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Ein Interview mit Prof. Dr. Faltin, Initiator des Entrepreneurship Summit an der FU Berlin und Gründer der Teekampagne.

Ein Interview mit Prof. Dr. Faltin, Initiator des Entrepreneurship Summit an der FU Berlin und Gründer der Teekampagne.

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UMWELTHAUPTSTADT.de: Herr Prof. Dr. Faltin, seit 2001 richten Sie den Entrepreneurship Summit an der FU Berlin aus. Wie hat sich der Summit seitdem entwickelt und worüber haben Sie sich dieses Jahr am meisten gefreut?

PROF. DR. GÜNTER FALTIN:
Die Stiftung Entrepreneurship, die ich gemeinsam mit meinem Kollegen Dietrich Winterhager 2001 ins Leben rief, führt seit Beginn an jährlich eine Großveranstaltung zum Thema Entrepreneurship durch. Im Jahr 2008, als Prof. Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis für Entrepreneurship bekam und bei unserem Summit die Keynote hielt, stellte uns die Freie Universität Berlin zum ersten Mal den Henry-Ford-Bau zur Verfügung. Mit Yunus und dem Erfolg meines Buches „Kopf schlägt Kapital“ stieg die Teilnehmerzahl damals sprunghaft auf rund 1000 an. Wir erweiterten die Veranstaltung daraufhin auf zwei Tage und es kamen noch mehr Besucher – bis zu 1500 Teilnehmer täglich

In diesem Jahr freue ich mich besonders, dass wir mit 1700 Teilnehmern einen neuen Besucherrekord aufgestellt haben. Ich bin glücklich darüber, dass das Thema Entrepreneurship endlich so viel Begeisterung auslöst, wie es verdient.

Sie sind nicht "nur" Professor und Volkswirt sondern auch ein erfolgreicher Unternehmer, nämlich der Gründer der Teekampagne. Wo steckt mehr Ihr Herzblut drin, im wissenschaftlichen Arbeiten oder in der Unternehmer-Rolle?

Schon auf der Schule las ich gern von Henry Ford, Andrew Carnegie oder Joseph Schumpeter. Nicht als Unterrichtsstoff, sondern unter der Bank. Klar, dass ich Ökonomie studierte. Zu meiner Überraschung erwies sich das Gebiet, das mir als so interessant und spannend erschien, an der Universität als trocken und langweilig. Nun kommt es ja im Leben nicht selten vor, dass jemand gerade in den Bereich berufen wird, den er vorher scharf kritisiert hat. Als ich einen Ruf als Hochschullehrer erhielt, schwor ich mir, Ökonomie anders zu lehren. Wie besser könnte man dies tun, als am Beispiel einer Unternehmensgründung? Am Anfang stand nur der Wunsch, universitäre Lehre und unternehmerische Praxis zu verbinden. Ich wäre nicht Hochschullehrer geblieben, läge mir das Thema Entrepreneurship nicht am Herzen. Aber der Praxisbezug blieb: In meinem Umfeld sind inzwischen eine ganze Reihe neuer Unternehmen entstanden. Es sind Start-ups, die versuchen, auf ein Ideenkonzept zu bauen, statt der herrschenden Lehre zu folgen. Sie starten mit einfachen, aber durchdachten, ausgearbeiteten Ideen, die nur relativ geringe finanzielle Mittel erfordern. Sie gehen arbeitsteilig vor, setzen das unternehmerische Konzept möglichst aus bereits vorhandenen Komponenten zusammen.

Nach Angaben des Tea Board of India ist die Teekampagne der weltweit größte Importeur von Darjeeling-Blatttees. Was waren für Sie die wichtigsten Meilensteine und Entscheidungen für den nachhaltigen Erfolg der Teekampagne?

Ich glaube, dass man den Erfolg der Teekampagne damit zusammenfassen kann, dass wir das Kunststück fertig bringen, alles auf einmal zu leisten: hohe Qualität, deutlich niedrigere Preise als der etablierte Handel, systematische und aufwendige Rückstandskontrollen, zusätzliche Mittel für das Erzeugerland, und trotzdem Überschüsse zu erzielen, die im Unternehmen bleiben und einen Großteil der Finanzierung des Wachstums des Unternehmens darstellen.

2012 erhält die Teekampagne den CAI-Preis der IHK Potsdam in der Kategorie Nachhaltigkeit. Was bedeutet Nachhaltigkeit für Ihr Unternehmen?

Nachhaltigkeit bedeutet für uns, Verantwortung zu übernehmen. Denn dauerhafte Qualität ist nur auf Basis einer nachhaltigen Entwicklung möglich. Dringend notwendig ist insbesondere der Baumbestand, der die zunehmende Bodenerosion an den steilen Berghängen Darjeelings verhindert. Daher investieren wir in das Wiederaufforstungsprojekt „Save the Environment & Regenerate Vital Employment“ in Darjeeling, das wir 1992 initiiert haben und seitdem mit umfangreichen Mitteln finanzieren. Es wird vor Ort vom WWF durchgeführt.

