Im Interview: Dr. Sven Schulze vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)
Politik, Kultur & Wissenschaft

Im Interview: Dr. Sven Schulze vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut gemeinnützige GmbH (HWWI) ist eine unabhängige Beratungs- und Forschungseinrichtung, die wirtschaftspolitisch relevante ökonomische und sozio-ökonomische Trends analysiert.

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut gemeinnützige GmbH (HWWI) ist eine unabhängige Beratungs- und Forschungseinrichtung, die wirtschaftspolitisch relevante ökonomische und sozio-ökonomische Trends analysiert.

Welche Trends konnten Sie für die nächsten Jahre ausmachen?

Ich möchte dies gerne im Wesentlichen aus der Perspektive der Umweltökonomie beantworten.

Es steht außer Frage, dass Nachhaltigkeit in allen Lebens- und Politikbereichen ein weiter anhaltender Trend bleiben wird. Dabei hängt es sowohl von der politischen Richtungsgebung als auch von jedem Einzelnen ab, wie stark die Idee des Lebens von den Erträgen anstelle eines Lebens von der Substanz künftig umgesetzt wird.

Ferner wird uns der Klimawandel in all seinen Facetten auf viele Jahre hin noch beschäftigen. Der Schlüssel für erfolgreiche Klimapolitik, im Sinne von Klimaschutz und Klimaanpassung, liegt dabei zum einen in der Kommunikation und der Partizipation. Ohne sie werden sich große Umbrüche, wie beispielsweise im Energiesystem, nicht umsetzen lassen. Zum anderen werden Städte in allen Regionen der Welt eine wesentliche Rolle spielen. In ihnen konzentrieren sich (weiter zunehmend) wirtschaftliche und administrative Tätigkeiten ebenso wie die Bevölkerung. Gelingen bestimmte Weichenstellungen in Städten, besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern, würde dies die Chancen einer globalen nachhaltigen Entwicklung deutlich erhöhen.

In diesem Zusammenhang sind schließlich einige abgeleitete Trends zu erwähnen, zu denen die wachsende Bedeutung der multimodalen Fortbewegung oder der Kreislaufwirtschaft zählen. Letztere geht einher mit dem erhöhten Zwang zur Ressourcenschonung einerseits und dem Recycling andererseits.

 

Welche Auswirkungen werden die Megatrends Nachhaltigkeit und LOHAS Ihrer Einschätzung nach für die deutsche Wirtschaft in den nächsten 10 Jahren haben?

Zunächst sei vorausgeschickt, dass beide Begriffe leider unter begrifflichen Unschärfen leiden und zumindest derjenige der Nachhaltigkeit mittlerweile inflationär gebraucht wird. Sofern wir unter Nachhaltigkeit die messbaren Fortschritte im Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem verstehen, wird dies auf absehbare Zeit einer der prägenden Trends in den meisten Industrie- sowie auch in einigen Schwellen- und Entwicklungsländern sein.

Für die deutsche Wirtschaft hat dies mehrere Konsequenzen. Auf den Auslandsmärkten steigen die Absatzchancen von Unternehmen, die sowohl in der Unternehmenskultur als auch im Produktportfolio den Prinzipien der Nachhaltigkeit Rechnung tragen. Dies gilt zwar ebenso auf den Inlandsmärkten. Jedoch kommen hier noch Aspekte wie beispielsweise die Gewinnung und Bindung von Fachkräften hinzu. Zu ergänzen ist, dass diese Erwägungen nahezu unabhängig von der Branchenzugehörigkeit sind. Nicht nur in klassischen Sektoren wie der Energieerzeugung sondern auch bei den Dienstleistungen, zum Beispiel im Finanzsektor, wird Nachhaltigkeit künftig eine größere Rolle spielen (müssen).

