Gesellschaft

„Hauptsache Reisen“ oder lieber „nachhaltig Reisen“? – Reisen in Corona-Zeiten

INTERVIEW | Corona verändert so einiges – vor allem auch die Reisebranche. Nachhaltigkeit rückt dabei in den Hintergrund. Welche Auswirkungen das hat, erfährst du im Interview mit Karen Wittel.  

INTERVIEW | Corona verändert so einiges – vor allem auch die Reisebranche. Nachhaltigkeit rückt dabei in den Hintergrund. Welche Auswirkungen das hat, erfährst du im Interview mit Karen Wittel.  

29.04.2021 | Ein Interview geführt von Deborah Iber | Bilder: atambo tours, Unsplash


Nachhaltig Reisen – das ist ein Thema, dem sich immer mehr Menschen annehmen bzw. angenommen haben. Durch die Corona-Pandemie ist das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in vielen Bereichen gestiegen. Wenn es ums Reisen geht, ist allerdings ein Rückschritt zu erkennen: War es vor der Pandemie noch wichtig, beim Reisen auf Emissionen und nachhaltige Unterkünfte etc. zu achten, steht nun an erster Stelle, überhaupt irgendwie reisen zu können. Darunter leidet nicht nur die Umwelt, sondern vor allem auch kleine inhabergeführte Hotels und Tour-Anbieter

Über diese Zusammenhänge haben wir mit Karen Wittel von atambo tours gesprochen, einem Reiseportal für nachhaltige Reisen weltweit. Im Interview bekommst du einen Einblick in die Corona-bedingten Entwicklungen im Tourismus und Tipps für das bewusste Reisen.

 

LifeVERDE: Karen, du bist die Gründerin von atambo tours, einem Reiseportal für nachhaltige Reisen. Die Geschichte dahinter hast du uns in deinem letzten Interview von 2014 bereits erläutert. Kannst du uns trotzdem noch einmal kurz die Mission deines Reisebüros vorstellen?

KAREN WITTEL: Ja sehr gern. Wir bieten nachhaltige Erlebnisreisen, Flitterwochen und Auslandshochzeiten. Und zwar in Deutschland, Europa aber vor allem auch in der Ferne. atambo tours ist nachhaltig zertifiziert und fühlt sich dem Kriterienkatalog des forum anders reisen verpflichtet. Die Co2 Emissionen, die bei der An- und Abreise entstehen, kompensieren wir mit atmosfair.

Zu Zeiten des ersten Interviews ging der „Trend“ von Nachhaltigkeit in der Reisebranche erst los. Wie hat sich das Thema nachhaltiges Reisen seitdem (bis vor der Pandemie) aus deiner Sicht entwickelt? Widmen sich nun mehr Reisebüros der Nachhaltigkeit und gibt es transparentere Angebote?

Ja, in der Tat hat sich einiges seither entwickelt. Gerade in den letzten ein bis zwei Jahren entstanden innovative Ansätze wie z.B. die green tiny houses, die Biohotel-Vereinigung in Europa, neue Portale wie bookdifferent, bookitgreen, fairunterwegs oder ganz neu fairweg.

Wir werden z.B. von der Tourcert gGmbH zertifiziert und sind daher auch Teil der Tourcert Community. Es ist toll zu sehen, dass nicht nur Veranstalter, sondern auch immer mehr Reisebüros diese Zertifizierung anstreben oder „grüne“ Veranstalter-Partner suchen. Und mehr noch: Es gibt auch viele Zielgebiete, Projekte und Incoming-Partner, die sich zertifizieren lassen. Dennoch hat die Nachhaltigkeit im Urlaubsbereich immer noch eine geringe Sichtbarkeit. Und wer kauft schon versteckte Produkte? Nur Überzeugungstäter.

 

Durch die Corona-Pandemie und den Lockdown ist nun die Reisemöglichkeit weltweit eingeschränkt und das Thema Nachhaltigkeit rückt dabei in den Hintergrund. Wie wirkt sich diese Situation auf dein Reisebüro atambo und allgemein auf das nachhaltige Reisen aus?

atambo ist kein Reisebüro, sondern ein nachhaltiger Veranstalter. Unsere Kunden sind Reisebüros aber auch Direktkunden. Im Gegensatz zu Reisebüros kaufen wir die Produkte (also Hotels, Guides, usw.) selbst in den Zieldestinationen ein. Wir können so sehr flexibel auf Kundenwünsche eingehen. Reisebüros dagegen sind Wiederverkäufer und meist bei Großanbietern wie z.B. TUI unter Vertrag – und verkaufen dann auch nur Tui.

Die Nachhaltigkeit leidet unter Corona. Die Urlaubsbranche hat quasi ein Beschäftigungsverbot und deshalb wird verkauft, was sich verkaufen lässt. Früher haben wir Anfragen für bestimmte Maledivenhotels z.B. abgelehnt oder auf andere Unterkünfte umgeleitet. Aktuell sind wir froh über jede Buchung. Als Unternehmen, das Verantwortung für seine Mitarbeiter*innen trägt, hat das Überleben natürlich Vorrang.
 

Eine nachhaltige Unterkunft anzubieten, ist wie eben erwähnt durch die Pandemie-Situation viel schwieriger. Woran genau liegt das?

Ich möchte das gern anhand eines Beispiels erklären:

Meine Familie betreibt z.B. eine Lodge im peruanischen Urwald. Peru hat durch die Pandemie nun hohe Anforderungen (baulich und in punkto Hygiene) an einen Hotelbetrieb, egal wie klein dieser ist. Wir haben alles umgesetzt. Es war hart, überhaupt an die Ausstattung zu gelangen. Tja – und jetzt kommt der Prüfer nicht zur Abnahme. Aus Überlastung. Die großen Hotels sind schon alle als „pandemiesicher“ zertifiziert. Ein Haus mit Hunderten von Betten hat eben Priorität.

