Im Interview: Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
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Im Interview: Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am DIW Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance (HSoG).

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am DIW Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance (HSoG).

Das Interview führte Maja Walter - Bildquelle: © Oliver Eltinger (mitte), © Uwe Aufderheide (rechts), © Werner Schüring (links)

UMWELTHAUPTSTADT.DE: Frau Prof.Dr.Kemfert, zurzeit hat man als Verbraucher das Gefühl, dass die lang herbeigesehnte Energiewende plötzlich unerreichbar und kompliziert geworden ist. Mit Ihrem neuen Buch „Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole“ (erschienen im Murmann Verlag) möchten Sie Widersprüche bei der Energiewende aufklären. Wie ist es um die Energieversorgung der Bundesrepublik bestellt? Ist der Umstieg auf erneuerbare Energien wirklich so kompliziert?

FRAU PROF. DR. KEMFERT: Es ist komplex. Man muss viele lose Enden zusammenführen, wie beispielsweise ausreichend finanzielle Anreize für Investitionen in erneuerbare Energien, Netze, Speicher und Gaskraftwerke ermöglichen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt gut voran, beim Netzausbau und dem Einsatz von Speicheroptionen hinken wir allerdings hinterher. Zudem konzentrieren wir uns derzeit zu sehr auf die Strom-Angebotsseite und vernachlässigen die Stromnachfrage und andere wichtige Energien, wie Gebäudeenergie oder Mobilität. Zudem brauchen wir ein effektives Management. Derzeit werden viele Mythen in die Welt gesetzt, um die Akzeptanz in das Projekt Energiewende schwinden zu lassen.


Welche Interessengruppen gibt es und wer dominiert gerade die Diskussion um die Energiewende?

Es gibt Wirtschaftsinteressen aber auch ideologische. Aber auch bei den Wirtschaftsinteressen gibt es keine eindeutige Zuordnung, es ist eine heterogene Gruppe. Sicherlich haben große Energiekonzerne ein Interesse daran, dass ihr bisheriges Geschäftsmodell so lange wie möglich aufrecht erhalten bleibt. Auch energieintensive Industrien fürchten hohe Kosten und scheuen Investitionen in Energieeffizienz. Aber es gibt auch Ideologen: Konservative, die sich als Hüter der wirtschaftlichen Vernunft sehen und alles grüne automatisch als unvernünftig und einem Hippietum zuordnen. Derzeit dominieren –leider- die Energiewende-Gegner. Obwohl sie nicht offen kommunizieren, sondern Mythen und Scheinargumente wie Graffitis an die Wände der Stadt werfen, um die Akzeptanz in das Projekt Energiewende schwinden zu lassen.


In welchen Bereichen sehen Sie die Bürger falsch informiert? Welche Mythen vernebeln die Diskussion und wer blockiert die Energiewende?

Es gibt zahlreiche Mythen: Die Strompreise explodieren allein wegen Öko-Energien, es kommen Blackouts, wir importieren Atomstrom aus dem Ausland oder verlieren die Wettbewerbsfähigkeit. Keines der Argumente stimmt: Der Strompreis steigt aus vielerlei Gründen, der Strompreis an der Börse sinkt sogar. Wir exportieren Strom aus erneuerbaren Energien ins Ausland- auch nach Frankreich. Und die deutsche Industrie steht so gut da wie noch nie. Es kommt keine De-Industrialisierung, sondern eine Re-Industrialisierung! Die sind nur einige Beispiele.


Zum Jahresbeginn haben sich die Strompreise erneut erhöht. Ist die Ökostrom-Umlage schuld daran? Wie bewerten Sie die Pläne von Umweltminister Altmaier zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes?

