Ein Hotel, das zum Teil selbst anbaut, was es serviert. Das jungen Menschen eine Chance gibt, bevor ihr Lebenslauf überzeugt. Und das Nachhaltigkeit nicht als Zertifizierungsaufgabe begreift, sondern als tägliche Entscheidung. Das FLAIR HOTEL REUNER in Zossen ist kein gewöhnlicher Beherbergungsbetrieb. Inhaber DANIEL REUNER – neben seiner Funktion als Geschäftsführer zusätzlich Präsident des DEHOGA Brandenburg sowie Präsident der Flair Hotels – hat etwas aufgebaut, das schwer in eine Schublade passt und genau das macht es so interessant. Denn was vielleicht für manche nach einem ungewöhnlichen Experiment klingt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis jahrelanger bewusster Entscheidungen: von der eigenen Landwirtschaft über gezielte Nachwuchsförderung bis hin zu einem Nachhaltigkeitsansatz, der sowohl die ökologische als auch die soziale und wirtschaftliche Ebene ernst nimmt. Dass das keine leere Formel ist, zeigt sich auch im Team: Mitarbeitende aus Nepal und Indonesien begleiten den Betrieb seit über zehn Jahren und sind fester Bestandteil der Hotelfamilie. Im Interview erklärt DANIEL REUNER, wie all das im Hotelalltag aussieht.
LifeVERDE: Wenn jemand bei Ihnen am Hotel ankommt und Sie zum ersten Mal erlebt – wie würden Sie den Betrieb so beschreiben, dass man nicht nur versteht, was Sie anbieten, sondern auch wie es sich anfühlt, bei Ihnen zu sein? Was macht Sie aus?
DANIEL REUNER, Inhaber und Geschäftsführer vom FLAIR HOTEL REUNER: Bei uns soll sich niemand wie ein Gast fühlen, sondern wie ein*e herzlich willkommene*r Besucher*in auf einem lebendigen Familienhof. Unser FLAIR HOTEL REUNER verbindet Gastlichkeit, Landwirtschaft und regionale Küche auf eine sehr persönliche Weise. Wer bei uns ankommt, erlebt nicht nur ein Hotel mit Restaurant, sondern einen Ort, an dem Tiere auf den Wiesen stehen, Obst im eigenen Garten wächst, Gemüse aus der Gärtnerei geerntet wird und viele Produkte ihren Ursprung direkt vor der Hoteltür haben. Gastlichkeit bedeutet für uns nicht nur Service. Es ist ein Gefühl. Wir möchten, dass Menschen entschleunigen, die Natur erleben und spüren, wo Lebensmittel herkommen. Viele Gäste sagen uns, dass sie bei uns nicht einfach übernachten, sondern ein Stück Zuhause auf Zeit finden.

Bild: Daniel Reuner
Sie verbinden Hotel, Landwirtschaft und Gastronomie unter einem Dach. Welche Entscheidungen und Abläufe sind dadurch schwieriger geworden und welche überraschend viel einfacher?
Natürlich ist vieles komplexer geworden. Wetter, Ernte, Tierhaltung und Hotelbetrieb folgen unterschiedlichen Rhythmen. Man kann nicht alles planen wie in einer klassischen Lieferkette. Wenn der Spargel später kommt oder die Ernte kleiner ausfällt, müssen wir flexibel reagieren. Gleichzeitig macht genau das vieles einfacher. Wir wissen, wo unsere Produkte herkommen, kennen die Qualität bis ins Detail und können unseren Gästen ehrlich erzählen, was auf ihrem Teller liegt. Kurze Wege, direkte Entscheidungen und die enge Verbindung zwischen Landwirtschaft und Küche schaffen eine Authentizität, die man nicht einkaufen kann.

Bild: Daniel Reuner
Gäste erleben bei Ihnen nicht einfach nur Küche, sondern auch Produkte aus eigener Tierhaltung und Produktion. Wie gehen Sie damit um, wenn sich Gäste bewusst oder kritisch mit diesen Themen auseinandersetzen?
Wir begrüßen solche Gespräche ausdrücklich. Viele Menschen möchten heute wissen, wie Tiere gehalten werden und wo Lebensmittel herkommen. Diese Transparenz ist wichtig. Unsere Tiere leben mit viel Platz und unter Bedingungen, die wir selbst verantworten und täglich sehen. Deshalb haben wir auch keine Scheu, Gästen unsere Landwirtschaft zu zeigen oder Fragen zu beantworten. Nachhaltigkeit bedeutet für uns Ehrlichkeit. Nicht jeder Gast muss dieselben Entscheidungen treffen wie wir, aber jeder soll nachvollziehen können, warum wir bestimmte Wege gehen. Interessanterweise entstehen aus kritischen Fragen oft die spannendsten Gespräche. Viele Gäste schätzen es, dass wir nichts verstecken und offen über Landwirtschaft, Tierhaltung und Lebensmittelproduktion sprechen.

