Kaffee gehört für viele von uns zum Alltag – doch der Klimawandel und soziale Herausforderungen gefährden die Zukunft des beliebten Getränks. Tchibo hat deshalb vor einem Jahr ein Kaffeeprogramm gestartet, das inzwischen über 13.000 Farmerinnen und Farmer in neun Ländern einbindet. Ziel ist es, bis 2027 ausschließlich verantwortungsvoll eingekaufte Kaffees anzubieten. Im Gespräch mit LifeVERDE erklärt Pablo von Waldenfels, warum Co-Creation mit Farmern der Schlüssel zum Erfolg ist, wie regionale Programme in Kolumbien, Brasilien oder Honduras aussehen – und weshalb nachhaltiger Kaffeeanbau Zeit, Geduld und gemeinsame Anstrengungen der gesamten Branche braucht.
LifeVERDE: Herr von Waldenfels, Sie ziehen nach einem Jahr Tchibo Kaffeeprogramm eine positive Bilanz. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Meilensteine in dieser Zeit?
Pablo von Waldenfels: Unser wichtigster Meilenstein war die Hinzunahme von neuen Ländern wie zum Beispiel Kolumbien, das jetzt ebenfalls Teil unseres Kaffeeprogramm ist. Darüber hinaus haben wir weitere Partner in einzelnen kaffeeanbauenden Ländern aufgenommen, so dass wir wirklich wachsen, entsprechend unseren Zielen. Und da unser Programm auf Freiwilligkeit setzt, sind wir sehr froh eine Partnerorganisation gefunden zu haben, die uns dabei unterstützt unser Programm methodisch so anzugehen, dass wir Alle möglichst gut mitnehmen. Wir die richtige „User Experience“ für die Farmer entwickeln. Maßnahmen, die von Exporteuren und Farmern als sinnvoll erachtet werden. Stichwort: Co-Creation und partizipatives arbeiten für eine höhere Akzeptanz der Maßnahmen.
Kurz-Interview mit Pablo von Waldenfels (Tchibo) im Podcast GRÜNES MIKRO (ab Min. 1:25)
Bis 2027 sollen ausschließlich verantwortungsvoll eingekaufte Kaffees angeboten werden. Was bedeutet verantwortungsvoll konkret für Tchibo?
Wir verfolgen einen regionalen Ansatz: In allen Einkaufsregionen, in denen Tchibo regelmäßig Kaffee kauft, wollen wir ein Programm haben in der Größe unserer Kaffeeeinkaufsmenge. Oder anders gesagt: Das Programm soll die Anzahl an Farmern abdecken, die unsere Kaffeemenge in der jeweiligen Region produzieren. Wenn wir das erreicht haben, dann sprechen wir davon, dass wir verantwortungsvoll einkaufen können. Denn wir decken unseren Einkaufs-Fußabdruck in jeder Region auch tatsächlich mit unserem Programm ab. Das heißt nicht, dass auch jeder Kaffee aus dem Programm kommt, aber wir tragen unseren fairen Anteil in der jeweiligen Region.
Über 13.000 Farmerinnen und Farmer in neun Ländern sind bereits Teil des Programms. Wie wählen Sie die teilnehmenden Farmer aus und was sind typische Herausforderungen vor Ort?
Wir versuchen in den jeweiligen Regionen diejenigen Farmerinnen und Farmer auszuwählen, die tatsächlich auch unsere Unterstützung brauchen. Die also nicht bereits Teil von anderen Trainings- oder Zertifizierungsprogrammen sind. Dafür haben wir Unterstützung unserer Programmpartner und der externen Organisation Enveritas. Die typischen Herausforderungen vor Ort, die sich überall überschneiden, sind veränderte klimatische Bedingungen und Einkommensfragen. Das heißt, die Farmer müssen ihre Produktionssysteme an sich verändernde klimatische Bedingungen anpassen. In vielen Ländern sind die Farmen aber zu klein, um auch auskömmlich zu produzieren. Beide Themen hängen natürlich eng zusammen. Wir müssen die Farmen resilient gegen Veränderungen des Klimawandels machen, um auch die Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten.
Sie setzen stark auf regionale Anpassungen. Können Sie Beispiele nennen, wie sich die Programme etwa in Brasilien und Honduras oder Vietnam unterscheiden?
Brasilien ist der absolute Vorreiter im Kaffeesektor, was Innovation, Effizienz und Wirtschaftlichkeit betrifft. Die Farmen sind auch in der Tendenz größer. Das heißt aber auch, dass in Brasilien mehr Düngemittel und Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, um die Produktion hochzuhalten. Dort müssen wir uns also vor allem auf Umweltthemen konzentrieren, wie Wiederaufforstung, Wasserschutz, und Alternativen für bestimmte Pestizide und Unkrautvernichter. Während in Honduras die Produktivität zwar auch hoch ist, die Farmen aber sehr klein. Dort stehen vor allen Dingen Einkommensfragen im Vordergrund und damit dann auch die Diversifizierung von Farmen, die Einführung von neuen Feldfrüchten und so weiter.
Ein zentrales Element ist die Schulung von Farmerinnen und Farmern. Welche Inhalte stehen hier im Fokus und wie stellen Sie sicher, dass das Wissen nachhaltig umgesetzt wird?
Um damit einzusteigen: Sicherstellen können wir es natürlich nicht. Die Farmerinnen und Farmer sind selbständige Landwirte. Was wir versuchen können, ist, sie davon zu überzeugen, das Richtige zu tun. Typischerweise beginnen die Projekte gerade bei Farmerinnen und Farmern, die neu sind in unserem Programm, mit Trainings zu Produktivitätssteigerungen und Qualitätsmanagement, um die Wirtschaftlichkeit der Farm zu gewährleisten. Dazu kommen dann weitere gute Praktiken beim Einsatz von Pestiziden, Arbeitssicherheit, Farmdiversifizierung und so weiter. Die dann zusätzlich zu diesen sehr grundlegenden Themen geschult werden.
