In Frankreich sind Supermärkte ab einer bestimmten Größe gesetzlich verpflichtet, noch genießbare Lebensmittel zu spenden statt sie wegzuwerfen. In Deutschland gibt es eine solche Regelung bis heute nicht. FOODSHARING DÜSSELDORF ist Teil des bundesweiten, überwiegend ehrenamtlich organisierten Netzwerks FOODSHARING, das seit 2012 Lebensmittel rettet, die andernfalls entsorgt würden: in Betrieben, bei Privatpersonen und überall dort, wo Ware aus dem Verkehr gezogen wird, obwohl sie noch verwendbar ist. Im Interview sprechen die Düsseldorfer Aktiven darüber, was ein Gute-Samariter-Gesetz in der Praxis verändern würde, warum das Mindesthaltbarkeitsdatum so häufig missverstanden wird und weshalb Lebensmittelverschwendung trotz wachsenden Bewusstseins in der Bevölkerung strukturell ein schwer lösbares Problem bleibt.
LifeVERDE: Ihr bezeichnet FOODSHARING als umwelt- und bildungspolitische Bewegung. Für Menschen, die neu in Düsseldorf sind oder das Konzept noch nicht kennen: Wie genau funktioniert das Netz aus Fairteilern und Essenskörben bei euch?
FOODSHARING DÜSSELDORF: Der Bezirk Düsseldorf hat in den vergangenen Jahren ein starkes Wachstum verzeichnet und betreut inzwischen mehr als 180 Kooperationsbetriebe. Über 3.000 registrierte Foodsaver*innen engagieren sich seit 2014 in mehr als 140.948 Einsätzen aktiv im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Für dieses kontinuierliche Engagement wurde der Bezirk im Jahr 2017 mit dem städtischen Umweltpreis ausgezeichnet.
Mit insgesamt 25 Fairteiler-Standorten verfügt der Bezirk zudem über eine sehr dichte Infrastruktur zur Weitergabe von Lebensmitteln. Ein enger und kontinuierlicher Austausch mit der zuständigen Lebensmittelaufsichtsbehörde stellt dabei sicher, dass bestmögliche Hygienestandards umgesetzt und weiterentwickelt werden. Unterstützt wird der Bezirk von neun engagierten Botschafter*innen, die das Thema Lebensmittelwertschätzung aktiv in die Communities ihrer jeweiligen Bezirke tragen.
Um auch größere Mengen an Lebensmitteln sowie benötigtes Equipment effizient zu verwalten, betreibt der Bezirk den sogenannten FOODSHARING Treff "Schlaraffenland". Die Idee dazu entstand durch den Besitzer eines Geschäfts, der selbst aktiv bei FOODSHARING ist und das Konzept seinen Kund*innen vorgestellt hat. Diese waren sofort begeistert und erklärten sich bereit, Geld für einen langfristigen Zeitraum zu spenden und das Projekt so zu unterstützen. Das Schlaraffenland dient heute als zentrales Lager für Kisten, Eimer und Großspenden und ist zentral in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs gelegen.
Darüber hinaus hat die Stadt Düsseldorf im Rahmen ihres Zero Waste Konzepts eine finanzielle Unterstützung des Schlaraffenlands strategisch vorgemerkt und dieses als zukünftigen "FOODSHARING Hub" eingeplant.
Regelmäßige öffentliche Schnibbelevents, die alle zwei bis drei Monate in Kooperation mit dem Verein "Gute Nachbarschaft e.V.'' und dem Schauspielhaus Düsseldorf stattfinden, runden das Gemeinschaftsangebot ab und fördern den Austausch sowie die Sensibilisierung für Lebensmittelwertschätzung im Düsseldorfer Stadtgebiet.

