Nachhaltigkeit in Unternehmen
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Nachhaltigkeit in Unternehmen

INTERVIEW | Wir haben Frau Wyss Bisang, Chief Sustainable Supply Chain Officer und Vorsitzende des ISEAL Alliance Board of Directors gefragt: Wie erkennt der Konsument, welche Unternehmen wirklich nachhaltig arbeiten und welchen Zertifizierungen kann man trauen? Und wie werden sich die Unternehmen im Sinne der Nachhaltigkeit verändern müssen?

INTERVIEW | Wir haben Frau Wyss Bisang, Chief Sustainable Supply Chain Officer und Vorsitzende des ISEAL Alliance Board of Directors gefragt: Wie erkennt der Konsument, welche Unternehmen wirklich nachhaltig arbeiten und welchen Zertifizierungen kann man trauen? Und wie werden sich die Unternehmen im Sinne der Nachhaltigkeit verändern müssen?

23.04.2018 - Das Interview führte Gessica Mirra

LifeVERDE: Frau Wyss Bisang, Sie sind Chief Sustainable Supply Chain Officer und Vorsitzende des ISEAL Alliance Board of Directors. Was sind Ihre Aufgaben?

Britta Wyss Bisang: In meiner Rolle als Chief Sustainable Supply Chain Officer verantworte ich bei der Rainforest Alliance die Entwicklung der Nachhaltigkeitsstandards. Darüber hinaus fallen die Qualitätssicherung des Programms sowie unsere vielen Partnerschaften mit anderen Institutionen und Organisationen in meinen Aufgabenbereich. Außerdem stehe ich in regem Austausch mit dem Team, das für das Monitoring und die Evaluierung unserer Programme zuständig ist. Bei der ISEAL Alliance koordiniere ich als Vorsitzende des Board of Directors die Aufgaben des Vorstands. Als weltweit agierende Dachorganisation legt die ISEAL strenge Regeln für die Entwicklung eines Standards fest. In diesem Rahmen widmen wir uns auch den gemeinsamen Herausforderungen der Nachhaltigkeit, zum Beispiel der Frage nach existenzsichernden Löhnen für Arbeiter.

Nachhaltigkeit hat eindeutig an Bedeutung gewonnen. Die Verbraucher gehen heute bewusster einkaufen. Wie fordert das die Unternehmen zum Umdenken? Vor welchen Herausforderungen stehen die Unternehmen damit nun?

Das stimmt, das Thema Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren auf der Agenda der Verbraucher weiter nach oben gerückt. In den größten Industriestaaten der Welt erwarten mittlerweile 91 Prozent der Verbraucher, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen und soziale und umweltbedingte Probleme angehen. Das macht jede Kaufentscheidung auch zu einem Votum für oder gegen ein Unternehmen und dessen Produkte.

Erfreulicherweise sehen wir, dass bei vielen Unternehmen ein Umdenken eingesetzt hat. Sie erkennen zunehmend, dass nicht nur ausschließlich der Profit, sondern auch Menschenrechte und eine nachhaltige Umwelt zentrale Bestandteile des Systems sein müssen. So nutzen immer mehr Unternehmen zum Beispiel das 2015 beschlossene Pariser Klimaschutzabkommen und die Sustainable Development Goals (SDGs) der UN als Maßstab für ihre Arbeit. Aber nach wie vor ist noch einiges zu tun. Vielen Unternehmen ist zum Beispiel oftmals unklar, welche Werkzeuge sie zur Erreichung ihrer anvisierten Nachhaltigkeitsresultate nutzen können oder wie sie diese Werkzeuge am effektivsten einsetzen können.

Wie werden sich die Unternehmen von morgen verändert haben (müssen)?

Unternehmen können viel tun, um ihre Nachhaltigkeitsziele in die Tat umzusetzen. Ein gemeinsamer Report des WWF und der ISEAL Alliance zeigt zum Beispiel, dass Nachhaltigkeitsstandards dabei helfen, die Umsetzung vieler SDGs voranzutreiben. Mittlerweile schließen sich daher viele Unternehmen Programmen für eine zertifizierte Rohstoffbeschaffung an und mehrere von ihnen beziehen bereits zu 100 Prozent zertifizierte Rohstoffe. Außerdem wird das Thema Nachhaltigkeit zunehmend eine Frage der Rechtspflicht. Das zeigen unter anderem Beispiele aus Großbritannien, den USA oder Frankreich. Dort müssen Unternehmen bereits vermehrt Rechenschaft über ihre Nachhaltigkeitsbemühungen ablegen.

Es ist demnach auch entscheidend, die Unternehmensfortschritte im Bereich Nachhaltigkeit messen zu können. Eine Möglichkeit hierzu bietet das Accountability Framework – eine Initiative, die sich aus einer Koalition führender Umwelt- und Sozialorganisationen, einschließlich der Rainforest Alliance, entwickelt hat.

Wie kommunizieren Unternehmen erfolgreich ihr Bemühen um Nachhaltigkeit und woran erkenne ich das als Konsument?

Nachhaltigkeit ist ein Trend und kann unbedingt zur Kundenbindung eingesetzt werden – die (potenziellen) Kunden müssen aber auch davon erfahren. Neben Maßnahmen wie on-pack labeling sind spezifische Marketingmaterialien wie Logos oder Aufsteller sinnvoll, damit Unternehmen die Konsumenten über ihr Engagement informieren können. Daneben haben sie die technischen Mittel und ihre Kommunikationskanäle einschließlich Marketing, PR und Social Media, über die sich die interessierten Verbraucher informieren können.

Im Vergleich zu konventionellen Produkten können Unternehmen bei zertifizierten Produkten einfacher darlegen, woher sie stammen und wie sie hergestellt werden. So ermöglicht eine Zertifizierung den Verbrauchern durch Einsichten in die Lieferketten einen Blick hinter die Kulissen und trägt zu mehr Glaubwürdigkeit bei.

Trotzdem gibt es noch genug Unternehmen, die einfach nur versprechen und nicht halten. Welchen Zertifizierungen kann man, Ihrer Meinung nach, in welchem Bereich, vertrauen?

In der Tat gibt es nach wie vor eine Vielzahl an Herausforderungen, die es zu lösen gilt. Um Problemen wie Entwaldung, Klimawandel, systemischer Armut und sozialer Ungleichbehandlung zu begegnen, bedarf es der Zusammenarbeit aller Beteiligten in der Lieferkette. Außerdem kann kein Label eine hundertprozentige Nachhaltigkeitsgarantie leisten, da kein funktionsfähiges und weltweit agierendes System jeden Produzenten an 24 Stunden pro Tag und an 365 Tagen pro Jahr überwachen kann.

Zertifizierungen müssen daher permanent weiterentwickelt und verbessert werden. Mit der ISEAL Alliance arbeiten wir kontinuierlich daran, hierfür einen für alle verbindlichen und verlässlichen Rahmen zu schaffen. Neben der Rainforest Alliance und UTZ gehören zu den Labels, die diesen Anforderungen entsprechen, unter anderem die Better Cotton Initiative (BCI), das Marine Stewardship Council (MSC) oder das Responsible Jewellery Council (RJC). Ich würde als Konsumentin außerdem darauf achten, dass ein Unternehmen transparent agiert. Denn nur Transparenz ermöglicht es, die oftmals komplexen Strukturen innerhalb der sich diversifizierenden Lieferketten zu verstehen. Und nur ein transparentes System kann in meinen Augen ein vertrauenswürdiges System sein.

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