Bei nachhaltigen Finanzanlagen ist noch viel Luft nach oben
Grüne Wirtschaft

Bei nachhaltigen Finanzanlagen ist noch viel Luft nach oben

Nachhaltige Investments machen in Deutschland aktuell gerade einmal 3% aus. Oliver Ginsberg ist Fachberater für Nachhaltige Finanzanlagen und erläutert im Interview, worauf Verbraucher besonders achten sollten, wenn sie ihre verantwortungsbewusste Lebensweise auch auf den Finanzbereich übertragen möchten.

Nachhaltige Investments machen in Deutschland aktuell gerade einmal 3% aus. Oliver Ginsberg ist Fachberater für Nachhaltige Finanzanlagen und erläutert im Interview, worauf Verbraucher besonders achten sollten, wenn sie ihre verantwortungsbewusste Lebensweise auch auf den Finanzbereich übertragen möchten.

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06.12.2016 - Bilder © tetrateam

LifeVERDE: Herr Ginsberg, was versteht man unter nachhaltigen Konzepten für Vorsorge und Vermögen?

OLIVER GINSBERG: Konzept heißt, dass wir ganzheitlich beraten und nicht einfach irgendwelchen Produktvertriebsinteressen folgen. Dabei geht es um Risikoabsicherung genauso wie um Kapitalanlage

Nachhaltig heißt, dass wir bei unseren Empfehlungen sowohl ökologische und soziale als auch unternehmensethische Aspekte berücksichtigen

Was konkret bieten Sie an und wen möchten Sie mit Ihrem Beratungsangebot erreichen?

Unser Kerngeschäft als Makler besteht in der Beratung und Vermittlung von Versicherungs-und Finanzprodukten. Wir bieten jedoch auch individuelle Serviceleistungen auf Honorarbasis an und betreiben ganz allgemein Aufklärungsarbeit in Sachen nachhaltige Geldanlagen. Zu uns kommen junge Startup-Unternehmer*innen mit Bedarf an Basisabsicherung genauso wie Menschen, die mit einer Erbschaft verantwortlich umgehen wollen oder halbtagsbeschäftigte Erzieherinnen, die eine faire und nachhaltige Lösung für ihre ergänzende Altersversorgung suchen. Generell: Menschen, die auch im Finanzbereich das praktizieren wollen, was sie bereits im alltäglichen Konsum schrittweise in Richtung Nachhaltigkeit umsetzen, beispielsweise sich bewusst ernähren oder bei einem Öko-Stromanbieter Energie beziehen.

Wie kam es zur Gründung von tetrateam und was treibt Sie an?

Wir waren vorher alle bei einem Pionier nachhaltiger Investmentfonds beschäftigt. Das hatte produktseitig alles bereits eine sehr nachhaltige Ausrichtung, war aber wie im konventionellen Finanzsektor sehr stark auf Produktvertrieb ausgerichtet. Uns fehlte gegenüber unseren Kunden die Unabhängigkeit. Deshalb haben wir beschlossen uns auf eigene Beine zu stellen. Wir versuchen dabei auch indirekte empfehlungsbeeinflussende Vertriebsansätze der Produktanbieter auszuschalten, indem bei der Vermittlung pauschale Vergütungen an die Berater gezahlt werden. Mehrerträge fließen in einen Topf aus dem die Gemeinkosten bezahlt werden. Was am Ende des Jahres übrig bleibt fließt an gemeinnützige Organisationen. Was uns dabei antreibst ist ganz klar, dass wir mit allem was wir tun immer auch ein Stück zur Entwicklung einer nachhaltigeren Wirtschaftsform beitragen.

Was glauben Sie, welche Motivation steht bei grünen Investments bei der Mehrheit der Anleger im Vordergrund, Ethik & Moral oder eine ordentliche Rendite?

Motive können sehr unterschiedlich sein. Aber natürlich soll mit der Anlage auch ein unter Berücksichtigung von Anlagerisiken vernünftiger Ertrag erzielt werden. In der Regel reicht es den meisten Anleger*innen, wenn bei der nachhaltige Geldanlage das Risiko-Renditeverhältnis in Ordnung ist. Auf einen besonders hohen Ertrag spekuliert kaum jemand, obwohl es auch bei grünen Unternehmen echte Shootingstars gibt.

Können Sie einschätzen, wie hoch der Anteil nachhaltiger Investments in Deutschland ist? Wo stehen wir im internationalen Vergleich?

Nach der letzten Marktstudie des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG) stehen wir bei rund 3% - was im internationalen Maßstab entwickelter Länder eher unteres Mittelfeld darstellt. Da gibt es noch viel Luft nach oben…

Welches sind die größten Vorteile nachhaltigen Investierens?

An nachhaltigem Wirtschaften führt mittel- bis langfristig gar kein Weg vorbei, weil wir sonst die Quellen aller Wertschöpfung zerstören, die Regenerationsfähigkeit natürlicher Ökosysteme und den sozialen Zusammenhalt. Insofern geht es nicht darum ob wir moralisch sein wollen oder uns gut dabei fühlen. Nachhaltiges Wirtschaften ist - um ein geflügeltes Wort zu bemühen – alternativlos!

