An vielen unserer eigenen Windparks und Photovoltaikanlagen können sich Bürger finanziell beteiligen.
Grüne Wirtschaft

An vielen unserer eigenen Windparks und Photovoltaikanlagen können sich Bürger finanziell beteiligen.

Im Gespräch mit Oliver Hummel, Vorstand der naturstrom AG über die Energiewende und das Konzept einer dezentralen Energieversorgung mit Bürgerbeteiligung.

Im Gespräch mit Oliver Hummel, Vorstand der naturstrom AG über die Energiewende und das Konzept einer dezentralen Energieversorgung mit Bürgerbeteiligung.

UMWELTHAUPTSTADT.de: Immer mehr Verbraucher möchten insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Atomkraftwerkspannen auf Ökostrom umsteigen, sind jedoch verwirrt aufgrund der vielen unterschiedlichen Zertifikate und Siegel.

Welche davon tragen tatsächlich zum Umweltschutz bei und treiben die Energiewende voran?

OLIVER HUMMEL: Als strengstes Siegel gilt das Grüner Strom Label, mit dem seit 1999 auch unser naturstrom zertifiziert wird. Das Label wird u.a. von den bekannten Umweltverbänden BUND und NABU getragen. Tarife, die mit dem Grüner Strom Label zertifiziert sind, verfügen über einen im Preis enthaltenen Förderbetrag, der in den Bau neuer Öko-Kraftwerke und in innovative Energiewende-Projekte fließt. Nur ein solcher Zubau-Effekt garantiert dem Verbraucher, dass sein Ökostrombezug auch tatsächlich Wirkung zeigt. Auf der Website des Labels sieht man ganz transparent, welche Solar-, Wind-, Wasser- oder Biomasseanlagen mit den Förderbeträgen bislang ermöglicht wurden.

Als zweites wird häufig das Label ok power genannt, das in drei verschiedenen Zertifizierungsverfahren vergeben wird. Beim sogenannten „Händlermodell“, das von den meisten Labelnehmern genutzt wird, ist der Zubau-Effekt allerdings aus unserer Sicht nur sehr indirekt. Mindestens ein Drittel des gelieferten Stroms muss aus Öko-Kraftwerken kommen, die nicht älter sind als sechs Jahre. Ein weiteres Drittel des Stroms muss aus Anlagen kommen, die nicht älter als zwölf Jahre sind. Anders als beim Grüner Strom Label investiert der Stromversorger also nicht selbst in neue Anlagen.

Könnte man in diesem Gütesiegel-Dschungel Vereinfachung schaffen und sich auf einen Standard einigen?

Das will ich nicht ausschließen. Frühere Bemühungen, die Label-Landschaft zu vereinheitlichen, sind allerdings an den unterschiedlichen Ansprüchen gescheitert. Für uns ist jedenfalls wichtig, dass es ein Label mit hohem Qualitätsanspruch gibt – wie das Grüner Strom Label. Denn nur bei einem strengen Label können Verbraucher wirklich sicher sein, dass sie durch ihren Ökostrombezug einen Beitrag zur Energiewende und für den Klimaschutz leisten.

Die Gefahr bei der Suche nach einheitlichen Standards ist die Versuchung, ein Label für möglichst viele Labelnehmer zu kreieren. Viele Labelnehmer – also Energieversorger, die einen ihrer Tarife zertifizieren lassen – sind zwar natürlich schön, weil sie einen wichtigen Faktor für die Verbreitung und Bekanntheit des Labels darstellen. Es besteht jedoch das große Risiko, dass eine weite Verbreitung des Labels nur mit laxen Qualitätskriterien erkauft werden kann. Die Abwägung, die in diesem Punkt stattfinden müsste, wäre jedenfalls nicht ganz einfach.

Wie beurteilen Sie das ambitionierte Ziel der Bundesregierung, die Stromversorgung bis 2050 zu 80 % auf erneuerbare Energien umzustellen?

Das ist ein absolut notwendiges Ziel, wenn Deutschland seine Verpflichtungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen noch irgendwie erfüllen will. Dafür müsste allerdings auch der unsägliche Boom der Kohle-Kraftwerke beendet werden – was ein Leichtes wäre, wenn CO2-Emissionen bei der Stromerzeugung endlich einen angemessenen Preis bekämen. Dann würde der Strom aus dreckiger Braunkohle teurer und die vergleichsweise klimafreundlichen Gaskraftwerke würden wieder mehr zum Zug kommen.

