Vom Shopaholic zur kritischen Konsumentin: ein Erfahrungsbericht
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Vom Shopaholic zur kritischen Konsumentin: ein Erfahrungsbericht

INTERVIEW| Durch ihren Blog und ihr gleichnamiges Buch "Ich kauf nix!" wurde Nunu bekannt. Uns erzählt sie von einem Jahr ohne Shopping, den Minimalismus-Trend und ihr neues Buch.

INTERVIEW| Durch ihren Blog und ihr gleichnamiges Buch "Ich kauf nix!" wurde Nunu bekannt. Uns erzählt sie von einem Jahr ohne Shopping, den Minimalismus-Trend und ihr neues Buch.

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30.11.2017| Das Interview führte Bianca Schillinger

Liebe Nunu, du hast ein Jahr nichts gekauft. Wie kam es dazu?

Nunu Kaller: Lustigerweise hatte es gar keinen Hintergrund, der mit meinem sozialen oder ökologischen Gewissen zu tun hatte. Ich wusste, dass ich zu viel shoppte, wurde vom Ex diesbezüglich auch regelmäßig kritisiert und dachte mir dann irgendwann: Ein Jahr ohne, so beweise ich Konsequenz. Wenige Momente nach dem Beschluss war jedoch sofort die Überlegung da, mir innerhalb dieses Kaufnixjahres die Hintergründe der Textilproduktion anzuschauen. Über meine Erfahrungen schrieb ich auf meinem Blog "Ich kauf nix!".

Wie ging es dir während des Jahres? 

Einerseits wirklich fantastisch, bis auf sehr wenige Ausnahmen, in denen ich von einem neuen braunen Paar Stiefel träumte, genoss ich es eigentlich sehr, dass Neukauf kein Thema ist. Es war wie eine Schutzschicht vor den Konsumverführungen (und ja, ich weiß, dass man sich diese Schutzschicht eigentlich jederzeit zulegen kann - damals wusste ich es eben noch nicht :) ).
Andererseits hatte ich bei meinen Recherchen auch einige wirklich traurige Momente. Herauszufinden, wie das Shirt, das man gerade an hat, wahrscheinlich produziert wurde, und welche negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen es hat, war nicht immer leicht. Aber sehr, sehr interessant.


Du hast damals auch angefangen, dich über die Herstellungsbedingungen von Kleidung zu informieren. Was hast du herausgefunden?

Das lässt sich so allgemein nicht beantworten. Oder doch: Das System von Fast Fashion ist scheiße, und zwar so richtig. Egal, um welche globale Marke es sich handelt. Wer als Geschäftsziel hat, möglichst viele Kleidungsstücke mit möglichst hoher Marge an möglichst viele Menschen zu verkaufen, kann meiner persönlichen Meinung nach per se nicht nachhaltig handeln.


Wann warst du das letzte Mal einkaufen und was hast du gekauft?

Eine Designerin, mit der ich befreundet bin, muss aus ihrem Atelier raus und hat einen großen Flohmarkt gemacht, nicht nur mit eigenen Designs, sondern auch mit ihrer eigenen alten Kleidung. Ich habe dort ein schwarzes Kleid gekauft.


Das Thema des Minimalismus und des weniger Kaufens ist ja seit längerem sehr angesagt. Was glaubst du, woran liegt das?

Ich glaube, dass wir überfordert sind. Es prasseln täglich auf allen Kanälen neue Konsumbotschaften auf uns ein, und für einige ist der Minimalismus sicherlich ein gutes Konstrukt, diesen Botschaften zu widerstehen. Ich finde es auch ein gutes Konzept, in dem ich dadurch, dass es gerade so extrem trendig ist, aber eine große Gefahr sehe: Momentan steigen sehr viele Menschen auf diesen Trend ein und trennen sich von einem Großteil ihrer Sachen. Ich frage mich nur, was passiert, wenn dieser Trend dann vorbei ist... wird es irgendwann wieder "cool", zu horten? Kaufen diese Leute dann all die Dinge nach, weil sie Platz im Regal haben? Das gilt sicherlich nicht für alle Anhänger des Minimalismus, aber das Risiko möchte ich einfach nicht unerwähnt lassen.


Bald erscheint dein zweites Buch. Worum wird es gehen? Und worin unterscheidet es sich zum Erstling "Ich kauf nix! Wie ich durch Shoppingdiät glücklich wurde"?

Der Aufbau ist ähnlich: Ich stoße auf ein Problem und sehe es mir aus persönlicher Warte an. Doch diesmal geht es tiefer: Es geht um Schönheitsideale. Wo kommt es eigentlich her, das nur vier Prozent aller Frauen auf die Frage, ob sie sich schön fänden, ohne Wenn und Aber JA sagen können - und sonst alle irgendwelche Makel an sich sehen oder sich mit anderen vergleichen und dabei selbst herabsetzen? Auch mir ist es lang so gegangen, und ich habe mir angeschaut, warum das so ist. Es gibt viele mögliche Antworten darauf, doch eine ist definitiv die Art, wie unsere Konsumwelt funktioniert. Und so schließt sich auch wieder der Kreis zu dem Thema, das mich immer wieder bewegt: Was macht Konsum mit uns?


Hast du einen praktischen Tipp, den jeder einfach im Alltag anwenden kann, um bewusster einzukaufen?

Es gibt drei einfache Fragen, wenn man vor einem neuen Stück im Laden steht:
1) Passt mir das wirklich? Hand aufs Herz, wie oft ist es uns schon passiert, dass ein Teil jetzt nicht ideal gesessen hat, und wir es trotzdem gekauft haben, weil halt die Farbe so toll und der Preis so niedrig ist? Für eine Schrankleiche war es dann wahrscheinlich doch teuer...
2) Brauch ich das wirklich? Nein, man braucht die fünfte schwarze Jeans fix nicht. Punkt.
3) Will ich das wirklich? Da hilft es echt, mal in sich hinein zu spüren, warum man gerade so Lust auf einen Neukauf hat. Geht es wirklich um das Produkt oder geht es um Ablenkung, Trost, Belohnung, Langeweile oder sonstige Gefühle?


Was verschenkst du zu Weihnachten? Selbstgemachtes oder doch Gekauftes?

Ich habe es dieses Jahr sehr einfach, ich bekomme noch vor dem Erscheinungstermin ein paar Exemplare meines Buchs. Damit hat sich das Geschenkthema sehr einfach erledigt. Aber ich gebe zu, vor allem bei meinen Neffen und Nichten ist es schwierig, einerseits würde ich gerne ihren Wünschen entsprechen, andererseits gerne etwas Sinnvolles schenken.
 

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