Eine Matratze ist eines der langlebigsten Möbelstücke im Haushalt und gleichzeitig eines der rohstoffintensivsten. Wer sich für eine Bio- oder Naturmatratze entscheidet, fragt meist zuerst nach Schadstoffen. Mindestens genauso wichtig sind aber zwei andere Fragen: Woher kommen die Rohstoffe, und was passiert mit der Matratze, wenn sie nach zehn oder mehr Jahren ausrangiert wird? Genau darum geht es in diesem Ratgeber. Wer sich zusätzlich für Emissionen, VOC und Prüfsiegel wie den Blauen Engel interessiert, findet dazu Genaueres in unserer Kaufberatung zu schadstofffreien Matratzen.
Hier findest du noch mehr spannende Marken und Unternehmen im Bereich nachhaltig Wohnen.
Inhaltsverzeichnis
- Das Wichtigste in Kürze
- Naturmatratzen im Vergleich
- Woraus bestehen Bio- und Naturmatratzen?
- Naturlatex: Herkunft, Herstellung und faire Bedingungen
- GOTS, GOLS und Fair Rubber: Was die Umwelt- und Fairness-Siegel bedeuten
- Regionale Fertigung und Transportwege
- Kreislauffähigkeit: Was passiert mit einer alten Matratze?
- Den richtigen Härtegrad finden
- Fazit
Kurz-FAQ
Ist eine Naturlatexmatratze automatisch nachhaltiger als eine Kaltschaummatratze? +
Nicht automatisch. Naturlatex ist ein nachwachsender Rohstoff, aber nur mit GOLS-Zertifizierung ist der biologische Anbau belegt. Eine Kaltschaummatratze mit GOTS-zertifiziertem Bezug und regionaler Fertigung kann in Teilaspekten besser abschneiden als ein schlecht zertifiziertes Naturlatexmodell.
Was ist der Unterschied zwischen GOTS und GOLS? +
GOTS zertifiziert Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern, etwa Baumwoll- oder Wollbezüge. GOLS ist das entsprechende Siegel für Naturlatex. Für eine vollständig zertifizierte Naturlatexmatratze mit Textilbezug sind idealerweise beide Siegel relevant.
Bedeutet Fair Rubber automatisch Bio-Qualität? +
Nein. Fair Rubber bewertet die Handelsbedingungen und die Entlohnung der Primärproduzent:innen, nicht den ökologischen Anbau. Für eine ökologische UND faire Matratze sollten idealerweise GOLS und Fair Rubber gemeinsam vorliegen.
Kann ich meine alte Matratze in Deutschland recyceln lassen? +
Aktuell kaum. Es fehlt an einer flächendeckenden, sortenreinen Sammlung. Einzelne Hersteller bieten bei Neukauf eine Altmöbelentsorgung an, ein branchenweites Rücknahmesystem befindet sich aber erst im politischen Vorbereitungsprozess.
Was bedeutet eine „klimaneutrale“ Matratze konkret? +
Meist wird nicht die Herstellung selbst emissionsfrei gestaltet, sondern es werden Emissionen durch Zertifikate oder Projekte an anderer Stelle ausgeglichen. Das ist etwas anderes als tatsächlich vermiedene Emissionen und sollte entsprechend eingeordnet werden.
Bio-Matratzen und Naturlatex: Das Wichtigste in Kürze
- Nachwachsende Rohstoffe wie Naturlatex, Bio-Baumwolle, Schafschurwolle und Kokosfaser machen eine Matratze noch nicht automatisch umweltfreundlich. Entscheidend sind Anbau, Herkunft und Zertifizierung.
- Für die Umwelt- und Fairness-Bilanz sind vor allem GOTS (Textilien), GOLS (Naturlatex) und das Fair-Rubber-Siegel für fair gehandelten Naturkautschuk aussagekräftig.
- Regionale Fertigung verkürzt Transportwege, ersetzt aber keine Zertifizierung.
- Auch eine sehr gute Matratze landet aktuell fast immer in der Verbrennung: Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für Matratzen gibt es in Deutschland bislang nicht.
- Aussagen wie „klimaneutral" beruhen häufig auf CO2-Kompensation statt auf Vermeidung und sollten kritisch geprüft werden.
Naturmatratzen im Vergleich
Drei Modelle mit unterschiedlichen Materialschwerpunkten
7-Zonen, 100 % Naturkautschuk
+ Kern aus 100 % Naturkautschuk
+ OEKO-TEX Standard 100 und eco-INSTITUT
− kein GOLS- oder Fair-Rubber-Nachweis
7-Zonen, Naturkautschuk
+ hoher Anteil an Naturkautschuk
+ Fokus auf natürliche Materialien
− Zertifizierung der konkreten Variante prüfen
Memory-Schaum + Latex
+ kombiniert Latex und Memory-Schaum
+ verbindet unterschiedliche Liegeeigenschaften
− keine GOTS-, GOLS- oder Fair-Rubber-Zertifizierung belegt
Zertifizierungen können sich auf einzelne Materialien oder Komponenten beziehen. Preise und Verfügbarkeit variieren je nach Größe, Härtegrad und Händler. Mit Sternchen (*) gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links.
