Das Leben eines Handys und seiner Macher
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Das Leben eines Handys und seiner Macher

THEMENWOCHE FAIRE HANDYS | Julia Nordmann ist Projektleiterin des Forschungsgebiets „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“ am Wuppertal Institut. Im Interview mit LifeVERDE beantwortet Sie Fragen zum Lebenszyklus unserer täglichen Begleiter und gibt praktische Tipps zur Energiesenkung im Alltag.

<p><strong>THEMENWOCHE FAIRE HANDYS</strong> | Julia Nordmann ist Projektleiterin des Forschungsgebiets „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“ am Wuppertal Institut. Im Interview mit LifeVERDE beantwortet Sie Fragen zum Lebenszyklus unserer täglichen Begleiter und gibt praktische Tipps zur Energiesenkung im Alltag.</p>
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02.03.2017 - Bild © Pavlofox, www.pixabay.com

LifeVERDE: Frau Nordmann, wie sieht der Lebenszyklus unserer Handys aus?

Julia Nordmann: Die Lebenszyklusphasen eines Mobiltelefons gehen von der Rohstoffgewinnung einzelner Metalle und Kunststoffe über die Produktion, Nutzung und Entsorgung des Gerätes.  Bei der Rohstoffgewinnung wird die Gewinnung und Herstellung der Grundmaterialien z.B. der Abbau, die Verhüttung und Aufbereitung von Metallen, die Rohölgewinnung sowie die Kunststoffproduktion betrachtet. Auch alle Transporte, die mit den vorherigen Tätigkeiten verbunden sind, werden berücksichtigt. Zu der Produktion gehört die Herstellung der Komponenten, der Zusammenbau des Mobiltelefons, die Herstellung der Verpackung und alle notwendigen Transporte. Mit der Nutzung ist das Telefonieren, SMS schreiben, mobil im Internet surfen, Spiele spielen, Videos ansehen usw. gemeint. Mögliche notwendige Reparaturen fließen auch ein.
Bei der Betrachtung des gesamten Lebenszyklus des Mobiltelefons zeigt sich, dass in der Phase der Rohstoffgewinnung – mit 47 Prozent - der höchste Ressourcenbedarf anfällt und das obwohl einige der Metalle als sogenannte Sekundärmetalle (recycelte Metalle) anteilig angenommen wurden. Zweitwichtigste Phase ist die Nutzung des Mobiltelefons. Sie macht rund 42% des gesamten „ökologischen Rucksacks“ aus. Die Verarbeitung fällt mit 11% weniger ins Gewicht als die Nutzung. Am wenigsten wird in der Entsorgungsphase an Ressourcen aufgewendet (0,1%).  

Wie werden unsere Handys hergestellt? Was ist dabei so gefährlich?

Ein Mobiltelefon besteht aus zahlreichen verschiedenen Materialien wie z.B. Metallen, Kunststoffen, Glas und Keramik. Die Rohstoffe für diese Materialien werden auf der ganzen Welt produziert, wobei sich die Bedingungen, unter denen dies geschieht, von Land zu Land stark unterscheiden. Soziale Probleme treten unter anderem bei der Förderung einiger Metalle in Entwicklungs- und Schwellenländern auf. Während im Metallabbau insgesamt industrieller Bergbau dominiert, wird bei einigen Metallen, wie beispielsweise Tantal, Gold und Zinn, auch ein bedeutender Teil handwerklich von Kleinschürfern gewonnen, z.B. in Zentralafrika oder Asien. Diese Kleinschürfer arbeiten und leben oft unter besonders schwierigen Bedingungen. Sie haben sehr niedrige Einkommen und können von ihren Verdiensten meist nur von Tag zu Tag überleben, wodurch sie keinerlei soziale Sicherheit haben. Die Arbeitsbedingungen in den Minen sind sehr gefährlich, da oft alte, ungesicherte Minen genutzt werden. Häufig kommt es zu Unfällen, aber auch zu Gesundheitsschäden durch Staub, Dämpfe, Überanstrengung, schlechte Belüftung und fehlende Schutzkleidung. Durch Sicherheitsmängel kam es in der Vergangenheit immer wieder es zu schweren und tödlichen Unfällen. Auch Kinderarbeit ist im handwerklichen Metallabbau verbreitet.

Wie sieht es in den Produktionsstätten in Asien aus?

