Notizen im Meeting, die To-do-Liste für den Tag oder Gedanken, die man schnell festhalten möchte: Trotz digitaler Alternativen gehört das Schreiben auf Papier für viele weiterhin zum Alltag. Genau hier setzt MOYU an – allerdings mit einem Material, das mit klassischen Notizbüchern wenig zu tun hat. Das Unternehmen entwickelt wiederverwendbare Notizbücher aus Steinpapier, deren Seiten mit einem feuchten Tuch gereinigt und anschließend neu beschrieben werden können. Gleichzeitig unterstützt das Unternehmen mit jedem verkauften Notizbuch ein Baumpflanzprojekt in Kenia. Doch MOYU hat noch größere Pläne: Künftig möchte das Unternehmen Steinpapier lokal in Europa produzieren und dafür vorhandene Reststoffströme nutzen. Im Interview erfahren wir, wie die Idee entstanden ist, wie sich das Schreiben auf Steinpapier im Alltag anfühlt und warum MOYU mittlerweile auch wiederverwendbare Verpackungen entwickelt.

Bild: MOYU
LifeVERDE: Wie entstand die Idee zu MOYU und was hat Sie dazu inspiriert, wiederverwendbare Notizbücher aus Steinpapier zu entwickeln?
ROEL SCHATORJE, C-TREE-O bei MOYU: Die Geschichte von MOYU ist aus verschiedenen Ideen und Erfahrungen heraus entstanden. Einer der wichtigsten Impulse war für mich, mehr über die Papierindustrie zu erfahren. Ich las, dass Papier aus Bäumen hergestellt wird, Papierfasern nur schwer recycelbar sind und die Produktion viel Wasser und Energie verbraucht. Gleichzeitig wird erwartet, dass die Branche in den kommenden Jahren weiter wächst, da die Nachfrage nach Papier und Verpackungsmaterialien steigt. Eine der umweltschädlichsten Industrien und einer der größten Holzverbraucher soll also weiter wachsen – das hat mich zum Nachdenken gebracht. Während meines Studiums im Bereich Sustainable Business hatte ich bereits gelernt, dass es viele alternative Materialien auf dem Markt gibt. Besonders erinnerte ich mich an ein Unternehmen, das Papier aus Steinabfällen herstellte. Also bestellte ich einige Materialien und begann, sie auszuprobieren.
Während dieser Tests kam mir ein weiterer Gedanke: Es wäre noch besser, wenn wir nicht nur bessere Materialien verwenden, sondern insgesamt weniger davon verbrauchen würden. Also probierte ich verschiedene wiederverwendbare Stifte aus. Aus diesen einzelnen Puzzleteilen entstand schließlich MOYU: ein wiederverwendbares Notizbuch aus Steinpapier, mit dessen Kauf gleichzeitig ein Baum gepflanzt wird.
Viele Menschen möchten Papierabfall reduzieren, schreiben aber trotzdem gerne mit der Hand. Wie verbindet MOYU das traditionelle Schreibgefühl mit einer nachhaltigeren Alternative?
Das Schreiben von Hand hat gegenüber digitalen Notizen viele Vorteile, weshalb wir sehen, dass Menschen nach wie vor sehr gerne schreiben. Es fördert die Kreativität und hilft dem Gehirn dabei, sich Dinge besser zu merken. Wenn man beispielsweise seinen Tag in unserem Notizbuch plant, funktioniert das meiner Meinung nach einfach besser, wenn man die Dinge aufschreibt. Dasselbe gilt für Notizen in Meetings oder beim Lernen. Unser Vorteil gegenüber anderen löschbaren Notizbüchern besteht meiner Meinung nach darin, dass wir kein kunststoffbeschichtetes Papier verwenden und einen Stift anbieten, der einem normalen Stift sehr nahekommt. Abgesehen von der etwa zehnsekündigen Trocknungszeit fühlen sich Stift und Papier deshalb wie herkömmliches Schreiben an und nicht wie das Schreiben auf einem Whiteboard.
