Grüne Wirtschaft

Hotel Hirschen Horn: 200 Jahre Gastfreundschaft zwischen Bodensee und Zukunft

INTERVIEW | Seit sieben Generationen ist der Hirschen Horn am Bodensee in Familienhand. Martin Amann spricht über regionale Küche, eigene Photovoltaikanlagen, weniger Verpackungsmüll und die Frage, wie sich Tradition und verantwortungsvolles Wirtschaften verbinden lassen.

INTERVIEW | Seit sieben Generationen ist der Hirschen Horn am Bodensee in Familienhand. Martin Amann spricht über regionale Küche, eigene Photovoltaikanlagen, weniger Verpackungsmüll und die Frage, wie sich Tradition und verantwortungsvolles Wirtschaften verbinden lassen.

23.09.2026, ein Beitrag von Romek Vogel - Hauptbild: © Daniel Schlageter Fotografie - Bild v.l.n.r. Gastgeberfamilie Amann: Martin und Maria mit Karl Friedrich und Matilda, Verena und Karl, Sebastian und Nina mit Emil

Inmitten der besonderen Landschaft der Bodensee-Halbinsel Höri liegt der Hirschen Horn – ein familiengeführtes Hotel mit mehr als 200 Jahren Geschichte. Heute wird das Haus von Martin und Sebastian Amann gemeinsam mit ihren Frauen Maria und Nina sowie den Eltern Verena und Karl geführt.

Neben Wellness und Kulinarik beschäftigt sich die Familie zunehmend mit der Frage, wie sich ein traditionsreicher Hotelbetrieb Schritt für Schritt weiterentwickeln lässt. Dazu gehören unter anderem drei eigene Photovoltaikanlagen, der Bezug von zertifiziertem Ökostrom, regionale Lebensmittel, feste Pflegeprodukte auf den Zimmern und Angebote, mit denen Gäste die Region auch ohne Auto entdecken können. Diese Maßnahmen führt der Hirschen Horn auch in seinem LifeVERDE-Unternehmensprofil auf.

Im Interview mit LifeVERDE erzählt Martin Amann, welche Rolle Heimat, Natur und langjährige Beziehungen für den Familienbetrieb spielen – und wie die Familie den Hirschen für die kommenden Generationen weiterentwickeln möchte.


Bild: © REGIO e.V. | Daniel Schlageter Fotografie

LifeVERDE: Der Hirschen ist seit sieben Generationen in Familienhand und liegt am Bodensee, umgeben von einem Naturreservat. Wie prägt diese besondere Lage Ihr Verständnis von Verantwortung gegenüber der Natur, in der Sie arbeiten und leben?

MARTIN AMANN: Die besondere Lage des Hirschen prägt unser Verständnis von Verantwortung seit Generationen. Wir leben und arbeiten hier nicht nur inmitten der Natur – wir verstehen uns als Teil dieser Umgebung. Direkt vor unserer Haustür liegen der Bodensee und das Naturschutzgebiet. Für uns ist es deshalb wichtig, diesen besonderen Lebensraum zu bewahren.

Besonders spürbar wird diese Verbundenheit in unserem Inselgarten. Von der Liegewiese reicht der Blick über den Bodensee bis zur Halbinsel Mettnau, zur Liebesinsel und zur Insel Reichenau. In den warmen Monaten weiden direkt angrenzend die Kühe meines Vaters, während unsere Hirschen-Bienen Honig produzieren, den wir beim Frühstück und in unserer Küche verwenden. Wir sagen gerne mit einem Augenzwinkern: Unsere Kühe und Bienen haben wohl den schönsten „Arbeitsplatz“ im Hirschen – Seeblick inklusive.

Auch bei der Weiterentwicklung unseres Hauses war uns wichtig, die vorhandene Umgebung einzubeziehen. Zwischen Zwetschgen- und Kirschbäumen haben wir kleine Ruheinseln geschaffen. Unser 27 Meter langer Infinity Pool und die bodentiefen Fenster im Wellnessbereich öffnen den Blick in die Landschaft.

Auch unsere Lage direkt neben der Horner Kirche empfinden wir als besonders. Gäste erzählen uns immer wieder, dass sie bei uns Ruhe finden und neue Kraft schöpfen.

Nach sieben Generationen denken wir nicht nur daran, was uns dieser Ort schenkt, sondern auch daran, was wir bewahren möchten. Die Landschaft ist für uns weit mehr als eine schöne Kulisse – sie ist unsere Heimat und prägt unser Handeln.


Bild: © Günter Standl Photography

LifeVERDE: Sie sprechen selbst davon, Nachhaltigkeit als fortlaufenden Prozess zu verstehen – Schritt für Schritt soll die „Hirschen-Welt“ grüner werden. Welche Maßnahme der letzten Zeit zeigt für Sie besonders gut, wohin diese Entwicklung geht?

