Oikocredit fördert seit über 40 Jahren solidarisches Wirtschaften
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Oikocredit fördert seit über 40 Jahren solidarisches Wirtschaften

INTERVIEW | „Im Zeitalter der Globalisierung wollen Anleger Verantwortung übernehmen für ein faires und solidarisches Wirtschaften zum Wohle aller. Transparenz, Seriosität und Verlässlichkeit sind Menschen zunehmend wichtiger als schneller Gewinn. Es ist damit zu rechnen, dass der Markt für ethische Geldanlagen weiterwachsen wird.“ Dr. Imke Schulte, Pressereferentin von Oikocredit.

INTERVIEW | „Im Zeitalter der Globalisierung wollen Anleger Verantwortung übernehmen für ein faires und solidarisches Wirtschaften zum Wohle aller. Transparenz, Seriosität und Verlässlichkeit sind Menschen zunehmend wichtiger als schneller Gewinn. Es ist damit zu rechnen, dass der Markt für ethische Geldanlagen weiterwachsen wird.“ Dr. Imke Schulte, Pressereferentin von Oikocredit.

05.05.2017

LifeVERDE: Frau Dr. Schulte, wann und aus welcher Motivation heraus wurde die Genossenschaft Oikocredit gegründet?

Imke Schulte: Oikocredit wurde 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet. Einige politisch engagierte Mitglieder forderten, dass Kirchen und kirchennahe Organisationen durch ihre Investitionen zum Frieden beitragen und weltweit soziale Gerechtigkeit fördern sollten. Hintergrund waren unter anderem der Vietnamkrieg und das Apartheidsregime in Südafrika. Seit den 1960er Jahren gab es laute öffentliche Kritik an Banken, die mit Kriegen und Unrechtsregimes Geschäfte machten. Gefordert wurden alternative Anlagemöglichkeiten, Geld sollte etwas Gutes bewirken. Aus dieser sozialen Bewegung heraus ist Oikocredit als internationale Genossenschaft entstanden.

Zur Zeit der Gründung von Oikocredit war das Prinzip der nachhaltigen Geldanlage noch etwas Neues. Oikocredit gilt als einer der Pioniere in diesem Bereich und verfolgt bis heute das Ziel, als Sozialinvestor eine gerechte, partizipatorische und zukunftsfähige Gesellschaft zu fördern.

Wer kann Geld bei Ihnen anlegen?

Das Kapital stammt von Privatanlegerinnen und -anlegern sowie Organisationen, denen bei ihrer Geldanlage ethische Werte wichtig sind. Neben Kirchen und anderen institutionellen Anlegern, wie etwa Stiftungen, legen vor allem Privatpersonen bei Oikocredit an. An der internationalen Genossenschaft sind mittlerweile weltweit über 54.000 Menschen und Organisationen beteiligt. Knapp die Hälfte der Anlegerschaft kommt aus Deutschland. Eine Geldanlage über einen der acht deutschen Oikocredit-Förderkreise ist schon ab 200 Euro möglich. So können insbesondere auch Menschen nachhaltig investieren, die nicht über große Rücklagen verfügen, aber mit ihrem Geld etwas bewegen wollen.

Was passiert mit dem Geld? In welche konkreten Projekte fließt es mit ein?

Mit dem angelegten Geld vergibt Oikocredit Kredite und Kapitalbeteiligungen an sozial orientierte Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Das sind unter anderem Mikrofinanzinstitutionen, landwirtschaftliche Genossenschaften oder Anbieter für erneuerbare Energien. Diese Partner schaffen Arbeitsplätze, kurbeln die lokale Wirtschaft an und fördern wirtschaftliche und soziale Entwicklung. 

Neben Finanzierungen bietet Oikocredit ihren Partnern auch Schulungen an und berät sie mit lokalen Fachkräften. Möglich macht das ein weltweites Oikocredit-Netzwerk mit über 30 Länder- und Regionalbüros. So stellen wir sicher, dass die Finanzierungen den jeweiligen Bedürfnissen der Menschen vor Ort entsprechen.

