Grüne Wirtschaft

FEDERHERZ e.V.: Warum Mitgefühl der Schlüssel für eine nachhaltige Zukunft ist

Wie Begegnungen mit geretteten Tieren Herzen verändern, Bildung fördert und die Initiative Zukunftshöfe eine nachhaltige Landwirtschaft mitgestaltet.

Wie Begegnungen mit geretteten Tieren Herzen verändern, Bildung fördert und die Initiative Zukunftshöfe eine nachhaltige Landwirtschaft mitgestaltet.

01.07.2026, das Interview führte: Louisa Becker - Bild: FEDERHERZ e.V.

Was passiert, wenn Schweine, Puten oder Kühe nicht mehr als sogenannte Nutztiere, sondern als individuelle Lebewesen wahrgenommen werden? Genau hier setzt die Arbeit von FEDERHERZ e.V. an. Der Lebenshof verbindet Tierschutz, Bildungsarbeit und nachhaltige Landwirtschaft zu einem ganzheitlichen Konzept. Im Interview spricht das Team über bewegende Begegnungen mit geretteten Tieren, die Initiative „Lernort Tierschutz“, den Wandel hin zu pflanzlichen Zukunftshöfen und darüber, warum Empathie der Ausgangspunkt für eine nachhaltigere Gesellschaft ist.


Bild: FEDERHERZ e.V.

LifeVERDE: Wenn jemand Ihren Hof besucht, der bisher kaum Berührungspunkte mit dem Thema Tierschutz hatte: Welches Gefühl oder welche fundamentale Erkenntnis soll dieser Mensch im Idealfall mit nach Hause nehmen, nachdem er Ihren Tieren das erste Mal begegnet ist, und warum?

NADINE NITZ, Gründerin von FEDERHERZ e.V.: Ich wünsche mir, dass die Menschen nach ihrem Besuch merken, dass wir keine Unterschiede zwischen Haus- und sogenannten „Nutztieren“ machen dürfen.

Für uns bei FEDERHERZ e.V. ist ein Schwein natürlich nicht weniger wert als ein Hund, eine Pute überhaupt nicht weniger liebenswert als eine Katze und eine Kuh nicht weniger zauberhaft als ein Kaninchen. Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen Bedürfnisse und vor allem den Wunsch, einfach leben zu dürfen. Denn auch jedes Tier hat nur, genau wie jeder Mensch, dieses eine einzigartige und wertvolle Leben, das gelebt werden möchte.

Wenn man unsere Tiere kennenlernt, dann passiert oft etwas ganz Besonderes: Man sieht auf einmal nicht mehr das Schwein oder die Pute. Man sieht die Tiere in ihrer ganzen Individualität. In ihrem ganz eigenen Zauber. Genau diese Begegnungen verändern Herzen und Gewohnheiten nachhaltiger als Worte es jemals tun könnten. Deshalb sind wir auch seit Anfang 2026 Mitglied bei der Initiative „Lernort Tierschutz“.

Wir möchten Menschen die Möglichkeit geben, Tiere kennenzulernen, die sonst oft nur als „Produktionseinheiten“ wahrgenommen werden. Wir sind überzeugt, dass genau diese Begegnungen der Schlüssel für eine mitfühlendere und nachhaltigere Gesellschaft sind. Wir schaffen Verständnis, wir fördern Empathie und wir gestalten aktiv einen gesellschaftlichen Wandel- hin zu mehr Tier- und Umweltschutz.

Jedes Ihrer Tiere hat eine eigene, oft traumatische Vorgeschichte. Wie gelingt es Ihnen im Alltag, traumatisierten Tieren wieder Vertrauen in den Menschen zu schenken und was können wir Menschen von ihnen lernen?

Natürlich gehen uns die Geschichten unserer Tiere immer wieder sehr nahe. Viele von ihnen haben Dinge erlebt, die wir wirklich keinem Lebewesen wünschen. Und oft hören wir den Satz, dass Tiere in der Tierindustrie gar nicht unglücklich seien, weil sie es nicht anders kennen als so zu leben.