Woraus bestehen Bio- und Naturmatratzen?
Naturmatratzen bestehen überwiegend aus nachwachsenden Rohstoffen: Naturlatex, Bio-Baumwolle, Schafschurwolle, Kokosfaser oder Cellulosefasern wie Lyocell. Im Gegensatz zu reinen Kunststoffmatratzen basieren sie auf landwirtschaftlichen Rohstoffen, die unter kontrolliert biologischem Anbau gewonnen werden können. Das allein sagt aber noch nichts darüber aus, unter welchen Bedingungen diese Rohstoffe angebaut, verarbeitet und gehandelt wurden. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Matratze, die nur mit „natürlich" wirbt, und einer, die das auch belegen kann.
Naturlatex: Herkunft, Herstellung und faire Bedingungen
Naturlatex wird aus dem Saft des Kautschukbaums (Hevea brasiliensis) gewonnen. Ein Baum liefert über viele Jahre hinweg Milchsaft, ohne dafür gefällt zu werden, was Naturlatex im Vergleich zu erdölbasiertem Synthetiklatex zu einem nachwachsenden Rohstoff macht. Der überwiegende Teil des weltweiten Naturkautschuks stammt von Kleinbauern und Plantagenarbeiter:innen in Süd- und Südostasien, häufig unter wirtschaftlich prekären Bedingungen.
Genau hier setzt der Fair Rubber e.V. an. Der Verein überträgt die Prinzipien des fairen Handels auf den Kautschukhandel: Unternehmen, die das Fair-Rubber-Logo tragen, zahlen eine zusätzliche Fair-Trade-Prämie pro Kilogramm Kautschuk, über deren Verwendung die Primärproduzent:innen selbst entscheiden. Die Kriterien werden seit 2018 in einem eigenen, unabhängig geprüften Standard festgehalten, der regelmäßig aktualisiert wird, unter anderem um ein Kriterium gegen Entwaldung.
GOTS, GOLS und Fair Rubber: Was die Umwelt- und Fairness-Siegel bedeuten
Wer eine umwelt- und fairnessorientierte Matratze sucht, sollte drei Siegel kennen. Sie ergänzen sich, prüfen aber unterschiedliche Dinge.
GOTS: Textilien aus biologischem Anbau, entlang der gesamten Kette
Der Global Organic Textile Standard (GOTS) verlangt Bio-Fasern aus kontrolliert biologischem Anbau, verbietet den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen und schädlicher synthetischer Pestizide und legt zusätzlich Sozialkriterien entlang der gesamten textilen Lieferkette fest. Für Matratzenbezüge aus Bio-Baumwolle oder Bio-Schafwolle ist GOTS damit das aussagekräftigste Siegel.
GOLS: das Pendant für Naturlatex
Für den Latexkern selbst ist der Global Organic Latex Standard (GOLS) die relevante Zertifizierung. Ein GOLS-zertifiziertes Produkt muss mindestens 95 Prozent zertifiziert biologisches Rohmaterial enthalten, unterliegt Grenzwerten für Schadstoffe und verlangt eine lückenlose Rückverfolgbarkeit von der Plantage bis zum Handel.
Fair Rubber: der Fairness-Baustein
Weder GOTS noch GOLS garantieren automatisch, dass die Primärproduzent:innen von Naturkautschuk fair entlohnt werden. Diese Lücke schließt das Fair-Rubber-Siegel. Wichtig für die Kaufentscheidung: Ein Produkt kann GOLS-zertifiziert und trotzdem nicht Fair-Rubber-zertifiziert sein, und umgekehrt. Wer beides möchte, muss gezielt danach suchen.
Manche Hersteller werben mit klimaneutralem Naturlatex oder CO2-kompensiertem Versand. Häufig handelt es sich dabei um Kompensation durch Investitionen in Klimaschutzprojekte, nicht um vermiedene Emissionen. Nach der EU-Richtlinie 2024/825 (Green Claims) gelten pauschale, allein kompensationsbasierte Umweltaussagen als kritisch und sollten nicht unkommentiert übernommen werden. Für Verbraucher:innen lohnt sich der Blick darauf, ob eine Aussage Vermeidung oder Ausgleich meint.
Regionale Fertigung und Transportwege
Ein weiterer Umweltaspekt ist der Herstellungsort. Wird eine Matratze in Deutschland oder der EU gefertigt, verkürzt das die Transportwege für das fertige, sperrige Produkt, auch wenn Rohstoffe wie Naturkautschuk ohnehin aus tropischen Anbauregionen importiert werden müssen. Regionale Fertigung ist deshalb ein sinnvoller, aber kein hinreichender Nachhaltigkeitsfaktor. Sie ersetzt keine Zertifizierung der Rohstoffe, ergänzt sie aber sinnvoll, insbesondere in Kombination mit kurzen Lieferketten und nachvollziehbarer Materialherkunft.

