Trend geht zu "natürlichen" Möbeln
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Trend geht zu "natürlichen" Möbeln

INTERVIEW | "Es gibt einen Trend auf der Seite der Möbelproduzenten: bei den Materialien und bei der Produktion mehr auf Nachhaltigkeit zu achten". So auch bei ÖkoControl. Ein Interview mit Geschäftsführer Otto Bauer.

INTERVIEW | "Es gibt einen Trend auf der Seite der Möbelproduzenten: bei den Materialien und bei der Produktion mehr auf Nachhaltigkeit zu achten". So auch bei ÖkoControl. Ein Interview mit Geschäftsführer Otto Bauer.

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11.05.2017

LifeVERDE: Herr Bauer, wofür steht der Verband ökologischer Einrichtungshäuser ÖkoControl und zu welchem Zweck wurde er gegründet?

Otto Bauer: Wir sind ein Verband von derzeit gut 40 unabhängigen ökologischen Einrichtungshäusern in Deutschland und Österreich, gegründet 1994. In unseren Einrichtungshäusern vertreiben wir hochwertige Möbel und Küchenmöbel aus Massivholz, Polstermöbel sowie Matratzen und Bettwaren aus natürlichen Materialen.

Mit unserer ÖkoControl Gesellschaft für Qualitätsstandards mbH haben wir uns bereits 1996 eine Institution geschaffen, die

a) Kriterien aufstellt = für uns festlegt, wie ein Möbel zu beschaffen sein hat, das wir als ökologisch betrachten,
b) von unseren Lieferanten Volldeklarationen verlangt, mit denen wir uns Klarheit über deren Produkte verschaffen,
c) ganz konkrete Parameter und Grenzwerte für Schadstofftests festlegt. Diese sind in etlichen Punkten strenger als bei anderen Siegeln und werden stets auf dem neuesten Stand der Technik und Erkenntnisse gehalten.
d) so viele Produkte wie möglich bei unabhängigen Prüfinstituten nach unseren Kriterien testen lässt.

So wissen alle Mitgliedshäuser unseres Verbandes stets, was sie dem Kunden anbieten.

An wen richtet sich Ihr Angebot konkret?

Die Kunden unserer Mitgliedshäuser sind zumeist 30+, Zweiteinrichter, interessiert an natürlicher Einrichtung, weil ihnen Ökologie wichtig ist und/oder weil sie Allergiker sind. Aber auch, wem hauptsächlich unser designorientierter, aber zeitloser Einrichtungsstil und die Ästhetik von massivem Holz gefällt, ist bei uns richtig aufgehoben. Dabei gehen auch diese Kunden stillschweigend davon aus, dass wir die Themen ‚Gesundheitsverträglichkeit‘ und Umweltverträglichkeit‘ vorher für sie geklärt haben.

In der Lebensmittelindustrie ist BIO für Verbraucher bereits seit Jahren ein wichtiges Thema. Wie sieht es in der Möbelbranche aus, ist hier auch ein klarer Trend erkennbar?

Es gibt einen Trend auf der Seite der Möbelproduzenten, bei den Materialien und/oder bei der Produktion mehr auf Nachhaltigkeit zu achten als früher. Zum einen ist das schlicht gestiegenen Umweltschutzauflagen zu verdanken, zum Teil geschieht es, um einen schlechten Ruf zu korrigieren, zum Teil ist es echtes Engagement, das tief in der Firmenphilosophie verankert ist. Da ist der Markt breit gefächert. Nachhaltigkeit meint hier nicht nur primäre Materialien aus der Natur, auch bei Kunststoffen wird vermehrt auf Recyclingkonzepte geachtet, Spanplattennormen haben sich verbessert, Lacke sind nicht mehr so schädlich und ähnliches.

Auf Seiten der Konsumenten gibt es schon seit einigen Jahren einen Trend zu mehr Natur in der Einrichtung. Allerdings ist vielen nicht bewusst, dass die Verwendung natürlicher Materialien allein noch lange kein Garant für Umweltschutz und Gesundheitsverträglichkeit ist. Label für nachhaltige Forstwirtschaft wie FSC (oder PEFC, aber das ist beim Verbraucher weniger bekannt) haben sicher dazu beigetragen, dass bezüglich Tropenholz ein größeres ‚Unrechtsbewusstsein‘ entstanden ist und Kaufentscheidungen bewusster gefällt werden. Aber bei weniger offensichtlichen Dingen gibt es immer noch ein Wissens-Vakuum. Viele Kunden kommen gar nicht auf die Idee, dass ein Möbel schädlich sein könnte, sie ahnen nicht, wie wenig Kontrollen es in der Realität z.B. für Importprodukte gibt. Uns fehlen Zahlen, ob Verbraucher bei Möbeln heute tatsächlich stärker nach ‚made in Germany‘ fragen. Aber man kann beobachten, dass der Handel diese Aussage in der Werbung heute mehr betont als noch vor einigen Jahren.