Für Ihre Leistung als Pionier des Entrepreneurship-Gedankens wurde Ihnen vom Bundespräsidenten Christian Wulff der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Wie ist es um das Deutsche Unternehmertum Ihrer Meinung nach bestellt und welche Länder könnten Deutschland als Vorbild dienen?

Ich glaube, dass wir gar nicht so sehr auf andere Länder zu schielen brauchen. Auch wenn die USA häufig als Vorbild genannt werden, können wir hier in Deutschland– und zwar ganz unserer europäischen Kultur entsprechend – einiges tun, um das Feld des Unternehmerischen attraktiver zu machen. Wir müssen wegkommen von der bloßen Einübung in Administration, hin zu den Ideen, Wünschen und Leidenschaften. Wir brauchen eine „Culture of Entrepreneurship“, aber sie entsteht nicht durch Bürokratie und dem Wust der Richtlinien dazu. Was wirklich helfen würde: Gründer beim Start von bürokratischen Auflagen freizustellen. Einmal im Leben sollte man Menschen die Chance geben, für eine begrenzte Zeit unternehmerisch zu experimentieren, und Gründer von zu vielen Auflagen und bürokratischen Hindernissen befreien. Sie sind oft der Grund, warum verheißungsvolle Konzepte und durchaus vorhandenes Engagement bereits im Keim erstickt werden Würde man den Gründern ein Jahr Bürokratiefreiheit gewähren, statt immer nur von Garagengründungen zu sprechen, wäre viel gewonnen. Dazu ist es nicht nötig, Gesetze außer Kraft zu setzen. Es würde genügen, eine Regelung zu finden, die diese Zeit auf ein Jahr begrenzt. Dies hätte den Vorteil, dass der Gründer, gerade zu Beginn seiner Gründung, einen größeren Freiraum erhält, an seinem Konzept zu feilen und es weiter zu verbessern. Es ist dies ein Aspekt, der in der deutschen Gründerberatung - die vor allem auf BWL für Gründer setzt - zu kurz kommt, der aber entscheidend ist, um die Chancen für ein Überleben der Gründungen deutlich zu verbessern.

Ihr Enthusiasmus, sich an jungen Unternehmen zu beteiligen, scheint ungebremst - 2013 sind Sie Businessangel der Waschkampagne geworden. Was macht die Waschkampagne und warum haben Sie sich für eine Beteiligung entschieden?

Herkömmliche Waschmittel halten nur eine einzige Mischung bereit, egal ob Sie weiches oder hartes Wasser haben. Da zum Waschen aber weiches Wasser benötigt wird, ist allen Waschmitteln Enthärter beigefügt. Je härter das Wasser ist, umso mehr Pulver muss also verwendet werden, um ausreichend Enthärter bereitzustellen. Dabei würde es völlig ausreichen, nur die Menge des Enthärters zu erhöhen. Weil aber herkömmliche Waschmittel hier nicht differenzieren, dosiert der Verbraucher automatisch auch das Pulver zum Waschen zu hoch, obwohl es nicht gebraucht wird. Viele der Tenside, also die waschaktiven Substanzen, landen damit ungenutzt im Ausguss. Das Waschmittel der Waschkampagne stimmt die Menge des Enthärters auf den jeweiligen Härtegrad des Wassers ab. Das spart bis zu 41% der Tenside. Außerdem verzichtet die Waschkampagne auf Zusätze wie Füll-oder Duftstoffe und auf teure Werbung. Das Waschmittel passt! gibt es nur im Vorratskarton und nur im Internet.

Für mich ist die Waschkampagne ein Beispiel dafür, wie Ökonomie sein sollte. Deswegen habe ich mich entschieden, dem Gründer als Business Angel zur Seite zu stehen.

Können Sie schon etwas über den Entrepreneurship Summit im nächsten Jahr sagen, wird es irgendwelche Neuerungen oder Konzepterweiterungen geben?

Wir sagen: Jeder hat das Potenzial zum Gründer. Daher werden wir auch weiterhin darauf achten, ein möglichst breites Spektrum von Themen abzudecken. Allerdings wird es im kommenden Jahr einen kleinen Schwerpunkt zum Thema „Ökologie“ geben. Dr. Maritta Koch-Weser und Gunter Pauli haben ihr Kommen schon zugesagt, mit Harald Welzer und Niko Paech sind wir im Gespräch. Selbstverständlich werden die Komplexe „Idea Development“ und „Gründen mit Komponenten“ nicht zu kurz kommen. Auch wollen wir die partizipativen Elemente wie Workshops stärker ausbauen.

www.entrepreneurship.de/summit/

 



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