Aber unsere Erfahrung zeigt etwas anderes. Wir Menschen können Tiere auf mehr Leistung oder höheres Körpergewicht züchten. Wir können ihnen ihre Freiheit nehmen und über ihr Leben bestimmen.

Was wir ihnen aber nicht nehmen können, sind ihre Instinkte und ihre natürlichen Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse verschwinden nicht, nur weil ein Tier in einem industriellen Stall geboren wurde.

Wenn wir erleben, wie unsere geretteten Tiere zum ersten Mal friedlich in der Sonne liege, vorsichtig Vertrauen fassen, Freundschaften schließen oder einfach über grüne Wiesen rennen, dann sehen wir jeden Tag aufs Neue, wie groß ihre Kraft und ihr Wunsch nach Freiheit ist. Trotz allem, was sie erlebt haben, verlieren sie niemals ihre Lebensfreude.

Und ehrlich gesagt sind unsere Tiere die größte Kraftquelle für unsere Arbeit. Zu sehen, wie sie wieder Vertrauen fassen oder zum ersten Mal einfach nur Tier sein dürfen, gibt uns die Motivation, auch an den schwierigsten Tagen weiterzumachen.

Genauso viel Kraft geben uns aber auch die Menschen, die unseren Hof besuchen. Wenn Besucher unseren Hof verlassen und plötzlich nicht mehr das Schwein oder die Pute sehen, sondern ein Lebewesen, mit ganz eigenen Wünschen und Vorlieben, dann entsteht Hoffnung.

Hoffnung darauf, dass die nächste Generation vielleicht ganz selbstverständlich Tiere nicht mehr als Produktionseinheiten sieht. Genau diese Momente tragen uns durch den Alltag.

Jedes Tier, das ein neues Leben beginnen darf, jede Begegnung mit einer Schulklasse und jedes Kind, das mit mehr Empathie für Tiere nach Hause geht, gibt uns die Kraft, an 365 Tagen im Jahr alles für unsere Tiere und für eine bessere Zukunft zu geben.

Wir retten nicht „nur“ Tiere, wir schaffen Begegnungen, bilden junge Menschen weiter und setzen uns für eine nachhaltigere Zukunft ein.


Bild: FEDERHERZ e.V.

Bildungsarbeit ist eine wichtige Säule Ihres Vereins. Wie schafft man es, Kindern Empathie für sogenannte Nutztiere zu vermitteln, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben?

Kinder bringen Mitgefühl und Empathie von Natur aus mit. Unsere Aufgabe ist es, Begegnungen zu schaffen. Seit Anfang 2026 öffnen wir unseren Hof für Kinder und Jugendliche. Hier können sie Schweine, Puten, Schafe und Hühner kennenlernen und erleben, dass jedes dieser Tiere eine eigene Persönlichkeit hat. Wir möchten Kindern nicht sagen, was sie denken sollen.

Wir möchten ihnen die Möglichkeit geben, eigene Erfahrungen zu machen und selbst zu erkennen, wie wundervoll jede Tierpersönlichkeit sein kann. Dabei sprechen wir auch über Nachhaltigkeit, über Ernährung und über unsere Verantwortung für Tiere und Umwelt. Denn die Entscheidungen, die wir heute treffen, prägen die Welt von morgen. Wir sehen diese Bildungsarbeit als eine wichtige Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft.

Kinder, die Mitgefühl lernen, werden später verantwortungsvolle Entscheidungen treffen.

Sie sprechen von einer Landwirtschaft im Wandel. Wie können Landwirtinnen und Landwirte aus Ihrer Sicht konkret auf pflanzliche Konzepte umsteigen?

Landwirtschaft bedeutet seit jeher, Verantwortung für das Morgen zu übernehmen. Sie hat sich über Jahrhunderte immer wieder weiterentwickelt und genau darin liegt ihre Stärke.

