Im ExpertenInterview Marc Sommer, Vorsitzender Geschäftsführer bei hessnatur
Grüne Wirtschaft

Im Experten-Interview Marc Sommer, Vorsitzender Geschäftsführer bei hessnatur

hessnatur hat einen Bericht zur Nachhaltigkeit 2013 herausgebracht, hierzu befragten wir Herrn Sommer.

hessnatur hat einen Bericht zur Nachhaltigkeit 2013 herausgebracht, hierzu befragten wir Herrn Sommer.

UMWELTHAUPTSTADT.de: Herr Sommer, hessnatur hat den Bericht zur Nachhaltigkeit 2013 (hier zum Download) herausgebracht. Wie würden Sie den Bericht kurz zusammenfassen?

MARC SOMMER: Der erste hessnatur-Bericht zur Nachhaltigkeit dokumentiert auf rund 100 Seiten unser Konzept des nachhaltigen Wirtschaftens über alle Stufen der textilen Wertschöpfungskette hinweg und - basierend auf unserem ganzheitlichen Ansatz - bezieht er die drei Säulen der Nachhaltigkeit – Soziales, Ökologie und Ökonomie – mit ein. Das beginnt bei der Fasergewinnung bis hin zum Versand der Kollektion, unserer besonderen Kommunikation mit den hessnatur-Kunden als auch unser gesellschaftliches Engagement. Wer den Bericht gelesen hat, bekommt einen umfassenden und transparenten Einblick in die Arbeit von hessnatur. 

Der Bericht baut auf dem Sozialstandards-Report der Fair Wear Foundation auf und handelt das Großthema Nachhaltigkeit mit seinen drei Säulen (Ökonomie, Ökologie und Soziales) ab. Welcher Aufwand war nötig, um eine solche Ausarbeitung zu realisieren?

Der hessnatur-Bericht zur Nachhaltigkeit ist ein umfangreiches Projekt gewesen, das wir im Herbst 2012 gestartet haben, um den Bericht im Juni 2013 veröffentlichen zu können. Auch wenn der Bereich Corporate Responsibility federführend gewesen ist und das Projekt geleitet hat, waren doch alle Bereiche von hessnatur involviert, um Informationen und Daten für den Bericht zu liefern, die allesamt analysiert, bewertet und aufbereitet werden mussten. Der Bericht ist Ausgangspunkt für die weitere erfolgreiche Entwicklung von hessnatur – wir wissen, welche Themen wir anpacken müssen, welche Projekte uns strategisch in den kommenden Jahren bis zum nächsten Bericht im Jahr 2015 beschäftigen werden. Der nachfolgende Bericht wird dann selbstverständlich unsere Handlungen und Fortschritte dokumentieren. Unsere Stakeholder sollen uns an unseren Taten messen können.

Ein wichtiges und brandaktuelles Thema des Berichts sind auch die Lieferanten, die so genannte Supply Chain. Welche Standards haben Sie bei der Auswahl von Lieferanten und wie eng und vertrauensvoll gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ihnen?

Bevor ein Betrieb für uns produziert, werden vorab persönliche Gespräche mit dem Management geführt, die Produktionsstätte wird besichtigt und im Hinblick darauf kontrolliert, dass unsere strengen ökologischen und sozialen Standards eingehalten werden. Der Lieferant erhält den ausführlichen Lieferantenleitfaden, der die hessnatur- Standards klar regelt, die über die international etablierten GOTS-Standards hinausgehen und zu deren Einhaltung er sich ohne Wenn und Aber verpflichtet. Die Arbeitsbedingungen werden gemäß unserer Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation überwacht.

Mit Blick auf die wichtigen Sozialstandards verlässt sich hessnatur nicht nur auf Betriebsbesuche- wir sehen Audits und die daraus resultierenden Corrective Action Plans als Ausgangslage, um mit unseren Partnern kontinuierlich an diesen Themen zu arbeiten, Bewusstsein für faire Arbeitsbedingungen zu schaffen und dabei auch Management und Arbeiter gleichermaßen mitzunehmen, zum Beispiel mit Workshops, Trainings und neutralen Beschwerdestellen.

Die hessnatur-Lieferanten sind Spezialisten auf ihrem Gebiet, ob Spinnerei, Färberei oder Konfektion. Mit vielen haben wir in den vergangenen Jahren neue Verarbeitungstechniken entwickelt und Know how für eine nachhaltige Textilproduktion aufgebaut. Das schweißt partnerschaftlich zusammen und führt dazu, dass die meisten unserer Lieferanten schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten mit uns zusammen arbeiten.

Der Bericht orientiert sich an dem international anerkannten Leitfaden G 3.1 der Global Reporting Initiative (GRI). Wie schwer ist es, diesen Kriterien gerecht zu werden und welche Kriterien betrachten Sie als besonders wertvoll?

Anspruchsvoll sind Umfang und Detailierungsgrad der GRI-Kriterien, was wiederum den Anspruch stützt, in der Nachhaltigkeitskommunikation sehr transparent und umfangreich zu sein. Denn die GRI-Kriterien sind international anerkannt und werden von Institutionen und Unternehmen genutzt, um – auf freiwilliger Basis – ihre Nachhaltigkeitsleistungen offenzulegen und anhand der GRI-Richtlinien vergleichbar zu machen.

