heißt, alle Kund_innen können natürlich alle Lieferant_nnen kennen, die Abfüllorte sind nicht geheim (Mölle-Getränke in Nördlingen und Klosterbrauerei Weissenohe ebenda). Wo es geht (beim Bier) sind sogar die Rezepte opensource. Alles was geht. Was noch? Ach ja, es gibt auch Grenzen der Transparenz bei den Zulieferern; manche haben Angst, dass sie allen Kunden alles offenlegen müssen (und dass ihre Kunden sie dann umgehen), wenn sie uns mehr offenlegen, also tun sie das zum Teil nicht. Wir wissen z.B nicht genau, wo die Kolanuss herkommt, die im Sirup verwendet wird, weil der Lieferant das nicht sagt.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Premium?

Eine große, aber nicht konzeptionell, sondern als Ergebnis einer sehr bewussten und überlegten Arbeitsweise sage ich mal. Wir kannten den Begriff z.B. die ersten Jahre gar nicht, haben aber trotzdem mit dem Betriebssystem nach und nach ein Modell entwickelt, das perfekt in die drei Bereiche der Nachhaltigkeit passte (mit Ergänzungen beim Schutz des Ganzen und beim offenen Transfer der Ideen).

Und vor welche Herausforderungen stellt Sie der Nachhaltigkeitsaspekt?

Bis auf die beschriebene (Herkunft mancher Zutaten, bis auf den Sirup wissen wir aber alle Herkunften) praktisch keine. Das liegt aber daran, dass wir relativ konsequent sind: keine Lieferungen weiter als D A CH, alle reisen mit der Bahn, Optimierung der anfassbaren Produkte bis in kleinste Details wie z.B. veganem Etikettenleim, solche Sachen. Das ist schon aufwändig, zugegeben. Aber was wäre die Alternative? Wir sind ja schon über den sog. earth overshoot day hinaus dieses Jahr, das heißt wir verbrauchen immer noch deutlich mehr Ressourcen als der Planet für uns hat, und wir haben nur den einen. Wenn der kaputt ist, _dann_ ist das eine ziemlich große Herausforderung für die Menschheit. Dagegen ist ein wenig Aufwand beim Optimieren oder konsequentem Nein sagen nichts.

Verraten Sie uns, was es künftig Neues von Premium geben wird?

Gute Frage. Erstmal wollen wir den Betrieb erhalten, um auch weiterhin den Beweis führen zu können, dass man so arbeiten kann. Dann evtl. mehr Veranstaltungen mit mehr Kollektivisten machen, um mehr andere zu ermutigen, die Dinge anders anzupacken (das heißt, unser Wachstum von dem der Ideen entkoppeln; letzteres darf gern schneller gehen). Seit circa einem Jahr bieten wir auch Beratungen an, - das soll noch ausgebaut werden.
Evtl. gibt es neue Getränke, schauen wir mal. Und ich persönlich will noch die faire Hausverwaltung gründen, die sich um Eigentümer, Mieter und Nachbarn in gleichwürdiger Form kümmert, weil es das bisher auch noch nicht gibt. Und wir sind an zwei größeren Festivals dran, um deren Logistik stressfreier und damit effizienter zu machen; das habe ich die letzten drei Jahre für die Fusion gemacht, und will das nun auch anderen anbieten. Langweilig wird es mir sicher nicht, und auch die anderen Beteiligten haben noch Ideen und Verbesserungswünsche an die Welt :-)

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