Autofreie Städte Was dafür und was dagegen spricht
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Autofreie Städte - Was dafür und was dagegen spricht

Von autofreien Städten profitiert nicht nur die Umwelt, auch die Stadtbewohner sind gesünder und glücklicher. Was spricht für autofreie Städte, was dagegen? Erfahre hier mehr.

 

Von autofreien Städten profitiert nicht nur die Umwelt, auch die Stadtbewohner sind gesünder und glücklicher. Was spricht für autofreie Städte, was dagegen? Erfahre hier mehr.

 

09.04.2019 - Ein Beitrag von Ella Poppensieker

Städte werden in Deutschland ab den 1960er Jahren im Zuge der Urbanisierung autofreundlich geplant und umstrukturiert. Damals besitzt eine Familie im Schnitt höchstens ein Auto, wenn überhaupt. Heutzutage besitzen viele Familien mehr als ein Auto. Und das fällt auf, bei einem Blick auf unsere Straßen. Die Verkehrsmeldungen häufen sich, immer öfter kommt es zu Staus, die immer länger werden. Angenehm ist diese Autoflut für die Bewohner der Städte nicht. Neben den Staus, führt der vermehrte Verkehr zu Unfällen, Lärm, Straßenschäden und Umweltverschmutzung, die sich vor allem in der Qualität der Luft offenbart und sich auf unsere Gesundheit auswirkt.

Die derzeitige Stadtentwicklung geht in die Richtung einer nachhaltigen Stadtentwicklung, die Städte zukunftsfähig, kreativ und integrativ gestalten soll. Es zieht immer mehr Menschen in die Städte, die innerhalb der Stadt Wege zurücklegen müssen. Um nicht weiterhin ein Verkehrsproblem in Städten zu haben, müssen Alternativen und Lösungen gefunden werden, damit Städte wieder zu angenehmen und gesunden Wohnräumen werden.

Autofreie Städte in der Theorie und Praxis

In der Theorie ist es simpel. Die Straßen werden abgesperrt, motorisierter Individualverkehr, also Autos und Motorräder, von den Straßen verbannt und dafür dürfen Fußgänger und Radfahrer, sowie Skater und alle anderen Fahrzeuge des nichtmotorisierten Individualverkehrs, auf den Straßen fahren. Allerdings müssen dabei die Mobilitätsbedürfnisse der Bürger berücksichtigt werden. Das bedeutet, dass in vielen Städten der ÖPNV erheblich ausgebaut werden muss. Neben neuen Streckennetzen, muss auch die Taktfrequenz erhöht werden, um das Verkehrsaufkommen mit dem ÖPNV bewältigen zu können. Laut einer Statista-Umfrage von 2018 befinden 48 Prozent der Befragten den Öffentlichen Nahverkehr in    vielen Situationen als keine angemessene oder geeignete Alternative zum Auto. Gleichzeitig stimmen 29 Prozent der Befragten zu, dass es in der Stadt viel angenehmer wäre, wenn alle auf öffentlichen    Nahverkehr umsteigen würden (Quelle: © Statista 2018). Insgesamt muss also etwas an der Verkehrssituation verändert werden, damit der ÖPNV als geeignete und angemessene Alternative zum Auto wahrgenommen wird und dadurch die Stadt angenehmer wird.

Einige Städte, vor allem Inseln, in Deutschland sind bereits autofrei und können als Best-Practice-Beispiele für andere Städte dienen. Beispielsweise die Nordseeinseln Baltrum, Helgoland, Juist, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge, sowie die im Chiemsee liegenden Inseln Fraueninsel und Herreninsel, machen es vor. Autos sind auf den Inseln nicht erlaubt, ausgenommen der Fahrzeuge der Ärzte, Krankenhäuser, usw. Die Bewohner und Touristen laufen, fahren mit dem Fahrrad, Tretroller oder mit dem Skateboard. Das viele Fahrradfahren und Laufen tragen auch wesentlich zum Erholungseffekt der Inseln bei.

Die Stadt Hamburg möchte es diesen Sommer wagen. Für 3 Monate soll das Rathausquartier täglich von 11 bis 23 Uhr autofrei sein, d.h. Autos und Lkws dürfen bestimmte Straßen in diesem Zeitraum nicht befahren. Die Belieferung der Geschäfte und Lokale des Quartiers kann also täglich zwischen 23 Uhr und 11 Uhr stattfinden. Das Ziel dieses Projektes ist es, die Qualität des Aufenthalt im Quartier zu erhöhen und die Altstadt lebenswerter zu gestalten.

Ein weiteres Best-Practice-Beispiel ist die spanische Stadt Pontevedra. In Pontevedra fahren seit 20 Jahren keine Autos auf den Straßen der Innenstadt. Für die Bewohner entsteht so eine Art ruhiges Paradies, denn mit dem Verkehr, bleibt auch der Lärm fern. Einige Fahrzeuge sind in Pontevedra dennoch erlaubt, wie etwa Lieferfahrzeuge, die Auto des Anwohner und Fahrzeuge des ÖPNV. Für sie alle gilt seit 2010 das Tempolimit 30. “Vorfahrt” hat in der Regel der Fußgänger. Die restlichen Autos müssen auf den Parkplätzen außerhalb des Stadtzentrums abgestellt werden. Für Anwohner und Lieferanten gibt es außerdem Parkplätze innerhalb des Zentrums, die für das Ein- und Ausladen von größeren und schwereren Gütern 15 Minuten lang besetzt werden dürfen. Auf früheren, nun überflüssigen Parkflächen sind Grünanlagen, sowie Sport- und Spielplätze entstanden. Durch das Eliminieren von Autos im Zentrum, kehrt mehr Ruhe in die Stadt ein, es herrscht weniger Stress und die Verschmutzung wird minimiert. Die Bewohner der Stadt sind dadurch, laut des Bürgermeisters Fernández Lores, gesünder und glücklicher als noch vor 20 Jahren.

