Interview mit der Initiative SUSTAIN IT der Freien Universität Berlin
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Interview mit der Initiative SUSTAIN IT der Freien Universität Berlin

Am FFU arbeitet ein internationales Team aus rund 40 Politik- und Sozialwissenschaftlern, das zu Fragen der Umweltpolitik und der nachhaltigen Energiepolitik forscht und Politikberatung anbietet.

Am FFU arbeitet ein internationales Team aus rund 40 Politik- und Sozialwissenschaftlern, das zu Fragen der Umweltpolitik und der nachhaltigen Energiepolitik forscht und Politikberatung anbietet.

Bildquelle: Forschungszentrum für Umweltpolitik FFU

Wenn man dieser Tage die Gebäude der Freien Universität (FU) Berlin betritt, dann fallen die vielen Projekt-Tafeln zu den Hochschultagen \"Sustain it\" auf. Worum geht es bei Ihren aktuellen Hochschultagen?

Lisa Göldner: Die SUSTAIN IT! Hochschultage Nachhaltigkeit + Klimaschutz sind eine Aktion der Initiative SUSTAIN IT!, die sich aus umweltorientierten Studierenden, Mitgliedern der Grünen Hochschulgruppe der FU und Mitarbeiter_innen des Forschungszentrums für Umweltpolitik und des Arbeitsbereiches Energie und Umwelt der Technischen Abteilung der FU zusammensetzt. Unser Ziel ist es, mit Veranstaltungen wie den Hochschultagen die Diskussion über Nachhaltigkeit und Klimaschutz an der Uni zu stärken.

Die SUSTAIN IT! Hochschultage fanden dieses Jahr bereits zum zweiten Mal statt. An drei Tagen haben wir insgesamt 15 Veranstaltungen zu lokalen und globalen ökologischen Zukunftsfragen einer nachhaltigen Entwicklung angeboten. Wichtig ist uns dabei das Hinterfragen unserer Konsumgewohnheiten, verbunden mit der Diskussion über Handlungsalternativen für unseren Alltag.

Andreas Wanke: Die Freie Universität zählt bereits seit 2005 zu den wenigen umweltzertifizierten Hochschulen in Deutschland. Eines der wesentlichen Ziele unseres Umweltmanagements ist es, Ressourcen- und Klimaschutz möglichst breit in der Universität zu verankern. Insofern ist es selbstverständlich, dass sich der Arbeitsbereich Energie und Umwelt, der ja für die Weiterentwicklung des betrieblichen Energie- und Umweltmanagements verantwortlich ist, an SUSTAIN IT beteiligt. Als Teil der FU-Verwaltung können wir so verdeutlichen, dass Nachhaltigkeit alle angeht und die Kooperation vieler erfordert. SUSTAIN IT macht zudem deutlich, dass Nachhaltigkeit und Klimaschutz einen festen und wachsenden Platz an der Freien Universität haben.

 

Wie werden die Hochschultage bei den Studenten angenommen, sind die jungen Menschen affin für Themen wie Umweltschutz, Erneuerbare Energien und Klimaschutz?

Lisa Göldner: Mit den SUSTAIN IT! Hochschultagen konnten wir ungefähr 1.000 Studierende und Mitarbeiter_innen der FU erreichen. Dabei waren die Veranstaltungen mal sehr gut, mal weniger gut besucht. Viele unserer Veranstaltungen fanden jedoch nicht in geschlossenen Räumen, sondern direkt im Foyer vor der Mensa im Hauptgebäude der FU statt. Dadurch konnten wir viele Studierende und Mitarbeiter_innen spontan zum Stehenbleiben, Mitmachen und Mitdiskutieren anregen.
Insgesamt finde ich, dass unserer Themen - Nachhaltigkeit und Klimaschutz - noch zu wenig an der Uni präsent sind. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Uni von vielen nicht als ein Ort wahrgenommen wird, den man selber mitgestalten möchte. Ich würde mir deshalb wünschen, dass mehr Studierende und Mitarbeiter_innen nicht nur abstrakt über Nachhaltigkeit diskutieren, sondern sich direkt dafür einsetzen, ihre Uni und ihr Umfeld „grüner“ zu machen.
Mit SUSTAIN IT! sorgen wir nicht nur für Diskussionsmöglichkeiten, sondern wir leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der Gruppen, die an der FU bereits im Bereich der Nachhaltigkeit aktiv sind.

