Nachhaltiger Fischfang: Das MSCZertifizierungsprogramm für Fischereien und Unternehmen
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Nachhaltiger Fischfang: Das MSC-Zertifizierungsprogramm für Fischereien und Unternehmen

INTERVIEW | Der Marine Stewardship Council (MSC) vergibt Zertifizierungen für nachhaltigen Fischfang an Fischereien und Unternehmen. Im Interview mit dem MSC fragten wir, wie der MSC mit Kritik am Zertifikat, dem Fang auf Thunfisch und dem Thema Nachhaltigkeit insgesamt umgeht.

INTERVIEW | Der Marine Stewardship Council (MSC) vergibt Zertifizierungen für nachhaltigen Fischfang an Fischereien und Unternehmen. Im Interview mit dem MSC fragten wir, wie der MSC mit Kritik am Zertifikat, dem Fang auf Thunfisch und dem Thema Nachhaltigkeit insgesamt umgeht.

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07.05.2018 - Das Interview führte Marcus Noack

LifeVERDE: Frau Geltinger, was macht der Marine Stewardship Council, kurz MSC?

GERLINDE GELTINGER: Der MSC wurde 1997 ins Leben gerufen, um eine Lösung für das globale Problem der Überfischung zu bieten. Wir sind eine gemeinnützige, unabhängige Organisation, die das weltweit anerkannteste  Zertifizierungsprogramm für nachhaltige Fischerei verwaltet. Das heißt, der MSC legt die Kriterien fest, mit denen Fischereien auf Nachhaltigkeit geprüft werden. Unsere Mission ist es, einen Beitrag zu gesunden Weltmeeren zu leisten, indem wir Fischbestände für zukünftige Generationen sichern und marine Lebensräume erhalten.

Was bedeutet Nachhaltigkeit in der Fischerei für den MSC?

Nachhaltige Fischerei bedeutet für uns, dass Fanggeräte umweltverträglich eingesetzt und Fischbestände verantwortungsvoll genutzt werden. Ob eine Fischerei den MSC-Kriterien gerecht wird, prüfen unabhängige Gutachter. Das macht Bewertungen nach MSC-Standard objektiv und glaubwürdig.

Der MSC zertifiziert sowohl die Fischerein als auch die Unternehmen. Welchen Vorteil haben beide Seiten durch die Zertifizerung und wie überprüfen Sie die Einhaltung Ihrer Kriterien?

Richtig, der MSC hat zwei Standards. Der MSC-Umweltstandard definiert die Kriterien für nachhaltige Fischereien,  die gemeinsam mit über 300 Experten aus Wissenschaft, Fischerei und Umweltschutz entwickelt wurden und regelmäßig weiter entwickelt werden.

Damit Verbraucher sicher sein können, dass dort wo MSC drauf steht auch MSC drin ist, hat der MSC auch einen Standard für die Zertifizierung von Unternehmen der Lieferkette entwickelt. Jeder Händler, der mit unverpackten zertifizierten Fisch in Kontakt kommt und MSC-gekennzeichnete Ware anbieten möchte, muss nach MSC-Rückverfolgbarkeitsstandard zertifiziert sein. Dadurch sind Produkte mit MSC-Siegel von der Fischerei bis zum Geschäft lückenlos rückverfolgbar.

Das MSC-Zertifikat einer Fischerei gilt für fünf Jahre, das Zertifikat für Unternehmen der Lieferkette für drei Jahre. Einmal pro Jahr gibt es Nachfolgeprüfungen, um sicherzustellen, dass die Fischerei bzw. das Unternehmen den MSC-Anforderungen noch gerecht wird. Je nach Risikolage kann der Zertifizierer die Kontrollhäufigkeit erhöhen. Ich denke, wir haben ein sehr gutes Kontrollsystem entwickelt, doch wir arbeiten kontinuierlich daran, es zu perfektionieren. Z.B. führen wir DNA-Tests durch, um zu prüfen, ob tatsächlich jener Fisch enthalten ist, der deklariert wurde.

Eine MSC-Zertifizierung ist freiwillig. Die Frage nach den Vorteilen einer Zertifizierung ist also durchaus berechtigt. Eine MSC-Zertifizierung bringt den Fischern vielseitige Vorteile: Einige berichten etwa, dass sie aufgrund des MSC-Zertifikats höhere Erzeugerpreise für ihren Fang bekommen. Anderen hat die Zertifizierung dabei geholfen, Kunden langfristig zu binden, neue Absatzmärkte zu erschließen oder Arbeitsplätze zu sichern. In Südafrika hat die Zertifizierung der Kap-Seehechtfischerei z.B. indirekt dazu beigetragen, rund 12.000 Arbeitsplätze im Fischereisektor und den abhängigen Wirtschaftszweigen zu sichern.