Die unabhängige Organisation Enveritas überprüft Ihr Programm. Welche Erkenntnisse liefert diese Verifizierung und wie transparent kommunizieren Sie die Ergebnisse?
Die Erkenntnisse sind sehr spannend, denn wir bekommen tatsächlich Prüfungsberichte zu allen unseren Projekten, die Teil des Programms sind. Wir sehen dort, ob die Maßnahmen durch unsere Partner tatsächlich durchgeführt wurden. Ob die Farmerinnen und Farmer sie übernehmen möchten, ob sie sie selbst auch als sinnvoll erachten und wie sich im Zeitverlauf auch die Indikatoren verändern, zum Beispiel im Bereich Produktivität, Einkommen, Übernahme guter Praktiken wie Schattenanbau oder Ähnliches. Wir bekommen sehr ausführliche und fundierte Informationen darüber, wie unsere Programme dann tatsächlich vor Ort wirken. Wir nutzen die Informationen, die wir von Enveritas bekommen, für unsere Kommunikation. Denn alles, was wir über unser Kaffeeprogramm berichten und erzählen, muss natürlich fundiert sein.
Wie erleben die Kaffeefarmerinnen und -farmer vor Ort die Veränderung durch das Programm? Gibt es Rückmeldungen oder Erfolgsgeschichten die Sie besonders bewegen?
Wir müssen sehr darauf achten, dass wir die richtigen Maßnahmen entwickeln, und ich glaube, die wichtigste Erfolgsgeschichte, allgemein gesprochen für unser Programm, ist, dass wir durch unseren Ansatz dialogbasiert mit unseren Exporteuren, den Kooperativen vor Ort, und dort wo es möglich ist, auch mit den Farmern direkt das Programm weiterentwickeln. Wir werden glücklicherweise Maßnahmen implementieren, die die Farmerinnen und Farmer auch als sinnvoll erachten und übernehmen mögen. Das ist jetzt erstmal der gute Start, den wir hingelegt haben. Die Veränderungen, die wir herbeiführen wollen, zum Beispiel eine Anpassung von einem Produktionssystem durch Schattenanbau, neue Varietäten und so weiter, nimmt allerdings Zeit in Anspruch. Um wirklich große Erfolgsgeschichten zu präsentieren, wie sich die Situation dann tatsächlich verändert hat, wird einiges an Zeit und Geduld nötig sein. Wir gehen nicht den Weg der schnellen, kleinen und oberflächlichen Veränderungen, sondern wollen wirklich tiefgehende Veränderungen im Kaffeeanbau herbeiführen. Das wird seine Zeit in Anspruch nehmen.
„Seine Zeit“ heißt was genau?
Ich mache es einmal am Beispiel einer Kaffeeplantage fest: Wenn wir dort Bäume austauschen, verjüngen zum Beispiel, dann dauert es etwa 3 Jahre, bis der Kaffeebaum wieder Früchte trägt. Wenn wir zusätzlich Schattenpflanzen anbauen, braucht es auch ein paar Jahre, bis sie ausgewachsen sind. Ein Avocado- oder Zitrusbaum etwa. Es dauert tatsächlich ein paar Jahre, bis sich die Effekte wirklich zeigen. Wir sprechen hier jetzt alleine schon über drei Jahre Übergangszeit beim Umbau einer Plantage.
Nun, Coffee to stay ist Ihr Leitmotiv. Was muss sich Ihrer Meinung nach im globalen Kaffeesektor ändern, damit Kaffee auch langfristig für alle verfügbar bleibt?
Unser Leitmotiv als Team bei Tchibo ist Coffee to stay. Wir wollen, dass Kaffee „bleibt“ und verfügbar ist – auch für die zukünftigen Generationen. Hierfür braucht es eine globale Anstrengung, den Übergang des Kaffeeanbaus zu mehr Resilienz bezüglich der Anpassung an den Klimawandel und anderer externer Herausforderungen zu finanzieren. Das können wir als Unternehmen nicht allein, sondern da brauchen wir die Anstrengungen aller Beteiligter in der Kaffeelieferkette. Dann können wir das allerdings auch schaffen. Die gute Nachricht ist, hier haben wir alle ein gemeinsames Interesse. Die Kaffeefarmer wollen Kaffee anbauen und ihn verkaufen. Die Röster und Händler wollen Kaffee handeln, rösten und verkaufen. Und die Konsumentinnen und Konsumenten wollen Kaffee trinken. Wenn wir also diese gemeinsame Anstrengung unternehmen, können wir auch erfolgreich sein und in 20 Jahren noch hier sitzen und uns über neue leckere Kaffeesorten unterhalten.
Haben Sie den Eindruck, dass alle Player an einem Strang ziehen? Oder geht es hier eher schon um Verteilungskampf?
Es gibt Unternehmen, die noch nicht sehr engagiert sind, und es gibt Unternehmen, die sehr stark engagiert sind. Es gibt Unternehmen, die auch auf gemeinschaftliche Ansätze setzen und es gibt Unternehmen, die der Meinung sind, sie müssten das alleine machen und nicht so sehr auf gemeinschaftliche Arbeit setzen. Deswegen sehen wir auch tatsächlich nach wie vor unterschiedliche Ansätze und unkoordiniertes Vorgehen in den Kaffee Ursprungsländern. Allerdings haben wir zunehmend eine gute Handvoll großer Unternehmen, die sehr gerne mit uns zusammenarbeiten und gemeinschaftlich in den Kaffeeanbauregionen tätig sind.
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