Der Erfolg der Energiewende ist vorrangig eine politische Frage.
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„Der Erfolg der Energiewende ist vorrangig eine politische Frage.“

EUROSOLAR Geschäftsführer Tobias Jaletzky ist überzeugt davon, dass die Rahmenbedingungen konsequent auf Erneuerbare Energien ausgerichtet werden müssen und setzt sich mit dem unabhängigen Verein für eine Neue Energiemarktordnung (NEMO) ein.

<p>EUROSOLAR Geschäftsführer Tobias Jaletzky ist überzeugt davon, dass die Rahmenbedingungen konsequent auf Erneuerbare Energien ausgerichtet werden müssen und setzt sich mit dem unabhängigen Verein für eine Neue Energiemarktordnung (NEMO) ein.</p>
15.02.2017 - Bild © EUROSOLAR

LifeVERDE: Herr Jaletzky, EUROSOLAR e.V. ist die Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien.
Wofür engagiert sich der Verein konkret und welche Ziele werden verfolgt?

TOBIAS JALETZKY (Geschäftsführer): EUROSOLAR arbeitet seit 1988 für die schnelle und vollständige Ablösung atomarer und fossiler Energieträger durch Erneuerbare Energien von der lokalen bis zur internationalen Ebene. Die Umstellung auf ein nachhaltiges Energiesystem braucht angepasste politische Rahmenbedingungen sowie eine Neue Energiemarktordnung, die die Erneuerbaren in den Mittelpunkt politischen und wirtschaftlichen Handelns stellen. Dafür setzt sich EUROSOLAR durch vielfältige Aktivitäten intensiv ein. Ziel unseres gemeinnützigen und unabhängigen Vereins ist die erfolgreiche und zügige Umsetzung einer dezentralen, bürgernahen und sozialgerechten Energiewende.

Inwieweit ist in Deutschland eine dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energien bereits umgesetzt?

Erneuerbare Energien werden durch ihr flächendeckendes Vorkommen sinnvoller Weise dezentral mit einer Vielzahl von kleinen und mittleren Erzeugungsanlagen gewonnen.  Bei der regenerativen Energieerzeugung kommen daher im Gegensatz zur bisherigen Oligopolstruktur einiger weniger Großunternehmen breite Akteursgruppen aus allen Teilen der Gesellschaft ins Spiel. Seit dem Jahr 2000 haben diese Akteure durch das Gesetz zum Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) eine rechtliche Grundlage zur Marktteilnahme und erhalten einen Einspeisevorrang sowie eine kostendeckende Vergütung für die erzeugte Energie.

Mit der Einführung des Gesetzes wurde ein rasanter dezentraler Ausbau kleiner und mittlerer Erzeugungsanlagen im Bereich PV-, Wind- und Biomasse ermöglicht und so ein einmaliger Investitions- und Modernisierungsschub initiiert. Das leicht verständliche, niedrigschwellige und transparente Gesetz war in seiner ursprünglichen Form ein extrem erfolgreiches Instrument zur Einführung einer erneuerbaren Energieversorgung, zur Wirtschaftsförderung und Markteinfürhung und wurde nicht umsonst weltweit über hundert Mal kopiert oder adaptiert. Es hat entscheidend dazu beigetragen, dass weltweit die Kosten für diese Technologien rasant gesunken sind.

Welches sind Ihrer Meinung nach aktuell die größten Herausforderungen?

Seit 2009 wurde das ursprüngliche EEG immer weiter ausgehöhlt, mit bürokratischen Regelungen überfrachtet und deformiert, so dass im aktuellen EEG 2017 vom einst so wirkungsvollen Instrument nur noch wenig erkennbar ist und die bisher erreichten Fortschritte leichtfertig zerstört werden. Mit der Einführung des Ausschreibungsverfahrens und der Deckelung des Ausbaus werden kleinen und mittleren aber auch kommunalen Akteuren wie den Stadtwerken immer mehr Hindernisse in den Weg gelegt und die fehlende Planungssicherheit sorgt allgemein für Verunsicherung.

