Was 1970 mit Leinöl aus einer lokalen Mühle begann, ist heute ein Unternehmen, das mit führenden Forschungseinrichtungen zusammenarbeitet, international ausgezeichnet wird und neue Maßstäbe in der nachhaltigen Chemie setzt. Doch die Geschichte von PNZ ist keine klassische Erfolgsgeschichte – sie ist vielmehr ein Beispiel dafür, wie aus praktischen Lösungen Schritt für Schritt eine tief verwurzelte Verantwortung entsteht. Im Gespräch wird klar: Nachhaltigkeit ist hier kein Label, sondern ein langfristiger Prozess, der Produkte, Lieferketten und Denkweisen gleichermaßen verändert.

Bild: PNZ
LifeVERDE: PNZ wurde 1970 in einer Garage gegründet – mit Leinöl aus der örtlichen Mühle und der Überzeugung, dass Holz mit Naturprodukten am besten geschützt wird. Heute forschen Sie mit dem Max-Planck-Institut, tragen den Deutschen Nachhaltigkeitspreis und gehören zu den am höchsten bewerteten B Corporations weltweit in der Industriefertigung. Was hat Sie persönlich auf diesem langen Weg angetrieben – und gab es einen Moment, in dem aus einem Geschäftsmodell eine echte Haltung wurde?
DR. PIETSCH-KHALILI, Geschäftsführer von PNZ: Die Geschichte von PNZ beginnt sehr praktisch – mit Holz, Leinöl und der Frage, was dauerhaft funktioniert.
Was uns bis heute antreibt, ist genau diese Perspektive: Wir denken vom Material aus. Holz ist kein abstrakter Werkstoff, sondern ein lebendiges Material mit Eigenschaften, die man respektieren muss. Wenn man das konsequent tut, landet man zwangsläufig bei Nachhaltigkeit – nicht als Trend, sondern als logische Konsequenz aus dem Umgang mit dem Material. Denn wir arbeiten für das nachhaltigste Baumaterial der Welt und müssen dafür sorgen, dass es lange hält.
Über die Jahre hat sich daraus eine tiefere Erkenntnis entwickelt: Wir beeinflussen mit unseren Produkten nicht nur Oberflächen, sondern Lebenszyklen. Ob ein Bauteil nach wenigen Jahren ersetzt werden muss oder über Jahrzehnte erhalten bleibt, hängt maßgeblich auch von der richtigen Behandlung ab.
Der Übergang von Geschäftsmodell zu Haltung war deshalb kein einzelner Moment, sondern ein Prozess. Mit jedem Schritt wurde klarer, dass wir Verantwortung nicht nur für das Produkt, sondern für dessen Wirkung über die gesamte Nutzungsdauer tragen.
LifeVERDE: Viele Unternehmen messen ihren Nachhaltigkeitsfortschritt fast ausschließlich an der Klimabilanz. PNZ hat in diesem Bereich Enormes geleistet – und sagt trotzdem: Das allein reicht nicht. Warum greift eine reine CO₂-Perspektive zu kurz – und was sollten wir stattdessen im Blick haben, wenn wir über wirklich verantwortungsvolles Wirtschaften sprechen?
Der CO₂e-Fußabdruck ist sicher ein zentraler Indikator, aber kein vollständiger. Wenn wir Nachhaltigkeit ernst meinen, müssen wir Systeme betrachten: die Lieferketten, Produktion mit allen Inputs und Outputs, Transport, Nutzung und Lebensdauer. Eine isolierte Betrachtung einzelner Kennzahlen greift da häufig zu kurz. Ein Produkt mit guter Klimabilanz in der Herstellung kann am Ende weniger nachhaltig sein, wenn es früh ersetzt werden muss oder hohe Folgekosten in der Nutzung verursacht.
Unser Ansatz ist deshalb ganzheitlich: Natürlich messen wir unseren CO2-Fußabdruck in Scope 3 inklusive der Lieferketten und wir reduzieren Emissionen, wo es möglich ist – aber gleichzeitig behalten wir den Ressourcenverbrauch insgesamt im Blick. Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Materialeffizienz sind aus unserer Sicht mindestens genauso relevante Faktoren wie die reine CO₂-Bilanz.

