Pfand auf alte Smartphones
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Pfand auf alte Smartphones

THEMENWOCHE FAIRE HANDYS | "Wir wollen die Augen nicht vor Not und Ungerechtigkeit verschließen, sondern darauf aufmerksam machen und Veränderung bewirken." Aus dieser Motivation haben die Brüder Samuel und Carsten Waldeck, gemeinsam mit ihrem Vater, ihr Unternehmen gegründet. Sie haben mit ihren SHIFTPHONES "fairere" Handys aus 30% recyceltem Kunststoff entwickelt.

THEMENWOCHE FAIRE HANDYS | "Wir wollen die Augen nicht vor Not und Ungerechtigkeit verschließen, sondern darauf aufmerksam machen und Veränderung bewirken." Aus dieser Motivation haben die Brüder Samuel und Carsten Waldeck, gemeinsam mit ihrem Vater, ihr Unternehmen gegründet. Sie haben mit ihren SHIFTPHONES "fairere" Handys aus 30% recyceltem Kunststoff entwickelt.

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28.02.2017 - Das Interview führte Gessica Mirra, Bild © Beear, www.pixabay.com

LifeVERDE: Sie sind mit eins der ersten Unternehmen, dass „faire Handys“ produziert und vertreibt. Wie kam es zur Gründung des Familienunternehmens? 

Designer und Erfinder Samuel Waldeck: Das ist eine längere Geschichte. Schon seit 2003 arbeiten mein Vater, mein Bruder und ich zusammen, entwickeln Produkte und kümmern uns gemeinsam um den Vertrieb. Eines unserer ersten Produkte waren die iSaver. Das sind Mikrofasertücher zum Reinigen und Pflegen von Labtops. Anfangs war es ein Hobby und auf gewissen Art und Weise ein gemeinsames Abenteuer. In Europa waren leider keine Firmen zu finden, die uns die Materialien liefern konnten, die wir für die Tücher benötigten. Mein Bruder Carsten hat sich auf eigene Faust auf Reisen nach China begeben, um einen Partner für die Produktion zu finden und war erfolgreich. Über mehrere Jahre konnten wir eine sehr gute Zusammenarbeit mit einem jungen Unternehmen in China aufbauen. Schon damals sind uns die teilweise sehr schlimmen Arbeitsbedingungen aufgefallen, haben unsere Partner darauf aufmerksam gemacht, haben sie für das Thema sensibilisiert und mit ihnen gemeinsam versucht Verbesserungen vorzunehmen.

2012 hatte Carsten die Idee einen Kamerakran (iCrane) zu entwickeln, der für Smartphones und leichte DSLR-Kameras ausgelegt ist. Um die Entwicklung und die Produktion zu finanzieren machte er ein Crowdfunding-Projekt auf der Plattform Startnext. Das Projekt war sehr erfolgreich (eines der erfolgreichsten Crowdfunding Projekte zu der Zeit) und wir haben das Finanzierungsmodell für uns entdeckt. Beim Crowdfunding kann jeder von einander profitieren und es entstehen keine Abhängigkeiten zu großen Investoren. Diese Freiheit zum Einen, die direkte Nähe zum Kunde zum Anderen, schätzen wir sehr.

Für uns war klar, der iCrane ist nicht unser letztes Projekt gewesen. Kurze Zeit später hatten wir die Idee einen field monitor für den Kran zu entwickeln, um eine direkte Kontrolle für die Aufnahmen zu bekommen. Im Laufe der Entwicklung wurde immer mehr klar, dass der Monitor eine Funkübertragung benötigen würde sowie ein gutes Display und ein Bertiebssystem zur Bedienung des Gerätes. Mit jeder Funktion, die wir uns für den field monitor ausdachten, kamen wir einem Tablet immer näher und es formte sich das SHIFT7.

Ein Tablet bzw. Smartphonehersteller zu werden ist kein unbedeutender Schritt. Warum sollten wir Smartphones herstellen? Wie würden die Geräte und uns als Firma auszeichnen? Je mehr wir über diese Fragen nachdachten, desto klarer war, werden wir Smartphonehersteller, wollen wir mit der Firma Veränderung (daher auch der Name SHIFT) bewirken.