Die Energiewende kann - sofern richtig umgesetzt - neben ihrem ökologischen Nutzen, enorm zur wirtschaftlichen Modernisierung und zur sozialen Gerechtigkeit in Gesellschaften beitragen. Dazu müssen aber die Rahmenbedingungen konsequent auf Erneuerbare Energien ausgerichtet werden. Der Erfolg der Energiewende ist also vorrangig eine politische Frage, denn die notwendige Technologie ist längst verfügbar, erprobt und unter fairen Bedingungen konkurrenzfähig. Daher setzen wir uns für eine Neue Energiemarktordnung (NEMO) ein.

Der Bevölkerung muss kommuniziert werden, dass der Kostensprech von Politik und Medien strategisch gegen die Energiewende und damit auch gegen die Interessen der Mehrheit unserer Gesellschaft gerichtet ist. Hier gilt es öffentlich klarzustellen, dass die Kosten des Status Quo schon mittelfristig die Kosten der Energiewende deutlich übersteigen würden. Je schneller wir bei 100% regenerativer Energieerzeugung ankommen, desto günstiger wird die Transformation des Energiesystems - für den Staat, die Unternehmen und für die Verbraucher.  

Welche europäischen Länder sind bereits deutlich weiter als wir?
Können Sie ein paar Beispiele geben, was diese anders oder eventuell besser machen?

Viele europäische Länder können heute einen höheren Anteil Erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch als Deutschland vorweisen. Mit rund 12,5 % liegt Deutschland in Europa im Mittelfeld. Das  hängt unter anderem mit den unterschiedlichen naturräumlichen Voraussetzungen zusammen aber auch mit der fahrlässig versäumten Transformation des Wärme- und Verkehrssektors.

Vor allem die skandinavischen Länder und Österreich setzen, durch ihr stark ausgeprägtes Relief, auf die Wasserkraft und liegen im europäischen Vergleich weit vorne. Beim Spitzenreiter Schweden machen die Erneuerbaren Energien inzwischen über 50 Prozent des Endenergieverbrauchs aus. Allerdings sollte der Betrieb von Wasserkraftwerken, aufgrund des starken Eingriffs in die Natur und ihrer zentralistischen Strukturen, auch kritisch betrachtet werden. Dänemark stellt schon seit langem ein sehr positives Beispiel dar. Die Dänen haben mit dem Ausbau der Erneuerbaren bereits früh angefangen und dabei ihren Fokus auf die kommunale Daseinsvorsorge gelegt. Dadurch werden die regionale Wertschöpfung sowie die allgemeine Akzeptanz in der Bevölkerung gefördert. Außerdem beweisen Sie, dass auch im Norden regenerative Wärmelösungen durch Smart District Heating sehr erfolgreich umsetzbar sind und haben sich damit eine Marktführung erarbeitet. Insgesamt leiden die meisten europäischen Länder darunter, dass die klaren Vorteile der Erneuerbaren Energien durch die Subventionierung fossil-atomarer Strukturen, verzerrte Preise für Energie und das Fehlen einer wirksamen Schadstoffbesteuerung strukturell nicht ohne Weiteres den Markt erobern können. 

Bereits seit 1994 verleihen Sie den deutschen und europäischen Solarpreis. Wofür und an wen wird dieser verliehen?

Mit der Verleihung der Solarpreise würdigt EUROSOLAR besonderes und innovatives Engagement im Bereich der Erneuerbaren Energien auf nationaler und internationaler Ebene.  Der Fokus der Ausschreibung liegt dabei auf den Akteuren der dezentralen und bürgernahen Energiewende. Angesprochen werden Städte, Gemeinden, Landkreise, Unternehmen, Organisationen/Vereine, Initiativen und private Personen. Ziel der Verleihung ist es, diese Akteure mit ihren innovativen Projekten und Initiativen in das Licht der breiten Öffentlichkeit zu rücken und so die Energiewende und ihr enormes gesellschaftliches Potential greifbar und erlebbar zu machen. In den letzten 23 Jahren wurden bereits jeweils über 200 PreisträgerInnen mit dem Deutschen und Europäischen Solarpreis ausgezeichnet und immer mehr Menschen inspiriert und zur Nachahmung angeregt.