Dieser Offenheit haben wir uns in der Projektarbeit gestellt, in dem wir in Zusammenarbeit mit allen Fachbereichen jede Themenkategorie mit sämtlichen Unterpunkten bearbeitet haben. Dazu gekommen sind noch Branchen-spezifische Kriterien der Global Reporting Initiative, die sich Themen wie der Verantwortung in der textilen Lieferkette widmen. Der Sozialstandards-Bericht, den wir einmal im Jahr veröffentlichen, war für die Bearbeitung dieser Fragen eine „gute Schule“.

Die Frage nach besonders wertvollen Kriterien ist meiner Meinung nach eher die nach dem wertvollen Prozess, dem man sich als Unternehmen mit einem solchen Bericht stellt. Die Dokumentation all unserer Leistungen in den verschiedenen Feldern der Nachhaltigkeit und das systematische Vorgehen haben zu einer wichtigen Standortbestimmung geführt und uns Perspektiven für die gesunde und erfolgreiche Weiterentwicklung von hessnatur aufgezeigt.

hessnatur genießt zweifellos ein nachhaltiges Ansehen, nicht nur in der Modebranche selbst. Wie schaffen Sie es, die DNA Ihres Gründers Heinz Hess an neue Mitarbeiter weiter zu geben?

Bevor ein neuer Mitarbeiter in seinem Bereich anfängt, startet er in unserer Kundenbetreuung und in einem unserer Läden, um die besondere Beziehung zwischen den Kunden und hessnatur kennenzulernen. Wichtiger Bestandteil des Einarbeitungsprogramms ist darüber hinaus die so genannte Grundlagenschulung. Damit vermitteln wir die textile Wertschöpfungskette mit all ihren Besonderheiten bei hessnatur, wie zum Beispiel unser breites Spektrum an Naturfasern und die strengen ökologischen und sozialen Richtlinien für die Produktion unserer Kollektionen. Und wir blicken gemeinsam auf die Markengeschichte: Was hat Heinz Hess 1976 bewegt, hessnatur zu gründen? Welche Verpflichtung ergibt sich aus der Marken- DNA heute für unser Handeln? Nach rund zwei Wochen Einarbeitung in die Marke und ihre Besonderheiten geht es dann zur Einarbeitung an den Arbeitsplatz.

Der hessnatur-Bericht bezieht sich auf die Jahre 2011/2012. Was schätzen Sie sind die größten Nachhaltigkeitsherausforderungen Ihres Unternehmens in den nächsten Jahren?

Die große Herausforderung der letzten Jahre, mit nachhaltigen Materialien einen vergleichbaren Attraktivitätsgrad wie im herkömmlichen Modebereich zu erzielen, ist weitestgehend Vergangenheit. Heute bieten die ökologischen Stoffe und Farben einem Designer fast alle Möglichkeiten, sodass es eigentlich keine Einschränkung mehr auf kreativer Seite gibt. Funktionsbekleidung für extremere Situationen hingegen, die komplett wasserdicht sein muss, ist heute mit ökofairer Mode noch nicht umsetzbar. Unsere aktuelle Forschungs- und Entwicklungsarbeit befasst sich jedoch bereits damit, ebenso wie mit den Themen Recycling und Product Footprint, der dem Verbraucher in naher Zukunft zu jedem hessnatur-Produkt Auskunft darüber geben soll, wie intensiv Energie, C02, Humantoxikologie oder auch Sozialstandards bei der Herstellung aufgewendet wurden. Diese Analyse bietet uns wiederum eine Chance zur Kosteneinsparung durch Ressourceneffizienz, wodurch ökologische und ökonomische Unternehmensziele in Einklang gebracht werden. Ein weitere Herausforderung stellt das zunehmende Interesse des Verbrauchers am Herstellungsprozess dar, der genau wissen möchte, wo, wie und von wem seine Textilien hergestellt wurden. Um diesem wachsenden Anspruch nach Transparenz gerecht zu werden, werden wir neben der Deklaration aller Produktionsdaten für jedes Textil in Zukunft auch all unsere Lieferanten offen legen.

Wie wird sich hessnatur mittelfristig weiter entwickeln, welche Märkte und Zielgruppen werden eine Rolle spielen?

Nach wie vor sind Frauen und Familien unsere Hauptzielgruppen. hessnatur will in den kommenden Jahren darüber hinaus noch mehr Menschen für nachhaltige Mode begeistern. Das wandelnde Verhalten hin zu einem sanfteren und nachhaltigen Konsum, zu mehr Transparenz und Einbindung der Verbraucher kommt hessnatur zu Gute, weil es unserer Philosophie entspricht. Was unser Geschäftsmodell angeht, so wollen wir den Weg vom Katalog hin zum Web konsequent weitergehen. Immer mehr Menschen bestellen online und nutzen Internet und soziale Netzwerke, um sich über Produkte und Unternehmen zu informieren, bevor sie kaufen. Diese Entwicklung ist eine der großen Herausforderungen für uns in den kommenden Jahren.



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