Naturfasern gelten als angenehme und hautfreundliche Alternative zu synthetischen Textilien. Gleichzeitig ist Baumwolle wegen ihres Wasserverbrauchs immer wieder Gegenstand der Kritik. Und auch bei Bio-Baumwolle stellt sich die Frage, wie nachhaltig ein Kleidungsstück tatsächlich ist, wenn Färbung, Verarbeitung oder Lieferkette nicht denselben ökologischen Standards folgen. Im Interview erklärt Roland Stelzer, Geschäftsführer des Naturtextilherstellers Cotonea, warum er nicht allein auf das Material schaut, sondern die gesamte textile Wertschöpfungskette in den Blick nimmt. Er spricht über die Unterschiede zwischen konventioneller und Bio-Baumwolle, den tatsächlichen Wasserverbrauch beim Baumwollanbau, Mikroplastik aus synthetischen Fasern und die Grenzen des Textilrecyclings. Außerdem geht es um GOTS, IVN BEST, Fair for Life und die Auswirkungen der neuen EU-Vorgaben gegen Greenwashing. Stelzer erläutert, wo er in der Textilbranche die größten Lücken zwischen Nachhaltigkeitsversprechen und Realität sieht – und warum Verbraucher genauer hinschauen sollten.

Bild: Roland Stelzer, Geschäftsführer des Naturtextilherstellers Cotonea - Copyright: Klaus Mellenthin
LifeVERDE: Viele Menschen greifen intuitiv zu Naturfasern. Sie fühlen sich anders an, „atmen" besser. Ist da wirklich etwas dran?
Roland Stelzer, Geschäftsführer des Naturtextilherstellers Cotonea: Ja, das Gefühl ist richtig. Naturfasern sind angenehm auf der Haut, für Baumwolle gilt das ganz besonders: gegen Baumwolle sind auch keine Allergien bekannt. Baumwolle reguliert Feuchtigkeit, ist atmungsaktiv, wärmt oder kühlt je nach Bedarf und Stoffkonstruktion und schützt.
Rund zwei Drittel der weltweit produzierten Fasern sind allerdings synthetisch, d.h. aus erdölbasierten Kunststoffen. Beim Waschen von Synthetik-Kleidung gelangen Mikroplastikpartikel ins Wasser. Ist das ein zentrales Argument für Naturfasern, oder ist die Realität komplizierter?
Synthetikfasern werden massenhaft produziert, weil sie das Fast Fashion Modell überhaupt erst ermöglichen: günstig, schnell produziert, kurz getragen, viel Abfall. Das eigentliche Problem ist also das Konsummodell. Braucht man wirklich ständig etwas Neues, das kaum fünf Wäschen übersteht? Hinzu kommt, dass synthetische Fasern auf Erdöl basieren. Die Erdöl-Gewinnung mit Fracking zum Beispiel hat einen riesigen Wasserverbrauch und das Wasser ist anschließend stark verschmutzt. Zum Mikroplastik: Wir wissen ja mittlerweile, dass es sich kaum abbaut und wir es über die Nahrungskette aufnehmen. Was es im Körper anrichtet, ist aber noch nicht wirklich erforscht. Naturfasern dagegen bauen sich in der Natur, auch im Wasser, biologisch ab und gehen in den Naturkreislauf zurück – wenn sie in der Weiterverarbeitung richtig behandelt wurden.
Was unterscheidet Bio-Baumwolle von konventioneller Baumwolle nach der Ernte, also bei der Verarbeitung, Färbung und weiteren Verarbeitungsschritten?
Ist Baumwolle erst einmal geerntet, kann man konventionelle und Bio-Baumwolle auf die gleiche Weise weiterverarbeiten. Aber mit Bio-Baumwolle werden Böden, Lebensräume und Ökosysteme geschützt und nicht belastet. Wenn man Umwelt und Gesundheit im Blick hat, sollte man auf Bio-Baumwolle setzen und diese nach einem ökologischen Standard verarbeiten. Doch Achtung, häufig ist ein „T-Shirt aus Bio-Baumwolle“ nur bedingt ökologisch. Zwar stammt dann die Baumwolle aus biologischem Anbau, die Weiterverarbeitung kann jedoch meist alles andere als nachhaltig sein, wenn beim konventionellen Färben, Bleichen und weiteren Schritten problematische Chemikalien und oft auch schlechte Arbeitsbedingungen die Regel sind. Was nützt biologisch angebaute Baumwolle, wenn man trotzdem unnötige Chemie in den Gewässern und vor allem auf der Haut hat? Glaubwürdig und umfassend ökologisch sind dagegen GOTS- und IVN-zertifizierte Stoffe und Kleidungsstücke. Ihnen liegen sowohl im Anbau als auch in der Weiterverarbeitung strenge Standards zugrunde.

