Börsengang oder Bankkredite kommen für uns nicht in Frage!
Grüne Wirtschaft

Börsengang oder Bankkredite kommen für uns nicht in Frage!

Ulrich Effing ist Leiter Unternehmenskommunikation bei DEICHMANN, dem größten Schuhhändler in Europa. Im Interview erklärt er die Werte des Unternehmens und weshalb Wachstum aus eigener Kraft entstehen soll und nicht durch einen Börsengang.

Ulrich Effing ist Leiter Unternehmenskommunikation bei DEICHMANN, dem größten Schuhhändler in Europa. Im Interview erklärt er die Werte des Unternehmens und weshalb Wachstum aus eigener Kraft entstehen soll und nicht durch einen Börsengang.

29. Oktober 2013

UMWELTHAUPTSTADT.de: Herr Effing, Sie sind Leiter Unternehmenskommunikation bei DEICHMANN, dem größten Schuhhändler in Europa mit Sitz in Essen. Was würden Sie sagen, für welche Eigenschaften steht die Marke DEICHMANN bei Ihren Kunden?

ULRICH EFFING: Da muss ich nicht spekulieren, wir kennen ja die Ergebnisse der Marktforschung. Unsere Kunden kennen uns als Anbieter, der modische Schuhe in guter Qualität zu einem günstigen Preis anbietet. Was sie besonders schätzen, ist das ungestörte Stöbern in unserem Angebot kombiniert mit einer Beratung bei Bedarf.

DEICHMANN ist ein Familien geführtes Unternehmen, das in mittlerweile 23 Ländern mit über 3.300 Filialen vertreten ist und rund 32.500 Menschen beschäftigt. Wachstum sagen Sie, soll aus eigener Kraft entstehen, ein Börsengang oder Bankkredite sind für die Inhaber kein Thema, warum diese Haltung?

Nur so bleibt die Unabhängigkeit des Unternehmens erhalten. Sobald andere Shareholder mit im Boot sind, bestimmt man die Unternehmensziele nicht mehr unabhängig. Dann werden unter Umständen auch Renditeziele von außen vorgegeben. Der Inhaberfamilie ist wichtig, ihr Leitbild umzusetzen. Das trägt die Überschrift „Das Unternehmen muss den Menschen dienen“. Dazu gehören u.a. eine übertarifliche Bezahlung der Beschäftigten, eine ganze Reihe von Sonderleistungen für die Mitarbeiter und das Engagement für soziale Projekte, Natürlich muss das Unternehmen auch Geld verdienen, damit all diese Aufgaben erfüllt werden können.

Heinz-Horst Deichmann, der Sohn des Firmengründers Heinrich Deichmann, fühlte sich in den schweren Jahren nach dem 2. Weltkrieg zuständig für die Grundversorgung der Bevölkerung mit guten und preiswerten Schuhen. Die Not damals ist sicherlich nicht mit der wirtschaftlichen Lage der deutschen Verbraucher heutzutage zu vergleichen. Ist die Vision Ihrer Führungsriege dennoch die gleiche geblieben?

Das Unternehmensziel ist tatsächlich unverändert. Wir wollen breiten Bevölkerungsschichten ein gutes Angebot machen. Die Menschen sollen sich unsere Schuhe leisten können. Wir haben zur Demokratisierung der Schuhmode beigetragen.

Ihre Expansion in Europa ist in vollem Gange. Was sind die Grundpfeiler, auf denen dieses Wachstum aufgebaut ist? Ein Franchise-Konzept, welches schnelles Wachstum prinzipiell ermöglichen könnte, gibt es bei DEICHMANN ja nicht.

Qualität geht vor Quantität. Es geht uns nicht um schnelles Wachstum, sondern um eine nachhaltige Entwicklung. Deswegen gehen wir auch schrittweise in neue Länder hinein und eröffnen kontinuierlich unsere eigenen Läden. So können wir unser Expansionstempo der wirtschaftlichen Entwicklung und den Gegebenheiten im jeweiligen land anpassen. Damit behalten wir den Überblick und können unsere Vorstellung von Unternehmensführung verwirklichen, ohne dass uns jemand unter Druck setzt.

Erst vor Kurzem wies peta auf die entsetzlichen Bedingungen in indischen Schlachtbetrieben hin, welche für die Produktion von Leder dienen. Viele Ihrer Schuhe sind ebenfalls aus Leder. Wie können Sie Ihren Kunden garantieren, dass das Leder Ihrer Schuhe nicht von gequälten Kühen, Büffeln oder Schafen stammt?

