Nachhaltigkeit ist in aller Munde – und doch gerät das Thema in wirtschaftlich angespannten Zeiten bei vielen Unternehmen ins Hintertreffen. Gerade in der Kosmetikbranche spielt es jedoch eine Schlüsselrolle. Denn hier geht es nicht nur um Pflege und Schönheit, sondern auch um Verantwortung für Natur, Umwelt und Gesellschaft. Einer, der seit Jahren an der Schnittstelle von Forschung, Unternehmenspraxis und internationaler Interessenvertretung wirkt, ist Prof. Dr. Florian Stintzing. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung der WALA Heilmittel GmbH, bekannt durch die Marke Dr. Hauschka, und Präsident des internationalen Naturkosmetikverbands NATRUE.
Im Podcast-Gespräch mit LifeVERDE erklärt er, warum Nachhaltigkeit für ihn keine Option, sondern eine Pflicht ist, wie Naturkosmetik echten Mehrwert für Verbraucherinnen und Verbraucher bietet – und weshalb Kooperationen für die Zukunft entscheidend sein werden.
Geprägt von der Natur
Florian Stintzing ist auf dem Land aufgewachsen. Schon als Kind verbrachte er viel Zeit mit Pflanzen, Tieren und landwirtschaftlicher Arbeit. Diese Erfahrungen haben ihn tief geprägt. Ursprünglich wollte er wie sein Vater Medizin studieren, entschied sich aber nach dann doch bewusst für einen anderen Weg. Stattdessen wandte er sich der Lebensmitteltechnologie zu – ein Studium mit vielen Facetten, das naturwissenschaftliche Grundlagen mit ethischer Verantwortung verband. Sein Schwerpunkt lag auf pflanzlichen Lebensmitteln und deren Inhaltsstoffen, ein Feld, das ihn bis heute begleitet.
Nach Promotion und Habilitation sowie einem Forschungsaufenthalt in den USA, führte ihn sein Weg 2007 zu WALA. Dort übernahm er zunächst die Leitung eines Labors für Pflanzenanalytik. Heute verantwortet er den Bereich Wissenschaft im Unternehmen und engagiert sich parallel für die Weiterentwicklung der Natur- und Biokosmetik auf internationaler Ebene.
Naturkosmetik als Brücke zwischen Mensch und Pflanze
Wenn Stintzing über Naturkosmetik spricht, geht es ihm weniger um Oberflächliches als vielmehr um eine Verbindung zwischen Mensch und Natur. Pflanzen enthalten eine Vielzahl an Wirkstoffen, die über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Rolle für die Gesundheit gespielt haben. Naturkosmetik macht sich dieses Potenzial zunutze – allerdings nicht durch das simple Auftragen einer Pflanze auf die Haut, sondern durch aufwendige Verfahren, die Inhaltsstoffe extrahieren und in wirksame Rezepturen überführen.
Für ihn liegt der entscheidende Unterschied zur konventionellen Kosmetik darin, dass Naturkosmetik nicht mit isolierten Wirkstoffen arbeitet, sondern mit der ganzen Vielfalt pflanzlicher Substanzen. Die Wirkung ist oft weniger sofort sichtbar, dafür nachhaltiger und ganzheitlicher. Stintzing betont, dass es dabei nicht um einen Gegensatz geht: Konventionelle Produkte hätten ihre Berechtigung, doch Naturkosmetik verfolge ein anderes, langfristigeres Prinzip.
Nachhaltigkeit als Selbstverständnis
Wer Naturkosmetik herstellt, trägt Verantwortung für mehr als nur den Endverbraucher. Schon beim Anbau der Pflanzen geht es darum, Biodiversität zu sichern, die Bodengesundheit zu fördern und eine umweltgerechte Verarbeitung zu gewährleisten. WALA arbeitet nach klaren Kreislaufprinzipien: Pflanzenreste werden kompostiert und in den Naturkreislauf zurückgeführt. Abfall ist hier kein Endprodukt, sondern ein Ausgangspunkt für Neues.
Nachhaltigkeit bedeutet für Stintzing jedoch auch, die Spuren zu reflektieren, die das eigene Handeln hinterlässt. Jede Produktion, auch die naturverträglichste, verändert die Umwelt. Entscheidend sei, dies so zu gestalten, dass es im Einklang mit natürlichen Kreisläufen bleibt. Für ihn ist Nachhaltigkeit daher keine Marketingstrategie, sondern eine Haltung – und eine Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen.

Bild: Unsplash/Towfiqu barbhuiya
Gegen den Trend: Nachhaltigkeit in schwierigen Zeiten
Gerade in Zeiten, in denen die Kosten steigen und wirtschaftliche Unsicherheit dominiert, rückt Nachhaltigkeit bei vielen Unternehmen nach hinten. Für Stintzing ist das eine gefährliche Entwicklung. Nachhaltigkeit brauche einen langen Atem, kurzfristige Effizienzgewinne dürften nicht über langfristige Verantwortung gestellt werden.
