Wie kann die Baubranche glaubwürdig transformiert werden, wenn klassische Wirtschaftsmodelle oft noch auf kurzfristige Rendite ausgerichtet sind? Genau an diesem Punkt setzt WOODENVALLEY an: mit Verantwortungseigentum, regenerativem Bauen, Kreislaufwirtschaft und der offenen Weitergabe von Wissen. Im Interview erklärt die Geschäftsführerin Kamila Pasko, warum nicht nur Materialien und Bauweisen entscheidend sind, sondern auch die Haltung, mit der Architektur geplant, vermittelt und umgesetzt wird.
LifeVERDE: Welcher Moment in deiner bisherigen Arbeit hat dir am deutlichsten gezeigt, dass diese Struktur notwendig ist, um die Transformation der Baubranche glaubwürdig voranzutreiben?
KAMILA PASKO, Mitgründerin und Geschäftsführerin von WOODENVALLEY: Ein entscheidender Moment war, als wir merkten, dass klassische Wirtschaftsmodelle uns in Zielkonflikte drängten, die der Transformation im Weg standen. In der Baubranche herrscht oft der Druck, Rendite über Regeneration zu stellen. Wenn du ein Gebäude planst, das klimapositiv ist und Materialien als "Nährstoffe" für zukünftige Kreisläufe speichert, aber kein klassischer "Verkaufsgegenstand" im traditionellen Sinne ist, stößt du bei investorengetriebenen Modellen schnell an Grenzen. Uns wurde klar: Um wirklich radikal für das Gemeinwohl zu planen – auch mal weniger profitabel, aber dafür ökologisch maximal wirksam zu sein –, brauchen wir eine Struktur, die den Profit zum Mittel macht, nicht zum Zweck. Das Verantwortungseigentum (Steward-Ownership) schützt uns davor, dass externe Investoreninteressen unsere Vision verwässern. Es erlaubt uns, langfristige Entscheidungen zu treffen, die dem Klima und der Gesellschaft dienen, auch wenn sie kurzfristig weniger "effizient" erscheinen.

KAMILA PASKO, Mitgründerin und Geschäftsführerin von WOODENVALLEY/Fotograf: Mark Meyer zur Heide
LifeVERDE: Wo genau ziehst du die Grenze zwischen Bauprojekten, die lediglich ökologische Schäden minimieren, und deinem eigenen Anspruch an ein regeneratives und klimapositives Bauen?
Die Grenze liegt in der Wirkungsrichtung. Der gängige Nachhaltigkeitsbegriff ("Sustainability") zielt oft darauf ab, weniger schlecht zu sein – also Ressourcenverbrauch zu reduzieren, Emissionen zu senken, Schaden zu minimieren. Das ist wie mit 80 km/h in die falsche Richtung zu fahren, statt mit 120 km/h. Es verlangsamt die Zerstörung, stoppt sie aber nicht. Der Anspruch von WOODENVALLEY in Bezug auf regeneratives Bauen ist es, aktiv gut zu sein. Ein Gebäude, welches wir bei der Planung begleiten dürfen, soll wie ein Baum funktionieren: Es soll mehr Energie erzeugen, als es verbraucht, mehr Wasser reinigen, als es nutzt, und mehr Kohlenstoff speichern, als bei seiner Entstehung freigesetzt wurde. Wir fokussieren uns auf Materialien, die am Ende ihrer Lebensdauer nicht zu Müll werden, sondern als Nährstoff für neue Kreisläufe dienen (Cradle to Cradle). Das erfordert eine innere Haltung, die im IDG*-Rahmen als "Langfristiges Denken" und "Verbundenheit mit der Natur" beschrieben wird. Wir hören auf, die Natur als Ressourcenlager zu sehen, das wir schonend ausbeuten, und beginnen, sie als Vorbild und Partner zu begreifen, das wir aktiv stärken.
(*Die Inner Development Goals wurden zur Unterstützung entwickelt, die SGDs = Sustainable Development Goals umsetzen zu können)
LifeVERDE: Was ist deiner Erfahrung nach die wichtigste Erkenntnis, mit der Teilnehmende nach einem Seminar nach Hause gehen, die so in keinem klassischen Architektur-Lehrbuch zu finden ist?
