Nachhaltigkeitssiegel sollen Orientierung geben – doch immer häufiger bleibt ihr tatsächlicher Nutzen unklar. Trotz wachsender Anzahl an Labels verbessern sich Arbeitsbedingungen und Umweltstandards in globalen Lieferketten oft kaum. Der Wegweiser durch das Labellabyrinth 2025 setzt genau hier an: Er prüft erstmals systematisch, ob Nachhaltigkeitslabel nicht nur ambitionierte Versprechen formulieren, sondern auch messbare Wirkung vor Ort entfalten.
Im Interview erklärt Sandra Dusch Silva, warum der Guide grundlegend überarbeitet wurde, wo die größten strukturellen Schwächen im Labelmarkt liegen und weshalb viele bekannte Siegel eher Marketinginstrumente als echte Veränderungstreiber sind. Zudem zeigt sie, wie Verbraucher*innen Greenwashing erkennen können – und warum strengere Kriterien häufig an wirtschaftlichen Interessen scheitern.

Bild: Sandra Dusch-Silva, Labelguide Authorin
Life VERDE: Was hat Sie dazu bewogen, den Labelguide 2025 komplett zu überarbeiten – und warum gerade jetzt?
Sandra Dusch-Silva: Wir haben gemerkt, dass es eine deutliche Zunahme gibt: Immer mehr Produkte tragen ein Nachhaltigkeitssiegel, während sich die tatsächlichen Bedingungen in den Lieferketten oft nicht verbessern. Viele Label haben ihre Versprechen ausgeweitet, ohne ihre Wirksamkeit vor Ort zu prüfen. Hinzu kommen politische Vorgaben – etwa durch das Lieferkettengesetz und EU-Regulierungen, die den Nachweis von Sorgfaltspflichten fordern und gleichzeitig Labels und die Teilnahme in Intiativen als Referenz nutzen. Genau deshalb war jetzt der richtige Zeitpunkt, den Labelguide grundlegend neu aufzusetzen: um Klarheit über die Aussagen einzelner Label zu verschaffen und auch vor dem Licht neuer Kriterien wie Agrarökologie und Just Transition die Wirksamkeit für nachhaltige Verbesserungen kritisch zu prüfen.
Ihre Analyse zeigt: Viele Nachhaltigkeitslabel halten ihre Versprechen nicht. Wo sehen Sie die größten Glaubwürdigkeitsprobleme?
Das Kernproblem ist die Lücke zwischen Anspruch und der Wirksamkeit vor Ort. Viele Label haben schöne Kodizes auf dem Papier, aber viel zu schwache Prozesskritierien v.a. bei sozialen Kriterien. Audits sind nur eine Momentaufnahme, um nachhaltig in der Lieferkette zu wirken müssen Prozesse verändert werden und zwar langfristig. Es bedarf auch einem Umdenken in der Einkaufspraxis, denn schnell, billig und hohe Standards wirkt nicht nachhaltig in die Lieferkette hinein.
Sie dokumentieren Missstände auf Plantagen, die trotz Zertifizierung auftreten. Wie kann es passieren, dass Labels solche gravierenden Verstöße übersehen?
Das passiert nicht zufällig, sondern ist systemisch. Viele Kontrollen werden von privatwirtschaftlichen Prüfstellen durchgeführt, die von den Unternehmen bezahlt werden, die sie prüfen sollen. Das erzeugt massive Interessenkonflikte. Dazu kommt: Audits sind oft angekündigt, Spuren werden vorher beseitigt, problematische Arbeiter*innen werden an dem Tag der Prüfung ausgetauscht. Auf dem Papier stimmt alles – in der Realität bleibt vieles unsichtbar.
Ein besonders brisantes Beispiel ist das RSPO-Siegel für „nachhaltiges Palmöl". Was macht diesen Fall so exemplarisch für strukturelle Probleme im Labelmarkt?
