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Jurtenleder: Nachhaltige Accessoires mit den Werten der mongolischen Kultur

INTERVIEW | Die Accessoires von Jurtenleder orientieren sich an der mongolischen Nomadenkultur, die nachhaltig und im Einklang mit der Natur ist. Wie das umgesetzt wird, erzählt dir Gründerin Nomio.

INTERVIEW | Die Accessoires von Jurtenleder orientieren sich an der mongolischen Nomadenkultur, die nachhaltig und im Einklang mit der Natur ist. Wie das umgesetzt wird, erzählt dir Gründerin Nomio.

07.07.2021 | Ein Interview geführt von Deborah Iber | Bilder: Jurtenleder


In der Mongolei spielt das Nomadentum eine sehr große Rolle und wird traditionell und im Einklang mit den Elementen der Natur gelebt. Auch das Lederhandwerk ist eng damit verbunden und wird seit vielen Jahren praktiziert. Diese Lebenseinstellung und die Werte der mongolischen Kultur möchte Nomio mit ihrer Marke Jurtenleder nach Deutschland bringen und in ihren Accessoires aus pflanzlich gegerbtem Leder widerspiegeln.

Wie setzt Nomio das um und wie kann die Lederproduktion nachhaltig gestaltet werden? Das und viele weitere spannenden Infos erwarten dich im Interview über Jurtenleder.

 

LifeVERDE: Nomio, du möchtest mit Jurtenleder einen Teil deiner mongolischen Kultur nach Deutschland bringen. Erzähl uns kurz etwas zu deiner Mission.

Nomio Holtz: Ich bin in der Mongolei aufgewachsen und lebte dort bis zu meinem 22. Lebensjahr. Für mein Studium zog es mich nach Deutschland und seither träumte ich davon, meinen Ursprung und mein Leben in Europa zu verknüpfen. Meine Heimat hat so viel zu bieten – Tradition, vielschichtige Kultur, einzigartige Landschaft mit unendlicher Weite und gastfreundliche Menschen – und doch machen nur die Wenigsten einmal selbst die Erfahrung einer Mongoleireise. Reisen ins Land unter dem blauen Himmel sind nicht unbedingt einfach. Es gibt sprachliche Barrieren, denn mit Englisch kommt man außerhalb der Hauptstadt Ulan Bator nicht sehr weit. Ebenso wenig kann man sich ohne Einheimische sehr weit bewegen. Um die wundervollen Winkel des Landes zu erleben, ist man oft mehrere Tage unterwegs, benötigt entsprechende Fahrzeuge und Ortskundige. Deshalb sind Mongoleireisen vergleichsweise teuer. Dennoch ist das Land ein Diamant im Auge von Vielreisenden und eine Sehnsuchtsdestination für alle, die gerne reisen und in fremde Kulturen eintauchen.

Mit Jurtenleder möchte ich jedem ein Stück Mongolei in die Hand geben – ein Stück Freiheit und ein Stück Natur. Deshalb habe ich eine Marke kreiert, die die Werte der mongolischen Nomaden transportiert und nach Europa bringt.


Nomaden in der mongolischen Natur. (Bild: Jurtenleder).

Was ist das Besondere an der mongolischen Kultur und wie spiegelt sie sich in den Produkten von Jurtenleder wider?

Die mongolische Kultur ist eng verknüpft mit dem Nomadentum. Das ist die traditionelle mongolische Lebensweise, die noch heute hohen Stellenwert besitzt. Bewegt man sich abseits der großen Hauptstadt Ulan Bator, so erblickt man überall die freilebenden Herden der Nomaden und in jedem Augenwinkel eine weiße Jurte. Das Leben der Nomaden ist nachhaltig, im Einklang mit den Elementen und der Natur. Das Lederhandwerk besitzt in der Mongolei lange Tradition, ist eng verbunden mit dem Nomadentum und der Viehzucht. Darin liegt der Ursprung von Jurtenleder.

