Elektromobilität in Berlin
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Elektromobilität in Berlin

"Bis zum Jahr 2020 ist Berlin-Brandenburg ein international anerkanntes Vorbild der Elektromobilität", sagt Gernot Lobenberg, Leiter Berliner Agentur für Elektromobilität eMO.

"Bis zum Jahr 2020 ist Berlin-Brandenburg ein international anerkanntes Vorbild der Elektromobilität", sagt Gernot Lobenberg, Leiter Berliner Agentur für Elektromobilität eMO.

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Themenreihe Elektromobilität - 17.06.2016

Herr Lobenberg, wie würden Sie den Status quo bei der Elektromobilität in Deutschland beschreiben?

Aktuell zählen wir in Deutschland ca. 40 - 50.000 Elektrofahrzeuge, d. h. Batterie- und Brennstoffzellen-Fahrzeuge inkl. Plug-In-Hybride. Zugegebenermaßen ist die Elektromobilität im Jahr 2016 nicht, wie in 2012 prognostiziert, in der Markthochlaufphase angekommen. Die öffentliche Wahrnehmung, dass die Entwicklung der Elektromobilität stockt, beruht zum einen auf der Erwartungshaltung, dass bis dato viel mehr E-Autos unterwegs sein sollten und man die bereits fahrenden eFahrzeuge aufgrund ihrer geringen Stückzahl im täglichen Verkehrsbild kaum wahrnimmt. Dennoch ist sich die Fachwelt einig, dass Elektromobilität sich durchsetzen wird. Unser Ziel ist es aber nicht, ein Verbrennungsfahrzeug durch ein Elektrofahrzeug zu ersetzen. Das ganze Mobilitätsverhalten und damit das Mobilitätssystem werden sich durch die Digitalisierung, die Automatisierung und die Elektrifizierung verändern. Die Frage ist, wie wir diesen Wandel gestalten und davon auch wirtschaftlich profitieren können.

Die Bundesregierung hält noch immer an Ihrer Prognose von einer Million E-Autos in 2020 fest. Was sagen Sie, realistisch oder unrealistisch und weshalb?

Die aktuellen Zulassungszahlen sind natürlich weit weg von einer Million und einer großen Marktdurchdringung. Der geringe Markthochlauf bei Elektrofahrzeugen in Deutschland einerseits und die weitaus bessere Entwicklung auf diesem Gebiet in einigen anderen Ländern auf der anderen Seite zeigen, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend waren. Bisher gab es in Deutschland zu wenig Anreize, sich ein Elektroauto zuzulegen. Der Markthochlauf wird zwar zunächst vor allem mit Gewerbekunden erfolgen, aber auch für Privatkunden werden E-Autos stärker in den Fokus gerückt, spätestens im nachfolgenden Gebrauchtwagenmarkt. Genauso wichtig sind aber der Ausbau der Ladeinfrastruktur und der Abbau von Hemmnissen, wie z. B. im Energie-, Bau- und Wohnungseigentumsrecht. Das jetzt beschlossene Paket ist daher ein lang ersehntes wichtiges Signal, um der Elektromobilität wieder neuen Antrieb zu geben.

Die E-Mobilität hat es paradoxerweise besonders schwer unter den Autobauern, viele Anhänger der Old-Economy wollen sie schlichtweg nicht. Was haben Sie den Verfechtern von Otto- und Dieselmotoren zu sagen?

Ich glaube nicht, dass Elektromobilität in Gänze abgelehnt wird. Wir befinden uns im Mobilitätswandel und die gesamte Branche befindet sich im Umschwung. Wenn die deutsche Automobilindustrie nicht zum Treiber des Mobilitätswandels wird, dann besteht die Gefahr, dass wir den Anschluss verlieren und Deutschland zum bloßen Zulieferer der neuen Mobilitätsdienstleister degradiert wird. Die Potenziale der Elektromobilität sind enorm und wir müssen aufpassen, dass wir diese Potenziale für uns nutzen. Es entstehen fast wöchentlich neue Mobilitätsplattformen, doch wer betreibt diese und wer hat letztlich die Kunden – oder besser gesagt – die Daten? Unternehmen wie Google, Apple, Uber und auch Tesla sind da allem Anschein nach besser aufgestellt und ernst zu nehmende Wettbewerber.