Karola Braun Wanke: Viele Studierende haben natürlich ihr festes Tagesprogramm, wenn sie an die Uni kommen und sind deshalb schwer für quer liegende Themen zu begeistern. Wir haben daraus eine Tugend gemacht und teilweise unsere Veranstaltungen direkt im Foyer angeboten, um den Vorbeieilenden mit witzigen Theateraktionen, einem Eat in oder einem World Cafe einen Blick über den Tellerrand zu ermöglichen. Teilweise ist uns das gut gelungen. Wir haben z.B. einen Energierundgang vom Heizungskeller bis zu unserem Solardach angeboten, der von 40 Interessierten wahrgenommen wurde. Dann haben wir uns im Foyer 3 Tage künstlerisch mit dem Wegwerftrend „Coffee-to-go“ auseinander gesetzt. Die Aktion mit 12.000 gestapelten Pappbechern war eine optische und gedankliche Stolperfalle, die viele Studierende dazu animierte mitzumachen, einen Kaffe mittendrin zu trinken und sich über die Aktion zu informieren. So kamen gute Gespräche über den ressourcenintensiven Konsumtrend in Gange und manche haben sich von der Kunst so inspirieren lassen, dass sie an allen drei Tagen an den Skulpturen bauten. Viele waren über die Abfallmengen, die diese To-Go Praxis nach sich zieht und deren ressourcenintensive Herstellung so überrascht und haben gleich den CampusCup aus Porzellan zum Mitnehmen gekauft. Das werte ich persönlich als großen Erfolg unserer Initiative.

 

Am Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU) arbeitet ein internationales Team aus Sozialwissenschaftlern und Studierenden, die zu Fragen der Umweltpolitik und nachhaltigen Energiepolitik forschen, studieren und Politikberatung anbieten. An wen richtet sich dieses Angebot?

Karola Braun-Wanke: Am FFU arbeitet ein internationales Team aus rund 40 Politik- und Sozialwissenschaftlern, das zu Fragen der Umweltpolitik und der nachhaltigen Energiepolitik forscht und Politikberatung anbietet. Wir betreiben insbesondere akademische aber auch praxisorientierte Forschung und organisieren eines der umfassendsten sozialwissenschaftlichen Lehrangebote zu Energie- und Umweltfragen für Studienanfänger, fortgeschrittene Studierende und Doktoranden in Europa. Seit 2008 ist mit dem europäischen Projekt der Schüleruni schools @ university Klima + Energie, dem Nachfolgeprojekt SchülerUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz und auch mit den Hochschultagen "SUSTAIN IT" das Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ein weiterer wichtiger Schwerpunkt am FFU. Mit diesen fächerübergreifenden und interaktiven Programmangeboten zeigen wir als Forschungsinstitut, wie der sperrige Begriff BNE lebendig umgesetzt werden kann und wie Universitäten als Uni und außerschulische Lernorte einen wichtigen praktischen Beitrag zur Verbreitung des BNE-Ansatzes leisten können, um Studierende und Heranwachsende zu verantwortungsvoll Handelnden zu machen.

 

Das Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU) betreibt unterschiedliche Projekte. Stellen Sie uns bitte eines Ihrer Projekte kurz vor.

Karola Braun-Wanke: Lisa hat ja das Projekt und das Anliegen unserer Initiative ja schon gut beschrieben. Uns geht es mit unserer Initiative darum, die Themen Nachhaltigkeit + Klimaschutz stärker in Forschung, Lehre und Verwaltung zu verankern und die Akteure, Projekte und initiativen aus dem universitären und aber auch lokalen Umfeld stärker miteinander zu vernetzen, um so auch Synergien mit bereits Bestehendem zu erzeugen.

Perspektivisch wollen wir unsere Themen aber auch in die Unistruktur bringen. D. h. wir wollen interaktive und fächerübergreifende Seminare, Vorlesungen und Workshops entwickeln, um Studierende einen Blick über ihre Fachdisziplinen hinweg zu ermöglichen und ihnen die Verbindungen zu den Themen Nachhaltigkeit + Klimaschutz deutlich zu machen.

 

Ein wahrhaft zukunftsträchtiges Projekt der Freien Universität Berlin ist die SchülerUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz. Das Motto ist \"Lernen für eine zukunftsfähige Welt\". Was genau lernen die Schüler in diesem Projekt und ist die Schüleruni eine offene Veranstaltung, an der jeder Schüler Berlins teilnehmen kann?

Karola Braun-Wanke: Für die Wissenschaft und Teile der Politik ist schon lange klar, dass wir uns diesen klimaunverträglichen Konsum- und Lebensstil angesichts des rasant fortschreitenden Klimawandels nicht mehr leisten können. Wenn wir die Klimaerwärmung auf 2 Grad eindämmen wollen, müssen wir unseren Pro-Kopf-Verbrauch auf 2 Tonnen - das heißt 5 kg pro Tag - verringern. Um Heranwachsende schon möglichst früh Zugang zu diesen relevanten Themen zu verschaffen haben wir das Format der themenfokussierten SchülerUni entwickelt. Unser Motto „Lernen für eine zukunftsfähige Welt“ soll dies verdeutlichen. Von März 2012 bis Ende 2015 bieten wir acht SchülerUnis jeweils im Frühjahr und Herbst an. Wir laden Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klassen ( 10 bis 13-Jährige) im Klassenverband) und deren Lehrkräfte ein. Das Programm ist für diese Zielgruppe offen und kostenlos. Allerdings sind unsere 50 Workshops und Vorlesungen schon nach 2 Tagen aufgrund der großen Nachfrage ausgebucht..