Ein Anteil von 80 Prozent Erneuerbaren an der Stromversorgung bis 2050 ist darüber hinaus absolut realistisch – wenn man die Bürger und Unternehmen machen lässt. Die Bundesregierung formuliert solche Ziele allerdings, ohne sich viel um die Umsetzung zu scheren. Die jüngste Überarbeitung des Erneuerbare-Energien-Gesetztes sieht beispielsweise Deckelungen für den Ausbau von Windenergie-, Photovoltaik- und Biomasseanlagen vor. Dadurch wird das Tempo der Energiewende deutlich gedrosselt – ohne dass deswegen die EEG-Umlage für die Verbraucher sinken würde. Falls die EEG-Umlage zum Jahreswechsel auf 2015 sinken sollte – was derzeit durchaus denkbar ist – wird das kein Erfolg der EEG-Reform sein, sondern auf andere Faktoren zurückgehen.

Sehen Sie in absehbarer Zeit weitere saubere Energiequellen, die aktuell zwar wenig beachtet werden, künftig jedoch eine große Rolle spielen könnten?

Das ist der berühmte Blick in die Glaskugel, bei dem sich selbst Forschungsinstitute und Think Tanks immer wieder mal verschätzen. Aus meiner Sicht drängt sich zumindest für die Nutzung in Deutschland derzeit keine neue Technologie wirklich auf.

Wie beurteilen Sie Biomasse als Energiequelle unter Berücksichtigung des „Teller/Tank“-Konflikts?

Die Biomasse ist eine wichtige Säule für die Energiewende. Gleichzeitig kommt es beim weiteren Ausbau stark aufs richtige Augenmaß an.

In Biomasseanlagen lässt sich Strom, Gas und Nahwärme erzeugen – flexibel und unabhängig vom Wetter. Hinzu kommt, dass Biogas speicherbar ist. Damit ergänzen Biomasseanlagen die schwankende Stromerzeugung aus Windenergie- und Photovoltaikanlagen bestens.

Klar ist aber auch: Landschaftspflege und Artenvielfalt dürfen beim weiteren Ausbau nicht zu kurz kommen. Um den Tank-Teller-Konflikt zu vermeiden, setzen wir daher auf Biomasseanlagen, die mit Reststoffen „gefüttert“ werden. Unsere Gaskunden beliefern wir aus einer Klärgasanlage in Hamburg und einer Reststoffe-Anlage in Brandenburg.

Die beiden Biomasseanlagen, die wir selbst betreiben, verstromen das dort erzeugte Gas. Eine der Anlagen betreiben wir gemeinsam mit vier zertifizierten Bio-Landwirten. Dort kommen Kleegras, Mist und Gülle zum Einsatz, also Reststoffe aus der Bewirtschaftung der Höfe. Kleegras wird in der Biolandwirtschaft als Zwischenfrucht angebaut, damit sich die Böden regenerieren. In der anderen Anlage experimentieren wir mit dem Anbau von Wildpflanzenmischungen, die dazu beitragen, die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft zu erhalten.

Sie setzten auf das Konzept einer dezentralen Energieversorgung mit erneuerbaren Energiequellen unter Bürgerbeteiligung. Wie sieht diese konkret aus?

An vielen unseren eigenen Windparks und Photovoltaikanlagen können sich Bürger finanziell beteiligen. Wir bieten diese Beteiligungen an, wenn die Kraftwerke fertig gebaut sind und Strom einspeisen – die Risiken in der Genehmigungs- und Bauphase sind also allein unsere Sache. Bevorzugt bieten wir solche Beteiligungen den Menschen an, die im direkten Umfeld unserer Wind- und Solaranlagen wohnen.

Darüber hinaus unterstützen wir Bürgerenergie-Projekte auf verschiedenen Wegen – durch Beratung, Zwischenfinanzierungen, Bürgschaften oder indem wir einen Anteil zum Eigenkapital beisteuern. Außerdem haben wir bereits zwei mehrtägige Veranstaltungen mit Workshops und Vorträgen speziell für Vertreter von Bürger-Energiegesellschaften organisiert, die auf großen Anklang gestoßen sind.

Aktuell hat die Naturstrom AG ein innovatives Projekt gestartet, bei dem selbst Mieter Solarstrom vom eigenen Dach beziehen können. Wie funktioniert das und wer kann jetzt schon davon profitieren?

Ganz grundsätzlich können von solchen Modellen künftig alle Mieter profitieren, auf deren Hausdächern Photovoltaikanlagen installiert sind oder sich installieren lassen. In der Praxis gibt es aber natürlich Herausforderungen, die technischer und vor allem auch wirtschaftlicher Natur sind. Die größten Chancen bestehen, wenn bei der Planung eines Bauvorhabens eine nachhaltige Strom- und Wärmeversorgung von Anfang an mit einbezogen wird. So wie bei unserem aktuellen Projekt in Regensburg, wo mit dem Sonnenstrom vom Dach nicht nur 35 Mietswohnungen versorgt werden, sondern auch eine Wärmepumpe angetrieben wird. Strom und Wärme für den gesamten Gebäudekomplex stammen komplett aus Erneuerbaren Energien: Wenn die Stromerzeugung der Solaranlage nicht ausreicht, liefern wir unseren naturstrom aus dem Netz. Und die Ökostrom-betriebene Wärmepumpe wird durch eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach ergänzt.