MARTIN AMANN: Wir, die Familie Amann, führen den Hirschen in siebter Generation und durften 2022 unser 200-jähriges Jubiläum feiern. Wenn ein Haus über zwei Jahrhunderte gewachsen ist, kann und möchte man nicht von heute auf morgen alles verändern. Für uns bedeutet die Weiterentwicklung deshalb, Schritt für Schritt neue Maßnahmen umzusetzen.

Besonders stolz machen mich unsere drei eigenen Photovoltaikanlagen. Ein Teil der Energie, die wir täglich im Hirschen benötigen, wird damit direkt bei uns erzeugt. Ergänzend beziehen wir zertifizierten Ökostrom und haben Ladesäulen für E-Autos eingerichtet.

Mindestens genauso wichtig ist für mich unsere Verbundenheit mit der Region. Wir arbeiten mit vielen regionalen Partnern zusammen und beziehen Obst, Gemüse, Getränke, Fisch und Fleisch überwiegend aus unserer Umgebung. Hinter diesen Produkten stehen Menschen, Familien und Betriebe, die wir kennen und deren Arbeit wir schätzen.

Wir sind mit dieser Entwicklung nicht am Ziel. Vielmehr möchten wir die bestehenden Maßnahmen Schritt für Schritt weiterführen und das, was uns über Generationen anvertraut wurde, auch für die nächste Generation erhalten.

LifeVERDE: In den Zimmern setzen Sie auf feste Shampoo- und Duschstücke statt auf kleine Flüssigprodukte in Plastikflaschen. Was hat den Ausschlag für diese Entscheidung gegeben und wie reagieren Ihre Gäste darauf?

MARTIN AMANN: Solche Veränderungen sind für uns ein gutes Beispiel dafür, wie sich auch mit vergleichsweise kleinen Maßnahmen etwas im Hotelalltag verändern lässt.

Durch kleine Shampoo- und Duschgelverpackungen können im Hotelbetrieb über das Jahr große Mengen an Verpackungsmaterial entstehen. Deshalb haben wir uns für feste Shampoo- und Duschstücke von TEAM DR JOSEPH aus Südtirol entschieden.

Natürlich war die Umstellung zunächst etwas Neues, denn viele Gäste kennen aus Hotels vor allem klassische Flüssigprodukte. Die festen Stücke werden nach unserer Erfahrung aber sehr gut angenommen.

Auch nach dem Aufenthalt möchten wir möglichst vermeiden, dass angefangene Produkte entsorgt werden. Wer sein Shampoo- oder Duschstück nicht vollständig aufgebraucht hat, kann es deshalb in einem kleinen Säckchen mit nach Hause nehmen und dort weiterverwenden.

Uns gefällt an dieser Lösung außerdem, dass Gäste vielleicht eine Idee aus ihrem Urlaub mit in den eigenen Alltag nehmen können.


Bild: © Günter Standl Photography

LifeVERDE: Ihr Frühstück lebt von Produkten aus der Region, und mit der eigenen Metzgerei stellt Sebastian Amann viele Wurstwaren selbst her. Wie wichtig sind Ihnen kurze Wege und Regionalität bei dem, was auf den Tisch kommt?

MARTIN AMANN: Kurze Wege und Regionalität sind ein wesentlicher Teil unserer Küchenphilosophie. Wir möchten wissen, woher unsere Lebensmittel kommen, wer dahintersteht und wie sie hergestellt werden.

Deshalb beziehen wir unsere Produkte überwiegend aus der Region – von Obst und Gemüse über Fisch und Fleisch bis hin zu Getränken – und arbeiten eng mit Produzenten und Partnern aus unserer Heimat zusammen.

Eine besondere Rolle spielt dabei unser Metzgerhandwerk, das bereits seit drei Generationen in unserer Familie weitergegeben wird. Mein Vater Karl Amann ist Metzgermeister und auch mein Bruder Sebastian hat diese Tradition fortgeführt. Heute leitet er unseren F&B-Bereich und stellt in seinen nur rund 800 Meter vom Hirschen entfernten Produktionsräumen unter anderem eigene Wurstspezialitäten für unser Frühstück her. Im Herbst servieren wir in unserem historischen Gasthaus außerdem seine hausgemachte Metzgete.

Einige unserer eigenen Ochsen weiden in den warmen Monaten direkt an unserem Inselgarten, weitere hält Sebastian auf einem befreundeten Bauernhof in der Region. Eine regionale Metzgerei übernimmt die Verarbeitung. Ausgewählte Fleischstücke reifen anschließend in der Salzkammer und kehren schließlich in den Hirschen zurück.