Bild: Jörg Böthling, Cotonea
Sie haben vorhin das Thema Wasser bei Synthetikfasern angesprochen. Aber auch Baumwolle gilt als „durstig": Für ein T-Shirt werden oft mehrere tausend Liter Wasserverbrauch genannt. Cotonea weist für eine Bettwäsche nur 33,5 Liter aus. Wie kann das sein?
Baumwolle ist von Natur aus trockenheitstolerant: sie braucht mäßig Wasser in der frühen Wachstumsphase, später kann zu viel Wasser sogar schädlich sein. Hohe Wasserverbräuche entstehen nicht durch den Durst der Pflanze, sondern durch Anbau am falschen Standort und / oder falsche Bewässerung. Bei der Berechnung des Wasserverbrauchs in unserer Lieferkette haben wir 0 Liter für den Anbau angesetzt, weil die Baumwolle in Gebieten wächst, in denen es in der frühen Wachstumsphase ausreichend regnet. Die 33,5 Liter entstehen in der Weiterverarbeitung; gemessen und belegt von den Betrieben. Die viel zitierten „tausende Liter" sind also kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis falscher Anbau- und Bewässerungspraktiken.
Bio-Baumwolle, sauber angebaut, verarbeitet, getragen – und dann? Recycling gilt als eine der großen Hoffnungen für nachhaltige Textilien. Was meinen Sie konkret, wenn Sie bei Baumwolle von Downcycling sprechen, und warum ist das relevant für verantwortungsvolle Verbraucher:innen?
Baumwolltextilien mit Recyclinganteil sind qualitativ immer solchen aus frischer Baumwolle unterlegen. Das liegt an den unterschiedlichen Faserlängen. Eine Baumwollknospe enthält Fasern verschiedener Längen: kurze Füllfasern und lange Trägerfasern. Die langen Trägerfasern sorgen für Stabilität, Festigkeit und Griffigkeit. Beim mechanischen Recycling zerreißen Maschinen die Textilien wieder zu Einzelfasern. Dabei werden die Fasern stark verkürzt, die langen Trägerfasern, die für Stabilität sorgen, fehlen. Das ist ein Qualitätsproblem. Obwohl der ganze Prozess Energie kostet, hat man hinterher keine gleichwertige Faser zurückgewonnen. In wenigen Artikeln stört das nicht, aber etwas Hochwertiges lässt sich daraus nicht machen. Recyclingbaumwollfasern sind deswegen immer ein Downcycling im Vergleich zur frischen Faser. Wie vorhin schon gesagt, sind Naturfasern, richtig weiterverarbeitet, vollständig biologisch abbaubar und im Naturkreislauf gut aufgehoben.
GOTS, Oeko-Tex, verschiedene Bio-Siegel – und ab September soll eine EU-Richtlinie (EmpCo) gegen Greenwashing helfen. Worauf sollten Verbraucher:innen wirklich achten, und was kann kein Gesetz oder Siegel für sie übernehmen?
Theoretisch ist das Anliegen der neuen Richtlinie gut und will Greenwashing eindämmen. Etliche „Eigen-Siegel“ von Unternehmen, die zur Unübersichtlichkeit beitragen, dürften damit verschwinden. Entscheidend sind aber nicht primär die Siegel und Standards, sondern es sind die Firmen und ihre Grundhaltung: Wollen sie wirklich nachhaltig sein, oder nur als „auch nachhaltig“ wahrgenommen werden? Ist beispielsweise nur eine kleine Kapsel „nachhaltig“ – und der Rest konventionell? Treiben sie das Fast Fashion Spiel mit unzähligen neuen Kollektionen pro Jahr mit an? Auf welche Siegel setzen sie und warum? Nach meiner Beobachtung über lange Jahre sind Marken, die IVN BEST oder Fair for Life verwenden, seriös und wollen nachhaltig arbeiten. Das ist auch der Grund, warum Cotonea diese Siegel gewählt hat, die als unabhängige Dritte unsere Arbeitsweise bestätigen. Was die Richtlinie angeht: Warten wir ab, was passiert. Theoretisch ist das Anliegen gut, aber es könnte auch sein, dass vor allem Marken, die im Bereich Ökologie und Soziales vorbildlich sein wollen, nicht mehr damit werben oder vorsichtiger werden, während andere Marktanteile gewinnen.
In der Textilindustrie wird Nachhaltigkeit oft großzügig kommuniziert – wo sehen Sie die größten Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit? Und wo steht Cotonea selbst noch vor ungelösten Fragen?
Vor allem an der Schnittstelle von Landbau zur Verarbeitung wird leider sehr häufig betrogen. Hier wechseln oft die Zertifizierungssysteme, und die sogenannten Transaktionszertifikate werden einfach gefälscht. Dann geht die Ware scheinbar geprüft und transparent durch die Verarbeitungskette. Selbst Marken, die es ernst meinen, kaufen so manchmal ohne es zu wissen „Bio-Baumwolle“, die keine ist. Als Verbraucher kann man schauen, wie genau eine Marke ihre Quellen kennt. Wer nur die Nähereien oder Stoffhändler kennt, für den ist es schwierig. Unser drängendstes ungelöstes Problem hängt damit zusammen: Wegen des Betrugs müssen die Bauern immer strengere Zertifizierungsauflagen erfüllen. Dadurch steigen die Kosten und damit die Preise. Diese wollen aber immer weniger Marken bezahlen. Die paradoxe Gefahr: Durch sinnvolle Betrugsvorsorge werden kleinere, nach Bio-Standards arbeitende Bauern aus dem Markt gedrängt, weil sie keine Abnehmer für ihre Ware finden. Dagegen helfen wohl nur informierte Verbraucher, die wissen, was sie wollen und Produkte aus echter Bio-Baumwolle, sauber hergestellt, nachfragen.
Wenn Sie Verbrauchern einen ehrlichen Rat mitgeben könnten, welcher wäre das?
Wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen, achten Sie darauf, was Sie konsumieren und was wirklich auf Ihrer Haut landet. Mit Naturfasern sind Sie schon viel besser dran als mit Synthetikfasern. Mit zertifiziert angebaut und weiterverarbeiteten Biofasern haben Sie das bestmögliche Produkt.
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Redaktioneller Hinweis: Aussagen zu Nachhaltigkeit, Umweltwirkungen sowie Produkten oder Unternehmensmaßnahmen beziehen sich auf die im Beitrag genannten Informationen und Quellen und stellen keine pauschale Nachhaltigkeitsbewertung eines Unternehmens oder seines gesamten Angebots dar. Mehr zur redaktionellen Einordnung →

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