Wir glauben, dass der Moment gekommen ist, den nächsten Schritt zu gehen und gemeinsam eine Landwirtschaft zu gestalten, die Tiere schützt, unsere Umwelt bewahrt und den Höfen eine nachhaltige Zukunft gibt. Wir glauben, dass echter Wandel in der Landwirtschaft nur gemeinsam gelingen kann.

Deshalb sehen wir Landwirtinnen und Landwirte als wichtige Partner auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft. In den Gesprächen, die wir führen, merken wir immer wieder, dass viele Landwirte eine enge Verbindung zu ihren Tieren haben.

Sie kümmern sich um sie und vielen fällt es schwer, sie am Ende ihres Lebens zum Schlachthof zu bringen oder zu verkaufen. Oft steckt dahinter ein großer innerer Konflikt. Gleichzeitig sind viele Betriebe seit Generationen in einem System gefangen, das ihnen kaum Raum für Veränderungen lässt. Politische Rahmenbedingungen, wirtschaftlicher Druck und bestehende Strukturen machen es unglaublich schwer, neue Wege zu gehen.

Genau hier möchten wir mit unserer „Initiative Zukunftshöfe“ ansetzen.

Wir möchten Landwirtinnen und Landwirten zeigen, dass sie diesen Weg nicht alleine gehen müssen. Wir begleiten sie mit unserem Netzwerk, verbinden Menschen und entwickeln gemeinsam Perspektiven für eine pflanzliche und nachhaltige Landwirtschaft auf ihren Höfen. Für uns geht es dabei um viel mehr als eine andere Form der Landwirtschaft. Es geht um den Schutz von Tieren, um Klimaschutz, um regionale Wertschöpfung und darum, Höfen eine wirtschaftlich tragfähige Zukunft zu ermöglichen.

Wir möchten als Verein dazu beitragen, dass mehr pflanzliche Lebensmittel regional erzeugt, verarbeitet und vermarktet werden und die Wertschöpfung wieder stärker auf den Höfen bleibt. Wir sind auch davon überzeugt, dass die Transformation unserer Landwirtschaft eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Wenn wir uns eine Zukunft wünschen, in der Tiere nicht mehr für ihren Nutzen gehalten werden sollen, dann müssen wir auch den Menschen eine Perspektive geben, die heute noch von diesem System leben.

Wir glauben auch, dass nicht nur die Tiere aus den alten Systemen befreit werden müssen. Auch Menschen brauchen die Chance, aus Strukturen auszubrechen, die sie selbst nicht mehr tragen möchten. Mit „Zukunftshöfe“ möchten wir genau diesen Menschen Mut zum Wandel machen und sie auf ihrem Weg zur einer pflanzlichen Landwirtschaft begleiten.

Eine pflanzenbasierte Ernährung wird von Ihnen nicht als Verzicht, sondern als Ausdruck von Respekt verstanden. Welchem Vorurteil begegnen Sie am häufigsten?

Für uns verbindet eine pflanzliche Ernährung gleich mehrere wichtige Werte. Sie ist ein großer Gewinn für die Tiere, weil für sie deutlich weniger Leid entsteht. Sie ist außerdem ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz und zum Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Gleichzeitig ist sie auch eine Chance für die eigene Gesundheit und das persönliche Wohlbefinden. Immer mehr Menschen entdecken, wie vielfältig, genussvoll und bereichernd eine pflanzliche Ernährung ist.

Deshalb sprechen wir nicht von einem Verzicht.

Im Gegenteil.

Für uns ist eine pflanzliche Lebensweise eine tiefe Herzensangelegenheit und eine Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für die Tiere, für unsere Umwelt, für kommende Generationen und letztlich auch für unsere Gesundheit.

Dabei geht es uns überhaupt nicht darum, Menschen zu belehren oder Perfektion einzufordern. Wir wissen, dass Veränderungen Zeit brauchen und jeder Mensch seinen eigenen Weg und sein eigenes Tempo hat. Für uns ist es wichtig, Menschen einzuladen und positive Erfahrungen zu schaffen.