Wir sind sicher die Pioniere der ökologischen Einrichtung. Nach unserer Philosophie besteht sie nach wie vor aus Massivholz und primären natürlichen Materialien und bei uns gehört auch dazu, dass wir genau auf Herkunft, Verarbeitung und verwendete Hilfsmittel achten. Anders als bei Lebensmitteln sind die Begriffe Bio und Öko bei Möbeln nicht geschützt, darum müssen wir hier mit unseren Kriterien aushelfen.
Bei Bettwaren verhält es sich anders: Die Materialien für unsere Bettwaren kommen zum allergrößten Teil aus kontrolliert biologischem Anbau, Schurwolle immer öfter aus kontrolliert biologischer Tierhaltung. Hier sehen wir eine verstärkte Nachfrage, dieses ‚Bio‘ kennen doch etliche Verbraucher vom Apfel oder der Kartoffel, es steht für ‚gut für Mensch und Umwelt‘, dem kann man vertrauen. Weit weniger bekannt sind auch hier die komplexeren Siegel wie IVN oder GOTS, die sich mit der gesamten textilen Kette beschäftigen. Hier wissen wir, dass diese Siegel im Ausland weit etablierter und gefragter sind. Deutsche Kunden nehmen da groteskerweise mit ihrer langen Biohistorie eine Sonderstellung ein, sie geben sich mit einem einfachen, anbaubezogenen Bio und Öko zufrieden, vielleicht, weil es schon so ein mühsamer Weg war, dies zu erreichen oder weil dafür das höchste Werbeetat eingesetzt wurde.

Das ÖkoControl-Siegel soll Verbrauchern Sicherheit bei der Auswahl ihrer Möbel und Einrichtungsprodukte geben. Welchen Qualitätskriterien müssen die geprüften Öko-Möbel entsprechen, können Sie ein paar Beispiele geben?

ÖkoControl geprüfte Möbel sind größtmöglich frei von Schadstoffen, denn die ÖkoControl Prüfung ist zunächst einmal ein reiner Schadstofftest. Wir überprüfen dabei auf alle bekannten Schadstoffe, die aus Möbeln emittieren könnten, die nicht aus synthetischen Materialien hergestellt werden.
Wir testen allerdings nur Möbel aus Holz mit offenporiger Oberflächenbehandlung = geölte oder gewachste Betten, Tische, Schränke u.ä. Wir lassen einerseits keine Möbel aus Tropenholz zum Test zu, andererseits auch keine Möbel aus Spanplatten. Unsere Möbel sind aus Massivholz. Wir legen fest, dass das Holz für die von uns getesteten Möbel aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammen muss. Unsere Lieferanten produzieren ausschließlich in Europa, zumeist in Deutschland oder Österreich. So gehen wir sicher, dass die Arbeitsbedingungen fair sind, hohe Umweltschutzauflagen existieren und eingehalten werden. Auch in Punkto Transportemissionen ist das ein klarer Vorteil für die Umwelt.
Wir testen selbst also 'nur' auf Schadstoffe, unsere Kriterien für ein ökologisches Möbel sind aber ein sehr enges Nadelöhr, sodass wir viele Produkte am Möbelmarkt überhaupt nicht zulassen würden zu unseren Tests.

Worauf sollten Verbraucher in jedem Fall achten, wenn sie wirklich nachhaltige Möbel und keine Mogelpackung kaufen möchten?

Die einfachste Orientierungshilfe ist unser ÖkoControl-Siegel für Möbel, Bettwaren und Matratzen. Dieses findet sich allerdings ausschließlich bei unseren Mitgliedshäusern. Auch wenn wir ein Produkt noch nicht testen lassen konnten, sind generell unsere Mitgliedshäuser eine gute Anlaufadresse, da wir mittels Volldeklarationen wissen, wie die Möbel unserer Vertragshersteller aufgebaut sind, woher sie stammen und was dafür verwendet wurde.

