Blue Times Blue Jeans: Zwischen Aufbruchsstimmung und Zukunftsangst
Politik, Kultur & Wissenschaft

Blue Times - Blue Jeans: Zwischen Aufbruchsstimmung und Zukunftsangst

GASTBEITRAG | In ihrem aktuellen Buch „Planet Planlos“ erinnern Stefan Bonner und Anne Weiss daran, dass die zwischen der ersten Mondlandung und dem Mauerfall Geborenen die erste Generation war, die schon im Kindergarten begriffen hat, dass mit der Natur pfleglich umgegangen werden muss.

GASTBEITRAG | In ihrem aktuellen Buch „Planet Planlos“ erinnern Stefan Bonner und Anne Weiss daran, dass die zwischen der ersten Mondlandung und dem Mauerfall Geborenen die erste Generation war, die schon im Kindergarten begriffen hat, dass mit der Natur pfleglich umgegangen werden muss.

11.10.2017 - Gastbeitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt

Sie plädieren in Zeiten zwischen Aufbruchsstimmung und Zukunftsangst dafür, dass wir mit dem Wissen, das wir heute haben, die Dinge ins Positive wenden. Dazu ist es wichtig, an vielen Stellschrauben zu drehen und bereichsübergreifend zusammenzuarbeiten. Dann können wir auch etwas bewirken.

Mit fortschreitender Globalisierung werden Handlungsketten von transnationalen Konzernen anonymer, intransparenter und unethischer. Im Gegensatz dazu zeichnen sich verantwortlich agierende Unternehmen durch Investments in technologische Innovationen, Fokussierung auf transparente Abläufe und kollaborative Ansätze aus – zudem setzen sie auf einen verstärkten Einsatz nachhaltiger Materialien und legen Wert auf einen ganzheitlichen Blick auf die Produktionsprozesse.

Eine Jeans durchläuft beispielsweise weit mehr als ein Dutzend Stationen, die Stefan Bonner und Anne Weiss in ihrem Buch beschreiben: „Die geerntete Baumwolle wird in die Türkei geflogen, wo die großen Flauschhaufen zu Garn versponnen werden, dann geht’s weiter nach Taiwan, um daraus Stoff zu weben. Aus Polen wird derweil chemisch hergestelltes Indigoblau herangekarrt, das sich dann mit dem Stoff aus Taiwan und Garn aus der Türkei in Tunesien zum Färben trifft. Um das Gewebe weich zu machen, wird es in Bulgarien chemisch behandelt und schließlich in China oder in Bangladesch zusammengenäht. Die Schildchen und das Innenfutter für die Jeans kommen aus Frankreich oder der Schweiz, Knöpfe, Reißverschlüsse und Nieten aus Italien.“

Schließlich werden am Ende der globalisierten Arbeitsteilung die fertigen Jeans in das Land geflogen, in dem sie verkauft werden. Für eine Jeans sind bis dahin im Herstellungsprozess etwa 8000 Liter Wasser verbraucht worden. Fünf Milliarden Jeans werden auf diese Weise pro Jahr hergestellt. 100 Millionen Jeans werden jährlich in Deutschland verkauft. 2013 hatte Andreas Güntzel genug davon: Der vierfache Familienvater, ursprünglich als Betriebswirtschaftler im Metallbau tätig, machte sich in der Modebranche selbstständig. Er suchte Lieferanten für hochwertige Bio-Stoffe und –Garne, entwickelte in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Bielefeld erste eigene Schnitte und stellt seitdem Jeanshosen her. Aus verschiedenen Stoffen und über 20 Garnfarben kann man sich seine Jeans zusammenstellen und nach Maß schneidern lassen.

Nachhaltig ist auch die vegane MUD Jeans ohne Lederpatch, die nicht nur gekauft, sondern auch für 7,50 im Monat ausgeliehen werden kann. Nach einem Jahr kann sie entweder behalten, zurückgeben oder gegen eine neue eingetauscht werden. Die zurückgegebenen Hosen werden im Sinne der Kreislaufwirtschaft recycelt und zu neuer Kleidung  verarbeitet.