Bild: Daniel Reuner
Ausgezeichnet mit der höchsten Stufe des GreenSign Zertifikats, liegen Sie aktuell mit einem Konformitätsgrad von 95 % unter allen zertifizierten Hotels auf dem ersten Platz. Was bedeutet das für Sie im Alltag jenseits des Labels, also in ganz konkreten Entscheidungen und Maßnahmen im Betrieb?
GreenSign Level 5 ist für uns weit mehr als eine Auszeichnung. Besonders stolz sind wir darauf, dass wir mit einem Konformitätsgrad von 95 % aktuell die GreenSign Hotelübersicht anführen. Unter den inzwischen mehr als 1.000 zertifizierten Betrieben im GreenSign Netzwerk bedeutet das eine besondere Anerkennung für unseren konsequenten Weg. Gleichzeitig sehen wir diese Spitzenposition nicht als Ziel, sondern als Verpflichtung. Nachhaltigkeit beginnt bei uns nicht erst bei großen Investitionen, sondern in den täglichen Entscheidungen. Dazu gehören unsere eigene Gärtnerei, der Obstgarten, die Bienenhaltung, regionale Lieferketten, die Pflege unserer Wald- und Wiesenflächen, ein konsequentes Abfall- und Wassermanagement sowie ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen.
Besonders wichtig ist uns dabei die Ganzheitlichkeit. Nachhaltigkeit besteht nicht nur aus ökologischen Maßnahmen, sondern auch aus sozialer Verantwortung und wirtschaftlicher Stabilität. Nur wenn alle drei Bereiche zusammenspielen, entsteht ein Betrieb, der langfristig Verantwortung übernehmen kann. Die Auszeichnung mit 95 % zeigt uns, dass Gastlichkeit, Regionalität und Nachhaltigkeit keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Sie stärken sich gegenseitig und schaffen einen echten Mehrwert für Gäste, Mitarbeitende und unsere Region.

Bild: Daniel Reuner
Zur Nachhaltigkeit gehört neben der Ökologie auch das Soziale. Sie fördern ganz gezielt familiär benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund. Welche besonderen Momente oder Erfolgsgeschichten im Team haben Ihnen gezeigt, dass dieser integrative Weg genau der richtige ist?
Die schönsten Momente sind für mich nicht Auszeichnungen oder Zertifikate, sondern persönliche Entwicklungen von Menschen. Wenn junge Menschen, die zunächst wenig Selbstvertrauen hatten, Verantwortung übernehmen, ihre Ausbildung erfolgreich abschließen oder später selbst neue Kolleginnen und Kollegen anleiten, dann zeigt sich der eigentliche Erfolg. Besonders berührt mich, wenn ehemalige Auszubildende noch Jahre später den Kontakt halten und berichten, welchen Weg sie inzwischen gegangen sind. Oft braucht es nur jemanden, der an einen Menschen glaubt und ihm eine Chance gibt. Gerade in unserer Branche erleben wir täglich, wie wertvoll Vielfalt sein kann. Unterschiedliche Herkunft, Kulturen und Erfahrungen bereichern unser Team und schaffen neue Perspektiven.
Bild: Daniel Reuner
Wenn Sie die Hotelbranche als Ganzes betrachten: Welcher Bereich der Nachhaltigkeit wird Ihrer Meinung nach trotz großen Potenzials von vielen Kolleginnen und Kollegen im Tourismus noch viel zu stiefmütterlich behandelt und warum?
Aus meiner Sicht wird die regionale Wertschöpfung noch immer unterschätzt. Viele Betriebe investieren verständlicherweise in Energieeffizienz und technische Maßnahmen. Das ist wichtig. Gleichzeitig liegt enormes Potenzial darin, regionale Produzent*innen, Handwerker*innen und Dienstleister stärker einzubinden. Jeder Euro, der in der Region bleibt, stärkt Arbeitsplätze, Kulturlandschaften und die Identität einer Destination. Gäste suchen heute immer häufiger authentische Erlebnisse und regionale Geschichten. Genau hier kann Tourismus einen großen Beitrag leisten. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur weniger zu verbrauchen, sondern auch bewusst dort zu investieren, wo Menschen, Regionen und Gemeinschaften gestärkt werden. Darin sehe ich eine der wichtigsten Aufgaben unserer Branche für die Zukunft.

Zum Betrieb gehören unter anderem eine rund vier Hektar große Gärtnerei, ein Obstgarten, Bienenhaltung sowie eigene Wald- und Wiesenflächen.
Bild: Daniel Reuner
Fazit: Ein Hotel, das Regionalität, Verantwortung und Komplexität als Stärke begreift
DANIEL REUNER geht es nicht nur um Optimierung, sondern vor allem um Überzeugung. Die Entscheidung, langsamer, regionaler und ehrlicher zu wirtschaften als viele Mitbewerber*innen, ist keine betriebswirtschaftliche Strategie, sondern Ausdruck einer Grundhaltung, die sich durch den gesamten Betrieb zieht. Dass ein Hotel gleichzeitig Ausbildungsbetrieb, Landwirtschaft, Gärtnerei und Begegnungsort sein kann, ohne dabei an Qualität einzubüßen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es braucht Bereitschaft zur Komplexität und die Überzeugung, dass sich dieser Aufwand lohnt. Für die Gäste, für die Menschen im Team und für eine Region, die von solchen Betrieben lebt. Das FLAIR HOTEL REUNER ist ein Beispiel dafür, was Gastlichkeit leisten kann, wenn sie nicht beim Willkommenheißen aufhört.
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