Wir stellen die Schuhe als Händler nicht selber her, sondern kaufen sie bei Lieferanten in etwa 40 Ländern weltweit ein. Den Großteil der Lederschuhe beziehen wir weiterhin aus Europa sowie aus Vietnam und Indien. Bangladesch, das ja jüngst in die Kritik geraten ist, spielt für uns eine absolut untergeordnete Rolle. Der Anteil der Schuhe, die wir von dort beziehen, liegt im Promillebereich. Wir arbeiten in Bangladesch mit einem einzigen Partner zusammen, der das Leder auch selbst in einem kontrollierten Prozess herstellt.

Hinzu kommt: Deichmann ist Mitglied der Leather Working Group (LWG), in der sich verschiedene Markenunternehmen, Einzelhändler, Produkthersteller, Lederproduzenten und andere an der Lederproduktion Beteiligte zusammengeschlossen haben. Gemeinsam haben wir Richtlinien erarbeitet, die einheitliche Umweltstandards und -audits gewährleisten. Ein großer Teil der Gerbereien arbeitet bereits nach diesen Standards. Ziel der LWG ist es, dass alle Gerbereien, die für Lieferanten der Mitglieder arbeiten, nach dem Protokoll der LWG auditiert werden.

Weitere Informationen gibt es unter: http://www.leatherworkinggroup.com/lwg-members.htm

Was entgegnen Sie dem Standpunkt: Gute Qualität kostet Geld?

Das ist grundsätzlich richtig. Die Frage ist nur: Wie kommt der Preis zustande? Das hängt ja auch wesentlich von den Mengen ab, die man einkauft und dem Overhead, den man mit bezahlen muss. Mit anderen Worten: Wenn man eine Kollektion selbst entwickelt und in großen Stückzahlen von guten Partnern fertigen lässt, wenn man den Zwischenhandel ausschaltet, die Logistik optimal über Schiff und Bahn organisiert und die Verwaltung schlank hält, dann kann man am Ende gute Qualität zu einem guten Preis anbieten.

Thema Personalpolitik: Was müssen Bewerber mitbringen, wenn Sie bei Ihnen ins Management streben, welche Hard- und welche Soft-Skills sind Ihnen wichtig?

Handel ist Wandel. Der Handel hält täglich neue Herausforderungen bereit, d.h. den Nachwuchsführungskräften wird viel Flexibilität und Proaktivität abverlangt. So müssen die Nachwuchsführungskräfte rechtzeitig und selbständig auf aktuell wichtige Themen und Gegebenheiten reagieren können. Wichtige Instrumente sind:

Hohe Auffassungsgabe und Flexibilität

Offen für neue Themen

Strukturierte und zielorientierte Arbeitsweise

„Hands-on“-Mentalität

Teamfähigkeit, das heißt auch sich in die Lage der Mitarbeiter hineinversetzen zu können.

Eigeninitiative und Selbstverantwortung

Warum ist Ihr Unternehmen ein guter Arbeitgeber für Frauen? Diese Frage findet in Kooperation mit der Women & Work statt, dem größten Frauenkongress Deutschlands.

Schuhe sind das Frauenthema schlecht hin. Zum Glück haben wir einen sehr hohen Frauenanteil unter unseren Mitarbeitern. Das gilt sowohl für die Führungskräfte als auch für die Teams. Viele Verkäuferinnen arbeiten im Teilzeitbereich, um z.B. Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. 2010 haben wir die sogenannten 400-Euro-Jobs ageschafft, weil wir wollen, dass auch unsere Teilzeitkräfte etwas für ihre Altersvorsorge tun. Dazu gibt es auch eine zusätzliche Unterstützung vom Unternehmen. Wie wichtig das ist, zeigt ja auch die aktuelle Diskussion über die Rentenentwicklung.

Nachhaltigkeit in einem Unternehmen heißt immer auch, es für die mittel- bis langfristige Zukunft zu sichern, also nicht nur in Quartalen zu denken. Welche Weichen haben Sie gestellt, damit es DEICHMANN auch noch in 20 Jahren gibt?

DEICHMANN versteht sich auch im 100. Jahr des Bestehens als Familienunternehmen. Damit das auch in Zukunft so bleibt, verzichten wir auf einen Gang an die Börse und auf Wachstum, das über Kredite finanziert wird. Wir wachsen auch nicht durch Franchise-Systeme. Es sind immer unsere eigenen Läden und unsere eigenen Mitarbeiter. Damit stellen wir sicher, dass das Unternehmensleitbild überall gilt: „Das Unternehmen muss den Menschen dienen. Das ist ein hoher Anspruch. Den zu erfüllen ist jeden Tag eine Herausforderung. Mit Heinrich Deichmann (50) ist jetzt die dritte Generation auf dem Chefsessel. Und wir haben die begründete Hoffnung, dass diese Geschichte weiter geschrieben wird.



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