Für uns bedeutet Regionalität deshalb mehr als möglichst kurze Wege. Es geht auch um Vertrauen, persönliche Beziehungen und die Verbundenheit mit unserer Heimat. Viele der Menschen hinter unseren Produkten kennen wir persönlich.

LifeVERDE: Statt auf kurze Autofahrten setzen Sie unter anderem auf Nordic-Walking-Stöcke und Rücksäcke zum Ausleihen, Bus und Bahn sowie Ausflüge auf dem Wasser. Wie möchten Sie Ihre Gäste dazu einladen, die Region bewusster und langsamer zu entdecken?

MARTIN AMANN: Für uns beginnt Erholung dort, wo man das Tempo herausnimmt. Der Bodensee und die Halbinsel Höri sind viel zu schön, um sie nur aus dem Autofenster zu entdecken – und das zu jeder Jahreszeit.

Nordic-Walking-Stöcke und Rücksäcke können direkt bei uns ausgeliehen werden, Radwege führen durch die Bodenseelandschaft und mit der Gästekarte können Bus und Bahn im Landkreis Konstanz kostenfrei genutzt werden. Im Sommer bieten sich außerdem Stand-up-Paddling und Kanufahren an, um den See aus einer anderen Perspektive zu erleben.

Besonders persönlich sind unsere Bootstouren mit meinem Vater Karl Amann. Als Einheimischer kennt er die Region sehr gut und hat natürlich so manche Geschichte über den Bodensee zu erzählen.

Wir möchten Lust darauf machen, das Auto auch einmal stehen zu lassen und die Umgebung langsamer zu entdecken. Oft sind es gerade diese bewussten Momente, die besonders lange in Erinnerung bleiben.

LifeVERDE: Als Familienbetrieb mit über 200 Jahren Geschichte tragen Sie Verantwortung nicht nur für die Umwelt, sondern auch für Ihr Team. Was bedeutet ein respektvoller und langfristiger Umgang mit Ihren Mitarbeitenden für Sie im Alltag?

MARTIN AMANN: Unser PlatzHirsche-Team ist das Herzstück unseres Refugiums. Der Hirschen kann noch so schön sein – seine Atmosphäre entsteht erst durch die Menschen, die ihn jeden Tag mit Persönlichkeit und Leidenschaft füllen.

Wir möchten einen Arbeitsplatz schaffen, an dem man sich wohlfühlt, wertgeschätzt wird, sich entwickeln kann und gerne Teil des Hirschen ist. Ein offenes Ohr, gegenseitige Unterstützung und ein herzliches Miteinander gehören für uns dazu.

Besonders stolz und dankbar macht uns, dass uns viele Mitarbeitende schon seit vielen Jahren begleiten. Jedes Jahr feiern wir Jubiläen von zehn, 15, 20 oder 25 Jahren – teilweise sogar noch länger. Diese Menschen haben den Hirschen mitgeprägt und ein Stück unserer Geschichte mitgeschrieben.

Für uns zeigt sich soziale Verantwortung deshalb vor allem in langfristigen Beziehungen, gegenseitigem Vertrauen und der Möglichkeit, über viele Jahre gemeinsam zu wachsen.


Bild: © Günter Standl Photography

LifeVERDE: Wenn Sie in fünf Jahren auf die Weiterentwicklung des Hirschen zurückblicken: Was wünschen Sie sich, dann sagen zu können – das haben wir geschafft?

MARTIN AMANN: Mein größter Wunsch wäre, in fünf Jahren sagen zu können: Wir sind nicht stehen geblieben. Wir haben den Hirschen weiterentwickelt und sind dabei unseren Wurzeln treu geblieben – unserer Bodenständigkeit, unserer Heimat und dem respektvollen Umgang mit der Natur.

Besonders wichtig ist mir dabei der Blick auf meine Kinder. Ich wünsche mir, dass sie eines Tages mit Stolz sehen, was wir geschaffen haben, und die Werte weitertragen, die unsere Familie seit Generationen prägen.

Wenn wir zurückblicken und sagen können, dass wir viele konkrete Schritte umgesetzt und gleichzeitig das bewahrt haben, was diesen besonderen Ort ausmacht, wäre das für mich ein wunderschöner Erfolg.

 

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Redaktioneller Hinweis: Aussagen zu Nachhaltigkeit, Umweltwirkungen sowie Produkten oder Unternehmensmaßnahmen beziehen sich auf die im Beitrag genannten Informationen und Quellen und stellen keine pauschale Nachhaltigkeitsbewertung eines Unternehmens oder seines gesamten Angebots dar. Mehr zur redaktionellen Einordnung →



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