News & Tipps

URBAN CLEAN BUILDING: Bauen mit Hanf, Stroh, Lehm und Holz

Das Architekturbüro URBAN CLEAN BUILDING plant Gebäude mit natürlichen Baustoffen und erklärt, warum ökologisches Bauen nicht beim Material beginnt, sondern bei der Haltung zum Projekt.

Das Architekturbüro URBAN CLEAN BUILDING plant Gebäude mit natürlichen Baustoffen und erklärt, warum ökologisches Bauen nicht beim Material beginnt, sondern bei der Haltung zum Projekt.

30.06.2026, das Interview führte: Lena Witke – Bild: Urban Clean Building

Materialien wie Hanf oder Stroh im Hausbau klingen für viele vermutlich noch nach Experiment. Für MICHAEL BADER, geschäftsführender Architekt von URBAN CLEAN BUILDING, ist es inzwischen Alltag. Das Architekturbüro hat sich auf Planung und Bau mit natürlichen Materialien spezialisiert, wobei Hanf, Stroh, Lehm und Holz im Mittelpunkt eines Ansatzes stehen, der Architektur, Bauphysik und Materialwahl zusammendenkt. Im Interview spricht MICHAEL BADER darüber, was Menschen in Häusern aus natürlichen Materialien überrascht, wie ehrlich ein Architekturbüro gegenüber Bauherrinnen und Bauherren sein muss, wo Behörden noch zögern und was sich politisch ändern müsste, damit ökologisches Bauen vom Sonderweg zum Standard wird.

LifeVERDE: Wenn Menschen ein Haus aus natürlichen Materialien beziehen, was verändert sich für sie im Alltag, was hätten sie vorher vielleicht nicht erwartet?

MICHAEL BADER, geschäftsführender Architekt von URBAN CLEAN BUILDING: Ich glaube, viele Menschen erwarten bei natürlichen Materialien zuerst eine ökologische Entscheidung. Was sie später im Alltag aber oft viel stärker spüren, ist die Atmosphäre. Ein Haus aus Hanf, Lehm, Kalk oder Holz fühlt sich nicht wie ein neutrales Produkt an. Es hat Wärme, Tiefe und eine gewisse Ruhe. Natürliche Materialien verändern die Beziehung zum Raum. Die Oberflächen wirken ehrlicher, die Luft fühlt sich angenehmer an und man merkt, dass das Gebäude nicht nur technisch funktioniert, sondern auch menschlich. Genau das überrascht viele: Nachhaltigkeit ist nicht nur Verzicht oder eine Zahl in der CO₂-Bilanz. Sie kann ein Gewinn an Lebensqualität sein. Für uns ist das ein zentraler Punkt. Wir wollen Gebäude schaffen, die ökologisch sinnvoll sind, aber auch emotional funktionieren. Ein gutes Haus sollte nicht nur wenig Energie verbrauchen, sondern den Menschen jeden Tag das Gefühl geben, gerne darin zu leben.


Bild: Urban Clean Building

Was würden Sie jemandem raten, der erstmals über ein ökologisches Bauprojekt nachdenkt, wo fängt man an?

Ich würde am Anfang nicht direkt fragen: Welcher Baustoff ist der nachhaltigste? Ich würde zuerst fragen: Was brauche ich wirklich? Wie viel Fläche ist sinnvoll? Wie soll das Gebäude genutzt werden, heute und vielleicht auch in 20 oder 30 Jahren? Nachhaltiges Bauen beginnt nicht erst bei Hanf, Stroh, Lehm oder Holz. Es beginnt bei der Haltung zum Projekt. Ein Gebäude wird nicht automatisch nachhaltig, nur weil einzelne ökologische Materialien eingesetzt werden. Entscheidend ist, ob Fläche, Konstruktion, Energie, Kosten und spätere Nutzung zusammenpassen.

Mein Rat wäre deshalb: früh die Ziele klären und Prioritäten setzen. Geht es vor allem um CO₂, Wohngesundheit, geringe Betriebskosten, regionale Baustoffe oder ein gutes Verhältnis von Kosten und Wirkung? Wenn das klar ist, kann man daraus ein starkes Konzept entwickeln. Und dann sollte man sich früh ein Planungsteam suchen, das Erfahrung mit ökologischen Baustoffen hat. Viele wichtige Entscheidungen fallen ganz am Anfang. Wenn Wandaufbau, Feuchteschutz, Brandschutz, Technik und Kosten erst später zusammengedacht werden, wird es meistens komplizierter.


Bild: Urban Clean Building

Wie ehrlich darf oder muss ein Architekturbüro sein, wenn Kundenwünsche und Nachhaltigkeit nicht zusammenpassen, und wie gehen Sie in solchen Momenten vor?

Ein Architekturbüro muss hier ehrlich sein. Nicht belehrend, aber klar. Unsere Aufgabe ist nicht nur, Wünsche in Pläne zu übersetzen. Wir müssen auch zeigen, welche Folgen bestimmte Entscheidungen haben. Wenn ein Wunsch ökologisch, technisch oder wirtschaftlich nicht sinnvoll ist, sprechen wir das offen an. Dabei geht es nicht darum, jemandem etwas auszureden, sondern darum, bessere Möglichkeiten sichtbar zu machen. Oft steckt hinter einem Wunsch ein nachvollziehbares Bedürfnis, zum Beispiel nach Komfort, Gestaltung, Sicherheit oder Wertigkeit. Wenn man dieses Bedürfnis versteht, findet man häufig eine Lösung, die besser zum Projekt passt. Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht, alles zu verbieten. Es bedeutet, bewusst zu entscheiden. Dazu gehört auch ein ehrlicher Blick auf die Kosten. Eine ökologische Lösung muss nicht nur gut klingen, sie muss auch geplant, bezahlt und dauerhaft genutzt werden können.