Ein bekanntes Event von EUROSOLAR ist die IRES-Konferenz in Verbindung mit der Energy Storage Europe.
Was ist das Besondere an dieser Veranstaltung und für wen lohnt sich eine Teilnahme?

Die Internationale Konferenz zur Speicherung Erneuerbarer Energien (IRES) wird seit 2015 zusammen mit der Konferenz und der weltweit führenden Messeausstellung der Energy Storage Europe (ESE) in Düsseldorf veranstaltet. Durch die gemeinsame Organisation wurde eine umfassende Plattform geschaffen, bei der die neuesten wissenschaftlichen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Anwendung von Speichertechnologien in Deutschland, Europa und der Welt präsentiert und diskutiert werden. Die gemeinsame Veranstaltung hat sich in den vergangenen drei Jahren als internationaler Treffpunkt für zahlreiche Expertengruppen gut etabliert und ist von Jahr zu Jahr gewachsen: Forscher und Wissenschaftler, Führungskräfte aus der Energiespeicherindustrie sowie aus Erneuerbaren und konventionellen Energieunternehmen, Netzbetreiber und Versorger, Vertreter aus dem Hybrid- und Elektrofahrzeugsektor, dem Baugewerbe, aus Verbänden, Politik und dem Finanzwesen sind in Düsseldorf dabei und machen die IRES/ESE zum wichtigsten Event der Energiespeicherbranche.  

Können Sie einen kurzen Vorgeschmack geben, was sich aktuell hinsichtlich neuer Speichertechnologien tut?

Die technische Weiterentwicklung von Speichertechnologien wird massiv durch das gesteigerte Interesse im Rahmen der Energiewende, der Umstellung auf E-Mobilität und der Einführung dezentraler Versorgungskonzepte angetrieben. Der rapide Preisverfall durch technologische Innovationen und die schrittweise Etablierung eines Massenmarktes machen gewerbliche und private Anwendungen von Batteriespeichern immer lukrativer und die flächendeckende Einführung steht kurz bevor. Auch thermische und chemische Speichertechnologien sowie das Thema Power-to-X entwickeln sich dynamisch weiter und werden bereits in zahlreichen Anwendungsbeispielen genutzt. Die effiziente Speicherung Erneuerbarer Energien ist ein zentraler Baustein der Energiewende und wird auch die Spielregeln des Marktes verändern. Noch werden Speichertechnologien regulatorisch benachteiligt, doch durch unsere langjährigen Bemühungen und aktuelle Initiativen aus NRW und Brandenburg kommt Bewegung in die Auseinandersetzung. Die IRES/ESE ist dabei ein wichtiger Ort für den Austausch und die Vernetzung.

Wer kann sich bei EUROSOLAR engagieren und was bringt eine Mitgliedschaft?

EUROSOLAR ist ein gemeinnütziger und unabhängiger Verein. Mitglieder können Einzelpersonen sowie juristische Personen, wie zum Beispiel politische Institutionen, Unternehmen, Vereine, Verbände werden. Die Mehrzahl unserer Mitglieder sind natürliche Personen, die unsere Mission teilen und unterstützen möchten. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für den Erfolg unserer Arbeit und den Erhalt unserer Unabhängigkeit. Dank einer fairen Beitragsstruktur bieten wir allen die Möglichkeit, sich aktiv an einer soziokulturellen Bewegung zur Realisierung dieser Jahrhundertaufgabe zu beteiligen. Mitglieder profitieren dabei von ermäßigten Teilnahmegebühren, von der Fachkompetenz von EUROSOLAR und erhalten die Zeitschrift Solarzeitalter, in der die Politik, Ökonomie und Kultur der Energiewende in einzigartiger Weise dokumentiert wird.

Vielen Dank





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