In Lehrbüchern lernen Architekt*innen Statik, Physik und Normen. In w∞d.ii lernen sie das Fühlen und Begreifen und die Zusammenhänge von Baukultur und Klimaschutz. Die wichtigste Erkenntnis ist oft: "Ich habe das Material noch nie so gespürt. Ich wusste nicht, dass Dämmung aus Schafwolle sich so anfühlt oder dass eine Lehmwand die Raumluft so aktiv reguliert, dass man es physisch wahrnimmt." Viele erleben eine Art "Aha-Effekt", dass zirkuläres und regeneratives Bauen nicht Verzicht bedeutet, sondern einen Gewinn an Lebensqualität und Sinnhaftigkeit. Sie erkennen, dass technische Daten (wie der U-Wert) nur die halbe Wahrheit sind; die andere Hälfte ist die Beziehung zum Material und zum Raum. Das korrespondiert direkt mit dem IDG-Bereich "Beziehung zum Selbst" und "Körperbewusstsein". Wir schulen nicht nur den Verstand, sondern die sinnliche Wahrnehmung. Wenn Menschen eine emotionale und sinnliche Verbindung zu den Materialien aufbauen, haben sie ggf. mehr intrinsische Motivation, ihr Planungsverhalten nachhaltiger zu gestalten als durch jede noch so gute Vorschrift. Es geht um Selbstwirksamkeit: Die Erkenntnis, "Ich kann das anders machen, und es fühlt sich besser an."

Bild: Mark Meyer zur Heide
LifeVERDE: Inwiefern ist diese moderne interne Organisationskultur die notwendige Basis, um radikale Innovationen in der Kreislaufwirtschaft überhaupt erst vorantreiben zu können?
Radikale Innovationen wie Myzel-Dämmung, unverklebte Bauteile oder "Product-as-a-Service"-Modelle im Bauwesen erfordern Mut, Experimentierfreude und die Bereitschaft, Fehler als Lernchance zu sehen. In einer hierarchischen, auf Effizienz getrimmten Kultur mit starrer Arbeitszeit und Weisungsgebundenheit stirbt diese Kreativität schnell. Niemand riskiert was, wenn der Druck auf Quartalszahlen und perfekte Prozesse zu hoch ist. Unsere Kultur der Selbstbestimmung und des Verantwortungseigentums schafft einen sicheren Raum (Psychological Safety), in dem wir querdenken können. Wenn wir selbst über unsere Zeit und Arbeitsweise bestimmen, können wir uns genau dann voll in ein komplexes Problem wie die CO2 Speicherung durch Holzgebäude oder Lernen durch Fühlen vertiefen, wenn es nötig ist – statt nach Stempeluhr. Das spiegelt die IDGs im Bereich "Zusammenarbeit" wider, speziell "Offenheit und Lernbereitschaft". Nur wer innerlich frei ist von Existenzängsten und starren Hierarchien, kann die notwendige Vulnerabilität aufbringen, um Neuland zu betreten. Unsere interne Freiheit ist der Nährboden für die externe Innovation.
LifeVERDE: Warum hast du dich bewusst dafür entschieden, deine Erkenntnisse nach dem Open-Source-Prinzip zu teilen, und welche Resonanz erfährst du hierauf von den etablierten Akteur*innen der Branche?
Der Klimawandel wartet nicht auf Patentschutz. Wenn wir wirklich eine Transformation der Baubranche wollen, müssen wir das Rad nicht bei jedem Projekt neu erfinden, sondern das Wissen multiplizieren. Unser Ziel ist nicht, der oder die einzige Berater*in im klimapositiven Bauen zu sein, sondern dass alle so bauen. Wenn wir unser Wissen über w∞d.ii – von der Detailplanung bis zur Ökobilanz – zurückhalten, verlangsamen wir die Lösung der globalen Krise zugunsten eines kleinen Wettbewerbsvorteils. Das wäre ethisch nicht vertretbar. Im wissenschaftlichen Kontext gilt das Gleiche. Hier sichern wir unsere Wissensbasis nur damit ab, indem wir mit glaubwürdigen Partner*innen zusammenarbeiten, und die Fakten gemeinsam in politische Entscheidungen fließen lassen.