Extrem lange und unregelmäßige Arbeitszeiten sowie regelmäßige Überstunden sind typisch in der Elektronikindustrie. Überstunden werden teilweise erzwungen, teilweise aber auch freiwillig abgeleistet, da die Einkommen so niedrig sind, dass nur durch sehr lange Arbeitszeiten ausreichende Löhne erzielt werden können. Oft werden diese Überstunden aber nicht angemessen bezahlt. Es kommt außerdem zu beträchtlichen Lohnabzügen, zum Beispiel für Verpflegung und Unterkunft in Fabrikschlafsälen, aber auch als Strafen z.B. für Sprechen bei der Arbeit, zu häufiges Aufsuchen der Toiletten oder Zuspätkommen.
In der Elektroindustrie werden in China große Zahlen von Leih- und Zeitarbeitern eingesetzt, deren Arbeitsplatzsicherheit und soziale Absicherung gering ist, denn der Zugang zu Sozialsystemen wie einer Krankenversicherung oder einem Schulplatz für die Kinder besteht in China nur am Geburtsort. Systematische Diskriminierung im Einstellungsverfahren sowie hinsichtlich der Bezahlung gehören zur alltäglichen Praxis. Einstellungsbedingungen beinhalten Kriterien wie Geschlecht, Alter, Körpergröße und etwaige gesundheitliche Beschwerden. Es werden bevorzugt junge Frauen, häufig Wanderarbeiterinnen, eingestellt, da sie die niedrigsten Löhne erhalten.
In der Herstellung von Mobiltelefonen werden zahlreiche toxische Chemikalien verwendet. Die Beschäftigten sind diesen Gefahrenstoffen teilweise schutzlos ausgesetzt, da sie diesbezüglich kein Sicherheitstraining oder angemessene Schutzvorrichtungen erhalten. Folgen des häufigen Chemikalienkontakts können z.B. Krebs, Atemwegserkrankungen, Hautirritationen, Leberschäden, Fehlgeburten und Schädigungen ungeborener Kinder sein. Auch weitere Produktionsbedingungen wie monotone Bewegungsabläufe, Lärm und die Fertigung von Kleinstteilen führen zu Beschwerden, z.B. zu Nacken- und Rückenschmerzen, Augenbelastung, Gehörschäden und Schwindel. Durch die langen Arbeitszeiten werden solche Beschwerden verstärkt und das Risiko von Verletzungen und Unfällen erhöht.

Wie können wir unter dem Nachhaltigkeitsaspekt den Umgang mit unseren Smartphones ändern?

Ressourceneffizienzpotenziale lassen sich durch eine längere Nutzungsdauer realisieren. Die durchschnittliche Nutzungsdauer von Handys liegt heute bei nur 18 bis 24 Monaten, obwohl die meisten Geräte noch länger funktionieren würden. Es zählt also nicht allein die Langlebigkeit und Robustheit eines Mobiltelefons, sondern auch der eigene Umgang, weil sich jeder mit der nächsten Vertragsverlängerung ein neues Handy subventionieren oder „schenken“ lassen kann. Ein großes Einsparpotenzial liegt zudem in der Ausstattung und der „Allround-Fähigkeit“ von Smartphones, wenn andere Geräte mit ähnlichen Funktionen (Kamera, Navigationsgerät, MP3-Player, etc.) dadurch abgelöst und somit der Konsum insgesamt durch weniger Geräte reduziert werden kann.

Umweltfreundliche Mobiltelefone gibt es bisher noch wenige. Die deutschen Anbieter begründen dies mit fehlender Nachfrage. Dabei sind die Möglichkeiten zu umweltgerechterer Konstruktion und Nutzung vielfältig. Angefangen von Gehäusebauteilen aus Recyclingmaterialien über energiesparende Displays, reduzierter Papierverbrauch durch eingesparte Betriebsanleitungen -die Anleitung wird dann auf dem Mobiltelefon gespeichert -, wasserbasierte Lackierungen und energiesparende Netzteile bis hin zu einer verbesserten Entsorgung. Vor allem ist aber auch die Austauschbarkeit einzelner Komponenten sehr wichtig, wenn z.B. die Kamera nicht mehr funktioniert und sich diese leicht austauschen lässt, muss nicht direkt ein komplett neues Smartphone gekauft werden, nur damit wieder alle Funktionen verfügbar sind.

Wo können alte Mobiltelefone abgeben werden?

Die meisten bleiben in den Schubladen liegen, viele werden an Freunde oder Verwandte weitergegeben oder weiterverkauft - manche landen leider auch im Hausmüll. Nur einige werden recycelt. Dabei nehmen sowohl Mobilfunkanbieter sowie Recyclinghöfe die alten Geräte gerne an. Die großen Netzbetreiber nehmen Altgeräte per Post oder direkt im Geschäft zurück. Dazu können die Kunden portofreie Versandumschläge im Internet anfordern oder im Handy-Shop abholen. Auch in den kommunalen Abfallsammelstellen können sie kostenlos abgegeben werden. Die Standorte der Recyclinghöfe erfährt man bei der örtlichen Stadtreinigung. Von dort gehen die Geräte an die Hersteller oder Recyclingunternehmen, die für eine umweltgerechte Entsorgung oder Wiederaufbereitung sorgen. Dasselbe gilt für die alten Akkus.

Wie können wir den Energieverbrauch unserer Smartphones senken?

Der Energieverbrauch in der Nutzungsphase kann stark durch das Konsumentenverhalten beeinflusst werden. Ein Mobiltelefon verbraucht sogar Energie, wenn keine Verbindung aufgebaut ist. Man nennt diesen Zustand auch „Idle“. Schaltet man das Mobiltelefon nachts aus, spart man Energie.  Ähnlich ist es mit dem Ladegerät: es verbraucht Energie, wenn es in der Steckdose steckt, auch wenn es das Mobiltelefon gerade nicht auflädt. Durch das rausziehen des Ladegeräts könnte man bis zu 20% des gesamten Energieverbrauchs in der Nutzungsphase sparen.  Die Lebensdauer und die Leistung eines Mobiltelefon-Akkus kann dadurch verbessert werden, indem beispielsweise die jahreszeitlichen Schwankungen des Wetters - also extreme Bedingungen in Winter (große Kälte) und Sommer (starke Sonneneinstrahlung) beachtet werden und das Mobiltelefon davor geschützt wird. Dadurch hält der Akku länger und es müssen weniger Akkus produziert werden, auch das spart Energie.





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