Wir beziehen unser Leder von mongolischen Weidetieren. Dabei setzen wir auf Leder aus dem Narbenspalt. Dieser Teil des Leders ist besonders strapazierfähig aufgrund des dichteren Fasergefüges und trägt Besonderheiten, wie Farbvariationen oder Narben, als Zeugnis des natürlichen Ursprungs und der Weidetierhaltung. Dies ist der ideale Rohstoff für viel genutzte Alltagsbegleiter aus Leder. Aufgrund des natürlichen Wachstums ist das Porengefüge bei unserem Rinds- und Schafsleder sehr fein, etwas ausgeprägter beim Ziegenleder. Dies ist ein sichtbarer Unterschied zu Leder aus Mastzucht. Als Ergänzung zur natürlichen Herkunft unseres Leders gerben wir unseren Rohstoff pflanzlich auf Basis verschiedener Hölzer. Das sorgt für einen natürlichen Duft und einen derben Griff. Zudem unterstützt diese Gerbmethode die individuelle Farbannahme der Haut und macht jedes Lederstück zum Unikat.

Wie das Leben der Nomaden ist Jurtenleder nachhaltig, durch Weidetierhaltung, natürliche Gerbung, eine klimaneutrale Transportkette und umweltfreundlichen Versand.
 

Bei der Leder-Gewinnung achtet ihr auf einen bewussten Umgang mit den Tieren. Wie kann Lederproduktion mit Tierwohl einhergehen?

In der Mongolei gibt es keine Massentierhaltung oder Mastzucht. Die Tiere sind ein fester Bestandteil des Nomadentums und leben zusammen mit den Nomaden halbwild in der mongolischen Steppe. Verlässt man die Hauptstadt Ulan Bator, kann man überall die grasenden Tiere entdecken, ob Ziegen, Schafe, Rinder, Pferde oder Yaks. Nie weit entfernt von einer Herde finden sich ein paar Jurten. Diese Form der Tierhaltung ist ursprünglich, nachhaltig und im Einklang mit der Natur. Gleichzeitig ist es die wohl tierfreundlichste Form der Haltung.

Aufgrund des wenig ertragreichen Bodens und den langen, teils sehr kalten Wintern sind die Mongolen auf Fleisch angewiesen. Fleisch ist schon seit jeher eine Hauptnahrungsquelle der Mongolen und das Nutztier besitzt deshalb einen hohen Stellenwert.


Lederrucksack von Jurtenleder in Schwarz und Beige. (Bild: Jurtenleder).

Wie du erwähnt hast, wird das von euch verwendete Leder pflanzlich gegerbt. Wie genau läuft die Gerbung ab und was ist an der konventionellen Chromgerbung so schädlich?

Die Produktion unseres Leders verläuft in mehr als 20 Arbeitsschritten, wobei die Gerbung den aufwendigsten Prozess darstellt. Die Gerbung ist der Prozess, welcher die Häute konserviert und sie unanfällig gegen den natürlichen Zerfall werden lässt. Dabei werden durch verschiedene Verfahren Gerbstoffe in das Leder gebracht.

Heute erfolgt die Gerbung weltweit mehrheitlich mineralisch auf Basis von Chrom, synthetisch durch z.B. Formaldehyd oder natürlich durch pflanzliche Extrakte. Der dominierende Teil des Leders wird heute durch Chromgerbung erzeugt. Dieses Verfahren bietet verschiedene Vorzüge, ist u.a. sehr effizient, kostengünstig und das Leder lässt sich hervorragend transportieren und lagern. Ist die Chromgerbung richtig ausgeführt, ist sie per se nicht schädlich. Dennoch entsteht der überwiegende Teil des weltweit gehandelten Leders intransparent in Niedriglohnländern. Ist der Ursprung des Leders unklar, können Kinderarbeit, schlechte Arbeitsbedingungen (z.B. fehlende Schutzausrüstung), unsachgemäße Gerbung und Umweltschäden nicht ausgeschlossen werden. Bei falsch durchgeführter Gerbung mit Chrom können Chrom-VI-Verbindungen ins Leder geraten, die leicht in die menschliche Epidermis eindringen und durch Proteinkomplexe zu Hautreaktion bzw. Kontaktallergien führen. Zudem sind diese Verbindungen krebserregend. Ist der Ursprung des Leders also unklar, können das mögliche (negative) Aspekte von Leder sein.