Oikocredit finanziert über 800 Partnerorganisationen in 71 Ländern im globalen Süden. Konkrete Beispiele sind etwa eine Mikrofinanzbank auf den Philippinen, die Frauen mit Krediten zu fairen Konditionen versorgt und ihnen den Weg in die Selbstständigkeit ermöglicht. Oder eine kleinbäuerliche Kooperative in Ecuador, deren Mitglieder bio-fairen Kaffee produzieren. Oder ein Fischereiunternehmen in Sambia, das in nachhaltiger Aquakultur Buntbarsche für den heimischen Markt produziert, so importierten Tiefkühlfisch aus China ersetzt und zur lokalen Ernährungssicherheit beiträgt.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie aktuell und wie wird es sich Ihrer Meinung nach in Zukunft mit ethischen Geldanlagen verhalten?

Die Nachfrage im Bereich der ethischen Geldanlage wächst kontinuierlich. Das zeigt auch die Entwicklung von Oikocredit. Die Bilanzsumme der Genossenschaft betrug 2007 421,5 Millionen Euro und ist bis Ende 2016 auf über 1,2 Milliarden Euro angestiegen.

Die Finanzkrise hat zu einem großen Vertrauensverlust in den Bankensektor geführt. Gleichzeitig legen immer mehr Anlegerinnen und Anleger Wert darauf, mit ihrem Geld etwas Positives in der Welt zu bewirken. Sie möchten nicht in spekulative Finanzgeschäfte, in Rüstungsunternehmen oder in Raubbau an der Umwelt investieren. Im Zeitalter der Globalisierung wollen sie Verantwortung übernehmen für ein faires und solidarisches Wirtschaften zum Wohle aller. Transparenz, Seriosität und Verlässlichkeit sind Menschen zunehmend wichtiger als schneller Gewinn. Es ist damit zu rechnen, dass der Markt für ethische Geldanlagen weiterwachsen wird. Das bedeutet für uns zugleich Chancen wie Herausforderungen.

Neben zunehmendem Wettbewerb stellt auch das Niedrigzinsumfeld eine Herausforderung für unsere Arbeit dar. Die Genossenschaft setzt strategisch auf Innovation und Diversifizierung, etwa in die Sektoren Landwirtschaft und Erneuerbare Energien. In diesen Bereichen gibt es nach wie vor hohen Finanzierungsbedarf. Oikocredit achtet darauf, die richtige Balance zu wahren zwischen sozialen, ökologischen und finanziellen Erträgen, damit das Kapital der Anlegerinnen und Anleger nachhaltige positive Wirkungen erzielt.

Auf welche Bereiche und Themen haben Sie sich spezialisiert?

Das Inklusive Finanzwesen ist der größte Investitionsschwerpunkt von Oikocredit. Dazu gehören Mikrofinanzinstitutionen, die Kleinkredite an wirtschaftlich benachteiligte Menschen vergeben, ebenso wie Banken, die kleine und mittlere Unternehmen fördern.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Landwirtschaft. Oikocredit stellt landwirtschaftlichen Unternehmen wie kleinbäuerlichen Genossenschaften und Fairhandelsbetrieben Kapital zur Verfügung und bietet zudem Beratung und Schulungen durch lokale Fachkräfte an.

Erneuerbare Energien sind im Anlageportfolio von Oikocredit ein stark wachsendes Segment. Finanziert werden sowohl kleine, netzferne Anlagen, die einkommensschwache Haushalte mit sauberem Strom versorgen, als auch größere Anlagen, die Strom ins Netz einspeisen, um die Abhängigkeit der Entwicklungs- und Schwellenländer vom Import umweltschädlicher, gesundheitsschädigender und teurer fossiler Brennstoffe zu reduzieren. Weltweit leben 1,2 Milliarden Menschen ohne Stromanschluss. Der Zugang zu Energie ist eine wesentliche Säule für nachhaltige Entwicklung.

Eine der Fokusregionen von Oikocredit ist Afrika. Der Kontinent verzeichnet ein starkes Bevölkerungswachstum und einen zunehmenden Bedarf an Investitionen – besonders in der Landwirtschaft, im Finanzsektor und im Bereich Erneuerbare Energien. Ein Beispiel für eine afrikanische Oikocredit-Partnerorganisation ist PEG Africa. Das Unternehmen versorgt Haushalte in Westafrika mit Heimsolaranlagen, die sie in Raten finanzieren können. So bekommen Menschen selbst in abgelegenen ländlichen Gegenden Zugang zu bezahlbarem Strom.

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