Im Interview: Matthias Lehnert, Geschäftsführer von Oikocredit
Grüne Wirtschaft

Im Interview: Matthias Lehnert, Geschäftsführer von Oikocredit

Oikocredit macht nachhaltiges Investieren in Entwicklungs- und Schwellenländer möglich. Mit einer Investition in die Projekte von Oikocredit werden Werte wie Solidarität und Teilen gefördert.

Oikocredit macht nachhaltiges Investieren in Entwicklungs- und Schwellenländer möglich. Mit einer Investition in die Projekte von Oikocredit werden Werte wie Solidarität und Teilen gefördert.

UMWELTHAUPTADT.DE: Herr Lehnert, was war Mitte der 70er Jahre der Gründungsimpuls für Oikocredit?

Matthias Lehnert: Der Gründungsimpuls für Oikocredit erfolgte schon in den 1960er Jahren. Damals waren die großen Themen der Vietnamkrieg und das Apartheitsregime in Südafrika. Zu dieser Zeit wurde das Engagement von deutschen und europäischen Banken innerhalb dieser Konflikte in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Diese Banken haben in Fabriken investiert, die Waffen oder chemische Produkte wie Agent Orange hergestellt haben. Oder diese Banken investierten in Unternehmen, die mit dem Regime in Südafrika Geschäfte gemacht haben. Diese Entwicklungen wurden auch von den Kirchen stark moniert und die Kirchen selbst suchten nach Anlagemöglichkeiten, die ihren Werten mehr entsprechen sollten. Aus dieser Bewegung heraus ist 1975 Oikocredit gegründet worden. Oikocredit wollte einen Anstoß für Veränderungen weltweit leisten und mit diesen Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern Werte wie Teilen und Solidarität fördern.

Was hat sich seit der Gründung verändert? Welche Werte zählen heute?
Oikocredit hat sich recht bald allen interessierten Menschen geöffnet, die ihr Geld nach ethischen Prinzipien anlegen wollten. Wir fragen unsere Mitglieder nicht nach ihren Glaubensüberzeugungen. Weiterhin pflegen die acht Förderkreise in Deutschland einen intensiven Dialog mit unseren über 20000 Anlegerinnen und Anlegern.  Bei den meisten überwiegt natürlich der Wunsch, Menschen die ökonomisch benachteiligt sind, zu helfen und gleichzeitig nachhaltig zu investieren. Wir treten zwar nicht als grüner Anbieter auf, aber alleine die Größendimension unserer Finanzierungen macht eine Investition in Kohle- oder Atomkraftwerke uninteressant und wird durch unsere Anlagekriterien ausgeschlossen.

Welche Anlageformen und Investitionen bietet Oikocredit an?

Die Anlagemöglichkeiten sind bedingt durch die beiden Ausrichtungen von Oikocredit. Zum einem arbeiten wir in knapp 70 Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen wir Darlehen an Mikrofinanzinstitute, Genossenschaften und mittelständische Unternehmen vergeben. Das sind Finanzierungen mit einem Volumen von 50 000 Euro bis zu 10 Millionen. Wir beteiligen uns auch am Eigenkapital von Unternehmen, die eine besondere Entwicklungswirkung in den Regionen haben. In den Ländern, in denen unsere Anleger leben, bieten wir auf der anderen Seite Beteiligungen an der Genossenschaft an. So können interessierte Anlegerinnen und Anleger über einen Förderkreis Genossenschaftsanteile erwerben und sich damit finanziell an Oikocredit beteiligen.

Was kann eine Geldanlage oder Investition bei Oikocredit ganz genau bewirken?

Mit dem Geld unserer Anlegerinnen und Anleger können wir in anderen Ländern Darlehen vergeben. So unterstützt Oikocredit Unternehmen, die es schwer haben am Kapitalmarkt Geld zu bekommen. Eine Kaffeebauerngenossenschaft in Guatemala kann sich beispielsweise kaum bei einer kommerziellen Bank Geld leihen, um die Ernte vorzufinanzieren oder neues Gerät anzuschaffen. D.h. solche Unternehmen sind durch diese Umstände ökonomisch benachteiligt. Mit einer Investition in Oikocredit kann diesen Unternehmen finanziell geholfen werden und die Kleinbauern haben eine gewisse Planungssicherheit und so die Möglichkeit ihre Familien zu ernähren und ihre Kinder zur Schule zu schicken.

