Anfangszeichen: Blick zurück in die Zukunft
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Anfangszeichen: Blick zurück in die Zukunft

Die Übermedialisierung der Gesellschaft, in der etliche Kanäle durch Zuspitzung und Übertreibung um unsere Aufmerksamkeit buhlen, führt zu einer Überreizung unserer Gehirne - mit der Folge, dass negative Ereignisse häufig viel intensiver wahrgenommen werden als positive.

Die Übermedialisierung der Gesellschaft, in der etliche Kanäle durch Zuspitzung und Übertreibung um unsere Aufmerksamkeit buhlen, führt zu einer Überreizung unserer Gehirne - mit der Folge, dass negative Ereignisse häufig viel intensiver wahrgenommen werden als positive.

Mehr zu den Themen:   gastautorin dr. alexandra hildebrandt
13.12.2017 - Gastbeitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt, Foto: Steffi Henn

„Untergangszeichen sind zugleich auch Aufgangszeichen." Samuel Huber (1547-1624), schweizerischer lutherischer Theologe

Die Verbreitung von Angst und Schrecken heizt hysterische Stimmungen systematisch weiter an, was zuweilen mit einem Rückzug in eine reine Gegenwartsorientierung verbunden ist und die Sehnsucht nach lokaler Überschaubarkeit verstärkt.

Wer sich in Untergangsstimmungen verliert, kann kaum mehr kreativ sein und wird unbeweglich - auch im Geist. Deshalb lohnt sich eine Rückbesinnung auf einen der Pioniere der Umwelt- und Friedensbewegung und einen der frühen Zukunftsforscher: Robert Jungk (1913-1994). Wie sehr er sich mit der Zukunft der Menschheit auseinandersetzte, verdeutlich bereits sein erstes Werk „Die Zukunft hat schon begonnen" von 1952. Er etablierte Zukunftswerkstätten und gründete die Robert Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen sowie das Institut für Zukunftsfragen in Wien.

Zukunft war für Jungk kein Schicksal, solange die Welt in nachhaltiger Weise verändert werden kann: „Man muss in Gesprächen, in Schrift und Bild eine neue Vision der Zukunft, eine ganz andere Art von künftigem Leben gestalten, um sie den menschenfeindlichen Plänen einer verhängnisvollen Entwicklung entgegenzusetzen." Insofern war er auch ein Zukunftsstifter, der unterschiedlichste interdisziplinäre Ansätze vernetzt und für ein neues Denken und Handeln plädiert hat.

Nur diese ganzheitliche Verbindung hilft uns, Antworten auf die großen existenziellen Fragen zu finden, die sich angesichts globaler Bedrohungen auftun und unseren Zukunftshorizont verdunkeln. Dazu gehören Kriege, Terrorismus, Flüchtlingsströme, politische Konflikte, Klimakatastrophen und Krankheiten.

Die Zeichen verstehen

Wie sich die Ereignisse künftig entwickeln, lässt sich nicht planen, doch ist es sinnvoll, sich rechtzeitig Gedanken über das zu machen, was auf uns zukommen könnte und welche Herausforderungen zu lösen sind, wenn wir das Kommende in Ausschnitten öffnen.

Dabei hilft ein Blick zurück in die Zukunft: Auch wenn im ersten Jahrtausend vor Christus Orakel und Propheten ausstarben, so sind ihre Weissagungen in den heiligen Texten erhalten geblieben. Das enorme Interesse an außergewöhnlichen, von Gott gesandten Zeichen im Europa des 16. Jahrhunderts verdankt sich Überlieferungen von Omen und Weissagungen, die bis in die klassische Antike und Homer zurückreichen, wo von Donner, Regenbögen, Überschwemmungen oder dem Verhalten von Vögeln berichtet wurde.