Wir setzen bewusst auf pflanzliche Gerbung als Fortsetzung des natürlichen Ursprungs unseres Leders. Pflanzliche (vegetabile) Gerbung ist deutlich zeitintensiver und damit teurer als Chromgerbung. Die Gerbstoffe werden durch natürliche Substanzen bereitgestellt. Wir nutzen eine Gerbmischung aus verschiedenen Hölzern, was unserem Leder eine ganz besonders milde Duftnote verleiht. Durch den Einsatz von Quebracho erhält unser Leder einen derben Griff, durch die enthaltene Mimosarinde besitzt unser Naturleder eine leicht rötliche Färbung. Neben dem Duft und dem wunderbaren Griff unterstützt diese From der Gerbung die Individualität jeder Lederhaut und sorgt in Verbindung mit traditioneller Färbung von Hand für ein einzigartiges Farbprofil. 
 

Die Produktionsschritte der Jurtenleder Produkte in der Mongolei kann man auf eurer Webseite anschauen. Wo genau werden die Produkte gefertigt und wie werden faire Arbeitsbedingungen sichergestellt?

Wir kooperieren mit verschiedenen Manufakturen aus der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. Das sind kleine Betriebe mit wenigen Mitarbeiter*innen, die ich bereits seit Jahren kenne und zu denen ich Kontakt pflege. Die von uns designten Produkte beziehen wir direkt von ihnen, ohne Zwischenhändler oder Vertriebspartner. Dadurch landet ein Großteil unserer Einnahmen direkt bei den Manufakturen sowie den dortigen Mitarbeiter*innen. Jedes Produkt wird in enger Abstimmung mit den dort tätigen Näherinnen und Nähern gefertigt. Diese Aufgabe übernehme ich aufgrund der Sprache selbst. Somit bin ich im regelmäßigen Austausch mit den Leuten vor Ort – sowohl mit den Geschäftsführern als auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Ich bin selbst Mongolin, kenne die Leute und Bedingungen im Land sehr gut. Ich habe ein großes persönliches Interesse an einem fairen Umgang mit meinen Landsleuten und meiner Heimat.
 

Stell uns das Jurtenleder Sortiment einmal mit seinen Besonderheiten vor.

Jurtenleder ist ein Mix aus traditionellem, mongolischem Handwerk und modernem, europäischem Stil. Wie bereits erwähnt, setzen wir auf pflanzlich gegerbtes Leder vom Weidetier. Wir verwenden Leder aus dem Narbenspalt mit all seinen Besonderheiten (Full-Grain) und nutzen traditionelle Färbung von Hand um jene verstärkt herauszuarbeiten.

Viele unserer handgefertigten Produkte konzentrieren sich auf die Einzigartigkeit unseres Leders, darunter unsere Notizbücher, Federmappen und Geldbörsen. Das Design dieser Einzelstücke ist schlicht mit Fokus auf unser Naturleder und eine einzigartige Patina. Die andere Hälfte unserer Produkte folgt einem modernen Stil, geprägt von funktionalem Design mit Leder in minimalistischem Schwarz, einer Kombination aus schwarzem und natürlichem Leder oder Leder in sattem Gelb. Hierzu zählen u.a. unsere Tablett-Tasche, unser Rucksack oder unsere Slim Wallets.
 

Welche Punkte deines Unternehmens würdest du gerne noch optimieren und nachhaltiger gestalten?

Wir haben uns verschiedene Ziele in Sachen Nachhaltigkeit gesetzt. Auf absehbare Zukunft werden wir unsere technische Infrastruktur nachhaltiger gestalten und auf klimaneutrale Server umstellen. Langfristig möchten wir den Nachhaltigkeitscharakter unserer Produkte weiter anheben. Wir streben nach Klimaneutralität durch direkte Kompensation im Ursprungsland, aber das ist ein längerer Weg.

 

Vielen Dank für das Interview, liebe Nomio!

Dir schwebt nun auch noch eine Frage im Kopf herum, die du gerne an Jurtenleder stellen möchtest?

Dann schreib sie in die Kommentare. Wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

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