Kann man im Durchschnitt mit grünen Investments genauso viel Rendite erzielen wie mit herkömmlichen Geldanlagen?

In der Praxis – und das zeigen tausende von vergleichenden Studien - sind nachhaltige Geldanlagen hinsichtlich des Risiko-Rendite-Verhältnisses konventionellen Anlagen auf jeden Fall ebenbürtig..

Welches sind aktuell die größten Hemmnisse der Menschen in grüne Geldanlagen zu investieren? Wie könnte beispielsweise die Politik bessere Rahmenbedingungen für ethische Investments schaffen?

Es fehlt einerseits in Deutschland ganz allgemein an einer gewissen finanzwirtschaftlichen Allgemeinbildung – das gilt umso mehr, wenn es um das Verständnis des Zusammenhangs zwischen wirtschaftlicher Tätigkeit und ökologischer Tragfähigkeit geht. Leider haben sich auch Verbraucherschutzorganisationen mit ihren einseitig vor allem auf geringe Kosten fixierten Empfehlungen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Verlässlichkeit ist ein anderer Faktor der eine Rolle spielt. Wenn Menschen nicht darauf vertrauen, dass vernünftiges Handeln auch politisch flankiert wird – wie beispielsweise mit einer langfristigen Förderung, welche erneuerbaren Energien zum Durchbruch verholfen haben, bleibt die Motivation gering. Staatliche Förderung sollte es generell nur noch für nachhaltige Anlage- bzw. Altersvorsorgeprodukte geben.

Welche Formen der nachhaltigen Geldanlage werden aktuell am meisten nachgefragt und welche werden in Zukunft eine größere Rolle spielen als derzeit?

Das hängt sehr stark von der individuellen Lebenssituation ab. Tendenziell gibt es jedoch einen Trend weg von klassischen Altersvorsorgeprodukten hin zu stärker sachwertorientierten Anlagen. Das Thema Immobilien spielt auch im nachhaltigen Anlagemarkt eine Rolle. Wir erwarten, dass Direkte Geldanlagen über Crowdinvesting- bzw. Crowdlending--Portale in Zukunft stärkeres Gewicht bekommen. Wir sind deshalb Partnerschaften mit Plattformen eingegangen, die wir unter Nachhaltigkeitsaspekten für interessant halten und die über eine entsprechende solide Leistungsbilanz verfügen. Diese Portale sind sozusagen durch uns vorgeprüft und über unsere Homepage ansteuerbar.

Gibt es objektive Kriterien und Siegel, an denen Verbraucher relativ leicht erkennen können, ob es sich um eine wirklich nachhaltige Finanzanlage handelt, die nicht nur grün verpackt ist? Oder muss jeder Anleger selbst entscheiden in welche Branche er investieren und worauf er vertrauen möchte?

In den letzten Jahren hat sich ein recht breiter internationaler Konsens herausgebildet, was Standards für nachhaltige Geldanlagen anbelangt. Daran haben entsprechende Netzwerke wie das „European Sustainable Investment Forum“ oder die „Global Alliance for Banking on Values“ genauso Anteil wie „Facing Finance“, „Urgewald“ oder „Südwind“, die schwarze Schafe ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Andererseits gibt es ganz unterschiedliche Strategien Nachhaltigkeitsgrundsätze im Investmentprozess umzusetzen. Dem werden einfache Siegel oder Noten kaum gerecht und zum Teil gibt es auch kleinlich-besserwisserisches Abgrenzungsverhalten verschiedener Akteure, die sich mit der Bewertung beispielsweise von nachhaltigen Investmentfonds befassen. Um den Markt zu verbreitern und auch denjenigen eine Orientierung zu bieten, die nicht viel Zeit aufbringen können oder wollen, sich mit den Investmentstrategien zu befassen ist es aber sinnvoll, wenn Siegel - wie beispielsweise im vergangenen Jahr durch das FNG - ins Spiel gebracht werden. Persönlich finde ich es sinnvoll, sich Zeit zu nehmen, um bewusste Entscheidungen zu treffen anstatt Entscheidungen einfach nur an andere zu delegieren, die ein vorgegebenes Bewertungsraster anwenden. Die Gespräche mit Mandant*innen, bei denen es auch ums Inhaltliche geht gehören zu den Dingen, die unsere Arbeit besonders interessant und auch befriedigend für alle Beteiligten machen. Die Entscheidungsfindung ist ein wertvoller Lernprozess. Der lässt sich nicht durch ein Siegel ersetzen

Vielen Dank


KONTAKT

Oliver Ginsberg
Fachberater für nachhaltige Finanzdienstleistungen

Solmsstraße 22
10961 Berlin

Fon: 030 - 611 01 88 -12

Mail: o.ginsberg@tetrateam.de

Web: www.tetrateam.de



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