Die angebliche Häufung der Zeichen verstärkte das Gefühl des herannahenden Untergangs, „während die Erwartung des Weltendes ihrerseits die Neigung verstärkte, das Ungewöhnliche als unheilvoll zu identifizieren", schreiben die Verfasser Till-Holger Borchert und Joshua P. Waterman in ihrem Augsburger Wunderzeichenbuch, das erst vor wenigen Jahren aufgetaucht ist und zu den spektakulärsten Wiederentdeckungen auf dem Gebiet der deutschen Renaissancekunst gehört. Er enthält eine Übersetzung der Tafeltexte in heutiges Deutsch und zwei einleitende Essays, die den Kodex in seinen kulturhistorischen Kontext einordnen.

Die Bilderhandschrift, die hier originalgetreu wiedergegeben wird, entstand um 1550 in Augsburg. Enthalten sind 169 großformatige, in Gouache und Aquarell ausgeführte Illustrationen von wundersamen, zuweilen furchterregenden Himmelserscheinungen, Sternenkonstellationen, Feuersbrünsten, Überschwemmungen sowie anderen Katastrophen und rätselhaften Phänomenen. Der Bogen spannt sich vom Alten Testament über Ereignisse aus antiker Überlieferung und mittelalterlichen Chroniken bis in die Gegenwart. Zudem sind Illustrationen zur visionären Johannesoffenbarung bis zum künftigen Ende der Welt enthalten.

Doch was tun wir heute mit solch einem Buch? Wir sollten es als Anfangszeichen sehen, denn die Zukunft speist sich aus der Vergangenheit.

Dass die Ankündigung des Weltuntergangs bei uns Menschen eine lange Tradition hat, weisen auch die Autoren Stefan Bonner und Anne Weiss in ihrem Buch „Planet Planlos“ nach:  Im sechzehnten Jahrhundert kamen Nostradamus‘ heraus, im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert gründete sich die Endzeit-Sekte der Zeugen Jehovas, die immer wieder den Weltuntergang ansagen. 2012 waren viele Menschen verunsichert, weil der Maya-Kalender angeblich das Ende der Welt voraussagte: „Für 2014 peilte die Wahrsagerin Baba Wanga einen Chemiewaffenkrieg (Syrien?) und Epidemien (Ebola?) an. Und für 2016 sah Pfarrer Ricardo Salazar in Tokio eine Kombi aus Antichrist (Trump?) und Atomkrieg (Kim Jong-un?!) auf uns zukommen.“

Bonner und Weiss gehören zur Generation der „Kassettenkinder“, die, aufgewachsen mit den Phantasien Hollywoods, Tschernobyl, saurer Regen und Ozonloch, praktisch aufs Ende der Welt fixiert ist. Aber dabei bleiben sie nicht – vielmehr plädieren sie in ihrem Buch für die Vision einer besseren Welt: „Wir müssen wieder träumen lernen.“ Aber dabei darf es nicht bleiben: Wir müssen handeln, um etwas zu ändern. Gelingt es uns nicht, den Klimawandel zu stoppen, wird unsere eigene Lebenswelt unwiderruflich ausgelöscht, und die Geschichten unserer Kinder haben kein Happy End: „Wir müssen lernen, wieder so naiv an die Weltrettung heranzugehen, wie wir das als Kinder getan haben. Als wir noch an ein gutes Ende glaubten.“

Wir sind die Generation, die als letzte die Möglichkeit hat, etwas zu ändern oder die Generation Weltuntergang: „Wir sollten wir uns an unseren alten Kinderschwur erinnern und den angestaubten Glücksdrachen aus der Garage zerren, um nach langer Zeit wieder ins Abenteuer zu fliegen.“

Literatur:

Stefan Bonner und Anne Weiss: Planet Planlos. Sind wir zu doof, die Welt zu retten? Knaur Verlag, München 2017.

Till-Holger Borchert, Joshua P. Waterman: Das Wunderzeichenbuch. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. TASCHEN Verlag, Köln 2017.

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