Bild: Unsplash/Slaapwijsheid.nl
Kreislauffähigkeit: Was passiert mit einer alten Matratze?
Diese Frage wird beim Matratzenkauf selten gestellt, ist aber zentral für die tatsächliche Umweltbilanz. In Deutschland fallen laut Fachverband Matratzen-Industrie jährlich rund 8,27 Millionen ausgediente Matratzen an, der überwiegende Teil davon aus privaten Haushalten. Eine im Auftrag des NABU erstellte Kurzstudie des Öko-Instituts zeigt: Ein flächendeckendes Recycling findet bislang praktisch nicht statt, weil eine trockene, sortenreine Sammlung fehlt.
Der Bundesrat hat deshalb ein Maßnahmenpaket beschlossen, das eine erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) für Matratzen vorbereiten soll, nach dem Vorbild von Belgien, Frankreich und den Niederlanden. Hersteller sollen künftig für Rücknahme, Zerlegung und Recycling verantwortlich sein, ergänzt um einen digitalen Produktpass zur Materialzusammensetzung. Der Fachverband Matratzen-Industrie begrüßt diesen Schritt ausdrücklich, ebenso IKEA Deutschland, das gemeinsam mit dem NABU auf ein verbindliches System drängt. Bis ein solches System steht, bleibt Verbraucher:innen wenig übrig, außer bei der Herstellerwahl auf mögliche Rücknahme- oder Entsorgungsservices zu achten, wie sie einzelne Anbieter bereits anbieten, sowie auf möglichst langlebige, reparaturfreundliche Konstruktionen zu setzen. Recyceltes Ausgangsmaterial, etwa Bezüge aus recyceltem PET, wie sie einzelne Hersteller bei Einstiegsmodellen einsetzen, ist dabei ein kleiner, aber konkreter Baustein, ersetzt aber keine funktionierende Rücknahme am Lebensende.
Den richtigen Härtegrad finden
Unabhängig von Material und Zertifizierung entscheidet der Härtegrad maßgeblich über den Schlafkomfort. Grundsätzlich gilt: leichtere Personen liegen meist besser auf weicheren Härtegraden, schwerere Personen benötigen mehr Stützkraft. Seitenschläfer:innen profitieren häufig von einer weicheren Schulterzone, Rücken- und Bauchschläfer:innen eher von einer festeren, gleichmäßigen Unterstützung. Da sich der Körper erst nach einigen Wochen an eine neue Matratze gewöhnt, bieten die meisten Hersteller ein Probeschlafen von mehreren Wochen an, das sich lohnt, bevor man sich endgültig festlegt.

Bild: Unsplash/Slaapwijsheid.nl
Fazit: Rohstoff, Fairness und Kreislauf mitdenken
Eine wirklich nachhaltige Matratze zeichnet sich nicht allein durch den Werkstoff aus. Entscheidend ist die Kombination aus zertifiziertem, biologisch angebautem Rohmaterial, fairen Handelsbedingungen entlang der Lieferkette und einer möglichst langen Nutzungsdauer. Da die Kreislauffähigkeit von Matratzen in Deutschland noch am Anfang steht, bleibt Langlebigkeit vorerst der wirksamste Hebel, den Verbraucher:innen selbst in der Hand haben.
Quellenverzeichnis
Global Standard gGmbH
„GOTS – Umweltkriterien“ – Informationen zu den Umweltkriterien des Global Organic Textile Standard und den Anforderungen an biologisch erzeugte Naturfasern.
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Control Union Certifications
„GOLS – Global Organic Latex Standard“ – Informationen zur Zertifizierung von biologisch erzeugtem Naturlatex und den Anforderungen des GOLS-Standards.
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Fair Rubber e.V.
„Fairer Handel mit Naturkautschuk“ – Informationen zu fairen Handelsbedingungen und Fair-Trade-Prämien für Naturkautschuk.
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Fair Rubber e.V.
„Fair Rubber Standard Version 3.3“ – Informationen zum aktuellen Fair-Rubber-Standard und zum Kriterium gegen Entwaldung.
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Öko-Institut e.V.
„Recycling von Matratzen in Deutschland“ – Kurzstudie im Auftrag des NABU zur aktuellen Entsorgungs- und Recyclingsituation von Matratzen.
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bvse
„Bundesrat beschließt Maßnahmenpaket für Matratzen-Recycling“ – Informationen zu den politischen Plänen für Rücknahme, Recycling und erweiterte Herstellerverantwortung.
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Fachverband Matratzen-Industrie e.V.
„Starkes Signal für die Kreislaufwirtschaft – Matratzen-Recycling erreicht Bundesrat“ – Einordnung der geplanten Maßnahmen für eine Kreislaufwirtschaft bei Matratzen.
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IKEA Deutschland
„Matratzenrecycling in Deutschland“ – Informationen zur gemeinsamen Forderung von IKEA, NABU und Matratzenverband nach einem verbindlichen Recyclingsystem.
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