Was macht Ihre Shiftphones fair?

Mein Vater, ursprünglich Mathe und Physiklehrer, hat vor vielen Jahren einen Verein mit dem Ziel gegründet, ehemaligen Drogenabhängigen zu helfen, ein Leben ohne Abhängigkeit zu führen. Durch viele Unterstützer konnte der Verein ein altes, baufälliges Rittergut erwerben, dass dem Verein ein Zuhause gegeben hat. Dort sind wir als Kinder aufgewachsen. Menschen zu helfen, die nur noch wenig Hoffung für ihr Leben kennen, gehörte für uns zum alltäglichen Leben. Über Jahre wurde aus dem alten und baufälligen Haus ein wunderschöner Ort, der vielen Menschen eine Heimat wurde. Uns hat das sehr geprägt. Wir wollen die Augen nicht vor Not und Ungerechtigkeit verschließen, sondern darauf aufmerksam machen und Veränderung bewirken. Mit dieser Motivation haben wir unsere Firma gegründet.  

Ein komplett faires Gerät zu bauen ist derzeit leider noch nicht möglich, denn das würde bedeuten, dass man alles über die Herkunft der Materialien, Teile und Zulieferbetriebe wissen müsste. Wir tun was wir können um möglichst weit zu kommen, solche Kenntnisse von unseren Produzenten zu erhalten. Von dem, was wir derzeit wissen und überblicken können, gibt es derzeit nichts, was an unserem SHIFTPHONE unfair oder ungerecht wäre. Aber das reicht uns natürlich nicht. Daher sind wir bestrebt, möglichst viel zu lernen und einen immer grösseren Einblick in die vollständigen Zusammenhänge und Prozesse der Herstellung (inkl. Gewinnung der Materialien) zu bekommen und gegebenenfalls Alternativen zu suchen und zu finden.

Das Thema ist sehr komplex, daher möchte ich gerne auf unseren Report verweisen, der zum Download bereit steht.

Aus was für Materialien besteht das Shiftphone?

Das Gehäuse unserer SHIFTPHONES besteht aus Kunststoff. Dieser besteht bereits zu 30% aus recyceltem Material. Die Gehäuse lassen sich sehr einfach wiederverwerten, genau wie die meisten andern Bestandteile der SHIFTPHONES. Damit Kunden ihre defekten SHIFTPHONES nicht einfach entsorgen, haben wir seit diesem Jahr einen Gerätepfand eingeführt, um klar zu machen, auch ein defektes Gerät hat noch einen Wert und wir als Hersteller können dir Materialen einfacher wiederverwerten. Im Sinne einer ausgewogenen Kreislauf-Wirtschaft ist es uns wichtig, dass Geräte in jedem der vier Kreisläufe (Repair, Redistibute, Refurbish und Recycling) optimal genutzt werden, bevor sie in den jeweils nächsten Kreislauf weitergereicht werden.

Das Konfliktmaterial Nr.1 ist wohl derzeit Coltan, aus dem Tantalum gewonnen wird. Daher war es uns wichtig, diesen Punkt zuerst anzugehen. Unser SHIFTPHONE benötigt nicht nur kein Coltan (Tantalum) aus den Konfliktminen im Kongo, sondern es verzichtet nachweislich ganz auf die Verwendung von Coltan. Wir nutzen statt dessen keramische Mikro-Kondensatoren. Desweiteren arbeiten wir daran, für zukündige Produktionen faires Gold nutzen zu können. Bisher haben wir allerdings für alle Smartphones, die jemals von SHIFT hergestellt wurden weniger als 80 gr Gold verbraucht. Ein weiterer wichtiger Stoff, der bei der Produktion eingesetzt wird ist Löt-Zinn. Hier bereiten wir zur Zeit eine Zusammenarbeit mit dem deutschen "FairLötet"-Projekt vor, um möglichst durchgehend fair hergestellten Lötdraht bei der Produktion verwenden zu können - zwar liegt der Schmelzpunkt des FairLötet-Drahtes weit über dem in solchen Produktionen normal üblichen Werten, was dessen Nutzung in unseren Produktionen bisher erschwert hahe, aber mit unserer neuen eigenen Fertigung haben wir auch hier neue Freiheiten, die wir nun nutzen können.