Was spricht für autofreie Städte?

Die Best-Practice-Beispiele beweisen es, die Umfragen lassen es vermuten: in autofreien Städten lebt es sich gesünder und besser. Die Lebensqualität weiter zu erhöhen ist ein Ziel vieler. Auch Städte arbeiten stetig daran, die Lebensqualität ihres Umgebung zu verbessern, um als attraktiver Standort wahrgenommen zu werden. Die ganze Stadt oder Teile dieser autofrei zu gestalten, kann maßgeblich zu der Attraktivität und Lebensqualität einer Stadt beitragen. Bereits ein Tag in der Woche oder mehrere Stunden am Tag genügen, um die Lebensqualität für die Bürger zu steigern. Etwa befürworten 21 Prozent einer Bitkom-Befragung, autofreie Sonntag, als eine Maßnahme zur Verringerung des Energieverbrauchs im Verkehr (Quelle: Bitkom\ © Statista 2018). Generell findet sich eine große unterstützende Mehrheit für Verkehrsmaßnahmen, die dem Umwelt- und Klimaschutz dienen. So sind 61 Prozent der männlichen und 66 Prozent der weiblichen Befragten einer mindline media Befragung der Meinung, dass die Entwicklung neuer Verkehrskonzepte eine gute Maßnahme für den Umwelt- und Klimaschutz darstellt (Quelle: mindline media\ © Statista 2018).
Viele Städtebewohner wünschen sich also neue Verkehrskonzepte und befürworten autofreie Zonen oder Tage. Die Praxis zeigt, dass die Umsetzung leichter als gedacht ist und dass eine Stadt sich an die neue, autofreie Verkehrssituation schnell gewöhnt. Schon kleine Anpassungen, wie die Einführung von Fahrradstraßen oder der Ausbau der bestehenden Fußgängerzonen und Fahrradwege, können viel bewirken. Die Gesundheit der Bürger wird durch die bessere Luftqualität, verringerter Lärmbelästigung und erhöhten Fortbewegung zu Fuß und mit dem Fahrrad gefördert. Gleichzeitig sinkt das Stresslevel der Stadt und der Bürger durch die Eliminierung von Staus.

Was spricht gegen autofreie Städte?

Das Problem vieler Städte ist, dass die Grundlagen fehlen für die Realisierung des autofreien Konzepts. Vor allem das ÖPNV-Angebot muss ausgebaut werden, damit die Bewohner weite Wege trotzdem schnell und unkompliziert zurücklegen können. Auf das Auto zu verzichten, stellen sich viele Bewohner schwierig vor. Das sehen laut Befragungen auch viele Bürger so. Laut einer Statista-Umfrage, sagen aktuell 65 Prozent der Befragten, dass ihr Leben ohne Auto komplizierter wäre (Quelle: © Statista 2018). Dieses Problem muss mit entsprechenden Verkehrskonzepten angegangen, der ÖPNV ausgebaut werden. Außerdem müssen Städte langfristig anders geplant und strukturiert werden. Einkaufszentren und andere Einrichtungen des täglichen Bedarfs, wie Verein, Ärzte, Schulen, usw. müssen zentral in den Städten und für alle gut erreichbar sein. Aktuell befinden sich jedoch, etwa große Einkaufszentren und Supermärkte, außerhalb der Städte. Eine Lösung um den Transport von Einkäufen oder schweren Lasten, sowie die Belieferung von Geschäften und Lokalen zu ermöglichen, ist das befristet Parken für Anwohner und Lieferanten, wie es bereits erfolgreich in Pontevedra gehandhabt wird. So bleibt die Innenstadt an sich weiterhin autofrei, aber die Mobilitätsbedürfnisse, die der ÖPNV nicht abdecken kann, werden trotzdem gewährleistet. Bis Städte zu 100 Prozent autofrei sind und dennoch alle Mobilitätsbedürfnisse der Bürger ausreichend erfüllen, ist es noch ein langer Weg.

Fazit

Autofreie Städte sind nicht nur für die Umwelt von Vorteil, auch die Bürger leben dadurch gesünder, glücklicher und stressfreier, die Lebensqualität und Attraktivität einer Stadt nehmen zu. Um eine Stadt effektiv autofrei zu machen, müssen grundlegende Änderungen in der Struktur der Stadt vorgenommen werden, was oft ein langfristiger Prozess ist. Eine Möglichkeit eine Stadt zumindest autofreier zu gestalten, sind die Einrichtung von Fahrradstraßen, die Erweiterung von Fußgängerzonen, der Ausbau des ÖPNV, sowie die Einführung von Projekten, wie diesen Sommer im Hamburger Rathausquartier, um den Bewohnern und Touristen der Stadt zu zeigen, wie gut es sich ohne Autos leben kann. Durch eine fußgänger- und fahrradfreundliche Gestaltung der Städte kann der Verkehrswandel wesentlich gefördert werden. Langfristig muss das Leben in Städten umgedacht werden, da es im Zuge der Globalisierung wieder mehr Menschen in die Städte zieht. Dafür muss die Anzahl der Autos in den Städten verringert werden, um diese nachhaltig lebenswert zu gestalten.

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