Auf Handelsseite geht die Bewertung der Nachhaltigkeit von Fischereien oft über die traditionellen Aktivitäten von Unternehmen hinaus. Ihnen fehlt meist die nötige spezifische Fachkenntnis und sie sind deshalb auf spezialisierte Anbieter von Nachhaltigkeitsnachweisen angewiesen. Das MSC-Siegel trägt also nicht nur zu einem zukunftsfähigen Wandel der Fischindustrie bei, sondern gibt Unternehmen und ihren Kunden auch Sicherheit in der Beschaffung.

In der letzten Zeit sind Sie erneut für Ihre Zertifizierung bei Thunfisch in die Kritik geraten. Der Vorwurf seitens des Umweltschutzes und der ARD im Rahmen der Dokumentation „Das Geschäft mit dem Fischsiegel – Die dunkle Seite des MSC“ lautet, dass tausende Delfine bei der Jagd auf Thunfisch als Beifang sterben und der MSC dies billigend in Kauf nimmt, indem trotz des massenhaften Delfin-Sterbens die Zertifikate ausgestellt werden. Wie sieht hierzu Ihre akutelle Stellungnahme aus?

Zunächst möchte ich richtig stellen: Die Filmaufnahmen des ARD-Films stammen aus den 80er Jahren. Sie sind nicht mehr repräsentativ für diese Fischerei. Sie hat ihre Delfinsterblichkeit auf dem langen Weg zur MSC- Zertifizierung um mehr als 99% gesenkt. Kurz zum Hintergrund: Im Ostpazifischen Ozean schwimmen Thunfisch-Schwärme häufig gemeinsam mit Delfin-Schulen. Fischer dieser Gegend nutzen daher die leicht sichtbaren Delfine, um die Thunfische zu finden und zu fangen. Das führte in den 1980er Jahren zu dramatisch hohen Beifängen. Aber in den letzten 20 Jahren ist erfreulicherweise viel passiert. Die mexikanische Thunfischfischerei hat ihre Fangtechniken und ihr Fanggerät massiv verändert, um die fischereibedingte Delfinsterblichkeit zu senken. Sie setzt heute unter anderem bei jeder einzelnen Fangfahrt Taucher ein, um sämtliche Netze unter Wasser zu begleiten und Delfine, die möglicherweise darin gefangen sind, zu befreien. Seit 1999 gilt für die Fischer in dieser Region ein strenges Delfinschutzprogramm. Es legt bindende Maßnahmen zur Reduzierung von Delfinbeifang in der Thunfischfischerei fest und kontrolliert deren Umsetzung. An Bord jedes Fangschiffes müssen immer unabhängige Beobachter mitfahren und die Einhaltung der Schutzmaßnahmen überwachen und dokumentieren. Bei 95,5% Prozent der Fangfahrten wird heute nicht ein einziger Delfin getötet oder verletzt.

Der Thunfisch ist seit Jahren stark gefährdet und vom Aussterben bedroht. Das Delfine beim Fang auf Thunfisch sterben geben selbst Sie zu. Wie kann also die Thunfisch-Fischerei überhaupt nachhaltig sein?

Hier darf man nicht Pauschalisieren. Die Situation ist komplex. Fast jede Fischart kommt in mehreren Beständen vor. So auch der Thunfisch. Den gibt es nicht nur in verschiedenen Bestände, sondern noch dazu in mehreren Arten. Die International Seafood Sustainability Foundation unterscheidet für die fünf wichtigsten kommerziellen Thunfischarten 23 Bestände: sechs für Weißen Thunfisch, fünf für Echten Bonito, vier für Großaugenthunfisch, vier für Roten Thunfisch, und vier für Gelbflossen-Thunfisch. Zweifellos sind viele Thunfischbestände überfischt. Andere aber sind gesund oder erholen sich dank eines nachhaltigen Fischereimanagements. Für die Diskussion um die Übernutzung von Fischarten ist es also essentiell wichtig, einzelne Bestände zu betrachten.

Thunfischfischereien können also, wie jede andere Fischerei auch, nachhaltig arbeiten. Jede der derzeit 24 MSC-zertifizierten Thunfischfischereien hat in einer aufwändigen Prüfung bewiesen, dass der befischte Thunfischbestand gesund ist, und der anfallende Beifang keine negativen Auswirkungen auf die beigefangene Art hat. So auch die mexikanische Thunfischfischerei. Nichtsdestotrotz ist – auch wenn die Höhe des Delfinbeifangs der Art nicht schadet - jeder einzelne getötete Delfin natürlich bedauerlich. Die Fischerei musste sich verpflichten, ihren Delfinbeifang weiter gegen Null zu senken. Im Rahmen ihrer MSC-Zertifizierung wird dies jährlich überprüft. Erfüllt die Fischerei ihre Auflage nicht, wird das MSC-Zertifikat suspendiert.

