Was wäre, wenn Unternehmen nicht nur nach Gewinn bewertet würden, sondern auch danach, was sie für Mensch und Umwelt leisten? Genau das ist die Idee hinter B LAB GERMANY, dem deutschen Ableger der globalen gemeinnützigen Organisation, die mit der B Corp Zertifizierung einen verbindlichen Standard für verantwortungsvolles Wirtschaften geschaffen hat. Weltweit tragen über 10.000 Unternehmen in 105 Ländern das Siegel. Im Interview spricht B LAB GERMANY darüber, warum Messbarkeit die Grundlage für echten Wandel ist, wo Unternehmen heute noch scheitern und wie eine regenerative Wirtschaft der Zukunft konkret aussehen könnte.
Kurz-FAQ
B Lab+
B Lab ist eine gemeinnützige Organisation, die die globale Wirtschaft zum Wohl von Mensch und Planet transformiert. Als führende Kraft im wirtschaftlichen Systemwandel schafft unser globales Netzwerk Standards, Richtlinien, Tools und Programme für Unternehmen, und wir zertifizieren Unternehmen – bekannt als B Corp-Unternehmen –, die vorangehen. Bis heute umfasst unsere Gemeinschaft 1.000.000 Mitarbeitende in über 10.000 B Corp-Unternehmen in 105 Ländern und 160 Branchen. Um mehr zu erfahren, besuchen Sie bcorporation.net.
B Corp Zertifizierung +
Zertifizierte B Corp-Unternehmen, oder B Corp, sind Unternehmen, die nachweislich die Standards von B Lab in Bezug auf soziale und ökologische Leistung, Transparenz und Verantwortlichkeit erfüllen. Basierend auf dem Input von Stakeholdern, Forschung und etablierten Best Practices bilden die Standards von B Lab die Grundlage für die Anforderungen der B Corp-Zertifizierung sowie für die Wirkungsmanagement-Tools von B Lab und informieren die Programme und kollektiven Aktionsinitiativen des Netzwerks.
LifeVERDE: Was ist die zentrale Mission von B LAB GERMANY und welche Veränderung wollt ihr im Wirtschaftssystem konkret anstoßen?
B LAB GERMANY: Unsere zentrale Mission ist es, die Rolle von Unternehmen im Wirtschaftssystem so weiterzuentwickeln, dass wirtschaftlicher Erfolg untrennbar mit Verantwortung für Mensch und Umwelt verbunden ist. Unternehmen sollten ihre Entscheidungen systematisch an ihren Auswirkungen auf alle Anspruchsgruppen ausrichten: Mitarbeitende, Kund*innen, Lieferketten, Umwelt und Gesellschaft.
Konkret wollen wir drei Veränderungen anstoßen:
- Klare, verbindliche Standards dafür, was verantwortungsvolles Wirtschaften bedeutet – nicht nur Absichtserklärungen, sondern überprüfbare Kriterien.
- Ein erweitertes Verständnis von Unternehmenserfolg: weg von einer rein finanziellen Perspektive hin zu einer mehrdimensionalen Bewertung, bei der soziale, ökologische und ökonomische Ergebnisse gleichermaßen zählen.
- Anpassungen in Strukturen und Governance, damit Unternehmensleitungen rechtlich und kulturell darin gestärkt sind, langfristige Interessen und verschiedene Stakeholder zu berücksichtigen – nicht nur kurzfristige Profite.

Bild: B Lab Germany
Was bedeutet "B Corp" für Unternehmen in der Praxis und welche Kriterien müssen erfüllt werden, um Teil der Bewegung zu werden?
Für Unternehmen bedeutet eine B Corp Zertifizierung vor allem zweierlei: Zum einen bietet sie einen konkreten Rahmen, um Verantwortung zu managen – also Wirkung zu messen, zu verbessern und transparent zu machen. Zum anderen ist sie eine verbindliche Zusage, wirtschaftlichen Erfolg mit klar definierten ökologischen und sozialen Zielen zu verknüpfen.
Um B Corp zu werden, müssen Unternehmen im Kern:
- Ein umfassendes Wirkungsassessment durchlaufen
- Über das B Impact Assessment werden in fünf Bereichen – Governance, Mitarbeitende, Gemeinschaft, Umwelt und Kund*innen – Strukturen, Prozesse und Ergebnisse bewertet. Für die Zertifizierung ist eine Mindestpunktzahl zu erreichen, die unabhängig geprüft wird.
- Stakeholder-Governance verankern
- Das Unternehmen verpflichtet sich rechtlich dazu, bei wesentlichen Entscheidungen nicht nur die Interessen von Anteilseigner*innen, sondern auch die anderer Anspruchsgruppen mit einzubeziehen.
- Transparenz und Überprüfung akzeptieren
- Zentrale Ergebnisse des Assessments werden öffentlich gemacht, und es gibt eine externe Prüfung, um Glaubwürdigkeit sicherzustellen.
- Sich regelmäßig rezertifizieren und verbessern
- B Corps durchlaufen in festen Abständen eine Rezertifizierung. Damit wird deutlich: Es geht nicht um ein einmaliges Siegel, sondern um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess.
In der Praxis wirkt die Zertifizierung damit tief ins Tagesgeschäft hinein – von Beschaffung und Produktentwicklung über HR und Governance bis hin zur strategischen Ausrichtung.

