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"Gute Gestaltung ist langlebig und damit nachhaltig", so Christian Bodach, Leiter der Geschäftsstelle 100 Jahre Bauhaus

Das Jubiläumsjahr "100 Jahre Bauhaus" geht zu Ende. Über das Resümee haben wir uns mit Christian Bodach, Leiter der Geschäftsstelle 100 Jahre Bauhaus unterhalten.

100 Jahre Bauhaus
Designelement

Das Jubiläumsjahr "100 Jahre Bauhaus" geht zu Ende. Über das Resümee haben wir uns mit Christian Bodach, Leiter der Geschäftsstelle 100 Jahre Bauhaus unterhalten.

29.11.2019

100 Jahre Bauhaus. Nun geht das Jubiläumsjahr langsam zu Ende. Was ist Ihr Resümee?

Christian Bodach, Leiter der Geschäftsstelle 100 jahre bauhaus: Verwunderung. Darüber, dass so viele Menschen sich mit den Ideen des Bauhaus heute noch identifizieren. Alle Mitglieder des Bauhaus Verbundes haben uns berichtet, dass die Besuchererwartungen weit übertroffen wurden.

Wo steht die Bauhaus-Schule heute?

Künstler, Kuratoren und Wissenschaftler gehen in Ausstellungen, Symposien und Fachveranstaltungen dieser Frage nach. Die weltweite Auseinandersetzung mit dem Bauhaus als Schule zeigt, dass die Fragestellungen von damals auch heute noch tragen. Auch wenn wir heute andere Antworten finden werden.

Bauhaus war zur Zeit von Walter Gropius und später von Ludwig Mies van der Rohe eine Zäsur innerhalb der Architektur. Muss Architektur heutzutage ähnlich rebellisch und mutig sein, was beispielsweise die Umweltverträglichkeit von Gebäuden anbelangt?

Unbedingt. Im Jubiläumsprogramm wird auch sichtbar, dass es neben dem Bauhaus noch andere Schulen und Bewegungen gab, die nach einem mutigen Neuanfang suchten. Im Bauhaus versuchte man alle Gestaltungsfragen von Grund auf neu zu denken. Der „Bau“, also die Architektur, war hier eher das Ziel, in dem sich am Ende alles zu einem großen Ganzen zusammenfügen sollte. Sehr schön nachvollziehbar in Weimar, im Musterhaus Am Horn von 1923.

Heute wie damals geht es also nicht um die Leistung eines einzelnen Architekten. Vielmehr der eines kreativen, anwendungsorientierten „Labors“. Die Fragestellungen unserer Zeit kann auch kein einzelner Mensch beantworten. Hierzu braucht es die Kooperation unterschiedlichster Professionen.

Die Bauhaus-Schule zeichnete sich immer auch durch ihren Minimalismus und ihre Praktikabilität aus. Spielte das Thema Nachhaltigkeit bei Bauhaus schon immer eine Rolle und wenn ja in welche Art und Weise?

Ich glaube, für die Bauhäusler*innen wäre dies in der heutigen Zeit eine zentrale Fragestellung. In gewisser Weise erfüllt der funktionale Anspruch von damals unsere heutigen Anforderungen an Nachhaltigkeit. Nehmen Sie zum Beispiel das Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt: die Gestalterin hat um eine klare, langlebige Form gerungen. Das Material als Ressource stand also auch damals im Fokus, wenn auch aus anderen ökonomischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus. Wir können daraus noch heute etwas lernen. Auch in Bezug auf die Umweltverträglichkeit der Produkte. 7 der 8 Prototypen des Kännchens von Marianne Brandt kann man übrigens noch bis zum 27. Januar in der Ausstellung „original bauhaus“ in der Berlinischen Galerie sehen und vergleichen.

Wenn man das Konzept Bauhaus als junger Mensch verstehen möchte. An welche Orte sollte man Reisen, um mehr über die Kunstschule zu erfahren?

Die neuen Museen in Dessau und Weimar sind hierfür ein guter Ausgangspunkt: Im Bauhaus Museum Weimar lässt sich insbesondere der gesellschaftliche Kontext der Gründung der Schule sehr gut nachvollziehen; das experimentelle und suchende Bauhaus der frühen Jahre also. Im Bauhaus Museum Dessau kann man zudem Interessantes über das Bauhaus u.a. unter der Leitung von Hannes Meyer entdecken. Wie die Pläne der Bundesschule des ADGB in Bernau bei Berlin beispielsweise.

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung in der Architektur in Deutschland? Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit und wie definieren Sie Nachhaltigkeit für sich?

Gute Gestaltung ist langlebig und damit nachhaltig. Für Architekt*innen inzwischen eine große Herausforderung, zwischen Wärmeschutzverordnungen und immobilienwirtschaftlich-profitorientierten Rahmenbedingungen zu navigieren und dies nicht aus dem Blick zu verlieren. Gleichzeitig ist auf die handwerklichen Qualitäten nicht mehr überall Verlass. Letztlich sind am Ende in jedem Bau die gesellschaftlichen Verhältnisse ablesbar. Vielleicht werden Architekt*innen für die komplexen Anforderungen an Gebäude, Städte und Infrastrukturen künftig eher Moderator*in in einem vielseitigen Team sein müssen und die Ergebnisse mit dem Zeichenstift zusammenfassen. Vielleicht ist Nachhaltigkeit im Produktdesign und in der Architektur eher eine Art Prozess, indem künftige Nutzer beteiligt und der gesamte Nutzungszeitraum aus möglichst vielen fachlichen Perspektiven grundlegend betrachtet wird.

Haben Sie ansonsten noch ein paar Tipps für Architektur-Begeisterte?

Sich aufmachen, die Spuren der Moderne in Deutschland zu entdecken. Die „Grand Tour der Moderne“ lädt dazu ein, sich mit dem baukulturellen Erbe des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Die Webseite und das dazu gerade erschienene Buch „Bauhaus 100 Orte der Moderne“ sind hierfür ein prima Navigationsgerät.


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