Künftig erhalten Käufer eines Hybrid- oder Elektro-Fahrzeuges einen sogenannten Umweltbonus, eine Art Kaufprämie, die sich der Bund und die Autoindustrie teilen. Welche weiteren Kauf-Argumente nennen Sie Ihren Gesprächspartnern, wenn Sie „Werbung“ für Hybrid oder E-Autos machen?

Also „bewerben“ tun wir Autos in der Form ja nicht, soviel sei vorab gesagt. Als Agentur des Landes Berlin sind wir ja auch zur Neutralität verpflichtet. Unsere Aufgabe ist es nicht Autos zu verkaufen, das muss die Industrie schon selber leisten können. Grundsätzlich muss man beim Thema „Kaufprämien“ aber schon von einer Art Erleichterung sprechen. Seit Monaten haben sich die Verhandlungen hingezogen, nun wurden endlich Entscheidungen getroffen, die wichtige Signale für den Markt setzen. Das erst kürzlich verabschiedete Förderpaket Elektromobilität ist ein lang ersehntes, wichtiges Signal, um der Elektromobilität wieder neuen Antrieb zu geben und ein lange überfälliges Signal an den Markt. Nicht nur die gemeinsam von der Bundesregierung und der Autoindustrie befürworteten Kaufprämien, auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur und die Anpassung von bisher hemmenden Gesetzen und Verordnungen tritt den bisher größten faktischen und psychologischen Vorbehalten gegen Elektroautos entgegen: Preis, Ladeinfrastruktur und Reichweite.

Aber genau das sind natürlich die Punkte, die wir in unserer Kommunikation mit Hilfe von Workshops, Veranstaltungen, Fahrevents und Expertenrunden versuchen zu diskutieren. In den letzten Jahren haben wir zahlreiche Fahrevents durchgeführt, denn Elektromobilität muss man wortwörtlich erfahren. Mit der Aktion „AUTOTAUSCH 2015“ haben wir im letzten Jahr 100 Bürger- & Bürgerinnen aus Berlin-Brandenburg für jeweils zehn Tage in eAutos gesetzt und im Alltagsgebrauch testen lassen. Nicht einer der Teilnehmer kam in Bedrängnis aufgrund der Reichweite oder Verfügbarkeit von Ladeinfrastruktur. Mit einem eAuto ändert sich auch das Fahrverhalten und natürlich plant man dann seine Fahrten auch so, dass letztlich dann auch Lademöglichkeiten verfügbar sind. Beim Thema Preis erhalten wir öfters das Argument, Elektromobilität sei nur etwas für Reiche. Nun sicherlich ist es richtig, dass die derzeitigen Fahrzeugpreise sehr hoch sind, doch das ist letztlich bei allen neuen hoch innovativen Technologien, die anfangs in kleinen Stückzahlen auf den Markt kommen, der Fall. Denken Sie da nur an die Einführung des Taschenrechners oder Mobiltelefon.

Die Berliner Agentur für Elektromobilität eMO ist die zentrale Anlaufstelle für Elektromobilität in der deutschen Hauptstadtregion. Was läuft bisher gut und was schlecht in Sachen E-Mobilität in Berlin?

Bis zum Jahr 2020 ist Berlin-Brandenburg ein international anerkanntes Vorbild der Elektromobilität. Das ist unser Ziel und wir sind auf gutem Wege dahin: Bereits heute sind circa 3.200 Elektrofahrzeuge in der Hauptstadtregion unterwegs. Der deutlich überwiegende Anteil der in der Region angemeldeten Elektrofahrzeuge, nämlich ca. 75 %, befindet sich im gewerblichen Besitz. Allein auf Berlin entfallen dabei rund 3.000 Fahrzeuge, das sind gemessen am gesamtdeutschen Fahrzeugbestand 1,23 Elektroautos pro 1.000 Pkw und befördert Berlin in Sachen eFahrzeugbestand auf Spitzenposition. Unter den rd. 3.000 Fahrzeugen im Berliner Carsharing sind ca. 15 % elektrisch (rund 400). Ebenfalls befinden sich aktuell 150 eScooter im Sharing (eMio). Gleiches gilt auch für die Ladeinfrastruktur. Mit rund 770 Ladepunkten nimmt die Hauptstadtregion deutschlandweit ebenfalls eine Spitzenposition ein. Berlin mit seinen rund 636 Ladepunkten hat dabei das dichteste Netz im Vergleich zu mehr als 900 Städten und Gemeinden in Deutschland, bezogen auf die Einwohnerzahl. Verbesserungsbedarf haben wir im Bereich der behördlichen Genehmigungsverfahren. Denn der bürokratische Prozess ist doch weitaus langsamer als die derzeitige Entwicklung. Schauen Sie sich das Straßenverkehrsrecht an. Wir reden heute branchenübergreifend über Digitalisierung und vernetztes Fahren, doch die rechtlichen Rahmenbedingungen sind dafür gar nicht ausgelegt. Innovationen stehen einer ständigen Überregulierung gegenüber. Das ist weder zeitgemäß und auch nicht förderlich. Die Hauptstadtregion soll ihre Standortvorteile und Potenziale konsequent für die wirtschaftliche Entwicklung und die Verbesserung der Umwelt- und Lebensqualität nutzen – doch dazu müssen auch rechtliche und politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die das erlauben.