Neben der Schreib- und Löschqualität hat Steinpapier auch geringere Auswirkungen auf die Umwelt, wenn man es mit anderen löschbaren Notizbüchern oder herkömmlichen Notizbüchern aus Zellstoff vergleicht. In den Niederlanden arbeiten wir derzeit außerdem daran, unsere Produkte an Grundschulen einzuführen, da wir beobachten, dass Schulen wieder stärker auf das Schreiben von Hand setzen.

Bild: MOYU
Wie funktionieren Ihre Notizbücher im Alltag? Was macht Steinpapier besonders und wie oft lässt sich ein Notizbuch tatsächlich löschen und wiederverwenden?
Unser Notizbuch enthält drei To-do-Listen, zwei Wochenplaner und anschließend eine Mischung aus linierten, gepunkteten, karierten und leeren Seiten. Ich empfehle eigentlich immer, es zunächst einfach wie ein ganz normales Notizbuch zu verwenden. Man schreibt es voll und sobald es gefüllt ist, nimmt man ein feuchtes Tuch und wischt die Seiten nacheinander sauber. Wenn man seine Notizen etwa einmal im Monat durchgeht – je nachdem, wie viel man schreibt –, ist das gleichzeitig eine schöne Gelegenheit, auf die vergangenen Aktivitäten zurückzublicken. Eine Seite wird allerdings von vielen Menschen täglich verwendet: die To-do-Liste. Morgens schreibt man seine Aufgaben auf, hakt sie im Laufe des Tages ab und wischt die gesamte Seite am Abend wieder sauber.
Gerade durch diese intensive Nutzung der To-do-Liste haben wir festgestellt, dass jede Seite problemlos mehr als 500-mal neu beschrieben werden kann. Wir haben Nutzerinnen und Nutzer, die ein einziges Notizbuch mehr als fünf Jahre lang verwenden. Wenn die To-do-Liste jeden Tag neu genutzt wird, kommt man auf deutlich mehr als 500 Anwendungen. Danach kann das Notizbuch weiterhin verwendet werden, allerdings wird das Schreiben und Löschen mit der Zeit etwas schwieriger. Deshalb entscheiden sich viele Menschen dann für ein neues Exemplar. Da das Material des Steinpapiers aber weiterhin wertvoll ist, bieten wir besonders intensiven Nutzerinnen und Nutzern einen Rabatt auf ein neues Produkt an, wenn sie ihr altes MOYU an uns zurückgeben.
Nachhaltigkeit betrifft mehr als nur das Produkt selbst. Wie stellen Sie eine verantwortungsvolle Beschaffung und Produktion sicher und wie berücksichtigen Sie die gesamten Umweltauswirkungen von MOYU?
Zunächst betrachten wir die direkten Auswirkungen des Produkts, seiner Herstellung und seiner Nutzung. Wir kennen die Produktionsdaten der Fabrik: 67 Prozent weniger CO₂, 100 Prozent weniger Wasserverbrauch, 85 Prozent weniger Energie und keine Chemikalien. Diese Zahlen haben wir in unsere Lebenszyklusanalyse (LCA) einbezogen und dabei zusätzlich drei Aspekte berücksichtigt: die Anzahl der Nutzungszyklen, den Transport und das Lebensende des Produkts. Zusammengenommen ergibt sich daraus über einen Zeitraum von drei Jahren eine Reduzierung der CO₂-Emissionen um 94 Prozent. Der Baum, den wir zusätzlich pflanzen, ist dabei noch nicht eingerechnet.
Darüber hinaus berücksichtigen wir weitere Aspekte wie die Arbeitsbedingungen in der Fabrik. Diese werden durch Zertifikate und Besuche vor Ort überprüft. Auch unsere anderen Lieferanten verfügen über entsprechende Zertifizierungen, beispielsweise von EcoVadis. Unser größtes Verbesserungspotenzial sehen wir – trotz der bereits erreichten 94 Prozent – beim Lebensende des Produkts und bei den langen Transportwegen des Rohmaterials. Deshalb arbeiten wir derzeit im Labor daran, unser eigenes Steinpapier zu entwickeln, das lokal in Europa produziert werden soll.