Jede pflanzliche Mahlzeit ist eine Entscheidung, die unglaublich viel bewirken kann.

Als Verein tragen Sie viel Verantwortung und sind auf Spenden sowie Patenschaften angewiesen. Was ist neben den finanziellen Mitteln die wertvollste Form der Unterstützung, die Ihnen Menschen im Alltag zukommen lassen können?

Für uns sind Patenschaften das Wertvollste, was Menschen unseren geretteten Tieren schenken können. Sie geben Sicherheit und helfen uns dabei, die Versorgung unserer fast 200 Tiere langfristig zu planen.

Eine Patenschaft bedeutet für unsere Tiere, dass sie die Sicherheit haben, ihr Leben in Frieden und Geborgenheit verbringen zu dürfen. Aber eine Patenschaft oder Spende bewirkt bei uns noch viel mehr. Sie unterstützt nicht ausschließlich der Tiere, die bei uns ein Zuhause gefunden haben.

Sie trägt gleichzeitig unsere gesamte Vision mit. Wir sind Teil der Initiative „Lernort Tierschutz“ und schaffen Begegnungen zwischen Menschen und sogenannten Nutztieren, denen man hier auf dem Lebenshof auf Augenhöhe begegnen kann. Gleichzeitig begleiten wir im Team und unserer „Initiative Zukunftshöfe“ Landwirtinnen und Landwirte auf ihrem Weg in eine nachhaltigere und pflanzlichere Landwirtschaft.

Wir möchten Mut zum Wandel machen und gemeinsam Perspektiven für eine Zukunft schaffen, die Tiere schützt, unsere Umwelt entlastet und die regionale Landwirtschaft stärkt. Wir sind überzeugt, dass all diese Themen zusammengehören.

Tierschutz, Umweltschutz, nachhaltige Landwirtschaft und eine bewusste Ernährung sind keine einzelnen Herausforderungen. Jede Patenschaft und jede Spende weit mehr als eine finanzielle Unterstützung für unseren Lebenshof. Sie sind eine Investition in eine bessere Zukunft.

Für unsere Tiere, die endlich in Sicherheit leben dürfen.

Für Menschen, die bei uns Mitgefühl und Verantwortung lernen.

Für Landwirtinnen und Landwirte, die neue Wege gehen möchten. Für die Tiere, unsere Umwelt und letztlich für uns alle.

Wir können diese wichtige Arbeit nur leisten, weil Menschen sie mittragen. Wir glauben fest daran, dass gesellschaftlicher Wandel nur gemeinsam gelingt. Deshalb laden wir Menschen nicht nur dazu ein, unsere Tiere zu unterstützen.

Wir laden sie dazu ein, Teil einer Bewegung zu werden, die Mitgefühl, Nachhaltigkeit und Verantwortung lebt.


Bild: FEDERHERZ e.V.

Fazit: FEDERHERZ e.V. zeigt, wie gesellschaftlicher Wandel beginnt

Mit FEDERHERZ e.V. entsteht weit mehr als ein sicherer Lebensort für gerettete Tiere. Der Verein schafft Begegnungen, vermittelt Wissen und entwickelt gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten Perspektiven für eine nachhaltige Zukunft. Ob durch Bildungsangebote für Kinder, die Initiative „Lernort Tierschutz“ oder das Projekt „Zukunftshöfe“ – im Mittelpunkt steht stets die Überzeugung, dass echter Wandel mit Mitgefühl beginnt. So verbindet FEDERHERZ e.V. Tierschutz, Klimaschutz und gesellschaftliche Verantwortung zu einer Vision, die weit über den Lebenshof hinausreicht.

Auch interessant: SANDY P. PENG: Die Realität hinter Aktivismus, veganer Mode & echtem Wandel




Kommentar erstellen

Name *
E-Mail *
URL
Kommentar *
Auch interessant


Grüne Unternehmen