Nachhaltigkeit entwickelt sich für Unternehmen zunehmend von einer freiwilligen Initiative zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen durch neue gesetzliche Vorgaben, steigende Erwartungen von Kunden und Mitarbeitenden sowie den Wunsch nach resilienten Geschäftsmodellen. sustainable natives eG unterstützt Unternehmen dabei, diesen Wandel strategisch und praxisorientiert zu gestalten. Im Interview spricht die Genossenschaft über nachhaltige Unternehmensführung, Biodiversität als Zukunftsthema, die Auswirkungen der neuen EmpCo-Regelungen und darüber, warum echte Transformation immer bei den Menschen beginnt.
LifeVERDE: Wenn ein traditionell wirtschaftendes Unternehmen merkt, dass es an seine Grenzen stößt, und bei euch anklopft: Welches Gefühl und welche Art von Zusammenarbeit erwarten diese Menschen mit euch?
Die Vorstandsmitglieder von sustainable natives eG, KATHRIN JUNGEHÜLSING und MARIE-LUCIE LINDE: Wir begegnen Unternehmen auf Augenhöhe. Wer zu uns kommt, hat meist erkannt, dass die klassische Art zu wirtschaften an Grenzen stößt und dass Kunden, Mitarbeitende, Banken und andere Anspruchsgruppen heute mehr erwarten als reinen Profit. Nachhaltigkeit wird zunehmend zu einem Teil wirtschaftlicher Intelligenz, die von Unternehmen eingefordert wird. Genau hier setzen wir an. Als genossenschaftlich organisierte Transformationsberatung bringen wir nicht nur fachliche Expertise mit, sondern auch die Erfahrung, selbst Unternehmer:in zu sein. Wir wissen, welche Chancen und Herausforderungen Veränderung mit sich bringt. Die Zusammenarbeit mit uns ist dabei geprägt von Offenheit, Ehrlichkeit und Pragmatismus. Ohne Dogmatismus, aber mit klarem Gestaltungswillen. Unser Ziel ist, dass Unternehmen spüren: Transformation muss keine Belastung sein – sie kann motivieren, neue Perspektiven eröffnen und sogar Freude machen, wenn man sie gemeinsam angeht.
Bild: sustainable natives eG
Ihr arbeitet mit Unternehmen zusammen, die gerade erst anfangen, Nachhaltigkeit ernst zu nehmen, aber auch mit solchen, die schon mitten im Transformationsprozess stecken. Was ist der häufigste Irrtum, den ihr bei Unternehmen beobachtet, die glauben, sie seien schon auf dem richtigen Weg?
Der größte Irrtum ist zu glauben, Nachhaltigkeit sei ein Ziel, das man irgendwann erreicht. Tatsächlich ist sie ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess. Viele Unternehmen haben bereits eine Nachhaltigkeitsstrategie, veröffentlichen Berichte oder haben sogar eine eigene Abteilung. Das ist wichtig – reicht aber nicht. Nachhaltigkeit wird erst dann wirksam, wenn sie Teil der Unternehmenskultur wird und sich in den täglichen Entscheidungen aller Mitarbeitenden widerspiegelt. Denn nicht Strategiepapiere verändern Unternehmen, sondern Menschen. Sie treffen jeden Tag Entscheidungen, die nachhaltiges Wirtschaften fördern – oder eben nicht. Genau deshalb beginnt echte Transformation nicht bei der Berichterstattung, sondern in der gelebten Praxis.
Biodiversitätsmanagement – also der aktive Schutz und die Förderung biologischer Vielfalt als Teil der Unternehmensstrategie – ist ein Bereich, den viele Führungskräfte noch nicht auf dem Radar haben. Wie bringt ihr das in einem Erstgespräch so auf den Tisch, dass es nicht wie ein Nischenthema klingt?
Wir prüfen zuerst, ob Biodiversität für das Unternehmen wesentlich ist. Genau dafür gibt es die Wesentlichkeitsanalyse. Biodiversität ist für uns kein „Nice-to-have“, sondern – dort, wo sie wesentlich ist – ein strategischer Bestandteil nachhaltigen Wirtschaftens. Das Thema verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit, als es bislang bekommt.
Denn wir dürfen nicht vergessen: Wir sprechen heute von einer Zwillingskrise – Klima- und Biodiversitätskrise. Beide verändern die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und damit auch die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen.
Bild: sustainable natives eG
Ein anderer Beratungsbereich ist „Sustainable Leadership“. Welche persönliche Eigenschaft muss eine Führungskraft heute am dringendsten (v)erlernen, um ein Unternehmen resilient in die Zukunft zu führen?