RSPO ist ein Paradebeispiel für ein Multi-Stakeholder-Label mit großen Versprechen – und systemischen Schwächen. Die Kriterien sind häufig Kompromisse zwischen Konzernen, Plantagenbetreibern und NGOs. Umwelt- und Sozialstandards werden verwässert, um möglichst viele Unternehmen im System zu halten. Gleichzeitig ist die Durchsetzung schwach: Sanktionen sind selten, Kontrollen unregelmäßig und Beschwerden ziehen sich über Jahre. Das zeigt: Solange wirtschaftliche Interessen strukturell eingebaut sind, bleibt Glaubwürdigkeit fragil.

Bild: Romero Initiative
Sie betonen, dass strengere Kriterien nachweislich bessere Bedingungen vor Ort schaffen. Warum schaffen es viele bekannte Label dennoch nicht, die notwendigen Standards zu erfüllen?
Weil Strenge unattraktiv ist, wenn man ein Massenlabel sein will. Viele Labels stehen unter Druck, möglichst viele Marktteilnehmer einzubinden. Je höher die Anforderungen, desto weniger Unternehmen machen mit. Das heißt: Es gibt einen ständigen Zielkonflikt zwischen Marktdurchdringung und inhaltlicher Glaubwürdigkeit. Viele Labels entscheiden sich faktisch für Reichweite statt Wirkung.
Im Labelguide wurden erstmals auch Drogerien und Bio-Supermärkte einbezogen. Welche Entwicklungen haben Sie dort besonders überrascht?
Überraschend war, dass selbst im Bio- und Naturkostsegment viele Handelsmarken sehr schwache soziale Standards haben. Während Umweltkriterien oft vergleichsweise gut abgedeckt sind, bleiben Arbeitsrechte, Löhne und Mitbestimmung auffällig unterbelichtet. Besonders ernüchternd war, wie häufig auf schwache Branchenstandards und -inititiaven wie amfori BSCI verwiesen wird.
Wie hilft das neue Ampelsystem Verbraucher*innen konkret, vertrauenswürdige von fragwürdigen Labeln zu unterscheiden?
Das Ampelsystem übersetzt komplexe Bewertungen in eine einfache Logik: Grün steht für Label, die ambitionierte Kriterien haben, diese auch kontrollieren und Prozesse haben schrittweise systematisch Verbesserungen anzustoßen. Gelb steht für Labels mit Mindeststandards und deutlichen Lücken. Rot kennzeichnet Siegel, die vor allem Marketinginstrumente sind. So können Verbraucher*innen in wenigen Sekunden erkennen, ob ein Label echten Mehrwert bietet – oder nur ein gutes Gefühl verkauft.
Was sollten Konsument*innen Ihrer Meinung nach im Alltag beachten, um nicht auf Greenwashing-Labels hereinzufallen?
Wenn ein Siegel oder eine Zertifizierung keine klaren Kriterien nennt, nicht transparent ist oder keine unabhängigen Kontrollen incl. Berichte darüber offenlegt, ist Vorsicht geboten. Punktesysteme, unklare Eigenlabel von Unternehmen und verschwommene Versprechungen wie „nachhaltig" oder „verantwortungsvoll" sind typische Warnzeichen. Aber auch Label, die versprechen alles abzudecken von Sozial hin zu Ökologie. Und: Weniger, aber besser einkaufen ist oft wirkungsvoller als sich auf fragwürdige Siegel oder Zertifizierungen zu verlassen.
Vielen Dank für das Interview, Sandra!
Der Labelguide 2025 macht deutlich: Das zentrale Problem vieler Nachhaltigkeitslabel ist nicht fehlender Anspruch, sondern fehlende Wirksamkeit. Solange Kontrollen Interessenkonflikten unterliegen, soziale Kriterien nachrangig behandelt werden und Reichweite wichtiger ist als Wirkung, bleiben viele Siegel strukturell unglaubwürdig.
Für Konsument*innen heißt das: Weniger Vertrauen in Logos, mehr Aufmerksamkeit für Transparenz, unabhängige Prüfungen und klare Kriterien. Das neue Ampelsystem bietet dafür eine pragmatische Entscheidungshilfe – ersetzt aber nicht die kritische Frage, ob ein Label tatsächlich Veränderungen ermöglicht oder lediglich ein gutes Gewissen verkauft. Nachhaltiger Konsum beginnt nicht beim Siegel, sondern bei informierten Entscheidungen und bewussterem Kaufverhalten.
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