Außerhalb unserer Mitgliedshäuser hilft folgendes:
Bei Holzmöbeln:
*nach Beschaffenheit fragen: keine Spanplatte, am besten Massivholz (Rückwände und Schubladen dürfen dabei aus Sperrholz sein)
*nach Schadstofftests fragen
*nach der Herkunft des Holzes fragen
*fragen, ob es seriöse Siegel gibt, die eine nachhaltige Forstwirtschaft belegen können
*nach dem Produktionsland fragen

Bei Polstermöbeln:
*nach dem Produktionsland fragen
*fragen, ob sich der Hersteller durch besonders nachhaltige Produktionsmethoden und Materialien auszeichnet
*bei den Bezügen darauf achten, dass sie robust sind und/oder abnehmbar und waschbar
*bei Leder fragen, ob es pflanzlich gegerbte oder andere ökologische Varianten gibt
*beim Polster fragen, ob es eventuell eine Naturpolsterung gibt, alternativ ein hochwertiger Kaltschaum
*nach Schadstofftests fragen

Bei Matratzen und Bettwaren:
*bei Baumwolle: nachsehen, ob es sich um Biobaumwolle (kbA) handelt, das muss immer ausgezeichnet sein
*bei Latex: fragen, ob es ich um 100% Naturlatex handelt
*nach Schadstofftests fragen
*nach Siegeln fragen, z.B. QUL-Siegel für Naturlatexmatratzen

Kostet der Umstieg auf hochwertige ökologische Möbel mehr? Raten Sie Verbrauchern, möglichst ihr komplettes Mobiliar auszutauschen?

Ob ökologische Möbel mehr kosten, hängt stets von der Referenzgröße ab. Sie kosten nicht mehr als andere hochwertige Einrichtung. Klar ist allerdings, dass die Verwendung nachhaltiger und nachhaltig produzierter Rohstoffe mehr kostet als die konventioneller. Die Erträge sind geringer, der Anbau ist aufwendiger, bei Holz schlagen Wiederaufforstungsmaßnahmen zu Buche, die beim Raubbau naturgemäß nicht anfallen, auch die Löhne sind manchmal höher, es wird mehr für Arbeitsschutzmaßnahmen ausgegeben und vieles mehr. Auch regelmäßige Schadstofftests von Rohstoffen und/oder Endprodukten verursachen Kosten, die sich im Endprodukt wiederfinden müssen.  

Die ökologischste Variante wäre, zeitlebens im einmal angeschafften Mobiliar wohnen zu bleiben, dass würde die Ressourcen selbstverständlich am meisten schonen - aber wer will das schon. Und bei Matratzen wäre das auch gar nicht anzuraten, die sollten nach 10 Jahren gewechselt werden. Es gibt also keinen ökologischen Grund, das Mobiliar auf einen Schlag auszutauschen, es sei denn, es gefällt einem ohnehin nicht mehr. Wer bisher ohne gesundheitliche Probleme in seiner Wohnumgebung lebt, könnte aber bei jedem Neukauf auf eine ökologische Variante achten.

Welche Trends sehen Sie aktuell beim Thema gesundes und natürliches Schlafen?

Erfreulicherweise wieder eine langsame Abkehr von Boxspring-Bett, das wir aus ergonomischen Gründen nicht so empfehlenswert finden und eine erhöhte Nachfrage nach zertifizierten Naturlatexmatratzen, also mit ÖkoControl-Siegel oder Siegel des QUL Qualitätsverband umweltverträgliche Latexmatratzen e.V., in dem wir als Verband auch Mitglied sind.



Vor welche Herausforderungen stellt Sie die Verfolgung Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie?

Der Verbraucher muss nachfragen! Oder umgekehrt: wir müssen ihn erreichen und ihm die Güte unserer Produkte nahebringen – und auch die unserer Häuser selbst, die vorbildlich im Sinne der Nachhaltigkeit geführt werden. Wir haben also durch unsere langjährige intensive Arbeit mit verantwortungsvollen Herstellern weniger das Problem, dass wir nicht die entsprechenden Produkte anzubieten hätten – sondern eher, dass wir noch bekannter werden müssten.

Bei Polstermöbeln fehlt derzeit klar die Verbrauchernachfrage nach Naturvarianten. Wir würden unser Angebot diesbezüglich gerne ausbauen, doch noch lohnt es sich für die allermeisten Hersteller nicht, zusätzlich eine Naturpolsterung zu fertigen, weil sie aufgrund der geringen Stückzahlen zu teuer wäre und zu viele Verbraucher nicht bereit sind, einen Aufschlag dafür zu bezahlen. Von daher sind wir über die langjährige, enge Kooperation mit einem Polstermöbelproduzenten, der Naturpolster fertigt, sehr erfreut.   

Verraten Sie uns, was es künftig Neues von Ihnen geben wird?

Als allererstes: Mitte des Jahres kommt unser nächster Katalog ‚Raum für meine Natur‘ heraus. Damit zeigen unsere Mitgliedshäuser die Highlights ihrer Kollektionen für alle Wohnbereiche. Und auf den Webseiten unserer Mitgliedshäuser werden Verbraucher in Zukunft noch viel mehr vom Portfolio unserer Händler sehen können.



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