Wie sieht Ihre Produktionsstätte in China aus?

Wir fertigen zum größten Teil in China. Aber nicht in großen Konzernen (wie z.B. Foxconn mit über 1 Mio. Mitarbeitern) sondern bei kleinen Familienbetrieben mit weniger als 300 Mitarbeitern. Hier ist jeder Mitarbeiter noch persönlich bekannt und es herrscht eine familiäre Atmosphäre. Die Arbeitszeit der Mitarbeiter darf 50 Stunden/Woche nicht übersteigen und min. ein Tag in der Woche (meist Sonntag) ist ein freier Tag. Keine Kinderarbeit ist für die Betriebe mit denen wir zusammenarbeiten selbstverständlich.

Um die Transparenz und unabhängige Belegbarkeit unserer Produktionen zu ermöglichen, arbeiten wir seit Mitte 2016 mit der NGO „TAOS“ zusammen. Ziel war es, Produktionspartner in Sachen faire Fertigung zu schulen und deren Produktionen zu überprüfen. Wir sind sehr dankbar für diese Zusammenarbeit, die uns noch einige neue Punkte zur Verbesserung der Produktionen aufgezeigt hat und uns nun zu einem nächsten Schritt geführt hat, über den wir uns sehr freuen und der für uns den nächsten Schritt in Sachen Dokumentation und Transparenz darstellt:

Wir bauen eine eigene kleine Fertigung auf. Diese Fertigung wird von Anfang an von TAOS geplant und mit betreut. Das Ziel dieser Fertigung ist es, im kleinen Rahmen ein Zeichen zu setzen und faire Fertigung in China so gut zu realisieren wie für uns irgendwie möglich und die auch lückenlos und transparent dokumentieren und kommunizieren zu können.

Wie sieht der Arbeitsalltag Ihrer Mitarbeiter dort aus?

Es ist uns wichtig, dass eine gute und liebevolle Atmosphäre bei der Produktion herrscht und jeder gesehen und wertgeschätzt wird. Auch ist uns wichtig, dass die Arbeit nicht zu monoton ist und jeder die Möglichkeit hat, sich weiterzubilden und neue Fähigkeiten in der Fertigungskette zu erlernen. Eine faire Bezahlung soll den Mitarbeitern ermöglichen keine Überstunden machen zu müssen, um sich und die Familie zu finanzieren und die freien Tage zu genießen.

Wir freuen uns schon sehr auf unsere eigene Fertigung. Dort können wir tiefere persönliche Kontakte zu den Mitarbeitern aufbauen und pflegen und noch besser auf ihre Bedürfnisse eingehen. Als Kunde von Elektronikartikeln fehlt uns in Deutschland mittlerweile der Bezug zu den Menschen, die an den Produkten arbeiten. Unser Wunsch ist es diese Beziehung wieder herzustellen. Es sind Menschen mit einer eigenen Lebensgeschichte, die mit uns an den SHIFTPHONES arbeiten. Damit wirken wir dem Trend zu immer größeren Fertigungsstätten entgegen.

Wie sehr ist die Gesellschaft Ihrer Meinung nach an fairen Handys interessiert? Ist das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in Deutschland ausreichend ausgeprägt? Haben Sie Erfolg mit Ihren "fairen" Handys?

