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Der Nutri-Score – Nährwertguide oder verzerrte Darstellung?

Komplizierte Nährwerttabellen und unübersichtliche Auflistungen erschweren uns oft den gesunden Einkauf. Mit dem „Nutri-Score“ soll das nun der Vergangenheit angehören.

 

Komplizierte Nährwerttabellen und unübersichtliche Auflistungen erschweren uns oft den gesunden Einkauf. Mit dem „Nutri-Score“ soll das nun der Vergangenheit angehören.

 

04.10.2021 | Ein Beitrag von Saphira Conradi | Bild: Charles Deluvio, Unsplash

Das System „Nutri – Score“ stammt ursprünglich aus Frankreich und soll durch die Buchstaben A bis E sowie durch ein Farbspektrum auf der Packungsvorderseite den Nährwertgehalt eines Produkts auf einen Blick visualisieren. Die Skala verrät also unmittelbar, was Sache ist. Teilweise wird diese stark vereinfachte Darstellung aber kritisch betrachtet. Denn das Bewertungssystem ist relativ simpel und weist einige Lücken auf.

Was steckt hinter dem Nutri-Score?

Laut dem Lebensmittelverband Deutschland verbirgt sich dahinter ein Bewertungsalgorithmus, der ungünstige und günstige Bestandteile eines Produkts miteinander vergleicht und für diese jeweils Plus- oder Minuspunkte vergibt. Je weniger Punkte das Produkt schließlich hat, desto weiter vorne steht es auf der Skala und desto „gesünder“ wird es.

junge mit locken und verschiedenen gemuesesorten

Der Nutri-Score arbeitet mit Signalfarben für einen eindeutigen Effekt (Bild: Monstera | Pexels).

Um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten werden jeweils 100g-Portionen analysiert, und nicht der tatsächliche Inhalt eines Produkts. Zu den gesunden Nährstoffen gehören dabei Eiweiß, Ballaststoffe, Obst, Gemüse und Nüsse, während ein hoher Kaloriengehalt, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz das Produkt „ungesünder“ machen. Auf der Verpackung findet sich schließlich nur noch die Bewertung. Eine Aufschlüsselung über ihr Zustandekommen gibt es nicht. Da die Darstellung von Nährwerten auf Lebensmitteln nicht europaweit festgelegt werden kann, bleibt der Score eine freiwillige Kennzeichnung. In Deutschland wurde er Ende 2020 offiziell eingeführt. Zuvor hatte sich die amtierende Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Julia Klöckner für den Score eingesetzt.

Gebrauchsanweisung des BMEL

Um den richtigen Gebrauch der Skala zu gewährleisten, hat das BMEL ein Aufklärungsvideo auf YouTube veröffentlicht. Es gehe beim Nutri-Score lediglich darum, gleichartige Produkte zu vergleichen. So sollen beispielsweise Joghurts mit anderen Joghurts verglichen werden. Es soll jedoch keine Rangordnung der verschiedenen Lebensmittel entstehen. Der Score stellt damit kein übergeordnetes Bewertungskriterium für Lebensmittel da, sondern erleichtert nur die Auswahl unter gleichen Artikeln. Mit dieser "Gebrauchsanweisung" rechtfertigt das Ministerium die strikte Einteilung und stark vereinfachte Darstellung. Nur solange die Auswahl aus ähnlichen Produkten getroffen werde, sei die Vergleichbarkeit gewährleistet. Außerdem fördere das leicht verständliche Ampelsystem das Verständnis für den Nährstoffgehalt von Lebensmitteln; besonders bei Bevölkerungsgruppen, die sich hiermit normalerweise weniger auseinandersetzen. Zudem wird die Sprachbarriere überwunden, die Skala wirkt dadurch integrativ. Die Frage ist, ob sich diese Lesart bei Verbraucher*innen durchsetzen wird. Denn durch die starke Signalwirkung ist man schnell versucht, die Einschätzung des Nutri-Scores eben doch zu verallgemeinern.

Kritische Stimmen von mehreren Lebensmittelverbänden

Die starke Vereinfachung durch die eindeutige Einteilung ohne Erklärung ist ein weit verbreiteter Kritikpunkt an dem Konzept. Im Interview mit Deutschlandfunk erklärt die Ernährungswissenschaftlerin Eva-Maria Endres beispielsweise, dass es schwierig sei, Lebensmittel lediglich anhand von 9 Kategorien bzw. Makronährstoffen zu beurteilen und somit eine absolute Aussage zu treffen. Vielmehr sollte die Ernährung ihrer Meinung nach im Gesamtkontext betrachtet werden und Mikronährstoffe wie Vitamine und Mineralien miteinbezogen werden. Darüber hinaus sei es wichtig, die Selbstständigkeit und die Kochkompetenzen der Verbraucher*innen zu stärken.

schlüsseln mit soßen und gemüse

Der Nutri-Score ordnet jedem Lebensmittel eine Bewertung zu (Bild: Ella Olsson | Pexels).

Dazu trage der Nutri-Score eher weniger bei. Besonders die Kritik bezüglich der begrenzten Anzahl an analysierten Inhaltsstoffen findet sich auch bei anderen Verbänden und Verbraucherschutzinstitutionen, wie zum Beispiel bei Stiftung Warentest. Sie betonen außerdem, dass der Nutri-Score zwar gut auf verarbeitete Lebensmittel anwendbar sei, andere Lebensmittel wie zum Beispiel Olivenöl schnell mit einem „E“ abstrafe, ohne den Verwendungszweck und Anwendungskontext zu beachten.

 Der Nutri-Score – Übersichtlich aber stark heruntergebrochen

Um das allgemeine Bewusstsein für verarbeitete Lebensmittel und ihre Nährwerte im Vergleich zu ähnlichen Gruppen zu fördern, scheint der Nutri-Score ein geeignetes Instrument zu sein:

  • Das System ist einfach zu verstehen und abstrahiert von unübersichtlichen Nährwerttabellen.
  • Der Score wirkt visuell und setzt keine Sprachkompetenzen voraus: Daher kann er viele verschiedene Bevölkerungsgruppen gleichzeitig ansprechen und inklusiv wirken.

Andererseits steckt genau darin auch die Gefahr einer zu starken Reduktion:

  • Durch die Verschmälerung auf einige wenige Inhaltsstoffe und der relativ simplen Bewertung dieser, erhalten einige Lebensmittel eine verzerrte Darstellung bezüglich ihrer Nährwerte.
  • Zusätzlich verlieren Verbraucher*innen den Bezug zum Produkt und müssen sich noch weniger mit Nährwerten und Inhaltsstoffen beschäftigen.
  • Zudem ist der Nutri-Score laut BMEL nur innerhalb von gleichartigen Produkten anwendbar, was bei der eigenen Bewertung unbedingt beachtet werden muss, was aber nicht sofort ersichtlich wird.

Bei deinem nächsten Einkauf gemäß dem Nutri-Score solltest du also einige Punkte beachten. Das eigene Verständnis für Nahrungsmittel und Nährstoffe ersetzt die Skala nämlich nicht.

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