Weniger eindeutig fällt die Beurteilung für die LOHAS aus, denn erst die nächsten 10 Jahre werden zeigen, ob es sich um einen stabilen Trend oder eher um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Falls sich die Entwicklung verfestigen sollte, bestehen für die deutsche Wirtschaft vielfältige Marktchancen, indem die Präferenzen der LOHAS durch entsprechende Produkte bedient werden. Zugleich würde sich aber auch der Druck auf die Unternehmen erhöhen, die offerierten und beworbenen Produkteigenschaften glaubwürdig nachzuweisen.

 

Im Energie- und Rohstoffmarkt hat sich in der letzten Zeit viel getan. Wie werden sich Ihrer Meinung nach diese beiden Märkte in der laufenden Dekade entwickeln?

Die Frage lässt sich pauschal schwer beantworten, da insbesondere an den Rohstoffmärkten viele unterschiedliche Rohstoffgruppen gehandelt werden – von Metallen bis hin zu Nahrungsmitteln. Im Energiebereich müsste genau genommen zwischen den Primärenergieträgern, zum Beispiel den fossilen Rohstoffen, bis hin zur Endenergie, also beispielsweise Strom und Wärme, differenziert werden. Man kann als grundsätzlichen Trend allerdings einen stetigen aber unterschiedlich starken Preisanstieg an allen Märkten erwarten. Die Anstiege werden dabei in unterschiedlichem Maße Knappheiten aber auch politische Eingriffe durch Auflagen, Steuern oder Subventionen widerspiegeln.

 

Eines Ihrer Themenfelder ist "Umwelt und Klima". Inwiefern beraten Sie Unternehmen zum Thema Umwelt, welche Art von Unternehmen wenden sich an das HWWI?

Als private Forschungseinrichtung ist das HWWI darauf fokussiert, für seine Auftraggeber ökonomische Analysen zu erstellen und Informationen aufzubereiten. Auch im Unternehmensbereich bildet dies den Schwerpunkt der Beratungstätigkeit, was demnach auch für Umweltthemen gilt. Bisher gehören vornehmlich Firmen aus dem Bankensektor, der Energiebranche, sowie spezielle Wirtschaftsverbände oder Dachverbände zum Kundenkreis.

 

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf Deutschland allgemein und gibt es Regionen, die besonders betroffen sind? Wie wirkt sich der Klimawandel konkret auf die Wirtschaft aus, welche Branchen sind besonders betroffen?

Auch wenn der Klimawandel zumeist als globales Phänomen wahrgenommen wird, hat er doch regional sehr unterschiedliche Auswirkungen. Neben der Jahresdurchschnittstemperatur werden sich auch die Niederschlagsmuster verändern, sowohl in Art als auch Häufigkeit und jahreszeitlichem Auftreten. Demnach fällt selbst in Deutschland die Betroffenheit zwar verschieden aus, jedoch kann man daraus noch nicht auf eine besonders stark betroffene Region schließen. Wirft man aber einen Blick auf einzelne Wirtschaftszweige, so kann man bestimmte Tendenzen erkennen. Beispielsweise könnte die Landwirtschaft im Norden Deutschlands relativ zu Süddeutschland von den erwarteten Veränderungen durch Ertragsgewinne profitieren. Ähnliches könnte sich im Tourismus ergeben, wenngleich der schneeabhängige Wintertourismus im Süden nicht direkt mit dem norddeutschen Badetourismus konkurriert. Änderungen im Reiseverhalten könnten hier aber trotzdem wichtiger werden. Bedeutsamer dürften künftig aber die Auswirkungen von Wetterextremen auf die Wirtschaft sein. Sie können nicht nur Produktionsstätten beschädigen sondern auch (vorübergehend) die Infrastrukturen beeinträchtigen. Industrie und Gewerbe benötigen hierfür, zum Beispiel für eine Abfederung von Lieferunterbrechungen an Vorprodukten, ebenso innovative Lösungen wie der Bereich der Versicherungswirtschaft, der vermehrt für Schäden aufkommen müsste.



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