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LifeVERDE: Eines Ihrer vier Grundprinzipien lautet sinngemäß: Das Langlebigste ist das Nachhaltigste. Sie entwickeln Beschichtungen, die Holz über Jahrzehnte schützen, und bieten sogar Produkte an, die gezielte Reparaturen ermöglichen – ganz ohne die gesamte Fläche neu bearbeiten zu müssen. Warum sind Sie überzeugt, dass Erhalten und Reparieren künftig wichtiger werden als Neukaufen – und was muss sich dafür sowohl in der Industrie als auch im Konsumverhalten grundlegend verschieben?
Wir sind überzeugt, dass sich für eine echte „Green Transition“ der Fokus verschieben muss: vom Ersetzen hin zum Erhalten.
Holz ist da ein idealer Werkstoff, der über Jahrzehnte oder sogar Generationen bestehen kann. Die Frage ist nicht, ob er an sich langlebig ist, sondern ob wir ihm Umgebungsbedingungen geben können, dass er diese Eigenschaft auch entfalten kann.
In vielen Bereichen unserer Wirtschaft haben wir uns davon entfernt hin zu Systemen, die auf schnellen Austausch ausgelegt sind. Das hat sich lange wirtschaftlich gerechnet, wird aber zunehmend an Grenzen stoßen. Ressourcenverfügbarkeit, Energiepreise und ökologische Rahmenbedingungen verändern sich. Damit wird der Erhalt bestehender Materialien wieder attraktiver und notwendig.
Unsere Aufgabe sehen wir darin, Produkte zu entwickeln, die genau das ermöglichen: gezielte Pflege, einfache Reparatur, langfristiger Schutz. Gleichzeitig braucht es ein Umdenken im Markt. Nachhaltigkeit entsteht nicht nur durch bessere Produkte, sondern auch durch ein anderes Nutzungsverhalten.
Langfristig wird sich der Wert eines Produkts hoffentlich wieder stärker daran messen lassen, wie lange es Bestand hat – und nicht daran, wie schnell es ersetzt werden kann.
LifeVERDE: PNZ bezieht über 80 Prozent seiner Rohstoffe aus Deutschland und 95 Prozent aus Europa, hat einen verbindlichen Verhaltenskodex für alle Lieferanten eingeführt und ist dem UN Global Compact beigetreten. Gleichzeitig benennen Sie offen, dass die Datenlage vieler Zulieferer noch lückenhaft ist. Wie nah kommt man als Unternehmen wirklich an eine vollständig verantwortungsvolle Lieferkette heran – und gehört die Bereitschaft, eigene Lücken transparent zu benennen, für Sie zwingend dazu?
Eine vollständig transparente Lieferkette ist heute noch nicht Realität und es ist fraglich, ob es das je geben wird. Aber wir dürfen nicht aufhören, es zu versuchen.
Wir haben uns über viele Jahrzehnte schrittweise in diese Richtung bewegt, durch regionale Beschaffung, klare Anforderungen an unsere Partner und eine zunehmende Datenerhebung entlang der Wertschöpfungskette. Gerade in Europa sind die Voraussetzungen dafür noch vergleichsweise gut.
Trotzdem bleiben Lücken. Gerade bei Vorprodukten oder internationalen Lieferstrukturen ist die Datenlage oft nicht vollständig. Das ist eine Realität, die man anerkennen muss. Für uns ist entscheidend, wie man damit umgeht. Transparenz bedeutet nicht, Perfektion zu behaupten, sondern den tatsächlichen Stand offen darzustellen. Nur so lassen sich Prozesse gezielt verbessern.
Verantwortung in der Lieferkette ist aus unserer Sicht kein Zustand, den man erreicht, sondern ein kontinuierlicher Annäherungsprozess. Wichtig ist, dass dieser Prozess ernsthaft betrieben wird – und nicht nur dokumentiert.

