Freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln Pro und Contra
Gesellschaft

Freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln – Pro und Contra

Die freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln soll das Klima schonen, den Lärmpegel in den Städten verringern und die Zahl der Unfälle und Staus auf den Straßen minimieren. Ob man diese Ziele durch kostenlosen ÖPNV erreichen kann, ist umstritten. Wir haben Vor- und Nachteile für die freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengetragen.

Die freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln soll das Klima schonen, den Lärmpegel in den Städten verringern und die Zahl der Unfälle und Staus auf den Straßen minimieren. Ob man diese Ziele durch kostenlosen ÖPNV erreichen kann, ist umstritten. Wir haben Vor- und Nachteile für die freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengetragen.

19.02.2019 - Ein Beitrag von Ella Poppensieker

Um das europäische Klimaziel zu erreichen, wird die freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln derzeit ausgiebig diskutiert. Befürworter erhoffen sich, neben einer Verringerung der Staus, des Lärms und der Verkehrsunfälle, eine geringere Umweltbelastung in den Städten und somit die rechtzeitige Erreichung des europäischen Klimaziels. Kritiker äußern jedoch Bedenken, da es unklar bleibt, ob sich unser CO²-Ausstoß durch die freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln tatsächlich effektiv vermindert und was andere Nebeneffekte sein können.

PRO:

Die öffentlichen Verkehrsmittel nehmen mit der zunehmenden Urbanisierung und dem fortschreitenden Klimawandel eine immer wichtigere Rolle in den Städten ein. Je dichter die Städte besiedelt sind, desto mehr Menschen müssen von A nach B kommen, desto mehr Verkehr und Staus gibt es in den Städten. Der Verkehr trägt außerdem zur Umweltverschmutzung, die sich etwa in der zunehmend schlechten Luftqualität in vielen Städten zeigt, hohen Lärmpegeln und Straßenschäden bei.

ÖPNV statt Stau

Wenn die Verkehrsteilnehmer bei einem kostenlosen ÖPNV Angebot tatsächlich auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen und dafür ihre Autos und Motorräder stehen lassen, befinden sich insgesamt weniger Fahrzeuge auf den Straßen. Es kommt zu weniger Verkehrstaus. Dadurch verringern sich ebenfalls Straßenschäden und staubedingte Unfälle. Damit genügend Verkehrsteilnehmer das Angebot wahrnehmen, müssen ausreichende Kapazitäten der öffentlichen Verkehrsmittel garantiert werden. Es müssen also mehr Verkehrsmittel im Einsatz sein, die Taktfrequenz muss erhöht werden und das Streckennetz muss ausgebaut und angepasst werden, damit alle Bereiche einer Stadt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut und schnell erreichbar sind.

Geringere Umweltbelastung

Der ÖPNV bildet mit dem nichtmotorisierten Individualverkehr (NMIV), der aus Fahrrädern und Fußgängern besteht, den Umweltverbund. Dieser verursacht eine geringere Umweltbelastung als der motorisierte Individualverkehr (MIV), also Autos und Motorräder. Die Erhöhung des Anteils des Umweltverbundes am gesamten Transportaufkommen kann durch eine Erhöhung der Nutzung des ÖPNV bewirkt werden, die auf eine Preisreduzierung von 100% ein Stück weit automatisch folgt. Durch weniger Fahrzeuge auf den Straßen verringert sich also nicht nur das Stauaufkommen, sondern auch die Umweltbelastung. Der CO²-Ausstoß kann außerdem noch stärker verringert, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel elektrisch betrieben werden. Erhöht sich der Umweltverbund, während der Anteil des MIV am Verkehrsaufkommen abnimmt, folgt eine geringere Umweltbelastung, weniger Lärm und saubere Luft.