Mit einer lokalen Produktionsstätte könnten wir außerdem einen Kreislauf schließen. Das Material ist Cradle-to-Cradle-zertifiziert, sodass eine Fabrik Materialreste zurücknehmen und erneut verwenden könnte. Wir haben uns für die Entwicklung eines eigenen Materials entschieden, weil es in Europa verschiedene Abfallströme sowohl für Stein beziehungsweise Calciumcarbonat als auch für Kunststoff – recyceltes oder biobasiertes HDPE – gibt. Unsere Vision ist deshalb eine Fabrik, die lokale Reststoffe nutzt, um daraus Steinpapier herzustellen.
Eines der Versprechen von MOYU ist, dass mit jedem Notizbuch das Pflanzen von Bäumen unterstützt wird. Können Sie uns mehr über diese Initiative und ihre bisherige Wirkung erzählen?
Danke für diese Frage – darüber spreche ich besonders gerne, denn ich bin selbst ein großer Naturliebhaber und genau darin liegt einer der Gründe, warum wir tun, was wir tun. Unser Gedanke war: Wenn die Papierindustrie Bäume fällt, können wir dann nicht im Gegenzug Bäume pflanzen? Wir wollten also nicht nur unsere eigenen Auswirkungen reduzieren, sondern auch dazu beitragen, bereits entstandene negative Auswirkungen auszugleichen – eine Art regeneratives Modell.
Da ich selbst ein Jahr in Kenia gelebt habe, haben wir uns entschieden, mit Trees for Kenya zusammenzuarbeiten. Vor einigen Jahren haben wir das Projekt gemeinsam mit einem Filmteam besucht und dokumentiert. Wenn man fünf Minuten Zeit hat, lohnt es sich wirklich, sich das anzusehen. Es ist beeindruckend zu sehen, welche Wirkung Projekte zur Wiederherstellung der Natur entfalten können.
Dabei geht es nicht nur um das unmittelbare Pflanzen von Bäumen, sondern auch um die indirekte Wiederherstellung von Ökosystemen und die Unterstützung der lokalen Gemeinschaft. Frauen aus der Community pflanzen die Bäume und erhalten dadurch ein zusätzliches Einkommen, das beispielsweise für alltägliche Bedürfnisse wie Schulmaterialien für ihre Kinder eingesetzt werden kann. Es entsteht eine ganze Kette positiver Veränderungen, die mit der Investition in einen einzigen neu gepflanzten Baum beginnt.

Bild: MOYU
Welche Rückmeldungen erhalten Sie am häufigsten von Kundinnen und Kunden, nachdem sie von herkömmlichen Notizbüchern zu MOYU gewechselt sind? Gab es überraschende Erfolgsgeschichten?
Wir haben inzwischen mehr als 400.000 Nutzerinnen und Nutzer. Die häufigste Rückmeldung ist, dass die Menschen überrascht davon sind, wie angenehm sich das Schreiben und Löschen anfühlt. Von unseren Nutzerinnen und Nutzern haben wir eine Bewertung von 9,4 erhalten, was für uns natürlich sehr motivierend ist. Einige müssen sich zunächst ein wenig an das System gewöhnen – beispielsweise daran, kurz zu warten, bis die Tinte getrocknet ist, oder das Notizbuch regelmäßig zu reinigen. Das Gute – oder aus geschäftlicher Sicht vielleicht auch Herausfordernde – ist allerdings, dass Menschen, die unser Produkt mögen, es im Durchschnitt etwa fünf Jahre lang verwenden. Unser Wunsch, Produkte länger nutzbar zu machen, führt also nicht unbedingt zum einfachsten Geschäftsmodell. Aber genau darum geht es uns.