Bild: B Lab Germany
Wie messt ihr bei B LAB GERMANY die soziale und ökologische Wirkung von Unternehmen und warum ist diese Messbarkeit so wichtig?
Wir arbeiten im Wesentlichen mit einem standardisierten, aber anpassbaren Wirkungsrahmen:
- Auf Ebene des einzelnen Unternehmens nutzen wir das B Impact Assessment. Es erfasst sowohl qualitative Aspekte (z. B. Richtlinien, Beteiligungsformate, Governance-Strukturen) als auch quantitative Kennzahlen (z. B. Emissionen, Energiequellen, Löhne, Diversität, Lieferkettenindikatoren). So entsteht ein aussagekräftiges Profil über die tatsächliche Wirkung in den fünf Kernbereichen.
- Auf Ebene der Community betrachten wir aggregiert, wie sich zertifizierte und sich an unseren Standards orientierende Unternehmen entwickeln: Welche Hebel werden besonders genutzt? Wo entstehen neue Kooperationsformen, Branchenstandards oder politische Impulse?
Messbarkeit ist aus mehreren Gründen zentral:
- Sie schafft Glaubwürdigkeit gegenüber Mitarbeitenden, Kund*innen, Investor*innen und der Öffentlichkeit.
- Sie ermöglicht Steuerung: Unternehmen sehen genau, wo sie gut aufgestellt sind und wo die größten Hebel für Verbesserungen liegen.
- Sie ist die Grundlage für Systemwandel: Nur mit belastbaren Daten lässt sich zeigen, dass andere Formen des Wirtschaftens bessere ökologische und soziale Ergebnisse erzielen – und wie Rahmenbedingungen gestaltet werden sollten, um diese Ansätze zu stärken.

Bild: B Lab Germany
Welche Rolle spielen Unternehmen aus eurer Sicht bei der Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimawandel und sozialer Ungleichheit?
Unternehmen spielen eine zentrale Rolle, weil viele entscheidende Hebel in ihrem Verantwortungsbereich liegen:
- Über Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen beeinflussen sie, wie Ressourcen genutzt werden, wie Emissionen entstehen und wie der Zugang zu Chancen verteilt ist.
- Über Investitions- und Innovationsentscheidungen bestimmen sie mit, welche Lösungen skaliert werden – etwa im Bereich Energiewende, Kreislaufwirtschaft oder sozialer Infrastruktur.
- Über ihre Arbeitskultur und Kommunikation prägen sie, wie wir arbeiten, konsumieren und welche Vorstellungen von Erfolg gesellschaftlich verankert werden.
Wir sehen Unternehmen deshalb in einer dreifachen Rolle:
- Sie müssen die eigene Wirkung grundlegend verbessern – also Emissionen reduzieren, faire Arbeitsbedingungen sichern, Lieferketten verantwortungsvoll gestalten.
- Sie sollten gemeinsam mit anderen Akteuren – Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft – Lösungen entwickeln und in die Breite tragen.
- Sie haben auch eine Stimme in politischen und regulatorischen Debatten und können sich dort für ambitionierte, zukunftsfähige Rahmenbedingungen einsetzen, statt nur Minimalanforderungen zu verhandeln.

