Was steckt wirklich in einer Tafel Schokolade? Diese Frage hat Patricia Bönsch dazu gebracht, mit ihrem Label PB RAW COLOMBIAN CACAO rohvegane Bio-Schokolade aus kolumbianischem Criollo Kakao herzustellen und direkt mit den indigenen Arhuaco Bäuerinnen und Bauern zusammenzuarbeiten, ganz ohne Zwischenhändler. Im Interview erzählt die gebürtige Kolumbianerin, warum Ernährung für sie weit mehr als Gewohnheit ist, was eine ancestrale Kakaosorte von Massenware unterscheidet und was wir alle verloren haben, wenn wir nicht mehr wissen, woher unser Essen kommt.
LifeVERDE: Sie sind in Kolumbien aufgewachsen, leben nun seit über 20 Jahren in Deutschland und haben irgendwann angefangen, Schokolade zu verkaufen. Was hat Sie dazu gebracht, ausgerechnet diesen Weg einzuschlagen?
PATRICIA BÖNSCH, Geschäftsführerin von PB RAW COLOMBIAN CACAO: Für mich ist Ernährung ein ganz wesentlicher Teil eines ausgewogenen Lebens. Wir essen jeden Tag, und trotzdem machen sich viele Menschen kaum bewusst, wie stark Lebensmittel unser körperliches und seelisches Wohlbefinden beeinflussen. Ich habe mit der Zeit immer deutlicher gesehen, wie viele Beschwerden auch damit zusammenhängen, dass unser Essen uns oft nicht wirklich nährt. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie viel sich verändern kann, wenn Menschen anfangen, sich hochwertiger und bewusster zu ernähren. Genau daraus ist in mir der Wunsch entstanden, selbst etwas anderes zu schaffen – etwas, das einfach ist, nährt und wirklich gut tut. So kam ich auf die Idee, eine gesunde, einfache und rohe Kakaotafel zu entwickeln, mit wenigen Zutaten und möglichst vielen wertvollen Nährstoffen aus der Kakaopflanze. Genauso wichtig war mir von Anfang an, direkt mit kolumbianischen Bäuerinnen und Bauern zusammenzuarbeiten und die gesamte Wertschöpfung in Kolumbien zu belassen. Ich wollte nicht nur ein Produkt anbieten, sondern auch Kleinbäuerinnen und -bauern unterstützen, soziale Projekte stärken und einen biodynamischen Anbau mit fördern.

Bild: PB Raw Colombian Cacao
Rohvegane Schokolade ist für viele noch ein unbekanntes Konzept. Was genau ist das? Was wird bei der Herstellung Ihrer Schokolade anders gemacht als bei "normaler" Schokolade und warum macht das einen Unterschied?
Bei unserer PB Kakaotafel achten wir sehr darauf, den Kakao so schonend wie möglich zu verarbeiten, damit seine wertvollen Eigenschaften erhalten bleiben. Die Bohnen werden bei maximal 42 Grad getrocknet und fermentiert. Danach werden sie nur sehr kurz und gezielt erhitzt, sodass sich die Schale lösen lässt, die Kakaobohne selbst aber möglichst viele ihrer Nährstoffe behält. Unsere Tafel enthält deutlich mehr Kakaomasse als herkömmliche Schokolade – teilweise bis zu fünfmal so viel. Außerdem verzichten wir bewusst auf industriellen Zucker und süßen stattdessen mit traditionellen kolumbianischen Zutaten wie Panela, einem naturbelassenen Süßungsmittel aus Zuckerrohrsaft. Weil die Kakaobohne von Natur aus schon viel Kakaofett enthält, geben wir kein zusätzliches Kakaofett hinzu. So bleiben unsere Sorten sehr puristisch und kommen meist mit nur zwei oder drei Zutaten aus.

Bild: PB Raw Colombian Cacao
Für Ihre Schokolade verwenden Sie eine besondere Kakaosorte: den Criollo Kakao – eine Sorte, die weniger als zehn Prozent der weltweiten Kakaoproduktion ausmacht. Was macht ihn so selten und warum wird er trotzdem nicht häufiger angebaut?
Criollo Kakao ist etwas ganz Besonderes, weil er geschmacklich viel feiner und komplexer ist als viele andere Kakaosorten. Er bringt oft sehr milde, aromatische und fast schon elegante Noten mit, was ihn für mich unglaublich wertvoll macht. Gleichzeitig ist er aber auch viel empfindlicher im Anbau. Die Pflanzen sind weniger robust, anfälliger für Krankheiten und liefern deutlich geringere Erträge als andere Sorten. Genau deshalb setzen viele Produzenten eher auf ertragreichere Kakaos, die wirtschaftlich leichter zu handhaben sind. Für mich zeigt sich darin aber auch ein grundsätzliches Problem: In der Lebensmittelproduktion geht es oft zuerst um Menge, Widerstandsfähigkeit und Effizienz – und viel seltener um Qualität, Geschmack und ursprüngliche Vielfalt. Gerade deshalb ist es mir so wichtig, mit Criollo zu arbeiten. Für mich steht er für einen Kakao, der nicht auf Masse ausgelegt ist, sondern auf Charakter, Sorgfalt und echten Wert. Dazu kommt, dass die Criollo Sorte der Arhuacos eine ancestrale, also ursprünglich überlieferte Sorte ist, die es nur bei diesem Stamm gibt. Auch das macht sie für mich so besonders.