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LifeVERDE: Mit Carbon2Coatings gehen Sie einen Schritt, den kaum jemand in Ihrer Branche wagt: gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut und der Charité erforschen Sie, wie atmosphärisches CO₂ durch Bakterien gebunden und dauerhaft in Holzbeschichtungen gespeichert werden kann – und stellen dieses Wissen als Open-Source-Projekt der gesamten Branche zur Verfügung. Wie sehen Sie die Zukunft nachhaltiger Materialien und Beschichtungen – und was müsste sich in der Chemieindustrie insgesamt verschieben, damit solche Ansätze wirklich zum neuen Standard werden?
Die Chemieindustrie steht vor einer grundlegenden Transformation.
Gleichzeitig gelingt ihr das Kunststück, sowohl viel besser als auch viel schlechter zu sein als ihr Ruf. In der Vergangenheit wurden durchaus viele Anstrengungen unternommen mit dem Fokus, negative Effekte zu reduzieren. Und das war wichtig und richtig, genügt aber langfristig nicht. Dazu ist die Chemieindustrie zu wichtig für den Menschen und ihr Fußabdruck ist immer noch zu groß.
Zukünftig wird entscheidend sein, ob Materialien aktiv zur Lösung beitragen können – etwa durch CO₂-Bindung, Ressourcenschonung oder verlängerte Lebenszyklen.
Mit Carbon2Coatings verfolgen wir genau diesen Ansatz. Wir untersuchen, wie sich atmosphärisches CO₂ zur Herstellung von organischer Chemie nutzen und in Beschichtungen integrieren und langfristig speichern lässt. Das ist ein riesiger technologischer Schritt hin zu einer CO2-negativen Chemie.
Gleichzeitig sehen wir klar: Einzelne Projekte verändern noch kein System. Entscheidend ist die Skalierung. Deshalb setzen wir bewusst auf Offenheit und Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und anderen Akteuren. Die Transformation der Chemieindustrie wird nur gelingen, wenn neue Ansätze nicht isoliert bleiben, sondern in die Breite getragen werden. Dafür braucht es neben Technologie auch eine Veränderung im Denken.
LifeVERDE: Die B Corporation-Zertifizierung, die PNZ inzwischen mit einem der höchsten Scores weltweit in der Industriefertigung abgeschlossen hat, bewertet nicht nur Umweltleistung, sondern auch Mitarbeiterführung, gesellschaftliches Engagement und Unternehmensethik – ein echter 360-Grad-Check. Was sagt das über das Selbstverständnis von PNZ als Unternehmen – und welche Verantwortung sehen Sie heute im gesellschaftlichen Wandel, die weit über das eigene Produkt hinausgeht?
Die B Corp-Zertifizierung passt zu unserem Selbstverständnis, weil sie das Unternehmen als Ganzes betrachtet. Sie zwingt dazu, nicht nur Produkte zu bewerten, sondern auch Strukturen, Entscheidungen und Auswirkungen. Für uns war das kein Bruch, sondern eher eine systematische Weiterentwicklung dessen, was wir ohnehin verfolgen.
Wir sind als Unternehmen Teil eines größeren Zusammenhangs. Entscheidungen wirken sich immer aus, auf Mitarbeitende, auf Partner, auf die Umwelt und auf gesellschaftliche Entwicklungen. Deshalb sehen wir unsere Rolle nicht nur in der Herstellung von Produkten, sondern auch in der aktiven Mitgestaltung dieses Umfelds. Das umfasst Themen wie faire Zusammenarbeit, langfristige Perspektiven für Mitarbeitende und eine klare Positionierung zu Nachhaltigkeitsfragen. Die Herausforderung besteht darin, diese Verantwortung im Alltag umzusetzen – nicht punktuell, sondern strukturell.

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LifeVERDE: PNZ hat den Verpackungsmaterialverbrauch deutlich reduziert, einen eigenen Index entwickelt, um Verpackungsentscheidungen auf klarer Datenbasis zu treffen, und forscht aktuell an wiederverwendbaren Gebinden für die gesamte Farbenindustrie. Gleichzeitig betonen Sie: Nicht jede vermeintlich grüne Lösung ist tatsächlich die beste. Wie navigiert man durch solche Zielkonflikte im Alltag – und wie stellt man sicher, dass Nachhaltigkeit eine echte Entscheidungsgrundlage bleibt und kein Kommunikationsinstrument wird?