Bild: Urban Clean Building

Wie reagieren Bauämter und Behörden auf Projekte mit Materialien wie Hanf oder Stroh, und wo stoßen Sie noch auf Grenzen?

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Es gibt Behörden, Prüfende und Fachplaner, die sehr offen und interessiert sind. Gleichzeitig merkt man aber, dass natürliche Baustoffe im normalen Genehmigungsalltag noch nicht selbstverständlich sind. Die größte Grenze ist oft nicht das Material selbst. Hanf, Stroh, Lehm oder Holz können sehr gut funktionieren. Die Hürden liegen eher bei Nachweisen, Zulassungen, Brandschutz, Detailfragen und fehlender Routine. Bei konventionellen Baustoffen kennen viele Beteiligte die Abläufe. Bei ökologischen Baustoffen muss man häufiger erklären, sauber dokumentieren und Vertrauen schaffen. Das ist aber auch eine Chance. Je mehr gute Beispiele gebaut werden, desto normaler werden diese Materialien. Wichtig ist, dass ökologische Projekte fachlich sauber geplant sind. Dann geht es nicht um Idealismus gegen Vorschriften, sondern um gute Architektur mit belastbaren Lösungen.


Bild: Urban Clean Building

Was müsste sich in Deutschland politisch oder gesellschaftlich verändern, damit ökologisches Bauen irgendwann keine Ausnahme mehr ist, sondern die Regel?

Wir müssten Gebäude anders bewerten. Heute schauen wir oft sehr stark auf Investitionskosten und Energieverbrauch im Betrieb. Das ist wichtig, aber es reicht nicht. Ein Gebäude verursacht schon bei der Herstellung enorme ökologische Auswirkungen. Deshalb müssen graue Energie, CO₂-Speicherung, Rückbaubarkeit, Reparaturfähigkeit und Lebensdauer viel stärker berücksichtigt werden. Es sollte nicht nur belohnt werden, dass ein Gebäude wenig Energie verbraucht, sondern auch, dass es ressourcenschonend gebaut, lange genutzt und später wieder sinnvoll rückgebaut werden kann.

Gesellschaftlich brauchen wir außerdem ein anderes Verständnis von Qualität. Qualität ist nicht nur maximale Fläche, viel Technik oder eine perfekte Oberfläche. Qualität kann auch bedeuten, weniger Fläche besser zu nutzen, robuste Materialien einzusetzen und Gebäude so zu planen, dass sie lange Freude machen. Ökologisches Bauen wird dann zur Regel, wenn es nicht mehr als Sonderwunsch verstanden wird, sondern als vernünftiger Standard. Dafür braucht es politische Rahmenbedingungen, mehr Wissen und vor allem viele gute, gebaute Beispiele.


Bild: Urban Clean Building

Hanf, Stroh, Lehm und Holz, Sie setzen bereits auf natürliche Materialien. Gibt es weitere Entwicklungen oder Ansätze, die Sie gerade beschäftigen und die die Baubranche in den nächsten Jahren prägen könnten?

Uns beschäftigt vor allem die Frage, wie ökologische Baustoffe aus der Nische in die breite Anwendung kommen. Dafür stehen wir regelmäßig mit Herstellern, Lieferanten und ausführenden Firmen im Austausch. Wir prüfen neue Systemaufbauten, vergleichen Lösungen und schauen, was technisch sicher, ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich umsetzbar ist. Dabei geht es nicht darum, konventionelle Baustoffe grundsätzlich auszuschließen. In vielen Projekten ist die richtige Kombination entscheidend. Die Frage ist: Wo können wir mit natürlichen Materialien wirklich etwas bewirken, ohne die Kosten aus dem Blick zu verlieren? Dieser Punkt ist uns sehr wichtig. Ökologisches Bauen darf nicht nur ein Ideal für wenige sein. Eine Lösung ist erst dann wirklich stark, wenn sie gebaut, bezahlt und langfristig genutzt werden kann. Deshalb schauen wir sehr genau darauf, wo der ökologische Mehrwert am größten ist und wo Aufwand und Wirkung in einem guten Verhältnis stehen.

In den nächsten Jahren werden aus meiner Sicht vor allem kreislauffähiges Bauen und Umbau statt Abriss und Materialwiederverwendung sowie CO₂-speichernde Baustoffe wichtiger werden. Wir müssen Gebäude stärker als Materiallager denken und weniger als spätere Abfallmasse. Das ist eine große Veränderung für die Branche, aber auch eine große Chance.


Bild: Urban Clean Building

Fazit: Ökologisches Bauen als vernünftiger Standard

Solange Gebäude vor allem nach Investitionskosten und Betriebsenergie bewertet werden, bleibt ökologisches Bauen eine Nischenentscheidung. Was dabei fehlt, ist der Blick auf Herstellung, Rückbaubarkeit und Langlebigkeit. URBAN CLEAN BUILDING stellt genau diese Fragen – nicht als politisches Statement, sondern als Teil des Planungsprozesses. Natürliche Materialien wie Stroh oder Lehm sind dabei keine Dogmen, sondern Werkzeuge, die dann eingesetzt werden, wenn sie technisch und wirtschaftlich die bessere Antwort sind. Was noch fehlt, sind politische Rahmenbedingungen, die das honorieren, sowie mehr gebaute Beispiele, die zeigen, dass ökologisches Bauen kein Sonderwunsch sein muss.

Das könnte dich auch interessieren: STROHTEKTUR: Klimapositives Bauen mit Stroh - rückbaubar und zukunftsfähig




Kommentar erstellen

Name *
E-Mail *
URL
Kommentar *
Auch interessant


Grüne Unternehmen