Jeans aus 100 % Bio-Baumwolldenim, die auch für Veganer und Allergiker geeignet sind, finden Privatkunden unter anderem im Online-Shop www.memolife.de. Es sollte darauf geachtet werden, dass sie gemäß dem Global Organic Textile Standard (GOTS) hergestellt sind. GOTS ist als weltweit führender Standard für die Verarbeitung von Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern anerkannt. Auf hohem Niveau definiert er umwelttechnische Anforderungen entlang der gesamten textilen Produktionskette und gleichzeitig die einzuhaltenden Sozialkriterien. Die Qualitätssicherung erfolgt durch unabhängige Zertifizierung der gesamten Textillieferkette. Viele Unternehmen verbinden ihre Damen- und Herrenkollektionen aus 100% organischem Denim auch mit einer Story und einem Projekt, das wie beim Atelier GARDEUR mit „Greening The Blues“ unterstützt wird. Das Engagement reicht von der ersten Fairtradehose Deutschlands über eine eigene Kläranlage bis zu ökologischen Think Tanks mit Universitäten.

Am Jeansthema zeigt sich in besonderer Weise, dass die Relokalisierung unserer Wirtschaft heute eine enorme Chance ist. „Wenn wir unsere eigenen Hosen nähen, Räder reparieren, Lebensmittel erzeugen, vermindert das die Ausbeutung von Mensch und Natur, schafft Transparenz und Jobs, spart Unmengen von Ressourcen und Transporte und belebt den lokalen Geist von Gemeinden und Gemeinschaften“, schreiben Annette Jensen und Ute Scheub in ihrem Buch „Glücksökonomie“, in dem sie nachweisen, dass, wer teilt, hat mehr vom Leben hat.

Das erkannten auch die Macher der Blaumann-Jeanshosen, die das Jeans-Handwerk zurück nach Deutschland geholt haben: Die Idee zur traditionellen Jeans hatten sie 2013. Nach Deutschland werden jährlich weit über 100 Millionen Jeans importiert. Die Vielzahl der Jeansmarken ist inzwischen kaum mehr überschaubar. Gleich geblieben sind jedoch die Produktionsweise und Machart sowie die Produktionsstandorte in Ländern wie Bangladesch, Pakistan oder Indien. Alle Materialien wie Knöpfe, Nieten, Garne, Leder- und Papieretiketten werden von den Blaumännern aus Deutschland bezogen. Denimwebereien gibt es hier nicht mehr, deshalb werden die Stoffe von handverlesenen Produzenten aus Japan bezogen. Japanischer Denim gilt als der weltweit hochwertigste Jeansstoff, der sich durch besondere Spinnverfahren, hochwertigste Baumwollfasern und spezielle Färbeverfahren auszeichnet. Dieses Niveau wird nach Unternehmensangaben nur von ganz wenigen Produzenten außerhalb Japans erreicht, namentlich in den USA und Italien.

Die neue Warenwelt der Jeans ist eine nachhaltige, der Schönheit und Qualität verpflichtete Alternative zur Welt der austauschbaren Massenprodukte. Sie gedeiht an sozialen Orten wie nicht-virtuellen Werkstätten, wo Menschen mit Händen, Können und Kreativität an einer besseren Gesellschaft arbeiten.

Weitere Informationen:

Stefan Bonner und Anne Weiss: Planet Planlos. Sind wir zu doof, die Welt zu retten? Knaur Verlag, München 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut in Mode: Wissenswertes über nachhaltige Bekleidung und Textilien.  Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017. Sowie: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen (mit Claudia Silber) Amazon Media EU  S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Deutschlands Grüner-Newsletter - Jetzt kostenlos registrieren!



Kommentare
Kommentar erstellen
Name *
E-Mail *
URL
Kommentar *
Grüne JOBS
Auch interessant


Grüne Unternehmen