Was lernen wir daraus? Als nachhaltig zertifizierter Veranstalter buchen wir von atambo tours besonders gern kleine inhabergeführte Boutiquehotels. Doch viele hatten gar nicht die Gelegenheit geöffnet zu bleiben bzw. wieder zu eröffnen, weil die Auflagen zu umfangreich sind oder die Einkünfte für Renovierungs- und Umbaumaßnahmen fehlen. Also werden – mangels Alternativen – weniger nachhaltige Optionen gebucht. Das ist schade.

Danke für die Erläuterung. Hinzu kommt, dass den meisten Reisenden statt CO2-Kompensation und Nachhaltigkeit nun wichtiger ist, überhaupt irgendwie rauszukommen. Was könnte deiner Meinung nach dagegen getan werden?

Die Menschen wollen wieder reisen. Und das ist auch gut so. Nach einer Zeit des Verzichts traut man sich jetzt Pläne zu schmieden. Wer monatelange gehungert hat, fragt beim ersten opulenten Mahl nicht, ob das Essen „bio“ ist.

Das Thema Co2- Kompensation tangiert uns alle. Doch Viele sehen darin nur ein Thema für die Industrie. Bei atmosfair kann man z.B. nachlesen, dass jeder Mensch pro Jahr maximal 1,5 Tonnen Co2 verursachen darf, wenn der Klimawandel aufgehalten werden soll. Laut Utopia generieren wir aber in Europa rund 11 Tonnen. Doch wer ist sich dessen bewusst?

Aus meiner Sicht brauchen wir eine Politik, die Verhaltensänderungen unterstützt und Anbieter, die Alternativen bieten. Dazu noch eine gehörige Prise Sichtbarkeit für nachhaltige Urlaube. Denn mal ehrlich: Wer kauft die Fair Trade Banane, wenn sie versteckt unten im Regal liegt? Aber es gibt Hoffnung und großartige neue Ideen, die sich in den Alltag integrieren lassen. Fortomorrow.eu z.B. bietet ein Klima-Abo: Man spendet monatlich einen kleinen Betrag und damit werden nachhaltige Projekte etc. unterstützt. Der eigene Fußabdruck ist damit klimaneutral(er).
 

Mittlerweile gibt es wohl häufiger die Situation, dass eine Reise gebucht wird und diese aufgrund von neuen Corona-Maßnahmen dann doch nicht stattfinden kann und – oft für 0 € – storniert wird. Was ist das Problem bei dieser Sache?

Die großen Reiseveranstalter wollen die Kunden zur Buchung motivieren und versprechen, dass eine Rückabwicklung kostenlos ist. Der Konsum soll angekurbelt werden – und zwar „verbraucherfreundlich“. Bei amazon & Co ist das seit Jahren eine bewährte Praxis. Wir konsumieren ohne Verantwortung für das gekaufte Produkt zu übernehmen, denn mit einem Klick ist alles wieder „gut“.  Doch was macht das mit den anderen Akteuren in der Lieferkette? Insbesondere mit der kleinen, nachhaltigen Unterkunft z.B. in Peru. Was bedeutet das für den Guide in Uganda, der selbstständig ist und last minute seinen Auftrag verliert? Wie sollen die vielen Tierschutzinitiativen, die durch den Tourismus gestützt werden, weitermachen? Daher sage ich als nachhaltiger Reiseveranstalter: Wer 0 € Gebühren vertritt, denkt in die falsche Richtung.
 

Welche Tipps hast du für Urlauber*innen, die auch in der aktuellen Situation so nachhaltig wie möglich Reisen möchten?

Ich empfehle dringend auf nachhaltige touristische Labels wie z.B. tourcert zu achten. Wer unsicher ist, dem empfehle ich mein Lieblingsportal fairunterwegs.org. Hier gibt es tolle Informationen rund um den nachhaltigen Urlaub und auch einen Labelguide. Oder man wendet sich einfach an uns bei atambo tours. Unser Mindset ist durch und durch nahhaltig, ohne belehrend zu sein. Einfach mal ausprobieren!

 

Vielen Dank für das informative Interview und die Denkanstöße, liebe Karen!

Dir schwebt nun auch noch eine Frage im Kopf herum, die du gerne an atambo tours stellen möchtest?

Dann schreib sie in die Kommentare. Wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

 

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Unsere Inspirationen für deinen Urlaub in Deutschland: Dein Corona-Sommer 2020 Part 2: nachhaltiger Urlaub in Deutschland

 

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Kommentare
Nina Sahdeva
03.05.2021
Liebe Deborah Iber und Karen Wittel
Auch meinerseits vielen Dank für die wichtigen Denkanstösse, und danke, dass ihr fairunterwegs.org erwähnt. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine neue Initiative, sondern um eine über 40 Jahre alte Institution.
Unter dem Namen "arbeitskreis tourismus & entwicklung (akte)" haben wir seit 1977 Reisende und TouristikerInnen über Ansätze für einen Tourismus informiert, von dem auch die Lokalbevölkerung in den Urlaubsgebieten fair profitiert und der die Lebensgrundlagen erhält. akte betrieb das Portal fairunterwegs.org, und vor einem Jahr haben wir beschlossen, auch den Verein "fairunterwegs" zu nennen.
Freundliche Grüsse
Nina Sahdeva, fairunterwegs, Basel

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