Inwieweit ist die Naturstrom AG selbst ein nachhaltiges Unternehmen? Können Sie ein paar Beispiele geben, wie Sie arbeiten und worauf Sie besonderen Wert legen?

Für uns ist sehr wichtig, dass die Nachhaltigkeit nicht bei unseren Ökostrom- und Biogasangeboten aufhört. Um ein paar Beispiele zu nennen: Unsere Drucksachen – Broschüren, Vertragsformulare, unser Kundenmagazin – stellen wir auf Recyclingpapier her, bedruckt mit Farben auf Pflanzenölbasis. Wir arbeiten mit Druckereien zusammen, die ihre Emissionen ausgleichen, und nutzen für unsere Kundenpost wann immer möglich einen CO2-neutralen Versand. In unseren Mitarbeiterküchen gibt es Obst und Gemüse aus der Bio-Kiste, Kaffee und Tees sind fair gehandelt und bio.

Diese und viele weitere Details gehören zur Unternehmenskultur. Tollen Ökostrom anbieten und sich um alle anderen Nachhaltigkeitsaspekte des Arbeitens nicht scheren – das würde bei uns nicht gehen. Dass wir kürzlich für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert wurden, ist natürlich eine sehr schöne Anerkennung unserer Arbeit und unseres Engagements.

Neben Ökostrom und Biogas ist die Elektromobilität ein weiteres Geschäftsfeld von Ihnen. Ist die Zeit bereits reif für einen „massentauglichen“ Elektromobilitätsmarkt? An welchen Herausforderungen arbeiten Sie derzeit?

Die Elektromobilität wird ihren Durchbruch schaffen, auch wenn es bestimmt noch ein paar Jahre dauern wird. Derzeit werden in diesem Bereich viele neue Projekte angestoßen. Triebfeder dafür sind erstens die neu entwickelten Fahrzeuge der etablierten Automobilhersteller, die qualitativ neue Standards setzen. Und zweitens die zahlreichen innovativen Start-Ups, die Lösungen beispielsweise rund um eine intelligente und verbraucherfreundliche Ladeinfrastruktur entwickeln.

Wir sehen uns in diesem Umfeld als Experte für eine emissionsfreie und nachhaltige Stromversorgung – denn nur so leistet Elektromobilität überhaupt einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz. In den letzten zwei Jahren sind wir daher mehrere Partnerschaften mit Unternehmen eingegangen, um diesen Grundgedanken in den sich entwickelnden Markt zu tragen. Weitere Kooperationen werden sicher folgen.

Verraten Sie uns, welche nächsten Meilensteine bei der Naturstrom AG umgesetzt werden und in welche Richtung sich das Unternehmen weiterentwickelt?

Wir haben in den letzten Jahren den Geschäftsbereich „Energieerzeugung“ – also die Projektierung und den Betrieb von Öko-Kraftwerken – personell stark ausgebaut. Das schlägt sich nun auch in realisierten Projekten nieder: In diesem Jahr haben wir bereits zwei Solarparks ans Netz gebracht, zwei Windprojekte sind im Bau. Auch im kommenden Jahr werden wir, wenn alles glatt läuft, mehrere und teils recht große Projekte umsetzen. Dieser Geschäftsbereich wird also künftig gegenüber der Endkundenversorgung mit Ökostrom und Biogas deutlicher wahrnehmbar werden.

Darüber hinaus haben wir im letzten Jahr einen Geschäftsbereich gegründet, der dezentrale Energiekonzepte entwickelt. Darunter fallen beispielsweise Strom- und Wärmeversorgungslösungen für Wohnungsbaugesellschaften und Gewerbe, aber auch Nahwärmenetze auf Basis Erneuerbarer Energien. Erste Projekte haben wir bereits umgesetzt, beispielsweise gemeinsam mit einer Braunschweiger Druckerei, der wir Solarstrom vom eigenen Dach in Kombination mit unserem naturstrom aus dem Netz liefern. In Regensburg und bei Heidelberg sind wir außerdem an Projekten beteiligt, in deren Rahmen Mieter Sonnenstrom vom Dach ihres Mehrparteienhauses beziehen. Solche Konzepte, bei denen Ökostrom direkt vor Ort genutzt wird, sind aus unserer Sicht eine große Chance für die Energiewende.



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