Inwieweit möchten Sie den Konsumenten in die Pflicht nehmen auch auf Nachhaltigkeit zu achten und welche Konsum-Tipps können Sie geben, um verantwortungsbewusst einzukaufen?

Fischbestände sind produktiv und die Meere haben grundsätzlich das Potenzial, Milliarden von Menschen zu ernähren – vorausgesetzt, wir gehen verantwortungsvoll mit ihnen um. Ein großer Teil der Verantwortung liegt dabei bei uns Verbrauchern: Mit unserer Kaufentscheidung beeinflussen wir, was der Handel beschafft und wie der Handel sein Sortiment gestaltet. Je größer die Nachfrage nach nachhaltig gefangenem Fisch, desto motivierter sind Fischereien, umweltverträglich zu arbeiten. Mein Tipp: Beim Fischeinkauf auf eine nachhaltige Herkunft achten. So belohnen wir umweltverträglich arbeitende Fischer und tun gleichzeitig etwas gegen die weltweite Überfischung. Fisch aus nachhaltiger Fischerei erkennen Sie am blauen MSC-Siegel.

Was sind Ihre Großthemen in den nächsten Jahren?

Dass heute 12 Prozent der weltweiten Fangmenge MSC-zertifiziert ist,  ist ein großer Erfolg, zeigt aber auch, dass es noch viel zu tun gibt. Das Bewusstsein und die Notwendigkeit für einen nachhaltigen Fischereisektor ist global betrachtet immer noch gering und es bleibt immens viel zu tun. Um auf globalem Level etwas zu verändern, müssen sich noch viel mehr Fischereien dazu verpflichten nachhaltig zu arbeiten.  Unseren Fokus werden wir in den nächsten Jahren auf Regionen und Fischereien richten, die derzeit im MSC-Programm unterrepräsentiert sind, jedoch wichtig für den weltweiten Fischfang sind. Neben Thunfisch und kleinen pelagischen Arten, betrifft dies unter anderem auch Fischereien, die Tintenfisch und Oktopus fangen. Darüber hinaus möchte der MSC Fischereien aus Entwicklungsländern den Zugang zu seinem Programm weiterhin erleichtern. Wir werden darüber hinaus weiterhin in die Effektivität unserer Standards und unserer Prozesse investieren. Nächstes Jahr (2019) steht die Prüfung und Weiterentwicklung des MSC-Umweltstandards an. Das machen wir alle fünf Jahre. Damit stellen wir sicher, dass die MSC-Anforderungen den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie der weltweit anerkannten „Besten Praxis“ im Fischereimanagement entsprechen.

Wie werden Sie zukünftig mit Recherchen wie die der ARD umgehen und was können Sie ändern, um noch transparenter und letzlich nachhaltiger zu arbeiten?

Wir begrüßen eine konstruktive Diskussionen über unser Zertifizierungsprogramm und haben auch Verständnis für das Bedürfnis, bestehende Modelle nachhaltiger Fischerei näher zu untersuchen. In der Tat ist es für den Laien im Detail oft schwer einzuschätzen, ob die Kriterien und Vergabeprozesse eines Siegels sinnvoll und glaubwürdig sind oder nicht. Die Konsumenten verlassen sich daher oft auf das Urteil der Medien und Umweltverbände.

Berichterstattungen wie solche der ARD sind unserer Meinung nach vor allem eine vertane Chance den Verbraucher neutral und transparent über ein so wichtiges Thema zu informieren. Mit einer Reihe irreführender und falscher Aussagen hinterlässt der Film verwirrte und resignierte Verbraucher, die im Zweifel zu nicht-zertifizierter Ware greifen und so mit ihrer Kaufentscheidung unwissentlich die wenigen Fischereien „bestrafen“, die in umweltverträglichere Praktiken investiert haben. Damit ist unserer Meinung nach weder den Meeren, noch dem Verbraucher geholfen.

Seit 1997 haben MSC-zertifizierte Fischereien mehr als 1.200 Verbesserungen bewirkt: Den Schutz von Seevögeln und empfindlichen Ökosystemen, die Reduzierung von Beifang, Bestände, die sich erholen konnten, neue Forschung, mehr Kontrollen und besseres Management. Wir werden die positive Wirkung der MSC-Zertifizierung in Zukunft noch stärker in die Öffentlichkeit kommunizieren und Medienvertreter dazu motivieren, in Sachen „verantwortungsbewusster Fischkonsum“ sachlich und differenziert zu informieren. Natürlich werden wir auch weiterhin in die Weiterentwicklung unserer Standards und Prozesse investieren und so dafür Sorge tragen, dass das MSC-Siegel auch in Zukunft das anerkannteste und strengste Zertifikat für nachhaltige Fischerei bleibt.



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