Das Besondere bei uns ist wie gesagt der Themenfokus! Eine Woche lang dreht sich bei uns alles um die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Wir öffnen unsere Hörsäle, Seminarräume, Labore, Solardächer, die Wetterstation und den Botanischen Garten und machen für Schüler und Lehrende praktisch erlebbar, was hinter den Begriffen der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes steckt. Mit Experimenten rund um Erneuerbare Energien, Energierundgängen, Kunstworkshops, Schreibwerkstätten, Plan- und Rollenspielen und Exkursionen machen wir die Schlüsselthemen einer nachhaltigen Entwicklung für Heranwachsende greif- und erfahrbar.

Ziel unserer Programme ist es, den Schülerinnen und Schülern die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Zusammenhang mit ihren gewohnten Lebens- und Konsumstilen, das heißt in Bezug auf Kleidung, Ernährung, Reisen, Fortbewegen, Hobbies, Elektrogeräte, Produktdesign sowie Bauen und Wohnen, bewusst zu machen und mit ihnen konkrete Handlungsmöglichkeiten wie wir unseren Lebensstil verändern können zu entwickeln.

 

Wie nachhaltig ist die FU Berlin aufgestellt? Inwiefern wird beispielsweise beim Betrieb der Gebäude auf Nachhaltigkeit geachtet und spielt das Thema Nachhaltigkeit bei wirtschaftlichen Entscheidungen der FU Berlin stets eine Rolle?

Andreas Wanke: Nachhaltigkeit muss man in erster Linie als kontinuierlichen Verbesserungsprozess begreifen. Wir können als Freie Universität auf einige Erfolge verweisen: Beispielsweise haben wir unseren jährlichen Energieverbrauch seit Anfang des letzten Jahrzehntes um fast 43 Mio. Kilowattstunden Strom und Wärme bzw. mehr als ein Viertel reduziert. Die energiebedingten CO2-Emissionen wurden so 2011 (gegenüber 2000/01) um 12.800 Tonnen gesenkt und der FU-Haushalt um mehr als 3,7 Mio. Euro entlastet. 11 Jahre hintereinander Rückgang des Energieverbrauchs - bei insgesamt stabiler Flächennutzung -, das ist nach meiner Kenntnis einmalig in der deutschen Universitätslandschaft. Dies war nur dadurch möglich, dass die Universität seit 2003 massiv und sehr gezielt in die energetische Verbesserung des Gebäudebestands investiert hat und beim Betrieb der Universitätsgebäude Energieeffizienz einen hohen Rang einräumt.

Ein Teil der Einsparerfolge geht außerdem auf ein monetäres Anreizsystem zurück, mit dem unsere Fachbereiche seit fünf Jahren an Energieeinsparerfolgen beteiligt werden. Damit ist es gelungen, auch verhaltensbezogene und organisatorische Energieeinsparungen zu mobilisiseren. Wir haben außerdem im vorletzten Jahr ein Green-IT Handlungsprogramm erarbeitet, das vielfältigste Einzelmaßnahmen zur Senkung des Stromeinsatzes für IT beinhaltet. Der Stromverbrauch im IT-Bereich ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen und macht mittlerweile rund ein Viertel des gesamten Stromeinsatzes der Freien Universität aus.

Wir setzen seit 2008 zunehmend erneuerbare Energien ein. Auf mittlerweile acht Dächern sind Photovoltaikanlagen installiert, die in der Summe pro Jahr rund 570.000 Solarstrom produzieren. Damit könnte man bereits die gesamte Zentrale Universitätsverwaltung mit erneuerbarem Strom versorgen.

Diese Aktivitäten sind uns wichtig und werden auch konsequent fortgeführt, was wir auch im letzten Jahr mit der freiwilligen Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin zum Ausdruck gebracht haben. Dass es an einer großen Universität auch immer Optimierungsmöglichkeiten gibt, ist klar und wenig verwunderlich. Unser nach ISO 14000 zertifiziertes Umweltmanagementsystem zielt darauf, derartige Verbesserungspotentiale systematisch zu entdecken und entsprechend zu realisieren. Wir wünschen uns beispielsweise, dass die Studierenden sich in Zukunft noch stärker an den Umweltteams beteiligen, die es mittlerweile an allen Fachbereichen gibt.



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