WALA versucht, diesem Trend bewusst entgegenzuwirken. Das Unternehmen reinvestiert Teile seines Gewinns in nachhaltige Projekte und setzt damit ein Zeichen. Stintzing wünscht sich mehr Mut in der Wirtschaft, diesem Weg zu folgen. Nicht jeder Schritt zahle sich sofort aus, aber langfristig sei es der einzige Weg, um gesunde Unternehmen in einer gesunden Umwelt zu sichern.
Transparenz statt Greenwashing
Ein weiteres Problem der Branche ist das Greenwashing. Viele Marken schmücken sich mit einem grünen Image, ohne dass dahinter echte Nachhaltigkeit steckt. Verbraucherinnen und Verbraucher sind deshalb zunehmend skeptisch. Hier kommt der Verband NATRUE ins Spiel, den WALA 2007 mitbegründete.
Das NATRUE-Siegel gilt heute als eines der strengsten und unabhängigsten in der Naturkosmetik. Anders als andere Label ist NATRUE eine Non-Profit-Organisation und finanziert sich nicht durch Zertifizierungen, sondern durch Mitgliedsbeiträge und Label-Nutzungsgebühren. Die Einhaltung der Kriterien wird durch unabhängige Zertifizierer vorgenommen. Für Stintzing ist das entscheidend: Nur so kann sichergestellt werden, dass wirtschaftliche Interessen die Qualitätsstandards nicht verwässern.
Darüber hinaus engagiert sich NATRUE in Brüssel, um auf politischer Ebene für faire Rahmenbedingungen einzutreten. Gerade in einer Zeit, in der neue Regulierungen die Branche stark beeinflussen, sei eine gemeinsame Stimme unverzichtbar.
Kooperation statt Alleingang
Ein zentrales Motiv, das sich durch das Gespräch zieht, ist die Bedeutung von Kooperation. Für Stintzing ist klar: Nachhaltigkeit lässt sich nicht im Alleingang umsetzen. Weder einzelne Unternehmen noch einzelne Branchen können die großen Herausforderungen wie Klimawandel oder Biodiversitätsverlust allein bewältigen.
Deshalb setzt er auf Netzwerke – innerhalb der Naturkosmetikbranche, aber auch darüber hinaus. Nur wenn Unternehmen Wissen teilen, Erfahrungen austauschen und gemeinsame Standards entwickeln, könne ein echter Fortschritt entstehen. Egoismen seien hier fehl am Platz.
Eine offene Unternehmenskultur
Ein weiterer Aspekt, der WALA auszeichnet, ist die gelebte Offenheit. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, den Heilpflanzengarten, den biodynamisch bewirtschafteten Sonnenhof oder den firmeneigenen Biodiversitätspfad zu erleben. Für Stintzing ist das mehr als Transparenz: Es ist eine Möglichkeit, Menschen für die Natur zu sensibilisieren. Wer einmal gesehen hat, wie Pflanzen kultiviert, geerntet und verarbeitet werden, entwickelt automatisch eine tiefere Wertschätzung – und versteht besser, warum Nachhaltigkeit mehr ist als ein Schlagwort.
Diese Philosophie geht zurück auf den Unternehmensgründer Dr. Rudolf Hauschka, der nicht nur Chemiker, sondern auch Künstler war. Sein Mut und seine Kreativität prägen das Unternehmen bis heute. Im Zentrum steht dabei immer die Idee, Natur und Mensch gleichermaßen gut zu behandeln.
Ausblick: Evolution statt Revolution
Für die Zukunft setzt WALA auf eine klare Weiterentwicklung: Forschung und Innovation sollen neue Produkte hervorbringen, die Verbraucherbedürfnisse ernst nehmen und gleichzeitig nachhaltige Standards wahren. Auch die Zusammenarbeit mit Politik und Gesellschaft wird ausgebaut, um Nachhaltigkeit als gesamtgesellschaftliches Projekt voranzubringen.
Stintzing spricht bewusst nicht von einer Revolution, sondern von einer Evolution. Schritt für Schritt, in stetiger Bewegung und mit einem klaren Ziel: eine enkeltaugliche Zukunft, in der Unternehmen, Verbraucherinnen und Verbraucher sowie die Natur im Einklang stehen.
Fazit
Das Gespräch mit Prof. Dr. Florian Stintzing zeigt deutlich: Nachhaltigkeit ist für Unternehmen wie WALA kein Nebenschauplatz, sondern Kern des Geschäftsmodells. Naturkosmetik steht damit beispielhaft für eine Branche, die Verantwortung übernimmt – für die eigene Produktqualität, für die Umwelt und für kommende Generationen.
Oder, wie Stintzing es selbst formuliert:
„Wir möchten gute Spuren hinterlassen – in der Natur und in der Gesellschaft.“
Vielen Dank für das Gespräch!
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