Die EEG Umlage ist tatsächlich gestiegen. Sie ist allerdings auch deshalb so stark gestiegen, da sie sich errechnet aus der Differenz zum Börsenpreis, und dieser durch den Zubau erneuerbarer Energien kontinuierlich sinkt. Es gibt aber auch noch zahlreiche weitere Gründe für die Preissteigerungen: steigende Gas- und Kohlepreise, fehlender Wettbewerb und zunehmende Abgaben. Zu einer ehrlichen Debatte würde auch gehören, dass man über alle Komponenten des Strompreises glasklare Transparenz bekommt, um dann auch die richtigen Maßnahmen zur Gegensteuerung durchzuführen. Es ist sehr schade, dass Bundesminister Altmaier diese Chance vertut. Er stigmatisiert die Ökoenergie als alleinigen Preistreiber. Grundsätzlich halte ich es für richtig, dass man über eine faire Kostenverteilung spricht. Die Vergütungssätze zu deckeln bedeutet aber auch, dass man den Ausbau bremst. Einen Energie- Soli für Altanlagen der erneuerbaren Energien zu fordern, ist vermutlich rechtlich nicht durchsetzbar. Ich hätte mir eine ehrliche und transparente Debatte gewünscht.


Im Entscheider-Magazin forum Nachhaltig Wirtschaften forderten sie vor Kurzem die Schaffung eines Energieministeriums. Unternimmt die Politik nicht genug um die Energiewende voranzutreiben?

Ich fordere schon seit langem eine Bündelung der Kompetenzen. Derzeit gibt keine klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten. Es gibt zu viele Einzelinteressen und keine verantwortliche Institution, die die Energiewende nach innen und außen konsequent managt. Es ist dringender denn je, wenn man die Energiewende wirklich erfolgreich umsetzen will.


Siemens und Bosch sind kürzlich aus dem Geschäft mit der Solarenergie ausgestiegen. Worin sehen Sie dennoch die wirtschaftlichen Chancen der Energiewende? Welche Energieträger haben das größte Potential?

Die Solarenergie hat weltweit Probleme, krankt an Überkapazitäten und steht unter einem enormen Kostendruck. Dennoch hat auch diese Branche Potentiale. Wir verlieren eine wichtige Zukunftsbranche, wenn wir sie verteufeln und die Unterstützung entziehen. Auch andere erneuerbare Energien haben große Marktpotentiale, aber auch die Zuliefererbranchen. Letztlich können aber weitere Branchen profitieren, die durch eine vermehrte Gebäudesanierung oder nachhaltige Mobilität neue Absatzchancen bekommen.


Deutschland gilt vielen als Vorbild in Sachen Energiewende. Gleichzeitig ist in China ein wachsender Markt zu beobachten und in den USA verspricht Präsident Barack Obama der Klimapolitik mehr Priorität zu geben. Wie ordnen Sie die internationalen Entwicklungen ein?

Die USA versprechen zwar viel, tun aber leider wenig. Weder beteiligen sie sich an internationalen Klimaabkommen, noch ändern sie ihren Energieverbrauch in Richtung Nachhaltigkeit. Noch immer ist der Energieverbrauch in den USA doppelt so hoch wie in Deutschland und Europa. Auch ist die Strategie unkonventionelles Gas und Öl zu fördern nicht nachhaltig. Dennoch investiert man auch dort in erneuerbare Energien, genauso wie beispielsweise in China. Dort sieht man Deutschland an Vorbild und es wäre fatal, wenn wir der Welt zeigen, dass wir alles können, nur nicht Energiewende.


Vor dem Hintergrund der Erfahrung von Fukushima und dem globalen Klimawandel irritiert die ausschließliche Diskussion um Netzausbau und Preiserhöhungen. Ist der Klimaschutz aus dem Fokus der Energiewende geraten?

Ich denke schon. Glücklicherweise sorgt aber der Ausbau der erneuerbaren Energien für sinkende Emissionen. Leider führt ein verstärkter Zubau von Kohlekraftwerken für mehr Emissionen. Auch liegen die Potentiale der Energieeffizienz derzeit nahezu völlig brach. Es gibt große Energieeinsparpotentiale im Gebäudebereich, aber auch in der Industrie und im Bereich Mobilität. Diese Potentiale zu nutzen gehört zur Energiewende. Diese Maßnahmen sind übrigens die volkswirtschaftlich preiswertesten und effektivsten zur Minderung von Emissionen.