 

CONTRA:

Eine Erhöhung der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln wird nicht nur durch eine Preisreduzierung ausgelöst, auch das Streckennetz und die Taktfrequenz des ÖPNV müssen entsprechend angepasst werden, damit Verkehrsteilnehmer das kostenlose Angebot annehmen. Viele arbeiten und wohnen an Orten, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nur sehr schwer erreichbar sind, sodass sie auf das Auto angewiesen sind. Ohne einen Ausbau des Streckennetztes steigen sie nicht auf öffentliche Verkehrsmittel um, auch wenn diese kostenlos sind. Ein Ausbau des Streckennetzes und eine Erhöhung der Taktfrequenz bedeuten jedoch hohe Investitionen in diesem Bereich. Fahrrad fahren und zu Fuß laufen darf nicht unter dem kostenlosen ÖPNV leiden

Theorie vs. Praxis

Auch der gewünschte Effekt des erhöhten Umweltverbundes durch Umsteiger vom MIV auf den ÖPNV ist nicht sicher. Eine geringere Umweltbelastung durch die freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln ist nur dann gegeben, wenn Verkehrsteilnehmer des MIV zum ÖPNV wechseln. Nicht aber, wenn es innerhalb des Umweltverbundes einen Wechsel gibt, also von Fahrradfahrern und Fußgängern zum ÖPNV. Denn Fahrrad fahren und zu Fuß laufen bleiben das umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel. Die Verkehrsteilnehmer, die aufgrund ihres Wohnortes oder Arbeitsplatzes auf ihr Auto angewiesen sind, werden nicht auf öffentliche Verkehrsteilnehmer umsteigen, nur weil sie kostenlos sind. Stattdessen steigen Fußgänger und Fahrradfahrer auf öffentliche Verkehrsmittel um, die sowohl zu Fuß oder mit dem Fahrrad, als auch mit dem ÖPNV ihre Wege zurücklegen können, sodass es zu einer internen Verschiebung im Umweltverbund kommt, die eine höhere Umweltbelastung bewirkt. Damit nicht insgesamt mehr Verkehrsteilnehmer den ÖPNV nutzen, ohne dass gleichzeitig weniger den MIV nutzen, müssen das Streckennetz ausgebaut und die Taktfrequenz der Verkehrsmittel so erhöht werden, dass auch Verkehrsteilnehmer des MIV auf den ÖPNV umsteigen. Denn nur die kostenlose Nutzung ist für viele kein ausreichendes Argument umzusteigen.

Keine Anreize für die Verkehrsunternehmen

Die Tarifeinnahmen des ÖPNV sind nicht kostendeckend, weswegen eine Subventionierung des ÖPNV ohnehin schon notwendig ist. Bei einer freien Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, nehmen die Verkehrsunternehmen dann gar kein Geld durch Tarifeinnahmen ein und die Subventionen müssen alle Kosten des ÖPNV decken. Es bestehen keine Anreize die Kosten zu minimieren, sodass eine konstante Kostenausweitung stattfindet, die Ineffizienten und Überkapazitäten zur Folge hat.

Fazit:

Der Vorschlag der Politik, die öffentlichen Verkehrsmittel in einigen deutschen Modellstädten kostenlos anzubieten, um das europäische Klimaziel bis 2030 rechtzeitig zu erreichen hat Vor- und Nachteile. Ob die Erreichung des Klimaziels mit Hilfe von kostenlosem ÖPNV möglich ist bleibt fraglich. Wirtschaftlich gesehen, ist ein kostenloser ÖPNV ineffizient. Trotzdem funktioniert die freie Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln in anderen Städten bereits sehr gut, etwa in der estnischen Stadt Tallinn. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der Urbanisierung muss jedoch, neben Aspekten der Wirtschaftlichkeit, vor allem auf Umweltaspekte Rücksicht genommen werden. Wenn die freie Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel auch nur die geringste Verringerung der Umweltbelastung bewirkt, dann ist es dennoch ein Schritt in die richtige Richtung, wenn es darum geht die Zukunft unserer Städte zu überdenken, unsere Welt nachhaltiger zu gestalten und dem Klimawandel entgegenzuwirken.

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