Die Resonanz ist gemischt, aber zunehmend positiv. Viele etablierte Akteur*innen sind zunächst skeptisch, da "Wissen ist Macht" noch immer ein Dogma ist. Doch immer mehr Planer*innen und Firmen merken: Wir stehen vor so großen Herausforderungen, dass wir sie nur gemeinsam lösen können. Wir erleben oft eine große Dankbarkeit, weil wir mit unseren Open-Source-Daten anderen die Angst vor dem Unbekannten nehmen. Das ist gelebte IDG-Praxis im Bereich "Zusammenarbeit" und "Geteiltes Verständnis". Wir bauen Vertrauen auf, indem wir transparent sind. Es geht nicht um Konkurrenz, sondern um Ko-Kreation für das Gemeinwohl.

Bild: Mark Meyer zur Heide
LifeVERDE: Angenommen, deine Ansätze für klimapositives Bauen und eine echte Kreislaufwirtschaft würden sich in der Breite durchsetzen: Was wäre langfristig die bedeutendste Veränderung für unseren Alltag und wie würde sich das Leben in einer solchen gebauten Umwelt von unserem heutigen Wohnen unterscheiden?
Die bedeutendste Veränderung wäre ein fundamentaler Shift im Verhältnis zwischen Mensch und Raum: Weg vom Konsumieren hin zum Pflegen und Teilhaben. Dieser Wandel vom Konsumieren zum Pflegen erinnert mich stark an die traditionelle japanische Baukultur. Dort wird ein Gebäude nicht als statisches Produkt gesehen, das man besitzt, bis es kaputt ist. Stattdessen gibt es das Prinzip des Shikinen Sengu, bei dem Tempel alle 20 Jahre sorgfältig ab- und wieder aufgebaut werden, oder die Ästhetik von Wabi-Sabi, die die Spuren der Zeit ehrt. Man repariert mit Gold (Kintsugi), statt Schäden zu verstecken. Genau diese Haltung wollen wir wiederbeleben: Dass wir unsere Häuser als lebendige Systeme begreifen, die wir pflegen, reparieren und deren Materialien wir in Ehren halten, anstatt sie als Wegwerfprodukte zu konsumieren. Wir müssen im Westen das Rad nicht neu erfinden, sondern uns an Kulturen erinnern, die den Kreislauf schon immer gelebt haben.
Heute wohnen wir oft in "toten" Hüllen, die Energie fressen und am Ende Abrissmüll produzieren. In einer regenerativen Zukunft wären unsere Häuser lebendige Organismen. Stell dir vor, du lebst in einem Haus, das dich mit sauberer Luft und Wasser versorgt, das im Sommer kühlt und im Winter wärmt, ohne fossile Energie. Du kennst die Geschichte jedes Bauteils in deiner Wand. Wenn du einmal umbauen willst, schraubst du die Teile ab und gibst sie weiter, statt sie zu entsorgen. Wohnen würde wieder als Dienstleistung im Kreislauf verstanden werden, nicht als Besitz von Materie. Das stärkt massiv das IDG der "Selbstwirksamkeit" und der "Verbundenheit". Menschen würden sich nicht mehr als isolierte Bewohner*innen in einer Betonwüste fühlen, sondern als aktive Gestalter*innen eines lebendigen Ökosystems. Wir würden wieder lernen, dass unser Zuhause ein Teil der Natur ist, nicht ihr Gegensatz. Das schafft eine tiefe psychologische Sicherheit und Zufriedenheit, die über reinen Komfort weit hinausgeht.

Bild: Mark Meyer zur Heide
Fazit: Wenn Architektur Verantwortung übernimmt
WOODENVALLEY zeigt, dass die Zukunft des Bauens nicht allein in neuen Technologien liegt, sondern ebenso in einer anderen Logik von Planung, Zusammenarbeit und Verantwortung. Echte Transformation funktioniert nur dann, wenn Wissen geteilt, Materialien im Kreislauf gedacht und Entscheidungen langfristig getroffen werden. So entsteht ein Ansatz, der über reine Schadensbegrenzung hinausgeht und Bauen als aktiven Beitrag zu Klimaschutz, Gemeinwohl und Lebensqualität versteht.
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