Grüne Wirtschaft

Bio, vegan und gerettet

INTERVIEW | Lebensmittelverschwendung ist ein allgemein bekanntes Problem. Aber was können wir dagegen tun, wenn es manche Produkte noch nicht einmal in den Verkauf schaffen?

INTERVIEW | Lebensmittelverschwendung ist ein allgemein bekanntes Problem. Aber was können wir dagegen tun, wenn es manche Produkte noch nicht einmal in den Verkauf schaffen?

21.07.2020 | Ein Interview geführt von Vera Kluck

In Deutschland werden jährlich rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Vieles davon wird von uns Verbrauchern weggeschmissen, viele Lebensmittel gelangen aber erst gar nicht in den Verkauf. Auch Bioprodukte sind davon nicht ausgenommen. Bei Veggie Specials findest du gerettete bio-vegane Lebensmittel zu günstigen Preisen, die eine zweite Chance bekommen. Gründer Matthias Beuger erzählt uns im Interview wie’s funktioniert.

LifeVERDE: Was ist Veggie Specials und wie funktioniert die Idee?

Matthias Beuger: Veggie Specials ist ein Online-Shop für bio-vegane Lebensmittel aus Lebensmittelrettung. Wir kaufen Lebensmittel direkt bei den Hersteller*innen ein, z. B. weil sie nicht mehr lang genug haltbar sind, um im Supermarkt verkauft zu werden. Wir retten jedoch auch solche Produkte, bei denen z. B. die Etiketten fehlerhaft bedruckt sind, die etwas weniger wiegen als auf der Verpackung angegeben oder die in Sachen Konsistenz, Größe und Farbe von der Norm abweichen. Auch bei Bio-Lebensmitteln kommt es vor, dass mehr Ware hergestellt wird, als regulär verkauft werden kann. Dann finden beste Bioprodukte plötzlich keine direkte Verwendung mehr. Das wollen wir ändern! Indem wir diese Produkte unter unseren eigenen Marken mit einem neuen, korrigierten Etikett wieder verkaufsfähig machen. Mit diesem Eigenmarkenkonzept waren wir weltweit die Ersten und wurden auch für den Bundespreis „Zu gut für die Tonne 2020“ nominiert.

Wieso haben Sie sich auf den Verkauf von Bio- und veganen Produkte spezialisiert?

Nicht erst seit der Veröffentlichung der „Farm to Fork”-Strategie im Rahmen des europäischen Green Deals ist deutlich erkennbar, dass wir vor einer notwendigen Ernährungswende stehen. Zentrale Punkte mit der größten Hebelwirkung für Klima und Umweltschutz sind hierbei die ökologische Landwirtschaft und die pflanzliche Ernährung. Für uns ist es daher schon immer von höchster Priorität pflanzliche Ernährung und ökologische Landwirtschaft zu verbinden und zu fördern. Mit Veggie Specials setzen wir uns dafür ein, dass hochwertige pflanzliche Lebensmittel einer breiten Masse zugänglich gemacht werden - auch über die günstigen Preise.

Stichwort Lebensmittelverschwendung: Warum glauben Sie, werden in Deutschland so viele Lebensmittel in den Müll geworfen?

Eines der Kernprobleme ist, dass wir es gewohnt sind, dass Lebensmittel immer verfügbar sind. Regalplatz in Supermärkten ist extrem teuer, daher ist leere Fläche für die meisten Betreiber keine Option und auch wir Verbraucher*innen sind nicht mehr bereit auf Produkte 2 - 3 Tage zu warten. Darüber hinaus hat eine Entfremdung von Lebensmitteln stattgefunden. Wir haben größtenteils verlernt selbstständig die Qualität von Lebensmitteln zu prüfen. Stattdessen verlassen wir uns auf gesetzlich vorgeschriebene Standards wie das MHD.

Viele Menschen schmeißen Produkte nach dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) weg. Wie stehen Sie dazu?

Das MHD ist in seiner Grundidee ein guter Richtwert, um sich in der Vielfalt der Lebensmittel, die wir heute am Markt kaufen, zu orientieren. Leider ist bereits der Name Mindesthaltbarkeitsdatum missverständlich, da viele Produkte wesentlich länger haltbar sind, als das MHD angibt. Eine Bezeichnung wie „gleichbleibende Qualität garantiert bis” wäre hier wesentlich zutreffender. Das MHD ist nämlich im Grunde nur ein Garantiezeitraum des Herstellers für gleichbleibende Qualität. Produkte sind aber fast immer auch über das MHD hinaus verzehrfähig. Das MHD hat auch dazu geführt, dass wir Verbraucher*innen glauben Produkte seien bis zum Ablauf des MHDs exakt gleichbleibend und mit Ablauf umgehend schlecht. Dass Produkte sich jedoch bereits ab dem ersten Tag nach der Produktion langsam verändern, zum Beispiel an Flüssigkeit und Farbe verlieren, ist den wenigsten bewusst. Daher sehen wir es als besonders wichtige Aufgabe darüber aufzuklären. 

Online Versand und Nachhaltigkeit ist ja meistens schwer miteinander vereinbar. Wie handhaben Sie diesen Punkt?

Die Ökobilanz von Online Versand ist gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. Oftmals ist es sogar nachhaltiger Produkte im Onlineshop zu kaufen statt im Supermarkt. Wir verkaufen bei Veggie Specials zudem nur Produkte die auf Grund kurzer MHDs, kleiner Schönheitsfehler oder ähnlichen Abweichungen nicht mehr im klassischen  Handel verkauft werden können. Diese Produkte finden anderweitig keinen Weg mehr zu den Verbraucher*innen. Daher denken wir, dass ein Einkauf von „geretteten Lebensmitteln“ online im Vergleich zu anderen Lebensmitteln immer nachhaltiger ist. 

Wohin liefern Sie überall und wie stellen Sie sicher, dass die Lebensmittel unversehrt an ihrem Ziel ankommen?

Wir liefern überwiegend nach Deutschland. Darüber hinaus haben wir auch einige Kunden in umliegenden Ländern wie Österreich, Schweden oder den Niederlanden. Da es sich bei einem Teil unserer Produkte um Kühlware handelt, müssen wir jedoch darauf achten, dass der Versand nicht zu lange dauert. Wir nutzen als alternative für Kühlakkus eingefrorene Wasserflaschen von Viva con Agua. So ist ein Kühlversand für 2-3 Tage kein Problem. Als positiven Nebeneffekt können unsere Kund*innen das Wasser anschließend noch trinken und das Pfand ganz einfach zurückgeben. 

Welche Pläne und Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Wir wünschen uns mit unserem Projekt mehr Menschen für bio-vegane Lebensmittel zu begeistern und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten rund um das Thema MHD zu stärken. In Zukunft würden wir gerne mehr in Richtung Bildung tun und eine Online-Plattform zum Austausch schaffen. Dort können sich Interessierte an verschiedenen Orten vernetzen, zusammen kochen, sich austauschen und vielleicht auch gemeinsam bestellen. 

 

Noch mehr Ideen gegen Lebensmittelverschwendung: Kürbis-Ketchup und Co. als Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung

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Bilder: Veggie Specials



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