Bild: foodsharing Düsseldorf
Ihr fordert ein gesetzliches Wegwerfverbot für Supermärkte nach dem Vorbild Frankreichs sowie ein Gute-Samariter-Gesetz zur Rechtssicherheit. Was genau muss man sich darunter vorstellen und welche Spielräume und Möglichkeiten habt ihr als Düsseldorfer Initiative, um lokal Druck auf Handelsketten aufzubauen?
Ein Gute-Samariter-Gesetz würde in Deutschland für mehr Rechtssicherheit sorgen, indem es Lebensmittelspenden erleichtert. Dabei gelten Organisationen wie FOODSHARING oder Tafeln als Endverbraucher. Das bedeutet: Unternehmen haften nicht mehr gegenüber den finalen Empfängern, solange sie nicht grob fahrlässig oder vorsätzlich handeln. Diese Regelung senkt Hemmungen bei Betrieben, Lebensmittel zu spenden, und fördert so aktiv die Weitergabe überschüssiger Ware. Zusätzlich fordert FOODSHARING ein gesetzliches Wegwerfverbot nach französischem Vorbild: Dort sind große Supermärkte verpflichtet, noch genießbare Lebensmittel zu spenden statt sie zu entsorgen – andernfalls drohen Strafen. In Deutschland fehlt eine solche Verpflichtung bislang, weshalb weiterhin große Mengen genießbarer Lebensmittel im Müll landen. Das hat nicht nur soziale, sondern auch ökologische Folgen, etwa unnötigen Ressourcenverbrauch und zusätzliche CO₂-Emissionen.
Ihr setzt euch dafür ein, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum für bestimmte Produkte abgeschafft wird. Wie reagieren Menschen, wenn ihr ihnen erklärt, dass dieses Mindesthaltbarkeitsdatum oft nichts mit der tatsächlichen Genießbarkeit zu tun hat?
Viele Menschen reagieren zunächst überrascht, wenn sie erfahren, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht gleichbedeutend mit Ungenießbarkeit ist. In der Praxis zeigt sich jedoch: Ein Großteil der Lebensmittel ist deutlich länger haltbar. Aufklärung hilft hier, Unsicherheiten abzubauen und das Vertrauen in die eigene Einschätzung zu stärken. Dennoch bleibt das Mindesthaltbarkeitsdatum ein wichtiger Richtwert – es wird nur oft missverstanden.
Eure Plattform ist open source, ehrenamtlich betrieben und werbefrei. Was sind die größten Hürden, eine Organisation in dieser Größe ohne kommerzielle Strukturen am Laufen zu halten?
FOODSHARING ist eine überwiegend ehrenamtlich organisierte, nicht-kommerzielle Plattform mit dem Grundsatz: "So viel Geld wie nötig, so wenig wie möglich." Es gibt nur wenige bezahlte Stellen, meist projektgebunden finanziert. Die größte Herausforderung besteht darin, Strukturen langfristig stabil zu halten, da viele Aufgaben von Ehrenamtlichen getragen werden. Wenn engagierte Personen wegfallen, können Lücken entstehen, die nicht immer sofort geschlossen werden. Gleichzeitig ermöglicht diese Organisationsform große Unabhängigkeit und hält den Zugang bewusst kostenfrei.
FOODSHARING ist nicht die einzige Initiative, die sich dem Thema Lebensmittelrettung widmet. Wie arbeitet ihr mit anderen Organisationen zusammen und was erhofft ihr euch davon?
FOODSHARING arbeitet gemeinsam mit Organisationen wie Too Good To Go (TGTG), Sirplus und weiteren Partnern im Bündnis Lebensmittelrettung. Ziel ist es, Kräfte zu bündeln und politisch wie gesellschaftlich mehr Wirkung zu erzielen. Dabei liegt der Schwerpunkt in der lokalen Vernetzung: Als Mitglied im Nachhaltigkeitsbeirat der Stadt Düsseldorf hat FOODSHARING aktiv am städtischen Zero-Waste-Konzept mitgewirkt. Dies führte dazu, dass mittlerweile fast alle offiziellen Veranstaltungen der Stadt in Kooperation mit FOODSHARING stattfinden, um Lebensmittelverschwendung direkt vor Ort zu vermeiden. Dabei wird u. a. beim Japanfest, der Veggieworld und beim Gourmet Festival Düsseldorf gerettet. Im Jahr 2024 unterstützte der Bezirk bei der Fußball EM in der Arena Düsseldorf und rettete dort wöchentlich mehrere Tonnen Lebensmittel.

Bild: foodsharing Düsseldorf
Seit dem Start der Bewegung im Jahr 2012 hat sich viel getan, dennoch landet immer noch mehr als ein Drittel aller Lebensmittel im Müll. Woran liegt es eurer Erfahrung nach, dass das gestiegene Bewusstsein in den Köpfen der Menschen oft noch nicht zu einer echten Trendwende in den Mülltonnen führt?
Lebensmittelverschwendung entsteht entlang der gesamten Wertschöpfungskette – nicht nur bei den Endverbraucher*innen. Ein wesentlicher Teil wird oft gar nicht erfasst, etwa Verluste auf dem Feld, wenn Produkte aus optischen Gründen nicht geerntet werden. Zwar hat das Bewusstsein in der Bevölkerung zugenommen, doch strukturelle Probleme bestehen weiterhin. Ein Teil der Verschwendung bleibt wirtschaftlich "günstiger" als Weitergabe oder Umverteilung. Gleichzeitig gibt es positive Entwicklungen:
- mehr Rabattaktionen vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums
- Hinweise auf längere Haltbarkeit
- steigende Sensibilisierung bei Konsument*innen
Langfristig könnte vor allem frühzeitige Bildung, etwa in Schulen und Kitas, einen nachhaltigeren Wandel bewirken.
Fazit: Lebensmittelrettung ist möglich – aber Gesetze fehlen
Was FOODSHARING DÜSSELDORF leistet, funktioniert trotz des rechtlichen Rahmens, nicht aufgrund gesetzlicher Bedingungen. Solange Unternehmen bei Lebensmittelspenden mit Haftungsrisiken rechnen müssen und keine gesetzliche Weitergabepflicht besteht, bleibt die Entsorgung für viele Betriebe der einfachere Weg. Dass das Netzwerk dennoch wächst und wirkt, liegt an Menschen, die ehrenamtlich Strukturen aufrechterhalten, die eigentlich politisch abgesichert sein sollten. Die Diskussion über ein Wegwerfverbot nach französischem Vorbild und ein Gute-Samariter-Gesetz sind in Deutschland also längst überfällig.
Das könnte dich auch interessieren: Lebensmittel retten – wie es geht, welche Apps helfen und wo du kostenlos retten kannst


Kommentar erstellen






































































































































































































































































































































































































































































































