Wie sieht für Sie die urbane Mobilität der Zukunft aus?

Ich sehe zwei Kernthemen für die Zukunft: Erstens wird es die größte Herausforderung weiterhin sein, dass Mobilitäts- und Energiewende intelligent  zusammenwachsen. Ausschlaggebend werden hierfür das gesteuerte Laden und Entladen sein, welche zum  Lastmanagement des Energienetzes und zum Speichern von überschüssigem Strom und Wärme beitragen.  Gleichzeitig muss aber auch die Mobilität sichergestellt werden, d. h. die Fahrzeuge müssen durch ein intelligentes Fuhrparkmanagement einsatzbereit sein, wenn sie gebraucht werden. Zweitens wird die Digitalisierung in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Denn die ist die Voraussetzung für eine geteilte, automatisierte und vernetzte Mobilität. Bereits heute zeigen uns Apps verschiedene Routenalternativen mit direktem Vergleich der Fahrtdauer und -kosten an. Das Ticket kann man direkt über die App kaufen und mit dynamischen Verkehrsinformationen, wie Zugverspätungen, wird man auch in Echtzeit versorgt. Das Einfache von A nach B fahren hat bereits heute schon an Bedeutung verloren, denn es ist für uns immer wichtiger geworden dies auch so effizient wie möglich tun zu können. Über das Smartphone ist es möglich mir jederzeit einen für mich passenden Mobilitätsmix abrufen zu können. Beim individuellen Verkehr wird das private Fahrzeug überflüssig, denn ich kann jederzeit Sharing-Angebote nutzen und muss noch nicht einmal den Parkplatz dafür bezahlen. Übrigens, der Parksuchverkehr kann – je nach Quartier – bis zu 20 Prozent des städtischen Verkehrs ausmachen. Automatisierte Fahrzeuge ermöglichen private und öffentliche Quartiersgaragen, in denen die Fahrzeuge eigenständig und damit auch effizienter parken und geladen werden. Durch weniger fahrende und parkende Autos im Stadtbild wird viel öffentlicher Platz frei. Das Auto wird in Zukunft nicht mehr so das Stadtbild prägen.

Ihr persönlicher Appell an die deutsche Politik: Wie können die Rahmenbedingungen für die E-Mobilität in Deutschland noch verbessert werden?

Mehr Mut zur Unterstützung von Innovationen durch bessere Rahmenbedingungen, mehr Geschwindigkeit bei Entscheidungen und ein Bekenntnis zur Verkehrswende, denn daran führt schon aus Klimasicht kein Weg vorbei. Deutschland sollte zum Innovationsführer in der Mobilität werden, wie bei der Energiewende. Das sind wir derzeit - leider - bei weitem nicht. Ironischerweise sind hier u. a. die US-Amerikaner vorne, obwohl die USA derzeit noch eines der schlechtesten Verkehrssysteme der Welt haben und einer der größten Klimasünder sind. Aber die Digitalisierung, das Sharing und die Automatisierung des Verkehrs, werden zum "Gamechanger" der Mobilität. Das haben die Amerikaner besser und schneller, verstanden als wir.

 

Zur Person

Gernot Lobenberg studierte Volkswirtschaft und Verkehrswesen nach einer Ausbildung zum Speditionskaufmann. Nach verschiedenen Stationen u. a. bei der IVU Traffic Technologies, Daimler und der Logistik-Initiative Hamburg ist er seit 2011 Leiter der Berliner Agentur für Elektromobilität eMO.

http://www.emo-berlin.de/de/

Pressekontakt 

Claudia Endter

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M +49 172-9907-406

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