Die Eigenschaft, die Führungskräfte heute am dringendsten “verlernen” müssen, ist der Reflex, auf Unsicherheit mit mehr Kontrolle zu reagieren. Das ist menschlich nachvollziehbar: Wenn der Boden schwankt, fühlt sich Kontrolle nach Sicherheit an. Studien zeigen, dass sich ein Großteil der Führungskräfte auf Transformation und disruptive Krisen unvorbereitet fühlen – und genau in dieser Lage greifen viele zu Zentralisierung, engmaschigem Reporting und direkten Ansagen. Das Ergebnis ist dadurch meist das Gegenteil von Stabilität: Organisationen verlieren an Lernfähigkeit, Nähe zur Realität und damit letztlich Veränderungsfähigkeit und Geschwindigkeit.
Resiliente Führung entsteht dort, wo Führungskräfte lernen, Unsicherheit auszuhalten. Sie entsteht, wenn sie Vertrauen aufbauen, Entscheidungen dort verankern, wo das Wissen sitzt, und Orientierung geben, ohne jede Antwort selbst liefern zu müssen. So verstehen wir “sustainable Leadership”: als eine Führung, die ihre Kraft aus Klarheit und Verbindung bezieht und diese Kraft kontinuierlich erneuert, statt sie zu verbrauchen. Das macht sie auch langfristig leistungsfähig – für die Führungskraft selbst und für die Menschen, die mit ihr arbeiten.
Die EU-Richtlinie gegen Greenwashing – in Deutschland umgesetzt durch die UWG-Novelle, die im September 2026 in Kraft tritt – verändert, wie Unternehmen über Nachhaltigkeit kommunizieren dürfen. Allgemeine Begriffe wie „nachhaltig“ oder „klimaneutral“ ohne Nachweis sind dann unzulässig. Wie bereitet ihr eure Kund*innen konkret darauf vor und was unterschätzen die meisten dabei?
Viele Unternehmen haben die neuen EmpCo-Vorgaben noch gar nicht auf dem Schirm. Deshalb geht es für uns zunächst darum, Aufmerksamkeit zu schaffen und zu klären, wer überhaupt betroffen ist – insbesondere im B2C-Bereich. Was viele unterschätzen: Die neuen Regeln werden nicht nur auf dem Papier existieren. Organisationen wie die Deutsche Umwelthilfe haben bereits angekündigt, irreführende Nachhaltigkeitsaussagen konsequent anzugehen. Das kann rechtliche und finanzielle Folgen haben. Wir verstehen die neuen Anforderungen aber nicht nur als regulatorische Pflicht, sondern auch als Chance. Sie zwingen Unternehmen dazu, präzise, konkret und belegbar über ihre Nachhaltigkeitsleistungen zu sprechen. Das hilft, leere Worthülsen und Buzzwords hinter sich zu lassen und schafft mehr Glaubwürdigkeit. Und eines ist uns wichtig: Das Wort „nachhaltig“ ist nicht verboten. Es muss künftig nur mit echten Maßnahmen und nachvollziehbaren Nachweisen hinterlegt sein. Genau das stärkt am Ende das Vertrauen in die unternehmerische Nachhaltigkeit.
Wenn ihr auf eure eigene Reise als Genossenschaft zurückblickt: Was war die wertvollste Erkenntnis, die ihr selbst durch die enge Zusammenarbeit mit euren Kund*innen gewonnen habt?
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist: Nachhaltige Transformation gelingt nur mit echtem Verständnis für die Realität von Unternehmen und den Menschen, die in ihnen arbeiten. Wir haben gelernt, dass Veränderung nicht allein eine fachliche Aufgabe ist. Sie ist immer auch emotional. Menschen bringen unterschiedliche Interessen, Sorgen und Erwartungen mit – und genau diese müssen ernst genommen und miteinander in Einklang gebracht werden. Wer nachhaltige Transformation gestalten will, braucht deshalb nicht nur die richtigen Konzepte, sondern auch die Bereitschaft, zuzuhören, Konflikte auszuhalten und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Genau darin liegt aus unserer Sicht der Schlüssel für wirksame und langfristige Veränderung.

Bild: sustainable natives eG

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Fazit: Nachhaltigkeit ist ein fortlaufender Entwicklungsprozess
Für sustainable natives eG ist Nachhaltigkeit kein Projekt mit Enddatum, sondern ein kontinuierlicher Veränderungsprozess. Entscheidend sind nicht allein Strategien oder Berichte, sondern eine Unternehmenskultur, in der nachhaltiges Handeln selbstverständlich wird. Mit praxisnaher Beratung, einem partnerschaftlichen Ansatz und dem Blick auf wirtschaftliche wie gesellschaftliche Herausforderungen unterstützt die Genossenschaft Unternehmen dabei, Transformation erfolgreich und glaubwürdig umzusetzen – und nachhaltige Entwicklung langfristig im Unternehmensalltag zu verankern.
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