Mit dem Zugang zu Finanzdienstleistungen versucht Oikocredit also direkt in Entwicklungs- und Schwellenländern zu helfen. Gibt es denn ein besonders erfolgreiches Projekt?

Es gibt eine ganze Reihe von erfolgreichen Projekten. Insgesamt haben wir derzeit etwa 850 Partner weltweit, die alle unseren Kriterien entsprechen. Im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise an ein ägyptisches Unternehmen einen Kredit vergeben. Das Sozialunternehmen SEKEM hat schon in den 1970er Jahren angefangen Wüstenland zu rekultivieren. Brachliegendes Land wurde mit Methoden des ökologischen Landbaus wieder urbar gemacht. Die landwirtschaftlichen Produkte werden unter Berücksichtigung von ökologischen Prinzipien produziert, verarbeitet und vermarktet. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen 2000 Personen und hat damit für die Entwicklung in dieser Region eine enorme Bedeutung. Daher konnte eine Schule, ein Kindergarten und ein Krankenhaus gebaut werden. Ich bin von diesem Projekt sehr begeistert. Gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen in Ägypten kann durch solche Projekte auch eine andere ökonomische Perspektive aufgezeigt werden.

Nach welchen Kriterien wählen Sie diese Projekte aus?

Oikocredit hat ganz bewusst einen sehr dezentralen Ansatz. Wir machen nicht alles von Frankfurt, von Zürich oder Amersfoort, unserem Hauptsitz, aus. Sondern wir arbeiten mit einem Netzwerk von über 30 regionalen Geschäftsstellen in den verschiedenen Ländern. Unsere Mitarbeiter kommen selbst aus diesen Ländern und stellen den Kontakt zu möglichen Partnern her. Nur so besteht die Möglichkeit, sich von den Partnern vor Ort ein Bild zu machen. Für Oikocredit ist wichtig zu wissen: Was ist das für eine Organisation? Wer leitet diese Organisation? Welche Gehälter werden gezahlt? Wie ist das Geschäft aufgebaut? Profitieren das Umfeld und wirtschaftlich benachteiligte Menschen vom unternehmerischen Handeln? Wie sieht es mit den ökologischen Effekten aus? Aufgrund einer doppelten Bewertungsrichtlinie wird dann entschieden. Das sind zum einen die ökonomischen Eckdaten, die wir für die Kreditvergabe genau prüfen müssen. Es ist wichtig, dass das Unternehmen den Kredit wirklich braucht, produktiv einsetzen und zurückzahlen kann. Und daneben prüfen wir mit einem eigenen Kriterienkatalog die ökologischen und sozialen Aspekte und bewerten die Unternehmensführung. Dazu muss beispielsweise geklärt werden, was ein höherer Manager relativ zum Angestellten mit dem geringsten Gehalt verdient.

Kann der Kunde nachverfolgen, wo sein Geld genau investiert wird? Besteht die Möglichkeit sich die Projekte vor Ort anzuschauen?

Unsere Anlegerinnen und Anleger wie auch die Öffentlichkeit werden zunächst über die Partnerdatenbank auf unserer Webseite informiert. Dort kann man sich die verschiedenen Partner anschauen, einsehen wo diese genau sind, wie diese aufgestellt sind, welche sozialen Leistungen und Dienste sie über ihre Geschäftstätigkeit hinaus anbieten. Zudem erhalten die Anleger mehrmals im Jahr per Post oder E-Mail Informationen zu den Projekten und der Arbeit von Oikocredit.
Der Besuch von Projekten gestaltet sich etwas schwierig. Oftmals haben wir ja kleinere Projekte, die in sehr entlegenen Regionen tätig sind. Diese Projekte und Partner sind in der Regel nicht darauf eingestellt, dass sie Besuch bekommen. Aber es gibt auch Partner wie das Projekt SEKEM in Ägypten, die bewusst ein Modell im Bereich nachhaltigem Tourismus haben. Dort gibt es vor Ort ein kleines Hotel, das natürlich gerne besucht werden kann.



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