Bild: B Lab Germany
Wo seht ihr aktuell die größten Hürden, wenn Unternehmen nachhaltiger und verantwortungsbewusster wirtschaften möchten?
Es gibt mehrere wiederkehrende Hürden, die wir in der Praxis beobachten:
- Kurzfristige Anreizsysteme: Viele Unternehmen sind stark auf Quartalsergebnisse, kurzfristige Rendite und klassische KPIs fokussiert. Investitionen in Nachhaltigkeit oder soziale Wirkung zahlen sich oft erst mittel- bis langfristig aus – und finden dann intern schwerer Unterstützung.
- Rechtliche und Governance-Rahmen: In vielen Fällen dominiert noch ein Denken, das primär auf Shareholder-Interessen ausgerichtet ist. Führungskräfte sind unsicher, wie weit sie in Richtung Stakeholder-Orientierung gehen können oder dürfen.
- Komplexe, globale Lieferketten: Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette herzustellen und Verantwortung tatsächlich wahrzunehmen – von Menschenrechten über Klima bis Biodiversität – ist aufwendig und erfordert Kompetenzen, die nicht überall vorhanden sind.
- Ressourcen- und Wissenslücken: Gerade kleine und mittlere Unternehmen haben oft nicht die Kapazitäten, um systematische Impact-Messung, Strategieentwicklung und Veränderungsprozesse neben dem Tagesgeschäft aufzusetzen.
- Unsicherheit im Umgang mit Kommunikation: Viele Unternehmen haben Sorge, wegen Greenwashing kritisiert zu werden, wenn sie über ihre Schritte sprechen – oder weil sie noch nicht "perfekt" sind. Das kann zur Zurückhaltung führen, anstatt Lernen und Austausch zu fördern.
Mit unseren Werkzeugen, Standards und der B Corp Community versuchen wir, genau hier anzusetzen: Orientierung geben, praktische Hilfen bereitstellen und Räume schaffen, in denen Unternehmen voneinander lernen und gemeinsam vorangehen können.

Bild: B Lab Germany
Wie sieht für euch eine Wirtschaft der Zukunft aus, in der Gewinn, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit gleichberechtigt zusammenwirken?
Wir sprechen häufig von einer regenerativen und inklusiven Wirtschaft der Zukunft. Darunter verstehen wir ein System, in dem:
- Gewinn ein Mittel zur Wirkung ist, nicht Selbstzweck. Unternehmen erwirtschaften finanzielle Überschüsse, um Innovation, gute Arbeit, Resilienz und ökologische sowie soziale Verbesserungen zu ermöglichen.
- Stakeholder-Perspektiven sind selbstverständlich Teil von Entscheidungen. Unternehmensleitungen sind rechtlich, kulturell und über ihre Anreizsysteme darin unterstützt, die Auswirkungen auf Mitarbeitende, Kund*innen, Gemeinschaften und die Umwelt systematisch mitzudenken.
- Erfolg mehrdimensional gemessen wird. Neben Umsatz und Profit gehören Kennzahlen zu Klimawirkung, Ressourcenverbrauch, Arbeitsbedingungen, Diversität oder lokaler Wertschöpfung selbstverständlich zu Steuerung, Berichterstattung und Vergütung.
- Geschäftsmodelle auf Regeneration und Fairness ausgerichtet sind. Das bedeutet zum Beispiel: kreislauforientierte Ansätze, naturpositive Strategien, faire Löhne und Beteiligung, inklusive Produkte und Services.
- Wettbewerb und Kooperation neu austariert sind. Unternehmen konkurrieren um die besten Lösungen, kooperieren aber dort, wo nur gemeinsame, sektorübergreifende Antworten funktionieren – etwa bei Klima, Infrastruktur oder Standards.
In einer solchen Zukunft ist es selbstverständlich, dass Unternehmen ökonomische, ökologische und soziale Ziele integriert denken. Unser Beitrag mit B Lab und der B Corp Bewegung ist es, diese Zukunft anhand konkreter Standards, Werkzeuge und Beispiele schon heute greifbar zu machen – und den Übergang dorthin zu beschleunigen.

Bild: B Lab Germany
Fazit: Wirtschaften mit Wirkung
B Lab Germany macht deutlich, dass die Frage nach einem verantwortungsvolleren Wirtschaften keine Frage des guten Willens allein ist, sondern eine der Strukturen, Standards und Anreize. Solange Erfolg primär in Quartalszahlen gemessen wird, bleibt soziale und ökologische Verantwortung ein Add-on. Das B Corp Framework zeigt einen anderen Weg: nicht perfekt sein von Anfang an, sondern verbindlich, transparent und kontinuierlich besser werden. Vielleicht ist genau das der realistischste Pfad in eine Wirtschaft, in der Gewinn und Gemeinwohl kein Widerspruch mehr sind.
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