Nachhaltigkeit bedeutet in der Praxis, mit Zielkonflikten umzugehen. Viele Entscheidungen haben mehrere Dimensionen: ökologische, wirtschaftliche und funktionale. Eine Verpackung kann beispielsweise materialeffizient sein, aber schlechter recycelbar – oder umgekehrt. Solche Abwägungen lassen sich nicht rein intuitiv treffen.
Deshalb arbeiten wir daran, Entscheidungen stärker zu quantifizieren. Dabei haben wir festgestellt, dass die Rohdaten für eine sinnvolle Bewertung zwar vorhanden sind, es aber kein gesamtheitliches Tool gibt, das uns erlaubt, zum Beispiel Verpackungslösungen miteinander zu vergleichen. Daher haben wir einen eigenen Verpackungsindex entwickelt, an den wir uns halten. Hier versuchen wir, unterschiedliche Faktoren vergleichbar zu machen und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Gleichzeitig ist wichtig zu akzeptieren, dass es selten die perfekte Lösung gibt. Nachhaltigkeit bedeutet oft, die beste verfügbare Option unter realen Bedingungen zu wählen – und diese kontinuierlich zu verbessern. Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass Nachhaltigkeit eine echte Entscheidungsgrundlage bleibt und nicht zu einem reinen Kommunikationsthema wird. Das erfordert Disziplin und die Bereitschaft, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen.
LifeVERDE: Seit über drei Jahrzehnten entwickelt PNZ Schritt für Schritt weiter – weg von problematischen Inhaltsstoffen, hin zu biobasierten Rezepturen, CO₂-neutraler Produktion und inzwischen sogar CO₂-negativen Technologien. Das alles als überschaubarer Mittelständler im Naturpark Altmühltal. Was würden Sie einem Unternehmen mitgeben, das heute ernsthaft anfangen möchte, Nachhaltigkeit als gelebte Haltung zu verankern – und was ist der größte Fehler, den man dabei machen kann?
Nachhaltigkeit ist kein Ziel, man ist nie mit Nachhaltigkeit fertig – nicht mal theoretisch. Wir verstehen Nachhaltigkeit als eine Haltung, die es erlaubt, über die Zeit immer besser zu werden.
Unternehmen, die diesen Weg gehen wollen, sollten vor allem eines tun: anfangen! Wenn man anfängt, es dann halbwegs konsequent weitermacht und das über einen längeren Zeitraum, dann wird man automatisch gut. Viele Veränderungen entstehen nicht durch einzelne große Maßnahmen, sondern durch eine Vielzahl kleiner Entscheidungen, die in die gleiche Richtung wirken.
Wichtig ist dabei, die eigene Realität ehrlich zu betrachten. Wo stehen wir? Was funktioniert bereits gut? Wo gibt es Defizite? Nur auf dieser Grundlage lassen sich sinnvolle Fortschritte erzielen.
Der schrecklichste Fehler ist aus unserer Sicht, Nachhaltigkeit von der operativen Praxis zu entkoppeln. Wenn sie vor allem kommunikativ gedacht wird, wird sie sinnlos und verliert schnell an Glaubwürdigkeit. Langfristig setzt sich nicht die beste Darstellung durch, sondern die beste Substanz. Nachhaltigkeit wird dann wirksam, wenn sie sich im Produkt, in den Prozessen und im täglichen Handeln widerspiegelt – und genau dort auch überprüfbar ist.

Bild: PNZ
Fazit: Nachhaltigkeit als Haltung – warum PNZ zeigt, wie echte Transformation gelingt
PNZ macht deutlich, dass nachhaltiges Wirtschaften weit über einzelne Maßnahmen hinausgeht. Es ist ein kontinuierlicher Prozess, der sich in Materialien, Entscheidungen und Denkweisen widerspiegelt. Statt kurzfristiger Optimierungen setzt das Unternehmen auf Langlebigkeit, Transparenz und systemisches Denken. Gerade in einer Zeit, in der Nachhaltigkeit oft zur Kommunikationsstrategie wird, zeigt PNZ: Der entscheidende Unterschied liegt in der konsequenten Umsetzung im Alltag.
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