Der Vorteil eines guten Produkts ist wiederum, dass viel über Mundpropaganda passiert. Auch wenn Kundinnen und Kunden vielleicht erst nach vier oder fünf Jahren wieder selbst ein neues Produkt kaufen, erzählen sie anderen davon und kommen später zurück. Außerdem ist ein weiterer Punkt für uns sehr wichtig: Derzeit geht ein großer Teil unserer Notizbücher an Unternehmen. Diese können ihre eigenen Cover gestalten und die Bücher intern für Notizen oder als Geschenk einsetzen. Wir erleben immer wieder, dass Menschen, die das Produkt selbst gerne nutzen, es anschließend in ihrem Unternehmen vorschlagen. Das ist natürlich großartig.
Wo sehen Sie MOYU in den nächsten fünf Jahren und welche Rolle möchten Sie dabei spielen, alltägliche Büro- und Schulprodukte nachhaltiger zu gestalten?
Wir haben gerade unser Konzept für wiederverwendbare Wellpappenverpackungen namens „Stonepacker“ auf den Markt gebracht. Angesichts der kommenden gesetzlichen Vorgaben, durch die Unternehmen bis 2030 verstärkt auf wiederverwendbare Verpackungen setzen müssen, sehen wir darin eine große Entwicklungsmöglichkeit für MOYU. Wenn wir neben Papierprodukten auch Verpackungsprodukte anbieten, könnten wir genügend Volumen erreichen, um eine eigene lokale Produktionsstätte aufzubauen. Mit einer solchen Produktion könnten wir vollständig zirkulär arbeiten: Wir würden lokale Reststoffe nutzen, daraus langlebige Produkte herstellen und diese am Ende ihrer Nutzungsdauer zurücknehmen und erneut als Material verwenden.
Ich glaube, dass sich viele Menschen noch gar nicht vorstellen können, wie eine solche Zukunft für die Papierindustrie aussehen könnte. Derzeit liegt der Fokus weiterhin stark auf Recycling. Das Recycling von Papierfasern führt jedoch nur zu einer begrenzten Reduzierung der Umweltauswirkungen, und die Fasern werden mit jedem Recyclingprozess schwächer. Es handelt sich also um einen Kreislauf, der irgendwann endet. Eine Industrie, die stattdessen auf Wiederverwendung und hochwertiges Steinpapier setzt, könnte potenziell eine Reduzierung von CO₂-Ausstoß, Wasserverbrauch, Holzverbrauch und Energiebedarf um 95 bis 99 Prozent ermöglichen. Das wäre ein großer Sprung nach vorne und nicht nur eine Verbesserung eines bestehenden Systems.
Bevor wir dieses Ziel erreichen können, brauchen wir allerdings noch mehr Unterstützer. Wir brauchen mehr Unternehmen, die den Schritt hin zu Steinpapier wagen, und mehr Verbraucherinnen und Verbraucher, die unsere Produkte nutzen und die Geschichte dahinter weitererzählen. Wir sind noch ein kleines Unternehmen, das gegen eine riesige Industrie mit einer starken Lobby antritt – deshalb hilft jede Unterstützung. Lassen Sie uns diese Veränderung gemeinsam gestalten.
Vom Notizbuch zum Kreislauf: Was MOYU als Nächstes plant
MOYU möchte zeigen, dass beim Thema Papier nicht nur die Frage nach dem richtigen Rohstoff entscheidend ist, sondern auch, wie lange ein Produkt überhaupt genutzt werden kann. Das wiederverwendbare Notizbuch war dabei nur der Anfang. Mit dem „Stonepacker“ nimmt das Unternehmen inzwischen auch Verpackungen in den Blick. Besonders spannend ist die langfristige Vision einer eigenen europäischen Produktion. Lokale Reststoffe sollen als Ausgangsmaterial dienen und ausgediente Produkte wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden. Damit verfolgt MOYU ein klares Ziel: Materialien nicht nur anders herzustellen, sondern sie möglichst lange zu nutzen und anschließend erneut einzusetzen.
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