Bild: PB Raw Colombian Cacao
Die Arhuacos, die zu den ältesten Einwohner*innen Nord-Kolumbiens gehören und deren Kakaobohnen Sie kaufen, geben jeder einzelnen Kakaopflanze einen eigenen Namen. Was bedeutet diese Haltung für die Qualität des Kakaos und hat sie Ihre eigene Beziehung zu Lebensmitteln verändert?
Mich berührt diese Haltung der Arhuacos sehr, weil sie zeigt, in welcher Beziehung sie zur Natur stehen. Der Kakao wird dort nicht gezielt in Plantagen angebaut, sondern wächst ganz natürlich im Regenwald im Norden Kolumbiens. Genau das macht für mich einen großen Unterschied, weil der Kakao so Teil eines lebendigen natürlichen Gleichgewichts bleibt und nicht wie ein reines Produktionsgut behandelt wird. Für mich spürt man in so einem Umgang mit der Natur auch eine andere Form von Respekt und Verbundenheit. Die Zusammenarbeit mit den Arhuacos hat meinen Blick auf Lebensmittel deshalb noch einmal verändert. Sie hat mich daran erinnert, dass Nahrung nicht einfach Ware ist, sondern immer auch mit Herkunft, Kultur, Menschen und einem bestimmten Verhältnis zur Natur verbunden ist. Seitdem ist mir noch bewusster, wie wichtig Wertschätzung, Achtsamkeit und Respekt in allem sind, was wir essen.

Bild: PB Raw Colombian Cacao
Neben Schokolade bieten Sie auch handgefertigte Mochilas, von den Arhuaco Frauen genähte Taschen aus Schafwolle, an. Welche Rolle spielen solche Produkte für Ihre Vision, und wie tragen sie zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Gemeinschaften bei?
Für mich gehören diese Mochilas ganz selbstverständlich zu unserer Vision, weil sie viel mehr sind als nur ein schönes handgefertigtes Produkt. Sie tragen eine Kultur, ein Wissen und eine Geschichte in sich, die von den Arhuaco Frauen über Generationen weitergegeben wurden. Mir ist wichtig, dass diese Arbeit gesehen und wertgeschätzt wird – nicht als folklorisches Beiwerk, sondern als etwas Eigenständiges und Wertvolles. Gleichzeitig schaffen solche Produkte eine zusätzliche Möglichkeit für Einkommen und damit auch für mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit innerhalb der Gemeinschaften. Gerade für Frauen kann das eine große Rolle spielen, weil ihre Arbeit dadurch sichtbarer wird und einen direkten materiellen Wert bekommt. Für mich geht es deshalb nicht nur darum, etwas zu verkaufen, sondern darum, Räume zu schaffen, in denen kulturelles Wissen erhalten bleibt und Gemeinschaften in ihrer eigenen Stärke unterstützt werden.

Bild: PB Raw Colombian Cacao
Viele Menschen greifen zu Schokolade aus Gewohnheit, weniger aus Bewusstsein. Was müsste sich aus Ihrer Sicht verändern, damit Konsum stärker als Entscheidung verstanden wird?
Ich glaube, es würde sich schon viel verändern, wenn wir uns wieder bewusster machen, dass die Entscheidung bei uns liegt und nicht bei der großen Industrie. Wir sollten nicht einfach hinnehmen, was uns als Massenware angeboten wird oder was über den Preis gesteuert wird, sondern uns wieder fragen, was wir wirklich essen wollen und was unserem Körper guttut. Für mich geht es darum, Lebensmittel wieder als etwas anzuerkennen, das uns wirklich nährt und auf unseren Körper wirkt. Obst, Gemüse oder Kräuter sind für mich nicht einfach nur Produkte, sondern tragen jeweils ganz eigene Eigenschaften in sich und stehen auf ihre Weise in Verbindung mit unseren Zellen. Wenn wir das wieder stärker spüren, verändert sich auch unser Konsum. Dann essen wir nicht nur aus Gewohnheit oder aus einem schnellen Impuls heraus, sondern mit mehr Bewusstsein und mehr Eigenverantwortung. Ich glaube, wir müssen uns diese Macht zurückholen – die Entscheidung darüber, was wir essen, sollte wieder viel stärker bei uns selbst liegen.

Bild: PB Raw Colombian Cacao
Fazit: Mehr als nur Schokolade
PATRICIA BÖNSCH zeigt, dass hinter einem Lebensmittel immer mehr steckt als sein Geschmack. Die Arbeit mit den Arhuacos, der Verzicht auf Zwischenhändler und die Entscheidung für eine seltene, ertragsarme Kakaosorte: All das sind bewusste Haltungen. Ihr Ansatz erinnert daran, dass Konsum nie neutral ist und dass die Frage, was wir essen, auch immer eine Frage danach ist, welche Welt wir damit unterstützen. Wer das einmal verstanden hat, greift zur Schokolade vielleicht etwas langsamer, dafür aber mit mehr Bewusstsein.
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