Es ist die Frage woran man Erfolg misst und mit wem man sich vergleicht. Würden wir uns an der Anzahl der verkauften Geräte mit einem der großen Hersteller messen, wären wir nicht erfolgreich. Aber darauf kommt es uns nicht an. Seit der Gründung der SHIFT GmbH Anfang 2015 wächst unser Unternehmen und das ohne die Hilfe von großen Investoren. Mit Hilfe vieler Freunde, Unterstützer im Crowdfunding und treuen Kunden konnten wir es schaffen ohne weitere Kredite eine Firma aufzubauen, Produktionen zu stemmen und ein Team zusammenzustellen in und mit dem wir sehr gerne arbeiten. Wir merken, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland für Nachhaltigkeit interessieren. Fast jedes Telefonat, dass wir mit Kunden führen, ist sehr interessant. Viele unserer Kunden haben ein eigenes kleines Projekt, in dem sie sich für Nachhaltigkeit einsetzen. Sie inspirieren und ermutigen uns. Wir dürfen erfahren, dass es richtig war SHIFT zu gründen und dass jede es jede Herausforderung, die wir stemmen müssen, wert ist.

Auf der anderen Seite sehen wir unter welchen Bedingungen viele Firmen ferigen lassen, wieviel Elend und Leid unter Anderem durch die Gewinnung der Materialien zur Smartphone Herstellung entsteht und wieviele Menschen trotzdem unachtsam mit Ressoucen umgehen.

Wenn man ein Shiftphone auf Ihrer Homepage kauft. Wie lange dauert es dann, bis es beim Kunden zu Hause ankommt?

Je nach dem für welches SHIFTPHONE man sich entscheidet variiren die Lieferzeiten. Das SHIFT5.2 ist sofort lieferbar, ebenso das SHIFT7+. Einen Teil der Entwicklungs- und Produktionskosten decken wir durch Vorbestellungen ab. Aktuell ist das SHIFT4.2 vorbestellbar und wird Ende März ausgeliefert und unser Highend Modell das SHIFT5pro wird gegen Ende das Jahres ausgeliefert wird.

Auf Ihrer Homepage steht, dass Sie Sozial- und Nachhaltigkeitsprojekte finanziell unterstützen. Um was für Projekte handelt es sich dabei?

Die Palette an Projekten, die wir unterstützen ist recht breit. Grundsätzlich sollten die Projekte Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit oder Bildung fördern. Viele der Projekte sind kleine Initiativen, teilweise von Kunden von uns, die wir gerne in ihrem Vorhaben unterstützen. Gute Initiativen müssen nicht immer groß sein. Jeder kann etwas bewirken.

Größere Projekte, deren Arbeit uns sehr begeistert sind unter anderen IJM Deutschland und die Arbeit von Therese Mema von missio im Kongo. Im April 2017 wird Carsten gemeinsam mit einigen missio Mitarbeitern eine Reise in den Kongo antreten, die Traumazentren von Therese Mema besuchen und gemeinsam mit ihr überlegen, wie wir die Situation der Menschen dort über finanzielle Hilfe hinaus verbessern können.

Was ist Ihr Unternehmensziel?

Das Ziel lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Gemeinschaft.

Der Grund weshalb Menschen einander ausbeuten oder Unrecht tun ist unserer Meinung nach der Verlust an echten Beziehungen. Wir leben in einer Zeit in der es den meisten Menschen schwer fällt, das Gegenüber wahrzunehmen, weil der Blick über den Rand des Smartphonedisplays - früher war es mal der Tellerrand - verlernt wurde. Daher steht auf jedem SHIFTPHONE folgender Warnhinweis: "Smartphones can be timekillers. There is no greater gift for you today, than the next 24 hours. Use them wisely. People are more importent than machines.“ Wir sind davon überzeugt, dass wir als Gemeinschaft viel bewirken können. Wenn sich jeder in seinem Umfeld für einen anderen Stark macht, ist jedem geholfen. Technologie kann dabei unterstützen und grob gesagt ist genau das unser Ziel.

Mit dem SHIFT12 Crowdfunding-Projekt, dass aktuell noch bei Startnext läuft zeigen wir, dass wir uns mir SHIFT nicht nur auf Smartphones beschränken wollen. Sehr wahrscheinlich wird es bald auch einen Labtop von SHIFT geben, der modular und nachhaltig aufgebaut ist. Die Fundingschwelle von 100.000€ haben wir schon erreicht, freuen uns aber über jeden weiteren Unterstützer, denn das Fundingziel von 500.000€ ist noch nicht geknackt.

Mehr zum Thema: Faire Handys statt "Blut-Handys"



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