Kommentare
Kommentare
Gerhard Brenner
13.02.2013
Hallo H.Georg, ich empfehle Ihnen dringend das neue Buch von Fr.Kemfert "Kampf um Strom". Danach dürfte mit den meisten Ihrer Vorurteile aufgeräumt sein. Es sind nur 140 Seiten, also mach- und überschaubar.

Brkard Georg
07.02.2013
Sehr geehrte Frau Kemfert Sie haben keine Ahnung, warum der Strompreis steigt.

Der überstürzte Atomausstieg wird unbezahlbar.
Die SPD und vor allem die GRÜNEN haben es mit ihrer hysterischen Hetze gegen die Kernenergie geschafft, dass ein großer Teil der Bevölkerung den schnellen Ausstieg befürwortet hat, doch diese Bevölkerung wird jetzt zur Kasse gebeten. Ein Ausstieg mit Augenmaß wie Bundeskanzlerin Merkel es vor hatte wäre der bessere Weg gewesen.
Jetzt fehlen die Milliarden von der viel gescholtenen Atomlobby. Fragen Sie doch Herrn Trittin der soll endlich sagen; wo jetzt das Geld für die überstürzte und verkorkste Energiewende herkommen soll.
Trittin hat damals behauptet bei einem schnellen Ausstieg würde der Strom nur 0,3 oder0,5Cent pro kW. teurer.
Herr Fell träumte davon, dass der Strom sogar billiger wird. Sie behaupteten auch wir brauchen keinen Atomstrom vom Ausland kaufen.
Der BDEW e.V. (www.bdew.de) schreibt in seiner Energie-Info die französische Stromproduktion hat die Leistung aufgrund der Abschaltungen in Deutschland um 1000 bis 4000 MW erhöht. Das entspricht einer erhöhten Beanspruchung der französischen Kernkraftwerke in Höhe von einen bis vier Kernkraftwerken. Die Grünen sollten für diese Lügen vom Wähler abgestraft werden.
Schon jetzt können viele Geringverdiener ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen und der Strom wird noch viel teurer. Man muss sich mal vorstellen den sauberen Atomstrom, den wir zu Verfügung hatten, der wurde einfach abgestellt. Jetzt brauchen wir Gas-und Kohlekraftwerke für die Zeiten, wo der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.
.Mit seiner Äußerung “Doof, doofer, Dobrindt“ hat Trittin bewiesen, dass die GRÜNEN mit ihrer Politik weit unter Stammtisch Niveau agieren. Die Wind- und Sonnenenergie haben die GRÜNEN vorangetrieben, obwohl dafür keine Stromnetze und Speichermöglichkeiten vorhanden sind. Das beweist, dass Trittin doofer als Dobrindt ist. . Wegen Fehlen der Netze u Speichermöglichkeiten ist die Zwangsabschaldung von Windparks um fast 200% gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Beratungsunternehmen Ecofys. Wenn die Naturschützer und die GRÜNEN jetzt eine Überlandstromtrasse verhindern wollen und stattdessen ein Erdkabel verlegt werden muss, wird der Atomausstieg endgültig unbezahlbar.



Christian Wiesner
06.02.2013
Frau Dr. Kemfert ist ohne Zweifel eine kluge Frau, man könnte nur hoffen dass Leute wie sie in ein neues Energie-Ministerium einziehen könnten, auch damit unsere schöne Energiewende endlich wieder in die richtige Richtung läuft.

Sie hat völlig Recht damit dass wir beim Ausbau der Speicher enorm hinter dem Zeitplan liegen, und auch dass dafür dringend Anreize geschaffen werden müssen. Ob das unbedingt die Förderung von Solar-Stromspeichern (Batterien) in den Haushalten sein muss, davon bin ich allerdings nicht sehr überzeugt.

Es gibt viele neue interessante Technologien für dezentrale Stromspeicher ausser Li-Ionen-Batterien, PHES (Pumped Heat Energy Storage), CAES, Redox-Flow um nur einige zu nennen. Jedoch wird diesen viel zu wenig Beachtung geschenkt, obwohl deren Kosten wahrscheinlich nur ein Bruchteil von Batteriespeichern wäre.

Mit freundlichen Grüßen aus Hamburg

C. Wiesner
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